CS39 CAUSA SECUNDA Text 39

CS39 CAUSA SECUNDA Text 39

Aus: Oktoberbrief 1949

In Pallotti leuchtet uns das Morgenrot der Zukunft. Er stellt in seiner Person die Antizipation des Gottes-, Menschen- und Gemeinschaftsbildes dar, das übermorgen Gemeingut weitester Kreise werden möchte. Er verkörpert das Ideal, auf das alle Triebkräfte der Gegenwart und Vergangenheit, alle Verirrungen und positiven Erträgnisse der verflossenen vier Jahrhunderte hinweisen wie auf ihren letzten Sinn und das von Gott erstrebte große geheime Ziel.

Was seinem Wesen vor allem eignet, was seiner Seele das originellste Gepräge gibt, ist der Zug zum Unendlichen. Das Jenseitige, das Göttliche, das Obernatürliche hat es ihm angetan: aber alles unter dem Gesichtspunkte des Unendlichen. Das Endliche, Kreatürliche, Irdische waren für ihn stets vom Schimmer des Unendlichen überstrahlt, war nur Spiegel und Wegweiser. Transparent und Tor. Darum faßt er es auch weniger in seinem Eigen- als vielmehr in seinem Symbolwert auf. So erklärt er beides gleichzeitig in seinem Leben: seine Nähe und seine Ferne zu allem Irdischen, zu allem Geschöpflichen, zu allem Diesseitigen. Sein Werk darf als sein erweitertes Ich aufgefaßt werden. Deshalb überall der Universalismus und die Unendlichkeits-Tendenz, so wie die dritte Gründungsurkunde es kündet: Universalismus der Höhe und Tiefe, der Breite und Länge.

Von hier aus könnte man einen stark platonisch-augustianischen Zug in seinem Denken und Wollen feststellen. Alles in ihm drängt elementar hin zur Erstursache, hin zu Gott, dem Unendlichen. Die Zweitursache bleibt stark im Hintergrunde. Dort, wo er es mit den Geschöpfen, mit dem Endlichen zu tun hat, hat er keine Ruhe, bis er alles mit sich empor genommen hat zum Ewigen, zum Unendlichen.

Damit berühren wir den Zug, der – so unwahrscheinlich das auch scheinen mag – dem modernen Menschen im Blute liegt. Sein Fehler, seine Sünde liegt darin, daß er ihn ins Endliche hineingezogen, daß er ihn säkularisiert und naturalisiert hat. So erklärt sich das Drängen der abendländischen Menschheit hin zur Welteroberung: zur geistigen, zur politischen und wirtschaftlichen Weltherrschaft. Die neuen Völker haben denselben Zug übernommen und lassen sich von ihm vorwärtstreiben. Deshalb auch überall das Bestreben, der Natur restlos alle Geheimnisse und Kräfte abzulauschen und zu entlehnen.

Jede Neueroberung hat dieselbe Wirkung, wie sie jedem Irdischen und Geschöpflichen eignet: Es bleibt ein tiefes Unbefriedigtsein zurück. Das Suchen und Forschen beginnt von neuem. Schließlich ist es gelandet beim Stoff, bei der Materie, beim Kollektiv. Tiefer kann es kaum hinabsinken, stärker sich nicht verirren.

Vielleicht hat es keine Zeit in der Geschichte gegeben, die so stark von der Unruhe des Unendlichkeitstriebes bewegt worden ist, aber auch keine, die diesen Trieb so stark und einseitig im Diesseits zu befriedigen suchte, deshalb keine, die so unbefriedigt, unruhig und unglücklich ist wie die unsere.

Pallotti weist nachdrücklich mit jedem Fäserchen seines Seins nach oben: Sursum corda! Der säkularisierte Zug zum Unendlichen muß von seiner Verirrung befreit, von seinen Sklavenketten gelöst werden, damit er sich – ähnlich wie bei ihm – frei entfaltet im gläubigen Schauen des Ewigen, des Unendlichen, und in der Hingabe an den unendlichen persönlichen Gott, der allein unsere Sehnsucht befriedigen, der uns allein frei und froh machen kann.

Laut und lauter ruft bereits dem modernen Menschen jegliche Kreatur zu, nicht zuletzt tun es die Schöpfungen seiner eigenen Hände, in die er seine Sehnsucht nach Unendlichkeit hineingebannt, hineingerufen, hineingestöhnt und hineinverkörpert hat: Ich bin nicht dein Gott! Steige höher hinauf! Ob die heutige Welt eine Wiederholung des vorchristlichen Advents erlebt? Ist der ausgesprochene Zug ein gutes oder ein schlechtes Vorzeichen? Wer wagt das zu sagen? Daß er überhaupt vorhanden ist, darf man begrüßen. Bedauernswert ist es nur, daß heute ungezählt viele Volksverführer am Werke sind, ihn willkürlich zu beherrschen, in bald an diesen, bald an jenen Wagen zu spannen. Ob das, was im heutigen Menschen gesund geblieben ist, sich nicht bald dagegen wehrt und das Joch, die unerträgliche Last abschüttelt? Ob nicht zu erwarten ist, daß das ewige, ständig sich steigernde Unbefriedigtsein eines Tages elementar die Kerkermauern des Diesseits sprengt, alle Verführer in die Wüste schickt, um den Weg nach oben zu Gott, zum Ewigen, zum Unendlichen zu finden? Da kommt die Existentialphilosophie und läßt auf das Tragen und Ertragen des Unbefriedigtseins den Schimmer des Göttlichen, des Heroischen fallen. Leider Gottes wieder eine Verschiebung der Umkehr. So wird erneut der Unendlichkeitstrieb tiefer hineingestoßen ins Diesseits. Wer wird es noch fertig bringen, die Pforten des Jenseits aufzuriegeln? Wir glauben fest und zuversichtlich, daß das die Aufgabe der lieben Gottesmutter in der heutigen Zeit ist.

gedruckt als:
Oktoberbrief 1949, Schönstatt-Verlag, Vallendar, 1970, ISBN 978-3-920849-01-0
S. 99-102 ***

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