CS53-2 CAUSA SECUNDA Text 53/2

CS53-2 CAUSA SECUNDA Text 53/2

Aus: Studie 1964

Fortsetzung von Text 53/1

Die dritte Aufgabe, die in der Hauptsache durch eine förmliche Revolution auf psychologischem Gebiet gestellt wird, muß als Stiefkind im offiziellen Raum der Kirche betrachtet werden. Einzelne Individuen oder kleine Gruppen mögen sich kühn auf dieses Glatteis wagen. Im wesentlichen aber handelt es sich – wie so häufig in neuen Lebensfragen – um eine Domäne der Kinder dieser Welt, die es verstehen, mit ihren Auffassungen durch zahllose Kanäle in unsere Reihen einzudringen und dort Verwirrung anzurichten.

Allem Anscheine nach steht Schönstatt bisher in der Kirche nach dieser Richtung auf einsamen Posten im Mittelpunkte offiziell kirchlicher Aufmerksamkeit. Das beweisen die beiden Visitationen, die nach 15 Jahren noch nicht endgültig zum Abschluß gekommen sind. Nach wie vor drängt es danach, mit seiner spezifischen Sendung von der amtlichen Kirche gesehen, gehört, überprüft und mit seinem Segen versehen in die Jahrhunderte hinaus gesandt zu werden. Während der Bolschewismus sich die Mühe genommen hat, Schönstatt in seiner Struktur und spezifischen Sendung wissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen, hat die offizielle Kirche dazu noch keine Zeit gefunden. Es ist ihr durch ihre bisherige Beschäftigung noch nicht geglückt, in innerste tiefste Zusammenhänge einzudringen. Bereits 15 Jahre geht es in Ketten einher, die seine Kräfte zu lähmen versuchen. Schönstatt hat sich dadurch nicht entmutigen lassen. Es schloß vielmehr aus den Kämpfen und Schwierigkeiten, die es von allen Seiten bedrängen: daß es der Träger einer säkularen Sendung sei. Sonst – so meinte es – hätte Gott es nicht gewürdigt, so lange und schmerzlich die Züge des sterbenden Heilandes tragen zu dürfen. Nach wie vor wiederholt es deswegen mit Kürbisvertrauen seine Parole: Mater perfectam habebit curam et victoriam!

Ein Rückblick auf die Geschichte Schönstatts zeigt, daß es sich nunmehr bereits ein halbes Jahrhundert getreulich und unentwegt um die Harmonisieren und Konkretisierung der drei großen Zeitaufgaben der Kirche von heute in eigenen Reihen nicht ohne Erfolg bemüht hat. Das läßt sich bis in alle Einzelheiten kritisch genau nachweisen. Ich sehe aber hier davon ab. Wenn der Schein nicht trügt, ist es von Anfang an bis heute dieser nicht leichten Aufgabe in einer Weise treu geblieben, wie es sonst nirgendwo auf dem Erdenrunde konstatiert werden kann. Für seine Lehre vom Bindungsorganismus, wie er im Vaterprinzip oder in der Gestalt der Gottesmutter oder in unserem Heiligtum oder in anderen Institutionen symbolisiert ist, trägt es geradezu Spuren des Martyriums an seinen Gliedern. Es schickt sich ja, daß ein dornengekröntes Haupt keine weichlichen Glieder zuläßt.

Will das Konzil eine Erneuerung der Seelsorge einleiten, will es die modernen Probleme aufgreifen, dann ist zu erwarten, daß es wenigstens allgemeine Richtlinien im Sinne der dargestellten heiligen Trias aufstellt.

Glückt es der liturgischen Bewegung nicht, in ihren Interessenkreis alle drei Aufgaben aufzunehmen, so dürfte man wohl vergebens auf eine durchgreifende Reform in capite et membris warten. Im Gegenteil: man muß damit rechnen, daß die Entpersönlichung Gottes, des Mitmenschen und der eigenen Persönlichkeit Fortschritte macht und die Idee der Massengesellschaft wohl oder übel allerorten fördert.

