Arbeit

Arbeit

Herta Schlosser

1. Arbeit als existentielle Problematik

2. Arbeit als Zentralthema der Spiritualität Schönstatts

2.1. Deutung der geistesgeschichtlichen Entwicklung

2.2. Verständnis der Arbeit aus christlicher Sicht

3. Systematische Überlegungen

3.1 Subjekt der Arbeit

3.2 Objekt der Arbeit

3.3 Soziale Dimension der Arbeit

4. Ausblick

1. Arbeit als existentielle Problematik.

Im persönlichen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Leben ist Arbeit von zentraler Bedeutung; sie ist eine Grundbedingung menschlichen Lebens. Schon im vorwissenschaftlichen Verständnis zeigt sich die Bedeutungsvielfalt des Wortes etwa in den Gegenüberstellungen von körperlicher und geistiger Arbeit, ausführender und leitender Arbeit, abhängiger und selbständiger Arbeit. Die begriffliche Fassung als fachwissenschaftlicher Terminus variiert je nach wissenschaftlicher Disziplin. Im folgenden geht es schwerpunktmäßig um den anthropologischen Aspekt der Arbeit. In Abgrenzung zu anderen menschlichen Tätigkeiten, Handlungen und Verhaltensweisen wird Arbeit in der Regel als zweckgerichtete Tätigkeit (im Dienste der Bedarfsdeckung) verstanden.

Das Problem der Arbeit gehört zu den großen wirtschaftlichen und politischen Problemen, die zu lösen sind (Laborem exercens 3). Die Industrialisierung führte zur arbeitsteiligen Gesellschaft. Die durch die wissenschaftlich technische Revolution bedingte Produktionsweise zwängt den Arbeitenden in einen Prozess, dessen Eigengesetzlichkeit er sich mehr ein und unterordnen muss, als dass er ihn selbst mitgestaltet und mitlenkt. Dieser Prozess wird durch die „elektronische Revolution“ noch verschärft.

Rationalisierung der Arbeit, Anonymität und Komplexität im Arbeitsprozess haben schwerwiegende Probleme zur Folge. Sie wirken sich beispielsweise für viele Menschen so geisttötend aus, dass sie auch die Freizeit nicht mehr sinnvoll auswerten können. Kreative Kräfte werden daher entweder nicht geweckt oder verkümmern. Die zwischenmenschlichen Beziehungen im Arbeitsprozess sind bedroht und der arbeitende Mensch verliert den Bezug zum fertigen Produkt sowie zu dem Menschen, für den er es herstellt. Dazu kommt die Existenzangst im Gefolge der Arbeitslosigkeit.

Andererseits wird inzwischen gerade von der Wirtschaft die „Ressource Mensch“ im Arbeitsprozess neu gesehen und bewertet. Befragungen zu dem Thema, was junge Menschen von ihrem Beruf erwarten, erbrachten als Hauptaussage: die zukünftige Arbeit „müsse Spaß machen“.

Diese wenigen Hinweise zeigen die Ambivalenz der Arbeit. „Mühsal“, Beschwerde und das Erlebnis, um kostbare Lebenszeit betrogen zu sein, stehen neben Freude an der Arbeit, Erfolgserfahrung sowie der Erwartung von Sinnerfüllung durch Arbeit. Arbeit gehört nach Aussage der Bibel (AT und NT) zum Plan Gottes für die Menschheit.

2. Arbeit als Zentralthema der Spiritualität Schönstatts.

Arbeit ist ein Zentralthema der dreidimensionalen >>Spiritualität Schönstatts. Die >>“Werktagsheiligkeit“ (WH 1937) handelt im zweiten der drei Hauptteile „von Arbeit im besonderen und >>Werk- und >>Dinggebundenheit im allgemeinen“. Pater Kentenich sieht die pädagogische Zielvorstellung des >>neuen Menschen in der neuen Gemeinschaft in engem Zusammenhang mit einem „neuen Arbeitsethos“ (St 1949, 352). Im Mittelpunkt jeder sozialen Reform (>>soziale Frage) nach christlichen Prinzipien wird die Frage der Arbeit stehen müssen. Arbeit entfaltet „den Persönlichkeitskern und weckt und vertieft ein gesundes Selbstbewusstsein“ (WH 1937, 100; 1974: 104). Alle Reformversuche werden daher ihr Ziel verfehlen, wenn es „nicht glückt, der Arbeit wieder den wahren Sinn zu geben, durch sie schöpferische und verschenkende Kräfte im Menschen zu wecken und zu entfalten“ (WH 1937, 101; 1974: 104).

