CS44 CAUSA SECUNDA Text 44

CS44 CAUSA SECUNDA Text 44

Aus: Pädagogische Tagung 1951

Mechanistisches Denken trennt Erst- und Zweitursache voneinander. Ein paar Beispiele sollen das veranschaulichen.

Irgendwo hört ein tief religiöses Mädchen, das durch eine katholische Jugendorganisation gegangen ist, das Lied: „Wunderschön prächtige… Gut, Blut und Leben will ich dir geben…“ Sie meinte ein solches Lied nie mitsingen zu können. Nur Gott könne sie sich ausliefern, nicht Menschen, deswegen auch nicht der Gottesmutter. Die echte Hingabe an die Gottesmutter kennt dieses mechanistische Denken nicht. Sie trennt nicht die Gottesmutter als Zweitursache von der Erstursache, von Gott. Selbstverständlich kann ein Geschöpf, getrennt von Gott, nicht meine ganze Hingabe wecken. Wenn ich mich der Gottesmutter oder (auch sonst) einem Geschöpf schenke, kann ich das nur tun mit Rücksicht auf ihre (seine) Gottbezogenheit.

In diesem Zusammenhang erinnere ich an die kleine heilige Theresia. Sie war „verrückt“ auf ihren Vater, weil sie im Vaterbild entrückt das Gottesbild sah. In der Hingabe an den leiblichen Vater hat sie sich eben in organischer Ganzheit dem Vatergott hingegeben.

Das oben erwähnte Mädchen klagte weiter: „Das Gebet ‚0 meine Gebieterin‘ kann ich nicht beten; ich kann mich nur Gott ganz hingeben“. Diese Einstellung ist wiederum eine Frucht des mechanistischen Denkens. Wer die untergeordneten Regionen der Zweitursachen übersieht und schnell hinüberfliegen will zum Letzten, verletzt nicht nur den Organismus des gesunden Lebens, sondern entbehrt auf die Dauer der großen Sicherung für die übergeordnete Ordnung. Wenn ich mich dem geistigen Gott allein und unmittelbar schenke, muß ich fürchten, daß früher oder später der Gottesgedanke sich so verflüchtigt, daß letzten Endes sogar eine gewisse Gottlosigkeit erstrebt wird. Wenn der Gottesgedanke nicht lebendig ist, dann schafft er auch kein Leben. Wenn der liebe Gott die untergeordneten Regionen den übergeordneten vorgebaut hat, haben wir ein herzhaftes Ja zu sagen zu den Wünschen, zu den Anordnungen Gottes.

Ein anderes Beispiel. Irgendwo wird bei einer Mission von der Kanzel gegen bestimmte Kreise in der Pfarrei gewettert. Man gesteht zu, daß es Elitekreise sind. Wegen ihrer marianischen Einstellung heißt es von der Kanzel: „Wie lange sind die schon marianisch! Wann kommen die einmal weiter?!“ Das ist separatistisches Denken: das Religiöse wird mechanisiert gesehen. Die Hingabe an die Gottesmutter ist doch in hervorragender Weise (gleichzeitig auch) Hingabe an Christus, an den dreifaltigen Gott.

Irgendwo hat ein Pfarrer die Frage: Soll ich meine Gemeinde der Gottesmutter weihen, ja sogar die Diözese der Gottesmutter unmittelbar schenken? Das darf ich wohl nicht… Vor Jahren habe ich den Weiheakt vorgenommen und ihn adressiert an das Herz Jesu. Jahre sind vorüber und die Wirkung der Weihe ist gleich Null. Wenn ich nun hingehe und die Gemeinde der Gottesmutter schenke, dann dokumentiere ich dadurch, daß ich meine, die Gottesmutter könne mehr als der Heiland. Spüren Sie das separatistische, mechanistische Denken? Organisches Denken sieht immer beide ineinander und miteinander: die Erst- und Zweitursache, Gott und die Gottesmutter.

