Apostolat

Apostolat

Hubertus Brantzen

1. Geschichtliche Einordnung
2. Biblischer Auftrag und Theologie der Sendung
3. Marienverehrung Selbsterziehung Apostolat
4. Ziele des Apostolats
5. Methoden des Apostolats
6. Apostolat und Seelsorge

Die erste Bezeichnung der Schönstattbewegung war >>“Apostolische Bewegung“. In diesem Namen wurde 1919 ausgedrückt, was seit Beginn lebendig war (>>Schönstatt, Geschichte). Damals weitete Pater Kentenich den Blick seiner Schüler durch einen Missionsverein, dann durch eine >>Marianische Kongregation, deren erklärtes Ziel das Apostolat ist. In der >>Gründungsurkunde kommentierte er 1914 das Entstehen des Gnadenortes: „Eine größere apostolische Tat können wir ohne Zweifel nicht vollbringen“. Die Gründung des >>“Apostolischen Bundes“ und der >>“Apostolischen Liga“ als den beiden Zweigen der „Apostolischen Bewegung“ gab dem Grundanliegen des Apostolats in den Jahren 1919 und 1920 eine organisatorische Form, die sich weiter entfaltete in den vielgestaltigen Gliederungen der Schönstatt-Bewegung.

1. Geschichtliche Einordnung

Pater Kentenich versteht das Apostolat der Schönstatt-Bewegung als eine zeitgemäße „Neuwerdung und Weiterführung“ des von Vinzenz >>Pallotti 1835 gegründeten „Katholischen Apostolates“. Pallottis Vision von der lebendigen Mitarbeit der >>Laien an der missionarischen Aufgabe der Kirche greift er auf. Er ist jedoch davon überzeugt, dass die Idee von einem >>“Apostolischen Weltverband“, der alle apostolischen Initiativen bündelt, nur in Verbindung mit dem Schönstätter Mariengeheimnis (>>Schönstattgeheimnis) und dem >>Liebesbündnis verwirklichbar sei. Die starke Betonung des Apostolats erhält einen Impuls durch die von Pius XI. 1922 in der Enzyklika „Ubi arcano“ ausgerufene „Katholische Aktion“. Dieser Aktion werden seither in der Weltkirche die verschiedenen apostolischen Aktionen und Initiativen zugeordnet.

Das Vatikanum II widmet dem Laienapostolat ein eigenes Dekret, „Apostolicam actuositatem“, und sieht nach seiner Öffnung zur >>Welt eine Weltdurchdringung in diesem Sinn als fundamentale Aufgabe der Kirche an. Den Gedanken des Apostolats als Weltdurchdringung hat Pater Kentenich bei seiner Aussage im Blick, Schönstatt habe das >>Konzil „vorweggenommen“. Auch sein Versprechen gegenüber Paul VI., Schönstatt werde mithelfen, das Konzil zu verwirklichen, hat hier einen Bezugspunkt.

Durch die Enzyklika „Evangelii nuntiandi“ Pauls VI. sieht sich die Schönstatt Bewegung dann in der Nachgründerzeit in besonderer Weise angesprochen. Der Sprachgebrauch vom Apostolat wird ergänzt durch den Begriff der Evangelisierung.

2. Biblischer Auftrag und Theologie der Sendung

Der Auftrag zum Apostolat gründet in dem Missionsauftrag Jesu an seine Jünger (Mt 28,19 ff.) und dem Auftrag, Zeugen bis an die Grenzen der Erde zu sein (Apg 1,8). Pater Kentenich bezieht sich bei der Begründung des Apostolats und seiner Sendung „missio“ besonders auf die paulinische Aussage „Caritas Christi urget nos Die Liebe Christi drängt uns“ (2 Kor 5,14).

