CS68-2 CAUSA SECUNDA Text 68/2

CS68-2 CAUSA SECUNDA Text 68/2

Aus: Vorträge in Oberkirch (II) 1967

Was müssen wir also tun? Ich meine, wir müßten dafür sorgen, daß auch das zweite Gesetz verwirklicht wird. Das ist das Gesetz der organischen Zentrierung. Was müssen wir denn jetzt zentrieren? Wir müssen dafür sorgen, daß die Elitegemeinschaften von dieser neuen Zielsetzung, von diesem Umbruch im Denken und Wollen erfaßt werden. Elitegliederungen sind zunächst alle Säkularinstitute, die, die es entweder wirklich sind oder auf dem Wege sind, es zu werden. Elitegliederung ist sodann alles, was wir im Bund zusammenfassen. Diese Gliederungen müssen jetzt Stück für Stück nicht nur ideen-, sondern auch lebensmäßig hineingeführt werden in die Welt dieser doppelten Zielsetzung: Rettung der heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes und Auf- und Ausbau eines föderativen Apostolischen Weltverbandes. Der Apostolische Weltverband steht noch weit im Hintergrund. Im Vordergrund steht, langsam auf- und durchbrechend – sowohl intellektuell als auch lebensmäßig -, die Rettung der heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes. -(S. 62f)-

I. Die Frage war, so wie sie gestellt wurde, eine doppelte, nämlich: Was versteht man unter „Abendland“? und: Was versteht man unter „heilsgeschichtlicher Sendung des Abendlandes“?

Sie spüren, heute sind schier alle Begriffe am Schwimmen. Darum drängt es uns, dort, wo Fragen nach der Richtung gestellt werden und es sich um Wortdeutungen handelt, im allgemeinen eine doppelte Fragestellung zu unterscheiden: Was versteht man darunter in sensu proprio (im eigentlichen, enge. Ursinn des Wortes) und was in sensu improprio (im weiteren Sinn)?

1. Im Ursinn des Wortes versteht man unter „Abendland“ die „Alte Welt“.

Wenn ich das, was man unter „heilsgeschichtlicher Sendung des Abendlandes“ in sensu proprio versteht, darstellen darf, ist die Antwort auch sehr schnell und leicht gegeben.

a. Laut Heiliger Schrift und Lehre der Kirche hatten zunächst Adam und Eva eine einzigartige heilsgeschichtliche Sendung. Sie haben diese allerdings, so wie uns das aus dem heiligen Bericht kund wird, sehr schnell durch den Sündenfall – wir bleiben jetzt einmal bei der bisherigen Auffassung – verloren.

Eine heilsgeschichtliche Sendung besonderer, ausgezeichneter Art ist sodann dem jüdischen Volk übertragen worden. Die Reaktion dieses Volkes aber bringt wiederum den Verlust dieser Sendung. Guardini schrieb in seinem bekannten Buch „Der Herr“, daß nach göttlichem Plan die heilsgeschichtliche Sendung, die der Heiland zu vollziehen hatte, durch ein bestimmtes, auserwähltes Volk weitergegeben werden sollte. Er hob auch hervor, wie wir uns diese heilsgeschichtliche Sendung auszumalen hätten. Wenn Sie das nachlesen, wird Ihnen klar, daß wir uns gar nicht recht vorstellen können, wie die Heilsgeschichte verlaufen wäre, wenn das jüdische Volk aufgrund seiner natürlichen Anlagen und seiner übernatürlichen Begabungen und Gnaden in diese heilsgeschichtliche Sendung eingewilligt hätte.

Durch Paulus wurde dann das Abendland in diese Sendung hineingezogen. Er sollte ja in die Alte Welt gehen und die Sendung weitergeben. Paulus hat es getan, und das Abendland hat die Sendung übernommen.

Was heißt das nun im einzelnen, und was ist dem Abendland damit aufgetragen worden? Es sollte dafür sorgen, daß die heilsgeschichtliche Sendung des Gottmenschen in die ganze Welt hineingetragen wird.

Wenn wir nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch nun unterscheiden zwischen einer allgemein kulturellen Sendung und einer heilsgeschichtlichen Sendung oder Verchristlichung, dann müssen wir wohl gestehen, daß das Abendland eine kulturelle Wandlung mehr oder weniger in der ganzen Welt bewirkt hat, daß es aber dort, wo es sich um die heilsgeschichtliche Sendung, das heißt um die Verchristlichung der Welt handelt, leider eine Unsumme von Bruch zu verzeichnen hat. Darum lautet die Frage, die seit Jahren bereits allerorten besprochen wird: Hat das Abendland denn nicht – ähnlich wie das jüdische Volk – seine so oder so geartete Sendung verspielt?