2.1. Deutung der geistesgeschichtlichen Entwicklung.

Die Arbeit wurde so Pater Kentenich aus dem gottgewollten Zusammenhang herausgerissen und ihres tieferen Sinnes beraubt. „Die einen haben sie aufgefasst und behandelt wie eine leichte und billig verkäufliche Ware, die anderen haben sie als Götzen angebetet“ (WH 1937, 104; 1974: 108).

In kapitalistischen Wirtschaftssystemen wird Arbeit unter volkswirtschaftlichem Aspekt als Produktionsfaktor nach ihrem Nutzeffekt gewertet. Unter anthropologischem Aspekt spricht Pater Kentenich vom homo oeconomicus beziehungsweise homo faber, der nicht nur Europa, sondern „auch die außereuropäische Welt beherrscht“ (OB 1949, 72). Dem homo oeconomicus geht es nicht nur um Bedürfnisdeckung, er verlegt sich auf Bedürfnisweckung, um möglichst schnell zu Reichtum zu kommen. „Weil die Kapital bildende rationalisierte Arbeit das sicherste Mittel für diesen Zweck zu sein scheint, weil sich gleichzeitig eine Technik mit Staunen erregenden Erfindungen und märchenhaften Erfolgen willig zur Verfügung stellt, fließen die drei Begriffe homo oeconomicus, technicus, operarius fast zusammen. Dabei verschlägt es nichts, ob der homo operarius Unternehmer oder Lohnarbeiter“ (OB 1949, 73) ist.

In der Theorie des Marxismus dagegen wird Arbeit als schöpferische Gestaltungskraft gesehen. Arbeit wird in dieser atheistischen Weltanschauung zur Zentralkategorie, sie wird als Selbstschöpfung des Menschen verstanden und insofern als „Götze“ missdeutet.

Beide Auffassungen von Arbeit werden gegenwärtig mehr und mehr als Fehlinterpretationen erkannt. Pater Kentenich nimmt sehr differenziert Stellung sowohl zum Kapitalismus als auch zum Marxismus-Kommunismus (vgl. IPT 1930). Unschwer lassen sich bei ihm Anknüpfungspunkte für das Modell der sozialen Marktwirtschaft finden.

2.2. Verständnis der Arbeit aus christlicher Sicht.

Schon Mitte der 30er Jahre kommt Pater Kentenich zu der Überzeugung, „dass die Forderung nach Arbeit schlechthin eine naturgesetzliche, dass das Recht auf Arbeit als ein allgemeines und unveräußerliches Menschenrecht und infolgedessen die Arbeit selber als eine normalerweise unersetzliche Glücksquelle anzusprechen ist“ (WH 1937, 104; 1974: 107). Mit der „menschlichen Natur ist der Glückstrieb unzertrennlich verbunden“ (WH 1937, 97; 1974: 100), was sich in der Diskussion um die Freiheit der Berufswahl, die Qualität des Arbeitsplatzes und die steigende Arbeitslosigkeit zeigt.

Pater Kentenich geht von einer biblischen Sicht der Arbeit aus (Gen 1, 26 30). So deutet er vor allem den zweiten Teil des Schöpfungsbefehles: Macht euch die Erde untertan (Gen 1,28). Er sieht „die moderne Kultur und Technik … als die Ausführung dieses gewaltigen Programms“ (WH 1937, 99; 1974: 102), das Gott der Menschheit aufgegeben hat, was nicht als Freibrief zu Ausbeutung und Zerstörung missdeutet werden darf. Arbeit ist demnach zu sehen im Rahmen des Planes Gottes mit der Menschheit, einem Prozess voller Dynamik. Pater Kentenich definiert Arbeit als affektbetonte „Teilnahme an der schöpferischen und sich verschenkenden Tätigkeit Gottes“ (WH 1937, 100; 1974: 103).

Der Mensch ist zu sehen als Partner Gottes und somit als Mitarbeiter des Schöpfers, Erlösers und Vollenders. Dieses Verständnis erschließt die Doppelwertigkeit der Arbeit: Einerseits erhält jede menschliche Arbeit einen tiefen Sinn und eine Würde, wie sie dem Menschen als Gottes Bild und Gleichnis (Gen 1,26) zukommt. Andererseits wird es immer unbefriedigende Arbeit geben, die in christlicher Sicht dennoch einen verborgenen Sinn hat (Erbsünde, Kreuz, Erlösung).