In der theologischen Begründung kam es ihm darauf an, dass der Laie eine unmittelbare Sendung durch Taufe und Firmung hat, die unabhängig von einer Teilnahme am hierarchischen Apostolat ist. In dieser Sendung, die der ganzen Kirche gegeben ist, wurzelt das Sendungsbewusstsein und die „göttliche Sendungsergriffenheit“, die Pater Kentenich als Erziehungsziel begreift. Wie sehr seine Apostolatserziehung, die Erziehung zum „Apostelgeist“, fruchtbar wurde, zeigte sich bereits in der Gründergeneration. Durch einen „nimmermüden Erobererdrang“, wie Pater Kentenich die natürliche Antriebskraft zum Apostolat nennt (MWF 1944, 30 ff.), sah sich beispielsweise Josef >>Engling so sehr in Dienst genommen, dass er formulierte: „Die ganze Welt ist unser Feld, sie muss unser werden“ (vgl. Mt 28, 18 ff.).

3. Marienverehrung Selbsterziehung Apostolat

Seine originelle Prägung erhält schönstättisches Apostolat durch seine Verbindung mit Marienverehrung (>>Maria) und >>Selbsterziehung. In einem Vergleich mit dem Wachstum eines Baumes formuliert Pater Kentenich >>Heiligkeit: „Die Wurzel ist die Marienverehrung, der Stamm ist die Selbstheiligung, die Frucht ist das Apostolat“ (ME 1934, 169). Diese Trias zeigt sich als Grundaussage seit der >>Gründungsurkunde in vielen Texten und Aussagen Kentenichs. Sie prägt schönstättische Spiritualität schlechthin. Die Texte in >>“Himmelwärts“ erweisen sich geradezu als Gebetsschule zu einem Leben aus dem Geist des Apostolats.

Wie Pallotti sagt Pater Kentenich von Maria: „Sie ist die große Missionarin, sie wird Wunder wirken.“ Maria, die als erste Christus zu den Menschen trägt, ist für ihn die Erzieherin zum Apostelgeist schlechthin. Apostolat in Schönstatt wächst heraus aus dem >>Liebesbündnis mit Maria. Die Fruchtbarkeit des Apostolats ist eine Gnade, die im Liebesbündnis und in der Bindung an das >>Heiligtum geschenkt wird (>>Wallfahrtsgnaden). In diesem Sinn versteht sich Schönstatt als marianisch apostolische Bewegung: „In uns geh durch unsere Zeit, mach für Christus sie bereit“ (HW 1945, 163). Die Bildung von Menschen mit „universeller apostolischer Einstellung“ verlangt notwendigerweise deren Selbsterziehung zu entsprechenden Lebensformen und einem adäquaten Lebensstil.

Zwischen Selbstheiligung und Apostolat besteht eine Wechselwirkung, ein inneres Verhältnis. Apostolat wird verstanden als „Ausdruck einer hochgradigen Liebe und Mittel zu ihrer Vertiefung“ (LS 1952 I, 43). So hat jedes Mühen um Selbstheiligung eine innere Zielrichtung auf das Apostolat. Darum stehen über jeder >>Geistlichen Tagesordnung die Worte Jesu „Ich heilige mich für sie, damit auch sie in Wahrheit geheiligt sind“ (Joh 17,19). Damit ist die persönliche Berufung jedes einzelnen und die Sendung von Gruppen, Kursen und Gemeinschaften grundsätzlich apostolisch ausgerichtet. Die Bereitschaft zum Apostolat ist geradezu Kriterium der Echtheit der Berufung und Sendung. Auf diese Weise wird vermieden, dass Schönstatt als >>“Erzieher und Erziehungsbewegung“ in Innerlichkeit sich selbst genügt, und die spirituelle Ausrichtung gesichert: „Schönstatt für die Kirche, die Kirche für die Welt, die Welt für den Dreifaltigen Gott“.

