CS13 CAUSA SECUNDA Text 13

CS13 CAUSA SECUNDA Text 13

Aus: Jugendpädagogische Tagung 1931

Priesterliche Mütterlichkeit. Wenn wir den ganzen Fragen- und Lebenskomplex, der hier in Frage kommt, auf letzte Gesetzmäßigkeiten zurückführen dürfen, dann finden wir: Es sind ihrer zwei. Es sind also zwei Gesetze (wirksam). Das eine Gesetz: das Gesetz der Obertragung. Das zweite Gesetz: das Gesetz der Loslösung.

Wenn wir von diesen beiden Gesetzen sprechen, dann richten wir den Blick auf den Zögling, auf das Erziehungsobjekt. Da stehe ich hier als Führer, ich mit meiner priesterlichen Mütterlichkeit, und mir gegenüber steht der Zögling. Wollen Sie überlegen, überprüfen, ob die Gesetze stimmen, dann bleiben Sie am besten stehen (bei den Erfahrungen) in Ihrem eigenen Leben. Wissen Sie, was letztlich den Zögling, das Erziehungsobjekt, an die Erzieherin bindet? Wissen Sie, was diese Bindung an die Erzieherin letztlich regulieren muß? Das sind diese beiden Gesetze.

Das Gesetz der Obertragung bindet; das Gesetz der Loslösung lockert diese Bindung im Interesse eines höheren Dritten, von unserem christlichen, religiösen Standpunkt aus: im Sinne Gottes. Das Gesetz der Loslösung lockert die inneren Bande, (das Gebundensein) an den Erzieher und bindet und verbindet das ganze Innere mehr und mehr, stärker und stärker mit dem letzten Pol unseres Seins, mit dem letzten Inhalt unseres Seins, mit Gott. – Das ist mehr wissenschaftlich ausgedrückt.

Vielleicht greifen wir etwas tiefer in unser eigenes Leben, in unsere eigene seelische Entwicklung hinein. Dann muß ich fragen: Haben Sie irgendwie in ihrem Leben einmal eine wirklich geistliche Mutter gekannt? Oder wenn Sie dasselbe übertragen wollen auf den Mann: Haben Sie wirklich einmal einen Menschen gehabt, der für Sie priesterliche Väterlichkeit entfaltet hat? Wenn ja, dann preise ich Sie in beiden Fällen, natürlich gesprochen, ungemein glücklich. Wer das nicht gehabt hat, nicht in dem einen oder anderen Fall, der ist – so dürfen wir von vornherein sagen – bis zu einem gewissen Grade ein seelischer Krüppel. Normalerweise muß der Mensch in seinem Leben einmal einen begnadeten, ja, soll ich sagen einen begnadeten Erzieher oder eine begnadete Erzieherin, eine geistliche Mutter oder einen geistlichen Vater gehabt haben.

Sie dürfen nun aber diese Ausdrücke nicht mißdeuten. Wissen Sie, was zutiefst das Menschenkind – einerlei wessen Geschlechtes – hindrängt zu einer derartigen Erzieherpersönlichkeit und an sie bindet? Das ist nicht Unterwürfigkeitstendenz. Durchaus nicht. Das wäre psychologisch verkehrt gesehen. Das Ist Geborgenheitsbedürfnis. Das steckt halt einmal im Menschen, sowohl im Knaben als auch im Mädchen, ja sogar im reifen Menschen beiderlei Geschlechtes. In jedem Menschen steckt halt dieses überaus starke Geborgenheitsbedürfnis.

In der normalen Entwicklung wird aber dieses Geborgenheitsbedürfnis beim

Einbruch durch die Reife nach dieser Richtung nicht so stark. Aber heutigen Tages müssen wir wohl sagen: Es gibt ungezählt viele Mädchen, in denen das Geborgenheitsbedürfnis niemals befriedigt worden ist„ niemals im normalen Familienleben. Wir haben sonst wohl dafür die Formulierung gewählt: Es gibt heute eine Unzahl Mädchen – lassen wir das andere Geschlecht einmal beiseite -, die niemals in ihrem Leben wahrhaft Kind gewesen sind, Kind im tiefsten und wahrsten Sinne des Wortes. Das heißt praktisch: Das Geborgenheitsbedürfnis ist niemals voll befriedigt worden.

