CS57 CAUSA SECUNDA Text 57

CS57 CAUSA SECUNDA Text 57

Aus: Vortrag 1965

Wir mögen einmal überlegen, worin eigentlich die letzte und die spezifische Sendung der heutigen Kirche besteht? Ich antworte dann darauf: Die große Sendung, die seinerzeit der heilige Augustinus und der heilige Thomas übernommen, sinngemäß weiter zu lösen, aber darüber hinaus beiden großen Sendungen eine neue Zuspitzung zu geben, eine Zuspitzung im Sinne der Krise der heutigen Zeit: das ist die Krise der vollkommenen Auflösung aller Lebensbänder und aller Lebensbindungen.

Es wäre also zunächst zu erörtern, wie an sich Sendung und Leistung des Heiligen Augustinus aussieht. Kurz sei daran erinnert. Durch die Theorie des Platonismus hat er in der damaligen geistigen Welt die Idee eines persönlichen Gottes zu retten versucht, also ich sage: im Sinne des Platonismus. Bekanntlicherweise hat Plato ja nur die letzten Ideen, , göttliche Ideen, zugegeben. Alles andere in der Schöpfung, das ist weiter nichts als eine Inkarnation von göttlichen Ideen; also die Ideen als solche, sie sind das Tragende. Augustinus hat die Theorie übernommen und damit die Persönlichkeit eines jenseitigen Gottes für die damalige Zeit verständlich gemacht. Das ist an sich – fast möchten wir sagen -, das ist die Theologie der Erstursache. Augustinus hat also damit eine große Sendung erfüllt.

Und der Heilige Thomas hat sie für seine Zeit übernommen. Da kam die Schwierigkeit vom Arabertum, das sich hinein wälzte ins Abendland, und dann im Anschluß an Aristoteles die Lehre von den Zweitursachen in das Abendland hinüberbrachte, das heißt die Eigengesetzlichkeit der Zweitursachen. Morgenland ist immer noch stehengeblieben bei der Haltung. Grundeinstellung des Urchristentumes. Deswegen auch hier die Stellungnahme zu den Zweitursachen steht halt, oder steckt halt doch sehr stark in den Kinderschuhen. Thomas hat nun daraufhin die Lehre von den Zweitursachen von Aristoteles übernommen und getauft; sie aber dann, und das war das wichtigste, in innerste Verbindung gebracht mit der Erstursache. Sie kennen das klassische Prinzip: Deus operatur per causas secundas liberas.

Was hier gewonnen ist – Eigengesetzlichkeit der Zweitursachen – , das ist von großer Bedeutung demnächst geworden, weil die ganze moderne abendländische Kultur damit neu grundgelegt wurde. Und was hat heute, was hat inzwischen die Zweitursache, wenigstens wo es sich um den Menschen handelt, nicht alles fertig gebracht? Eine ganze Welt geschaffen, und zwar in einer Weise, daß man letzten Endes bis zu einem gewissen Grade berechtigt

ist, den Menschen selber als den fabricator mundi anzusehen. So eigenständig ist an sich der Mensch mit der Schöpfung umgegangen. Aber Thomas hat das alles zurückgeführt zur Erstursache. Deswegen: Deus operatur per causas secundas liberas. Gott ist an sich die Allursache, aber nicht die Alleinursache. Plato würde gesagt haben: Nicht nur die All-, sondern auch die Alleinursache. Hier istalso die Theorie von den Zweitursachen, von der Eigengesetzlichkeit der Zweitursachen in katholisch-christlichem Sinne neu getauft worden.

Sehen Sie, worin besteht nun die Aufgabe der Zukunft, oder der gegenwärtigen Kirche? Ich sage so: Zunächst diese doppelte Sendung in die heutige Zeit zu tragen. Wenn Sie nun fragen, was das Konzil getan, dann meine ich sagen zu dürfen aus dem Zusammenhang heraus, der jetzt skizziert ist: (Es) hat sich im wesentlichen beschränkt auf die Wiedergeburt Augustinianischer Denkweise. Freilich in einer Form, die an sich vieler Gefahren entkleidet ist, d.h. durch die Liturgie. Durch die Liturgie bekommt an sich die Erstursache wieder in entsprechend liturgischer Aufmachung den Platz, der ihr auch letzten Endes eignet. Also das ist an sich der Punkt, die Sendung der Kirche, augustinische Sendung hinüberzutragen in die heutige Zeit. (Es ist natürlich jetzt nicht unsere Sache, stehen zu bleiben bei der Bedeutung und bei den Gefahren der Liturgischen Bewegung.)