Auf diesem Hintergrunde darf man mit großer Dankbarkeit konstatieren, daß die Träger der liturgischen Bewegung selber ihre Situation klar sehen. Ihre Prognose ist zwar nicht so systematisch zusammen gefaßt, wie es hier in gedrängter Form geschehen ist. Immerhin geht sie nach derselben Richtung. Das beweist der 3. liturgische Kongreß in Mainz vom 20.-24. April 1964. Bei der Gelegenheit machte der Wiener Großstadtseelsorger Pfarrer Ernst Maier folgende Ausführungen, die mit großer Begeisterung aufgenommen wurden. Er sagte:

„Ein großer Teil der Gläubigen und des Klerus steht abseits. Ein Teil des Klerus verlangt nur neue Rubriken. Das Konzil verlangt die Reform des gesamten christlichen Lebens. Wer es sich billiger macht, vertut die Möglichkeit. Die Reform muß in tieferen Schichten verankert werden. Sonst sind Formalismus und äußere Anpassung die unausbleibliche Folge.

Haupthindernis gelebter Liturgie sind schwere Ausfallerscheinungen im Glaubensleben der Christen von heute. Ihr Glaube ist ohne rechte Proportion. Ihr Glaube ist kein Kosmos der Wahrheit. Wenn eine Philomene aus dem Heiligenregister gestrichen wird, bringt das den Glauben ins Wanken. Inhaltlich gesehen hat sich von den Randschichten her der vorchristliche und achristliche Gottesglaube bis in das Kirchenvolk vorgeschoben. Unser Volk ist nicht tief genug christianisiert. Keine offene Häresiebildung, aber viele heidnische Vorstellungen leben unter der Haut, zäh, unangreifbar: der Schicksalsglaube, der Anthropomorphismus: Christus wird nur als Religionsstifter geglaubt. Oder umgekehrt der Monophysitismus: Christus wird schlechthin ohne echte Menschheit gesehen. Die Kirche wird zur ethischen und pädagogischen Institution. Die Gemeinde kennt zufällige Ansammlung von frommen Leuten, die einander nicht kennen und kennen wollen. Unter solch ungeistigen Voraussetzungen kann Liturgie nicht gedeihen.

Die Liturgie-Konstitution spricht öfter vom Tisch des Wortes und möchte ihm Raum geben. Aber wie viel steht dem sogar im Herzen der Gläubigen entgegen? Viele finden durch die wahre Menschlichkeit des Wortes nicht hindurch. Die technische Bewältigung der Verkündigung gelingt nicht. Viele lieben es nicht, wenn das Wort Gottes wie ein Schwert auf sie zukommt, was werden sie damit anfangen? Wird der Klerus damit fertig, der keine Schriftkommentare hat? Wer lehrt uns vom Wort Gottes leben? Es wäre schlimm, wenn zu den lieblosen Hostienessern auch noch die vergesslichen Worthörer kämen. Mit den weltlichen Liturgien Kino und Fernsehen kann selbst das barocke Hochamt nicht konkurrieren. Es ist nicht fotogen und rundfunkgerecht.

Da sind die weitverbreiteten liturgiewidrigen Arten der Frömmigkeit, von vielen Arten heidnischer Frömmigkeit abgesehen. Liturgiefremd ist die Gebetsfrömmigkeit taxativ aufgezählter Gebote. Die Gefühlsfrömmigkeit. Wie schwer findet in seiner Vorliebe zu Erscheinungen der Mirakelfrömmige zur Liturgie! Die nur persönliche Frömmigkeit sieht die Gemeinde nur als Last. Auch der Sonntagsgottesdienst verdorrt an der Wurzel. Die Quellen des Heils fließen dort, wo Christus sie erschlossen hat, nicht auf Grund von Leistungen, auch liturgischer Leistungen. Jesus hielt seiner Zeit vor: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer. Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen. Ihr Herz aber ist weit von mir. Diese Worte sind wie ein Gericht angesichts unseres liturgischen Tuns. Christengemeinden sollen wahre Brudergemeinden werden, Alleluja singen, Basiliken bauen – sie unterscheiden sich durch nichts von den Kindern des Teufels als allein durch die Liebe.

Zum Teil habe ich mit Absicht das Herz schwer gemacht. Ich bitte zu verhindern, daß die Liturgiereform allzu rasch, allzu billig, allzu oberflächlich erledigt werde. Mit ihr könnte und sollte ein Umformungswerk des ganzen katholischen Christentums zustande kommen. Es geht um eine Reform der Herzen. Um dieses anspruchsvolle Anliegen weiß jeder Seelsorger.“

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