In einer Pfarrei hat ein modern eingestellter Pfarrer seine Kirche modern ausgestaltet: selbstverständlich den Altar in der Mitte, das Marienbild aber ziemlich weit entfernt in einer Ecke, damit nur ja Christus im Mittelpunkt steht. Seine ganze Pastoration ist nach dieser Richtung eingestellt. Bei Gelegenheit sieht er einige Frauen vor dem Marienbild knien. Unwirsch ruft er aus: „Da seht doch einmal die alten Frauen, knien sie vor der Figur und nicht vor dem Tabernakel!“ Soweit kann separatistisches Denken, Leben und Handeln gehen!

Sind das nicht Verbrechen an unserem Volk?! Wir reißen alles auseinander und wundern uns, wenn keine religiöse Lebenswelle mehr möglich ist. Die untergeordneten Regionen sind nicht nur eine gewisse Vorbereitung, sondern auch ein Dauerschutz für die Übergeordneten.

In einer Zuschrift heißt es: „Wir bekamen in meiner Heimatgemeinde einen neuen Pfarrer. Ich kannte ihn als einen radikalen Anti-Schönstätter, der sich aber ganz opferte für seine Pfarrei. Nach kurzer Zeit wurde er den Schönstättern gegenüber wohlwollend, da er die Erfahrung machte, daß er sich auf sie verlassen konnte. Die Schönstattjugend lud den H. H. Pfarrer ein. Später erzählten mir die Mädchen, lange hätten sie überlegt, welches Lied sie denn singen sollten, damit er keinen Anstoß nehmen könnte. Sie entschieden sich für das Lied: ‚Wir bauen auf heiliger Erde…‘ und sangen alle Strophen. Nach der letzten Strophe sagte der Pfarrer: ‚Ihr Schönstätter seid nicht konsequent. In der ersten Strophe singt ihr von ‚Gottes heiligem Reich‘ und in der letzten Strophe ‚der Königin heiliges Reich‘. Entweder könnt ihr das eine oder das andere, aber nicht beides‘.“

Die Dinge sind ernst zu nehmen! Wir zerreißen das Leben und klagen nachher: Unser Volk ist nicht mehr religiös empfänglich. Wir sind religiöse Intellektualisten geworden und können das mechanistische Denken nicht überwinden. Das Volk hat die Schwierigkeit nicht, aber wir haben sie und wir machen sie. Wir mißbrauchen unsere Autorität, um das gesunde Denken des Volkes krank zu machen. Wir verplempern Zeit, um Leben zu erdrosseln. Ist es nicht Zeit, zurückzufinden zum organischen Denken, zu ganzheitlichem Denken und Leben und Lieben?!

Wir haben uns verhältnismäßig lange auseinandergesetzt mit der Trennung von der Erst- und Zweitursache. Das mechanistische Denken kennt auch eine Trennung von Lebensgebilden. Davon wird der nächste Vortrag handeln. -(S. 75-79)-

Wir stehen immer noch bei der religiösen Erlebnisfähigkeit des heutigen Menschen und sind noch nicht ganz fertig geworden mit der Diagnose. Wir wissen: Das Seelenleben des heutigen Menschen ist verkümmert, es ist zerstückelt. Als wir von der Zerstückelung sprachen, haben wir zwei Fragen aufgerollt. Die erste Frage betraf das Wesen des mechanistischen, separatistischen Denkens. Die zweite Frage lautet: Wie ist dieses mechanistische Denken zu beurteilen? Für die meisten von uns dürfte nach all dem Gehörten das Verdammungsurteil bereits fertig sein. Wenn ich trotzdem einige Gedanken beifüge, so soll das mehr zur Abrundung geschehen. Dinge, die in uns unterbewußt und halbbewußt lebendig sind, sollen ins volle, wache Bewußtsein gebracht werden. Weil es sich dabei um tiefgreifende Lebensfragen handelt, dürfen wir nicht an ihnen vorübergehen.