Wenn Sie nun überlegen: Was hat die Kirche getan, um die Theorie von den Zweitursachen wirklich neu aufzufrischen, neu zu forcieren und zu benutzen, um moderne Probleme zu lösen? Da ist die Antwort eine sehr unbefriedigende. Das Konzil hat dafür die Formulierung gebracht: „Kirche und Welt“. Ist aber letztlich dasselbe Problem: „Kirche und Zweitursachen“. Zweitursachen im Zusammenhang mit der Erstursache. Wir wissen, wie stark die Kirche sich darauf berufen hat , daß sie gegenwärtig nicht fähig sei, eine umfassende Antwort auf diese Frage zu geben. Und wenn wir nun hineinschauen in die moderne Literatur, dann finden wir zwar Ansätze, die sich mit diesem Problem ausführlicher auseinandersetzen. Aber über bestimmte Ansätze geht das nicht hinaus. Welche Aufgabe hätten wir also? Nunmehr die Philosophie der Zweitursachen und der Erstursache im gegenseitigen Zusammenhange anzuwenden auf die heutige Kultur. Wie gesagt, nach der Richtung hat das Konzil verzweifelt wenig Klares gesagt; und im Hintergrunde ist in der Wissenschaft und im praktischen Leben dazu wohl noch zu wenig genügend und genugsam Stellung genommen.

Nun kommt aber die wichtigste Aufgabe: beschäftigt sich wiederum, allerdings in neuer Art, um das große Verhältnis zwischen Erst- und Zweitursache. Das sind eigentlich die Probleme der Zeit; spüren wir ja auch aus dem praktischen Leben: Gott und Mensch. Freilich, wenn ich an „Mensch“ denke, will er als Exponent der ganzen Schöpfung gesehen werden. Praktisch hat die heutige Menschheit, wenigstens weitaus in einem großen Teile, Gott einfach gestrichen. Das ist an sich kein Verhältnis mehr zwischen Mensch und Gott, sondern Gott ist tot, Gott ist gestrichen und es steht jetzt nur die Schöpfung, also die Zweitursache da. Und der Zweitursache wird im Wesentlichen göttlicher Charakter zugeeignet. Zweitursache vertritt im Wesentlichen die Stelle der Erstursache. Wir verstehen das sehr gut, weshalb deswegen heute auch eine überaus große Zwischenwelt, eine zusammengeballte Welt vor uns steht, zwischen der Person und Gott. Die Zwischenwelt ist so stark, so gewichtig, von solchen Maßen und solchen Massen, daß man gemeiniglich nicht einmal mehr fähig ist, durch diese Welt hindurchzuschauen und hinter der Welt die Erstursache zu entdecken.

Sehen Sie, nun liegen heute die Gefahren darinnen, nachdem an sich einmal die Welt entgöttert ist, nachdem an sich die Welt nun eigenständig geworden, jetzt bestehen die Gefahren darinnen – sagen wir statt Welt konkret denkend Mensch, was aber vom Menschen gilt, gilt mutatis mutandis von der ganzen Schöpfung – : Wie sehen wir den Menschen vor uns, auch begriffen in einer vollkommenen Seinsauflösung? Wenn wir heute sprechen von der großen Zeitkrankheit, der Krankheit der Revolution aller Bindungen, von der Bindungslosigkeit des modernen Menschen; was will das besagen? Im Menschen sind die einzelnen Eigenschaften, Fähigkeiten nicht mehr gebunden zu einem Organismus; also Auflösung der inneren Bindung, Bindungslosigkeit. Sehen Sie, wenn diese Bindungslosigkeit nicht überwunden wird, dann ist der Weg total verrammt von der Schöpfung, die jetzt bindungslos ist, deren Bindungen aufgelöst sind, wieder hin zu Gott. Zentralproblem ist immer wieder: Mensch und Gott, Schöpfung und Gott.

Und nun die Frage – ich pflege sie gerne so zu formulieren: Das ist die Frage nach der Psychologie der Zweitursachen und Erstursache und ihrem Grundverhältnis zueinander. Es geht jetzt ja darum, die innere Auflösung aller Bindungen im Menschen zu überwinden. Wie sieht also danach psychologisch betrachet das besagte philosophische und theologische Gesetz aus? Hier müssen wir unterscheiden auf der einen Seite das Weltregierungs- und auf der anderen Seite das Weltordnungsgesetz. Sie spüren, wir kreisen immer um die Beziehung zu Gott.

Das erste Gesetz, das Weltregierungsgesetz.

Wie kann Gott eine solche Welt regieren? Also den Menschen regieren? Wir wollen dabei stehen bleiben, um eindeutiger, vereinfacht, den ganzen Komplex zu sehen und zu sichten. Wie kann er das tun? Er muß dann doch gleichzeitig die inneren zerrissenen Bande, die Mensch und Gott miteinander verbanden, diese Bande müssen wieder hergestellt werden. Und daher das Gesetz: Gott regiert die Welt nach dem Gesetze der organischen Obertragung und der organischen Weiterleitung.