Sie können sich sicher erinnern, was ich seinerzeit, es war noch vom Gefängnis aus, mit einer gewissen Erschütterung schrieb: Sündenfall Adams – Sündenfall des jüdischen Volkes; muß man nicht auch von einem Sündenfall Europas, des Abendlandes sprechen? (gemeint ist der Brief zum Jahreswechsel 1940/41). Damals stellten wir auch die Frage, eine kitzelige, verwegene Frage: Sind wir nicht von Schönstatt aus berufen, diese heilsgeschichtliche Sendung des Abendlandes nun in besonderer Weise zu übernehmen? Wenn dem so ist, müssen wir dann nicht darauf achten, daß wir als Schönstattfamilie übermorgen nicht ebenfalls von einem Sündenfall berichten müssen?

Wenn Sie mich nun fragen, wie ich zu dieser verwegenen Auffassung gekommen bin, müssen Sie bedenken, wie wir gleichsam aus nichts geworden sind, müssen aber auch auf sich wirken lassen, wie das, was ich in den Briefen aus dem Gefängnis die heilsgeschichtliche Sendung Schönstatts genannt habe, eine Deutung dessen ist, was bereits in der Gründungsurkunde anklingt: Deutschland soll wieder an der Spitze der Alten Welt stehen, nicht im Hinblick auf die wirtschaftliche oder militärische Leistung, sondern selbstverständlich nur im Hinblick auf das, was von Anfang an unser großes Ideal ist: eine totale seelische Wandlung. Sehen Sie, bereits 1914, als wir noch kaum piepsen konnten, hatten wir eine derartig universelle, erschreckend große Konzeption, eine Vision; Vision will hier freilich auf der rein natürlichen Ebene verstanden werden.

Diejenigen, die gestern und heute hier waren, werden jetzt in etwa verstehen, wie bedeutungsvoll es ist, daß wir den Geschichtssinn in uns stärken, Geschichtssinn auch dort, wo es sich um die geistigen Strömungen handelt. Wenn wir nachher auf manche anderen Belange eingehen, zumal auf solche, die für uns Priester von besonderer Bedeutung sind, werden Sie erneut merken, wie wichtig es ist, daß wir geschichtliche Fakten feststellen, sie zu deuten verstehen und eine gewisse historische Verantwortung dafür übernehmen, um sodann auch die ganze Kraft für die entsprechende Sendung zum Pfand zu setzen.

b. Wie haben wir von Anfang an, das heißt von der Zeit ab, als diese Dinge uns reflexiver ins Bewußtsein kamen, die Sendung des Abendlandes aufgefaßt? Zunächst ging es um die Verchristlichung der ganzen Welt. Damit haben wir einen Universalismus ersten Ranges.

Aber ich muß gleich beifügen, es ging um eine originelle Verchristlichung. Jetzt bekommt der Ausdruck „heilsgeschichtliche Sendung“ einen vertieften Sinn. Worin besteht die Originalität der Geistigkeit des Abendlandes, die wir Schönstätter per eminentiam in uns aufgenommen haben? Was ich jetzt antworte, zeigt Ihnen, von welcher Bedeutung das ist, was ich heute morgen. für manche vielleicht zu abstrakt, vielleicht auch zu ausgedehnt über das Grundverhältnis zwischen Erst- und Zweitursache sagen durfte. Das müssen Sie noch einmal studieren und auch noch andere Quellen benutzen, um dieser Zusammenhänge noch mehr innezuwerden. Darauf aufbauend meine ich nunmehr sagen zu können: Die Sendung des Abendlandes in originellster Prägung hat darin bestanden, der Welt das Grundverhältnis zwischen Erst- und Zweitursache mitzuteilen. Lassen Sie mich schnell einen Bogen schlagen.

Wir wissen, von welcher Bedeutung es war, daß die Araber, als sie nach Europa herüberkamen, die Philosophie des Aristoteles mitbrachten. Bis dahin stand die christliche Welt außergewöhnlich stark unter dem Einfluß von Plato, dem Neuplatonismus, der vor allem durch den heiligen Augustinus Einlaß in das christliche Denken fand. Hier geht letzten Endes alles nur um die Erstursache. Sie wird als die Ursache für Sein und Sendung des Menschen aufgefaßt. Alles soll sich ausschließlich um Gott drehen. Demgegenüber bringt die aristotelische Auffassung eine erschütternde Neuerung ins Abendland. Wie wir ja wissen, war es die große Sendung des Aristoteles, im Unterschied zu Plato in der Darstellung der Menschheitsgeschichte den Zweitursachen einen eigengesetzlichen Platz einzuräumen. Das große, große Geschenk, das der heilige Thomas dem Abendland, ja der ganzen Welt machte, das in der heutigen Zeit aber kaum noch recht verstanden wird, besteht darin, daß er die Lehre von den Zweitursachen aufgegriffen und sie verchristlicht hat. Das Wesentliche dabei ist, daß er die Zweitursache nicht von der Erstursache löst. Sie kennen das Wort, das wir ungezählt viele Male schon zitiert haben: Deus operatur per causas secundas liberas.