4. Ziele des Apostolats

Die Ziele des Apostolats sind in dem biblischen Auftrag, alle Menschen zu Jüngern zu machen (Mt 28,19), vorgegeben. Für unsere kirchengeschichtliche Epoche drückt Pater Kentenich diesen Grundauftrag exemplarisch in der >>Zielgestalt Schönstatts aus: (1) Formung des >>neuen Menschen in der neuen Gemeinschaft „mit universellem apostolischem Einschlag“ fügt er an vielen Stellen hinzu , (2) Rettung der >>heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes und (3) Aufbau eines Apostolischen Weltverbandes (>>Weltapostolatsverband). Diese drei leitenden Ideen haben in allen Teilen eine ausgeprägte apostolische Dimension.

Apostolat wird aber nicht nur in individueller Form, sondern auch in gemeinsamer Aktion vollzogen. Aufgrund von Taufe und Firmung (allgemeines Priestertum) haben alle Christen eine unmittelbare Sendung zum Apostolat und das Recht, sich zusammenzuschließen (Koalitionsrecht). Um einen solchen Anspruch vom universellen Apostolat, den Kentenich an seine Bewegung stellt, erfüllen zu können, bedarf es Menschen aus allen Schichten, Lebensständen und Lebensbereichen. So hat die Gründung von Gemeinschaften für Menschen jeglicher Lebensform (Frauen, Männer, Priester, Laien, Familien usw.) nicht nur ihren Grund darin, möglichst allen eine geistige Heimat bieten zu können. Ein wichtiger Grund liegt auch darin, dass nur die Bereiche durchdrungen werden können, in denen apostolische Menschen auch tatsächlich leben und tätig sind.

5. Methoden des Apostolats

Pater Kentenich unterscheidet Apostolat des Seins, des Wortes und der Aktion. Was „Evangelii nuntiandi“ mit „Zeugnis ohne Worte“ meint, drückt Pater Kentenich mit „Seinsapostolat“ aus. Diese Art des Apostolats ist die erste und immer mögliche. Der als Apostel geformte Mensch legt Zeugnis ab durch die Weise, wie er lebt. Zuwendung, Hinhören, Hilfeleistung, Echtheit in der Lebensführung können die Frage der anderen provozieren: „Warum lebst du so?“ Erst wenn andere Fragen stellen, sind sie bereit, auch Antworten zu hören und anzunehmen. Das Seinsapostolat lebt von der Überzeugung, dass das Leben mit anderen und für andere Auswirkungen auf diese Menschen hat (>>Beiträge zum Gnadenkapital).

Nach dem Gesetz der >>geöffneten Tür zeigen sich Möglichkeiten, wo der einzelne und Gruppen apostolisch tätig werden können. Dort, wo Menschen Fragen stellen, tun sich solche Türen auf. In den Fragen der Menschen werden sich Seins , Zeit und Seelenstimmen (>>Sein, >>Zeitenstimmen, >>Seele) äußern, die die Wünsche Gottes anzeigen (>>Vorsehungsglaube). In dieser Situation ist sein Wort und Zeugnis gefragt (Apostolat des Wortes).

Dort, wo Menschen im Apostolat konkret in Aktion treten können, finden die Grundsätze schönstättischer >>Pädagogik, >>Ideal-, >>Bindungs-, >>Bündnis-, >>Vertrauens- und >>Bewegungspädagogik, Anwendung. Wenn „neue Menschen“ und „neue Gemeinschaften“ geformt werden, wenn christliche Lebensorganismen entstehen und Mentalitätsänderungen nach organischen >>“Wachstumsgesetzen“ erreicht werden sollen, wird diese Pädagogik nach der Überzeugung Kentenichs notwendig.