Organische Übertragung: Er überträgt auf Zweitursachen, also auf die Eltern bestimmte Eigenschaften, aber bewußt im Interesse des Kindes; (er) spekuliert auf das Kind, spekuliert auf die Existenz des Kindes, spekuliert auf die Erziehung des Kindes dadurch, daß er die Zweitursache hineinzieht in den Schöpfungs- und Erhaltungsplan. Noch einmal, Gesetz der organischen Übertragung: Gott überträgt auf den Menschen bestimmt Eigenschaften zu Gunsten, zum Wohle des Kindes: Allmacht, Weisheit, Güte, schöpferische Kraft des Zeugungsaktes – es ist eine Kraft, Fähigkeit, die mitgeteilt, aber tendiert hin an die Adresse des Kindes. Also das Gesetz der organischen Übertragung.

(Es) will dann nachher ausmünden in das Gesetz der organischen Weiter-und Tieferleitung. Wenn also Gott in den Eltern und durch die Eltern das Kind so qualifiziert, so beschenkt, dann hat das Kind das Recht, auf demselben Wege wieder zu Gott zu kommen. Was also Gott gebührt, wird jetzt auf die Eltern übertragen: Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam. Aber immer nach dem Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung. Während ich die Eltern liebe, ist damit Gott gleichzeitig mitgemeint. Verstehen Sie, um was es hier geht? Um Schließung des Abgrundes im Menschen und Schließung des Abgrundes zwischen Gott und Mensch. Und wenn man dann trotzdem spricht von einem Gesetze der organischen Weiterleitung, dann will das ein Doppeltes heißen: erstens das Gesetz der organischen übertragung schließt immer das Gesetz der Weiterleitung in sich. Zweitens – damit ist aber dem Vorgang noch nicht voll Genüge geleistet – es muß sich die Zweitursache nun auch bemühen, die Erstursache mit der Zeit stärker in den Vordergrund rücken zu lassen; so daß wir dann so das Bild mit der Zeit bekommen: Wenn wir anfangen, im Menschen Gott (zu) lieben, dann lieben wir morgen, übermorgen Gott stärker im Menschen. Wenn Sie nun verstehen,worin jetzt das Problem liegt: Nach meiner Auffassung liegt das Pro – blem nicht, jedenfalls nicht vollkommen in der Erneuerung, Sicherung des Gottesgedankens ob durch Liturgie oder durch was auch immer (will nicht bei uns als nebensächlich betrachtet werden!). Kernstück ist immer, wie der Abgrund zwischen Schöpfung und Gott ausgefüllt werden kann. Kernpunkt ist halt immer, wie die Schöpfung wieder zurückgeführt werden kann, zumal der Mensch, durch die Schöpfung zum lebendigen Gott. Natürlich heißt das nunmehr so – Gesetz der organischen Übertragung – vom Standpunkte des Kindes aus: Ich schenke den Eltern Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam, aber in den Eltern Gott. Das ist immer die organische Verknüpfung zwischen den Menschen und Gott. (Sie) wollen immer als eine entsprechende, wenn auch in gewissem Sinne voneinander abhängige, aber nichtsdestoweniger eigenständige Realität gesehen werden.

Dann das zweite Gesetz, das Weltregierungsgesetz.

Wie regiert denn der liebe Gott die Welt? Zunächst einmal rein philosophisch: durch Zweitursachen. Aber psychologisch betrachtet nach ganz anderen Gesetzen. Oder, dann das Gesetz, das philosophisch gefärbte Gesetz, das will hier psychologisch ausgedeutet werden. Danach ist an sich die Bindung an die niedere Ordnung, also die Bindung an den Menschen, rein naturrechtlicher Art zunächst, das ist zunächst Ausdruck der Bindung an die übernatürliche Ordnung. Dann zweitens Mittel um zur übernatürlichen Ordnung zu kommen und so für die Verbindung zwischen beiden Ordnungen zu sorgen. Drittens will aber die Bindung an den Menschen in dem Fall, sagen wir einmal an den Vater, gleichzeitig die Sicherung (Bindung?) an den lieben Gott sichern, oder die Sicherung (Bindung?) stärken.

Wenn Sie die Dinge so sehen, dann haben Sie eine der wichtigsten Antworten auf die Frage: woher kommt es, daß der heutige Mensch scheinbar kein Organ, oder ein wenig entwickeltes Organ hat für den lieben Gott? Eine der wichtigsten Antworten, die wohl noch zu wenig gesehen wird, liegt dann darin, daß der Mensch das Verhältnis der Ordnungen zueinander nicht mehr kennt. Man sieht beide Ordnungen zu stark getrennt: Geschöpfliche Ordnung, oder natürlich-geschöpfliche Ordnung und übernatürliche Ordnung. Die gehören zusammen. Beide bedingen einander. Ja sogar auch die übernatürliche Ordnung will als Ausdruck, als Mittel und Sicherung der .. natürlichen gesehen werden.

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