3. Systematische Überlegungen.

Arbeit gewinnt aus der Beziehung zu Gott ihre Bedeutung für die menschliche Person, sie hat eine subjektive, eine objektive und soziale Dimension.

3.1 Subjekt der Arbeit

Die Arbeit eines jeden Menschen ist die Erfüllung eines Gottesauftrages, der einmalig ist wie jeder Mensch. Das >>Persönliche Ideal bezieht sich auf beides, auf „das Persönlichkeits und Aufgaben (Berufs )Ideal“ (AmB 1948, 156). Demnach hat Arbeit Rückwirkung auf das Subjekt der Arbeit, die menschliche Person. Arbeit ist als Person entfaltend und Person vollendend eine Dimension der Selbstverwirklichung.

3.2 Objekt der Arbeit

Arbeit hat ebenfalls Auswirkung auf die Beziehung der menschlichen Person zum Objekt der Arbeit, und zwar in zweifacher Hinsicht: einmal unter dem Gesichtspunkt der schöpferischen Gestaltung der Umwelt, wozu zweifellos auch die Bewahrung der Schöpfung gehört (vgl. 3GU 1944, 79. 87), zum anderen unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses zwischen dem Menschen und seinem geschaffenen Werk, zu wirtschaftlichen Gütern sowie Kulturprodukten aller Art (>>Dinggebundenheit).

3.3 Soziale Dimension der Arbeit

Die Arbeit hat darüber hinaus eine soziale Dimension. Auch hier sind zwei Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Die Arbeit für Gott wird zur Arbeit für den Mitmenschen (Füreinander), und die Arbeit mit Gott wird in christlichem Sinn auch zur Arbeit mit dem Menschen (Miteinander). Das Miteinander in der Arbeit ist dem >>Organisationsprinzip entsprechend zu gestalten.

4. Ausblick.

Das Verständnis von Arbeit, wie Pater Kentenich es dargelegt hat, entspricht der Sicht der Arbeit in einer Reihe neuer kirchlicher Dokumente zu dieser modernen Problematik, etwa: Gaudium et spes 33-39.67, Laborem exercens. In einer Stellungnahme zu Laborem exercens heißt es beispielsweise: „In ihrem schöpferischen Aspekt ist die Arbeit Teilhabe am schöpferischen Handeln Gottes, des Urhebers der sich durch die Arbeit verändernden Natur, und Ziel menschlichen Strebens nach dem Guten und nach dem Glück“ (Lateinamerika, 2. Bd., 293). Arbeit wird dort als Recht begründende Tätigkeit verstanden, es wird ihre politische, kulturelle und transzendente Dimension aufgezeigt.

Soll weltweit ein Prozess der Entwicklung produktiver und solidarischer Arbeitsformen gelingen, muss Arbeit wieder in ihren gottgewollten Zusammenhang eingebunden werden.

>>Menschenbild, >>Werktagsheiligkeit


Literatur:

  • J. Kentenich, Zur sozialen Frage. Industriepädagogische Tagung. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1990, S. 21-317
  • M. A. Nailis, Werktagsheiligkeit. Ein Beitrag zur religiösen Formung des Alltags, Limburg 1937 (1964) – Vallendar-Schönstatt 1974, 100-121
  • J. Kentenich, Dritte Gründungsurkunde, gehalten am 24.9., 18.10. und 8.12. 1944 in Dachau, in: Schönstatt Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, 65-87, 79.87
  • J. Kentenich, Studie aus dem Jahr 1949. Brief vom 31. Mai 1949. ‚Antwort auf den Bericht‘, verv.W, A 5, 421 S., 352
  • J. Kentenich, Oktoberbrief 1949 an die Schönstattfamilie, Vallendar 1970, 196 S.
  • J. Kentenich, What is my philosophy of education?, in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1991, 39-89.
  • Gaudium et spes
  • Johannes Paul II., Laborem exercens.
  • H. Schlosser, Zeitgeist – Geist der Zeit. 30 Jahre Marxismusforschung. Problemzugänge – Problemerhellung. Antworten aus der Spiritualität Schönstatts, Vallendar 1995.
  • A. Auer, Christsein im Beruf, Düsseldorf 1966
  • P. Hünermann / J.C. Scannone (Hrsg.), Lateinamerika und die Katholische Soziallehre. Ein lateinamerikanisch-deutsches Dialogprogramm (LKS), 3 Bände, Mainz 1993
  • O. v. Nell-Breuning, Der Mensch in der heutigen Wirtschaftsgesellschaft, München-Wien 1975.
  • Herta Schlosser

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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