Das mechanistische Denken ist ein übles, trauriges Erbe der Vergangenheit, ein Danaergeschenk der Gegenwart, genauer gesagt des Kollektivismus. Es handelt sich immer wieder um sehr ernste Formulierungen, um Gedankengänge, die uns innerlich aufhorchen lassen müßten.

Erstens: Das mechanistische Denken ist ein übles, trauriges Erbe der Vergangenheit, sowohl des Protestantismus als auch des philosophischen Idealismus.

Wer sich in die theologischen Grundfragen der protestantischen Gotteslehre hineingedacht hat, dem fällt es nicht schwer, alles auf einen Generalnenner zurückzuführen: Gottunmittelbarkeit. Protestantisches Denken kennt keine Gottmittelbarkeit, deshalb auch keine Heiligen als Zwischenglieder zwischen uns und dem lebendigen Gott, auch keine Marienverehrung im katholischen Sinne, kein irdisches, menschliches Idealbild des Göttlichen. Es kennt wegen seiner Gottunmittelbarkeit kein Papsttum und kein Lehramt. Gott ist ihm der ganz Andere. Es gibt keine analogia entis, keine Seinsverwandtschaft mit Gott. Es gibt keine Brücke, die von Gott zur menschlichen Natur führt. Eine erschreckende Transzendenz Gottes wird gelehrt, die keine Erfüllung und Annäherung kennt durch die Immanenz Gottes. Gott ist jenseits von allem Geschaffenen. Gott ist der total Andere. Es gibt nichts in der geschaffenen Natur, was als Analogie zum unendlichen, ewigen Gott aufzufassen ist. Hier haben wir die Trennung zwischen Erst- und Zweitursache. Für das theologische Denken der Protestanten gibt es keine Zweitursache, nur die Erstursache. Es gibt keine Verknüpfung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen natürlichem und übernatürlichem Denken.

In der Geschichte des protestantischen Denkens und Lebens ist die Transzendenz Gottes mit der Zeit so stark hervorgekehrt, so weit vom Menschen, von der Schöpfung abgerückt worden, daß sich letzten Endes der Gottesgedanke mit der Zeit ideenmäßig verflüchtigte und gestrichen wurde.

Soli Deo – Gott allein! Im Laufe der Jahrhunderte wurde dann folgerichtig gesagt: Die Gottesmutter ist nicht Gott. Wir lehnen sie ab. Soli Deo – Gott allein!

Diese Entwicklung ging weiter. Man glaubt nicht, daß die menschliche Natur des Gottmenschen mit der zweiten göttlichen Person hypostatisch verbunden ist; deshalb: Weg mit dem Gottmenschen! Soli Deo! Es mag uns nicht wundern, daß mit der Zeit das Wort so gedeutet wurde: Soli Deo! – Dem Sonnengott, dem Naturgott alles allein!

Wird der übernatürliche Gottesbegriff mehr und mehr ausgelaugt, bekommen wir mit der Zeit einen verflüchtigten Gottesbegriff, eine gewisse Gottlosigkeit, den Atheismus. Diese aufgezeigte Entwicklung ist ernst zu nehmen. Es ließe sich vieles dazu sagen. Es mag aber diese allgemeine Linienführung genügen. -(S.95-97)

Wenn Sie mich nach den Gründen fragen für eine derartige Lebensnähe des Volkes, lautet die summarische Antwort: Unser einfaches, urtümliches Volk hat einen überaus gesunden Instinkt. Instinktiv wendet es vier große Gesetze an, ohne sie zu kennen: das große Weltregierungsgesetz, Weltordnungsgesetz, Weltvervollkommnungsgesetz, Weltanpassungsgesetz.

Sehen Sie: Wir heutigen Menschen, wir brauchen wieder eine reflexive Zusammenschau der Wahrheiten. Es ist ja alles so aufgelöst. Wir wissen oft gar nicht, wohin der Stein gehört in dem Gebäude. – Schade, daß ich hier nicht länger stehenbleiben kann!