Erfolg im Apostolat ist eine schwer messbare Größe, da das Apostolat nicht nur einzelne Aktionen, sondern die Einladung der Menschen, Jünger Christi zu werden, und die Weitergabe geistlichen Lebens als Ziel hat. „Erfolg ist keiner der Namen Gottes.“ Darum heißt es im Morgengebet von >>“Himmelwärts“: „Ob Misserfolg, Erfolg wir finden: Wir wollen deine Liebe künden“ (HW 1945, 14). Dennoch kann immer wieder nach dem Gesetz der >>schöpferischen Resultante die Erfahrung beglücken, dass trotz schwieriger Umstände und der Unzulänglichkeit der Menschen Apostolat gelingt, d.h. Menschen sich auf Glaube einlassen. Gerade in solchen Erfahrungen erlebt der Mensch, der apostolisch tätig ist, dass er Mitarbeiter und Werkzeug Gottes (>>Werkzeugsfrömmigkeit) ist. Gott selbst schenkt den Erfolg.

6. Apostolat und Seelsorge

Das Neue am Apostolat im Sinne des Laienapostolats ist die Vorstellung, dass Laien nicht mehr nur Objekte seelsorglicher Betreuung, sondern auch selbst aktive Subjekte, Mitwirkende in der >>Seelsorge sind. Dadurch soll jedoch keine Konkurrenz oder gar Widerspruch zur amtlichen Seelsorge entstehen. Bereits die Statuten der Apostolischen Bewegung von 1920 drücken das Ziel so aus: „Ausdauernde apostolische Betätigung auf allen erreichbaren Gebieten in Abhängigkeit von verantwortlichen Seelsorgern“. Damit wird die notwendige Zuordnung von Apostolat und Seelsorge ausgesprochen, die heute etwa unter dem Begriff der Kooperation gefasst wird.

Unterschieden werden kann ein Schönstatt Apostolat von einem Apostolat im Sinne Schönstatts. Das Schönstatt Apostolat meint den direkten Aufbau der Schönstatt Bewegung und ihrer einzelnen Gliedgemeinschaften. Dieses Apostolat zielt zwar zunächst auf einen Innenausbau der Bewegung, hat aber in sich eine apostolische Zielsetzung. Schönstatt soll nach dem Willen des Gründers nicht ein Verein neben vielen anderen sein, sondern Menschen helfen, in den bestehenden und entstehenden Institutionen authentisch christlich zu leben und mitzuarbeiten. Diese Mitarbeit ist dann Apostolat „im Sinne Schönstatts“. D.h. jeder kann und soll das, was er in Schönstatt gelernt und erworben hat, entsprechend in Gemeinden, Verbänden, Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft einbringen.


Literatur:

  • J. Kentenich, Texte zum Verständnis der Apostolischen Liga. Herausgegeben von Pater Heinrich M. Hug, Schönstatt 1982
  • J. Kentenich, Marianische Werkzeugsfrömmigkeit (geschrieben 1944 in Dachau), Vallendar-Schönstatt 1974, 30-34
  • J. Kentenich, Jahrestagung der Schönstatt Frauenliga (3.-6. Januar 1951), verv.O, A 4, 118 S
  • RomV 1965 I, 48-51.
  • T. Breitinger, „Umsonst habt ihr empfangen – Umsonst sollt ihr geben“. Wege des Apostolates, OW 1993, 90-116
  • F. Brügger, Leben in Vielfalt. Die Schönstatt Bewegung in der Pfarrgemeinde, Regnum 28 (1994), 40 44
  • E. Hinder, Aufbruch zum Jahr 2000, dem Gnadenjahr des Herrn, OW 1995, 49-96
  • Oktoberwoche 1978
  • Oktoberwoche 1988
  • L. Penners, Neue Evangelisierung – ein Auftrag an uns, OW 1988, 71-92
  • M.D. Raab, Von Herzen muss kommen, was Herzen bewegen soll. Zum Apostolat der Frau, OW 1993, 117-142
  • P. Wolf, Zur Methode unseres Apostolats, OW 1981, 119-133.
  • Paul VI., Evangelii Nuntiandi (1975)
  • Johannes Paul II., Christifideles laici (1987).

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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