Nun folgen die beiden Gesetze, zunächst das Gesetz der Obertragung. Instinktiv ringt jede Seele nach einem festen Halt, nach einem Menschen, der dasteht wie aus Fels gehauen, der aber auch gleichzeitig gütig und anpassungsfähig ist. Und nur da kann die Seele ihr Geborgenheitsbedürfnis anklammern, nur da knüpfen und verbinden, wo beides vorhanden ist: dieses priesterlich Kraftvolle, aus einer jenseitigen Welt kommend, und das gleichzeitige Bemühen, väterlich und mütterlich zu sein.

Das Gesetz der Obertragung. Was wird also übertragen? Unser Geborgenheitsbedürfnis wird losgelöst von den natürlichen Eltern und übertragen auf geistliche Eltern, auf den geistlichen Vater oder die geistliche Mutter; auf uns angewandt: auf mich als priesterliche Mutter der mir Anvertrauten. Sehen Sie: Das ist das wahre Führertum. Wo diese innere Bindung nicht vorhanden ist, wo nur eine äußere Bindung gegeben ist, da ist eine tiefgreifende Erziehung nicht möglich. Wo wir diese innere Bindung nicht erreichen, können wir auch nicht an wahre Erziehung denken. Auch wo es sich im Ordensleben etwa um den Begriff der Oberin handelt. Eine Oberin muß halt nach der Richtung Führerin sein, muß priesterliche Mütterlichkeit entfalten. Tut sie das nicht, dann kann sie wohl äußere Autorität haben, aber eine innere Bindung kommt nicht zustande.

Sehen Sie: Das gilt überall, wo wir als Erzieherinnen tätig sind. Wo diese innere Bindung nicht vorhanden ist, da können wir einpacken mit unseren erzieherischen Erfolgen. Da können wir den Körper vielleicht beugen (uns äußerlich herabneigen); da können wir Mimik machen, aber eine wahre Erziehung ist nicht möglich. Denn nur in dem Maße ist wahre Erziehung möglich, als diese innere Bindung zustande gekommen ist.

Hier dreht es sich nicht um Messung. Das kann ich nicht nach Gesetzesparagraphen abmachen; das kann ich nicht einpauken. Nein, das sind ganz geheimnisvolle Fäden, die miteinander verbinden und verknüpfen. Auch daraus mögen Sie schließen: Wenn ich wirklich dastehen will als Erzieherin, als Führerin, wie muß ich dann gefestigt sein! Wie muß ich dann als starke Persönlichkeit dastehen! Sonst kann das Geborgenheitsbedürfnis, der Geborgenheitstrieb, sich nicht anklammern. Wenn ich selber ein Waschlappen bin, wenn ich selber ein Hampelmann bin, dann mag ich meinetwegen nach außen die Peitsche knallen lassen, aber innerlich ist keine wahre Erziehung möglich.

Nun dürfen Sie allerdings nicht überhören: Es ist zu viel gesagt oder zu wenig gesagt, wenn wir nur diese kraftvolle metaphysische Geborgenheit und Sicherheit darstellen. Es muß gleichzeitig auch im einen Fall das Mütterliche, im anderen Fall das Väterliche vorhanden sein, aber auch die Kraft. Denn wo nur Güte ist und wo diese Güte Waschlappigkeit wird, da ist nichts Kraftvolles. Da können Sie tun, was Sie wollen, da gibt es niemals ein Geborgenheitsbewußtsein. Da wird auch niemals das Gesetz der Übertragung auf die Dauer Wirklichkeit werden. Es läßt sich das psychologisch sehr fein darstellen. Freilich muß man das wirkliche Leben kennen.

Vielleicht sagen Sie: Wie furchtbar schwer ist es, Erzieher zu sein. Gewiß, das ist schwer. Erzieherin sein heißt ja: sich selber in Zucht haben. Führerin sein heißt: ständig an sich arbeiten. Während ich andere erziehe, muß ich Selbsterziehung betreiben. Tue ich das nicht, dann stehe ich vor einem Fiasko. Dann werde ich meine Aufgabe nie klar und sicher und dauerhaft lösen können.