Das große Weltregierungsgesetz

Es ist das Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung. Wir haben es kennengelernt. Das Volk empfindet das: Gott überträgt auf Vater und Mutter Eigenschaften, Rechte, etwas von seiner Macht. Deswegen nimmt zum Beispiel ein Vater an der schöpferischen Macht Gottes durch Zeugung teil. Der liebe Gott überträgt etwas von seiner Macht auf die Eltern im Interesse des Kindes. So hat der lebendige Gott dem Volksempfinden nach auch etwas von seiner Macht auf die Gottesmutter übertragen, nicht nur etwas, sondern soviel als möglich. Das Volk spürt das und wendet genau die Methode Gottes an: Es überträgt auf die Gottesmutter Ehrfurcht und Liebe, weiß aber, daß letzten Endes das alles Gott gehört. Wenn es das der Gottesmutter schenkt, ist es sich bewußt, daß es das dem lieben Gott schenkt. Das ist ein lebendiger „Vorhang“, mit dem ich verkehre.

Das Weltordnungsgesetz

Das Volk empfindet wie selbstverständlich: Es gibt in der Schöpfung verschiedene Ordnungen. In allen geschaffenen Ordnungen – Mineralreich, Tierreich, Geistesreich – steht die Gottesmutter an der Spitze. Sie ist die Spitzenleistung, die Chorführerin der ganzen Welt und Schöpfung. Deswegen hängt das Volk an der Gottesmutter, aber in der Gottesmutter an Gott. Dem Volk ist das nicht reflexiv klar; es lebt aber unbewußt aus diesen Gesetzmäßigkeiten.

Das Weltvervollkommnungsgesetz

Hier weiß das Volk gut zu unterscheiden: Wenn der liebe Gott Gnaden schenkt, sind sie als Saatkörner aufzufassen, die sich entfalten sollen. Das sehen wir im Leben der Gottesmutter. Reich war sie ausgestattet mit Gnaden schon bei ihrer Empfängnis. Sie hat sich aber auch entwickelt, hat sich entfaltet (vor allem im Leid). Deswegen kennt das Volk die Gottesmutter so stark als die Schmerzensmutter, weil unser Volk ein Volk des Leides ist.

Die Modernen wollen heute ein Paradies auf Erden schaffen, wollen das Leid abschaffen. Unser Volk weiß, daß das nicht möglich ist. Lieber geht es zur Schmerzensmutter, läßt sein Leid lindern, läßt sich trösten, als daß es geistigen Strömungen nachgeht, die Illusionen sind und die es in noch größeres Leid hineinstürzen. Spüren Sie, wie gesund das Volk ist?

Das große Weltanpassungsgesetz

Weil der lebendige Gott den Menschen sinnenhaft geschaffen hat, deswegen weiß er Rücksicht zu nehmen auf die Sinnenhaftigkeit der menschlichen Natur. Deswegen sollte der Heiland, die zweite Person der Gottheit, in der Gottesmutter die Menschennatur annehmen, damit der lebendige Gott uns nahetreten könnte mit einem sinnenhaft uns zugewandten Antlitz. Christus ist ja das

uns sinnenhaft zugewandte Antlitz des Vaters. Darin liegt das Weltanpassungsgesetz. Aber das reicht nicht. Nächst dem Antlitz des Heilandes ist das vollkommenste Antlitz das der lieben Gottesmutter. Das Volk ist gesund. Wir sind vielfach ungesund. Wollen wir wieder gesund werden, müssen wir zum Volk zurückkehren, uns wieder ein Stück Volksfrömmigkeit aneignen. -(S.221-223)-

gedruckt als:
Daß neue Menschen werden, Schönstatt-Verlag, Vallendar 1971, ISBN 978-3-920849-06-5
S.75-79; S.95-97; S.221-223 **

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