Prüfen Sie einmal, wie stark wir diese Sendung, die Lehre des heiligen Thomas von den Zweitursachen, übernommen haben. Wenn Sie Schönstatts Geistigkeit unter dem Gesichtspunkt des heute gärenden geistigen Lebens tiefer durchforschen, werden Sie sehr bald feststellen, daß diese das Grandioseste, Originellste, wohl auch das weitestgehend Ausgebaute ist, was wir der Zeit und Welt zu schenken haben. Deus operatur per causas secundas liberas. Diejenigen, die Zeit dazu haben, darf ich bitten, die Geschichte unserer Geistigkeit in sich aufzunehmen. Als ich anfing, Schönstatt außerhalb der Mauern Schönstatts zu künden, war wohl einer der allerersten großen Würfe die lange und ausführliche Auseinandersetzung mit dem allgemeingültigen Prinzip: Gratia praesupponit naturam, gratia perficit et elevat naturam. Was ich damals, gleich zu Beginn unserer Entwicklung, gleichsam am Tore der Geschichte Schönstatts, dargestellt, geschah in einer so umfassenden Weise, daß bis heute kaum etwas davon geändert worden ist. Es wäre der Mühe wert, diese alten Tagungen nachzulesen.

Zusammenfassend müssen wir wohl so sagen: Thomas hat durch seine Philosophie von den Zweitursachen mitgeholfen, daß dort, wo Zweitursachen wirksam sind, ihre innerste Grundbeziehung zur Erstursache beachtet wird, daß zum Beispiel die Zweitursache immer kraft der Erstursache arbeitet.

Später entstand dann die große Auseinandersetzung zwischen Molinismus und Thomismus, die eigentlich auch heute noch von Bedeutung ist. Es geht hier um das Verhältnis von göttlichem und menschlichem Wirken. Sehen Sie, was Schönstatt betrifft, so habe ich schon sehr früh darauf hingearbeitet, theoretisch nach der Richtung jedem die Freiheit zu lassen. Ich habe aber hervorgehoben, daß, ganz abgesehen davon, welches Gnadensystem festgehalten wird, entwicklungsbedingt in jungen Jahren jeder, auch der Thomist, lebt, als wäre er Molinist, und der Molinist, wenn er älter geworden ist, so lebt, als wäre er Thomist. Wenn wir, die wir hier beieinander sind, selbst wenn wir fanatische Molinisten sind, nicht leben, wie das an sich der Thomist tut, dann sind wir alle „geliefert“, dann kommen wir keinen Schritt weiter.

Damit sage ich dasselbe, was ich gestern in einem anderen Zusammenhang berührt habe. Wenn wir eine Victoria-Patris-Familie geworden sind, dann unter einem doppelten Gesichtspunkt: Der Vater hat über uns gesiegt, und wir haben über ihn gesiegt. Wir haben über ihn gesiegt durch unser Kleinsein. Das ist ja, rein menschlich gesprochen, der große Wurf für unser heutiges Denken: Durch die Bejahung unseres Kleinseins ziehen wir in vollendeter Weise die Barmherzigkeit des Vatergottes auf uns herab.

Sagen Sie bitte nicht, das seien abstrakte Diskussionen; sie sind sehr bedeutungsvoll. Mit den Antworten, die Schönstatt gefunden hat, greifen wir weit hinaus über das, was das Konzil in der Richtung gesagt hat. Wenn Sie einmal darauf achten, werden Sie feststellen, daß das, was uns das Konzil gesagt hat über das, was wir die Psychologie des Grundverhältnisses zwischen Erst- und Zweitursache nennen, nur ein Tasten, ein vorsichtiges Berühren des Problems ist. Ich komme nachher in anderem Zusammenhang noch einmal darauf zu sprechen.

Seit der Zeit, als die Araber versucht haben, das Abendland zu überschwemmen, ist das Verhältnis zwischen Erst- und Zweitursache, genauer: die Psychologie des Grundverhältnisses zwischen Erst- und Zweitursache, schlechthin das große Problem des Abendlandes geworden. Die konkrete Frage lautet: Wie sieht das große Regierungsgesetz Gottes aus? Wie sieht das Führungsgesetz Gottes aus? Die Antwort, sie geht ein auf die Psychologie des Verhältnisses zwischen Erst- und Zweitursache, wollen wir hier nur kurz und gedrängt geben: Gott wirkt, wo er durch Zweitursachen wirkt, immer nach dem großen Gesetz der organischen Obertragung und Weiterleitung. Das klingt alles so ungeheuer einfach.

Sie müssen sich jetzt noch einmal in Erinnerung rufen, was wir heute morgen über das Grundverhältnis zwischen Erst- und Zweitursache gesagt haben im Zusammenhang mit dem, was Karl Barth neuerdings wieder doziert hat. Da denken wir einerseits an die analogia entis, andererseits aber auch daran, daß wir Gott nicht nur analog dem Menschen auffassen dürfen, sondern daß er zugleich der total Andere ist, daß aber immerhin beides gleichzeitig gesehen werden will. –(S. 72ff)-

vervielfältigt/Offset 131 Seiten A5, als: Victoria Patris II, S.62f; S.72-89; **

 

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