Das ist also das Gesetz der Übertragung. Was wird übertragen? Das Geborgenheitsbewußtsein, die Geborgenheitstendenz, das Geborgenheitsbedürfnis wird von den natürlichen Eltern auf die anderen, die übernatürlichen, geistlichen Eltern übertragen. Es muß aber dann hinzukommen das Gesetz der Loslösung.

Was heißt das? Wenn die feinsten Fäserchen der Seele mit einer Persönlichkeit verbunden sind, dann wird in der gesunden, normalen Entwicklung des Zöglings das Gesetz der Loslösung von selber Wirklichkeit werden, das heißt: zugunsten eines Dritten, in unserem Fall zugunsten Gottes; zugunsten des persönlichen und des Gemeinschaftsideals muß dieses Gesetz der Loslösung langsam und organisch Wirklichkeit werden.

Nun dürfen Sie das aber nicht mißverstehen. Sehen Sie: Die Dinge, die ich hier ideal zeichne, sind im wirklichen Leben so, daß wir uns doppelt und dreifach hüten wollen vor Mißverständnissen. So wie heute die Mädchenerziehung vor sich geht, meint man: Nur ja von Anfang an mit dem Gesetz der Loslösung beginnen! Das ist aber grundverkehrt. Ich warne dringend davor, wenn man nicht ganz genau weiß, was zu tun ist.

Ich ließ mir kürzlich einmal von einem Ordensmann erzählen. Er kam ins Noviziat und suchte – weil auch der Mann das Bedürfnis hat – bei seinem Novizenmeister Anschluß, und der hat ihm in seiner brüsken Art gesagt: „Was fällt Ihnen ein? Sie sind doch nicht mit mir verheiratet!“ Es war ein alter Mann, der mir das erzählte, und jetzt noch.kamen ihm die Tränen ins Auge. Damals ist sein ganzes Lebensschicksal verpfuscht worden.

Sie dürfen also nie diese Dinge „mit groben Fingern anfassen“. Ich zeichne die Dinge, wie sie sein sollen. Leider Gottes sind sie selten so, und deswegen gibt es auch so viele kranke Seelen bei Laien und auch bei Ordensleuten, weil diese Gesetze nicht klar gesehen werden, weil sie nicht klar gelebt werden. Deswegen darf ich noch einmal dringend warnen vor diesem Losschälungsprozeß. Wer diese Dinge nicht bis aufs Letzte kennt und weiß, soll sich nicht, um diesen Losschälungsprozeß kümmern.

Wissen Sie, weshalb man hier so vorsichtig sein muß? Vielleicht darf ich noch etwas tiefer hineingreifen in das praktische Leben und dann wohl so sagen: Dieses überaus feine Kindesverhältnis, denn das ist es ja letztlich, – dieses überaus feine Kindesverhältnis geistlichen Eltern gegenüber – vielleicht ist Ihnen die Terminologie ein wenig unbekannt – hat einen doppelten guten und großen Vorteil, einen Vorteil, der durch nichts anderes zu ersetzen ist. – Ich spreche hier rein als Psychologe und lasse das Obernatürliche beiseite. – Und worin besteht dieser doppelte, durch nichts zu ersetzende Vorteil? – Lassen Sie mich hier das Wort „Kind“ oder „Zögling“ gebrauchen. – Erstens: Das •Kind oder der Zögling, der wirklich einmal das Elternprinzip gekostet hat, sieht durch die Persönlichkeit des Erziehers die ganze Welt, nimmt also durch die Persönlichkeit des Erziehers das gesamte Weltbild in sich auf.

Unterschätzen Sie das gar nicht! Ich garantiere Ihnen: Wo Sie als Erzieherin wirklich die geistliche Mutter Ihrer Kinder geworden sind, da bewahren Sie Ihre Kinder vor einer ganzen Unsumme von Glaubensschwierigkeiten und sittlichen Krisen, denn alle diese Schwierigkeiten sind im Kinde gelöst durch Ihre Persönlichkeit.

Sie dürfen nicht meinen, das wäre etwas – sagen wir einmal – etwas Erotisches oder Sexuelles. Da ist kein Gedanke daran. Das ist das Gesündeste, was es nur geben kann. Und für eine Mädchennatur Ist es das Element, in dem Sie nl lein gesund wird oder gesund werden kann. Daraus mögen Sie schließen: Je wo niger derartiges im Leben gekostet wird, desto weniger gesunde Naturen gibt.es an sich.

Freilich dürfen Sie nicht übersehen: Ein derartiges Kindesverhältnis schließt eine ganze Unsumme von Leid in sich, (also dort,) wo die Seele diese feine Gebundenheit hat, das gottgewollte Gebundensein. Ich sage: Es schließt ein großes Leid in sich, zumal wenn es sich um religiöse Naturen handelt. Wenn da etwa die Furcht vorhanden ist: Das Verhältnis ist getrübt – dann meint man: Also hat der Himmelsvater.mich nicht mehr gern! Also ist die Gottesmutter „nicht mehr gut mit mir“. Das sind so feine Gesetzmäßigkeiten; wer die nicht sieht und erlebt hat, ahnt gar nicht, wie tiefgreifend der Lebensvorgang ist. Sehen Sie: Diese Oberleitung von den geistlichen Eltern zum Obernatürlichen ist etwas so Großes, daß wir in der Erziehung darauf bedacht sein wollen, daß diese ganz feine, innere, geistige Verbundenheit einmal Wirklichkeit wird.

Wie oft ist dann die innere Not da: „Halt! Da ist etwas nicht in Ordnung. – Halt! Da ist ein Fädchen, das nicht verbunden ist“. Dann ist. die Seele, zumal die Mädchenseele, tief unglücklich. Und das ist Gesundheit. Das ist ein Zeichen von einer überaus gesunden Seele. Freilich kommt dann leicht die Furcht auf: „Halt! Jetzt kommt die Loslösung…“

Ich darf hier noch einmal sagen: Wenden Sie bitte selber das Gesetz der Loslösung nie an!

Das ist also der erste große Vorteil: Der Zögling sieht durch den Erzieher die ganze Welt.

Zweitens: Der Zögling fühlt sich in dieser Erzieherpersönlichkeit immer geborgen; ja, wenn ich Letztes sagen darf: Er fühlt sich das ganze Leben hindurch geborgen. Auch über den Tod (des Erziehers) hinaus sind alle Rätsel gelöst; und über den Tod hinaus fühlt sich der Zögling noch bei seinem Erzieher geborgen.

Da darf ich wiederum sagen: Nur ja vorsichtig sein mit dem Loslösungsprozeß! Wenn wir da nicht ganz klar sind, – wehe, was können wir dann verderben! Vielleicht darf ich aber auch sagen: Rein psychologisch betrachtet und gewertet, kann ein Erzieher geistliche Mutter oder geistlicher Vater für eine Großzahl geistlicher Kinder sein. Das ist eine große Täuschung, wenn Sie meinen: Geistliche Kindschaft und Elternschaft verlangt riesig viel Zeit und viel Beisammensein. Das wäre verkehrt gesehen. Gewiß, es gibt Epochen, da muß das Zusammensein vorhanden sein, schon allein, damit diese feinsten inneren, seelischen Verbindungen geknüpft werden können. Aber es kommt für jeden-dann auch einmal die Zeit, wo gar nicht das Bedürfnis nach diesem äußeren Zusammensein vorhanden ist. Dann fühle ich mich schon als Kind geborgen in dem Bewußtsein: Ich habe Eltern.

Es kann sein, daß man jahrelang keine Verbindung miteinander hat und trotzdem diese Wirkung der elterlichen (Sorge) und geistlichen Kindschaft in sich wahrnimmt, bis man im späteren Leben die abgerissenen Fädchen mit den leiblichen Eltern wieder geknüpft hat oder in irgeneiner Weise das Vater- und Muttererlebnis später wiederbekommt. Wie viele gibt es, die ganz selten Verbindung mit ihren Eltern gehabt haben, und trotzdem: Wie haben sie sich geborgen gefühlt, auch in den leiblichen Eltern! Wie haben sie in der Persönlichkeit ihrer Mutter oder ihres Vaters das große Weltgebilde immer klar und geklärt und verklärt vor sich gesehen!

Ich weiß nicht, ob ich diese Dinge klar genug darstelle. Sie sind jedenfalls von fundamentalster Bedeutung.

gedruckt als:
Ethos und Ideal in der Erziehung,. Schönstatt-Verlag, Vallendar, 1972, S. 114-124, ISBN 978-3-920849-16-4

zum Online-Angebot des Verlags

 

Back