Armut

Armut

Hermann Gedemer

1. Armut als Zeitproblem
2. Armut als evangelischer Rat
3. Formen der evangelischen Armut
4. Armutsform in den Schönstatt-Instituten

1. Armut als Zeitproblem

Aufgezwungene Armut, der Mangel am Lebensnotwendigen, ist ein Übel, das mit dem Einsatz aller Kräfte zu bekämpfen ist. Die Christen sind aufgerufen, gegen Ausbeutung, ungerechte Wirtschaftsstrukturen und falsche Politik wirksam vorzugehen. Der Beitrag geistlicher Gemeinschaften zur Überwindung der unfreiwilligen Armut besteht in der Formung anspruchsloser und solidarischer Persönlichkeiten (Geist der Armut), in der Gestaltung eines Gemeinschaftslebens, in dem die Unterschiede im Eigentum keine Rolle spielen, im Eintreten für die katholische Soziallehre, in der Wertung der Armen als den größten Schätzen und Kostbarkeiten der Kirche (vgl. Laurentius) und in dem Dienst an den Armen, in denen sie Christus dienen (vgl. Mt 25,40).

2. Armut als evangelischer Rat

Freiwillige Armut kann vielfältig motiviert sein: Innerster Beweggrund für die frei gewählte Armut muss die Gottesliebe sein (vgl. „Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte, … hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts“; 1 Kor 13,3). Wer an Gott, den Schöpfer aller Dinge, glaubt, kann nicht seine Gaben verachten. Er wird sie als Ausdruck seiner Liebe betrachten und mitsorgen, dass diese Mittel der Vaterliebe und Vatersorge Gottes auch alle Menschen erreichen, für deren Unterhalt sie bestimmt sind. Der freiwillige Verzicht auf solche Gottesgaben macht innerlich unabhängig von ungeordneter Anhänglichkeit an Hab und Gut, an Ehre und Ansehen (die letzteren sind häufig mit materiellem Reichtum gegeben) und an sinnliche Genüsse und gleichzeitig frei, aus Liebe zu Gott sich ganz an seinen Vaterwillen hinzugeben. Gottgefälliger Genuss der Geschöpfe ist nicht denkbar ohne den gottgefälligen Verzicht.

Gott wirkt seine Werke immer wieder aus dem Nichts (Opera Dei ex nihilo), um dadurch ihren göttlichen Ursprung zu beweisen. Wer ohne vollständige Absicherung sich ans Werk der Evangelisierung macht (vgl. „Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe“; Lk 10,4), vermag alles durch den, der Kraft gibt (Phil 4,13). So wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von den Menschen kommt (vgl. 2 Kor 4,7).

In Freiheit übernommene oder auch innerlich bejahte auferlegte Armut will praktisch gelebter >>Vorsehungsglaube sein. Dieser nimmt die unscheinbarsten Dinge als kleine Propheten der Vaterliebe Gottes (vgl. „Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht“, Mt 6,32) und vertraut ohne ängstliche Sorge in aller Ungesichertheit auf die Vatersorge Gottes (Deus providebit; Mater habebit curam). Solche in Gott verankerte „Pendelsicherheit“ strahlt etwas von der Ruhe Gottes aus.

Bewusst gelebte Armut ist Nachfolge des armen Jesus: „Er, der reich war, wurde (der Menschen wegen) arm, um (sie) durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9). „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave“ (Phil 2,6 f.). Er wurde so arm, dass er keinen Ort hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte (vgl. Lk 9,58). Diesem Jesus gilt es nachzufolgen und ihm ähnlich zu werden.

Die Armut im Geiste ist Zeugnis für die unvergänglichen Güter des Reiches Gottes (vgl. Mt 5,3). Der Arme sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und darf erleben, dass ihm alles übrige dazugegeben wird (vgl. Mt 6,33). Er versinkt nicht in der Sorge um das tägliche Brot, sondern entdeckt den Reichtum in dem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt (vgl. Mt 4,4). Eine gewisse Herbheit im Lebensstil macht aufgeschlossen „nach oben“. „Ist man gesättigt und übersättigt mit irdischen Dingen und hat seine Erholungen in all diesen Dingen, ist keine Antriebskraft mehr nach oben“ (Schöpferische Resultante, 36). Die Freiheit von falscher Bindung an die irdischen Güter will Raum schaffen für die Freude an Gott und den göttlichen Dingen. Mit Blick auf die Säkularinstitute in der Schönstattbewegung bemerkt Pater Josef Kentenich: „Erziehung zum Gehorsam ist eine Lebensfrage für das Institut als solches. Erziehung zur Armut ist eine Lebensfrage für die Heiligkeit des Institutes“ (Chileterziat, 18. Vortrag).

Armut als Teilen des Erhaltenen mit anderen ist Ausdruck mitmenschlicher Solidarität und dient der Überwindung der Gegensätze in der Gemeinschaft. In der extremen Armut des Konzentrationslagers Dachau hat P. Kentenich, wenn er eine Gabe erhielt, gebetet: „Ich lege dankbar Dir die Liebesspende / zurück in Deine milden Mutterhände / und bitte herzlich Dich: Sag mir Bescheid, / wie die Verteilung Dir macht Ehr und Freud … und knüpfe innig das Familienband / von Herz zu Herzen und von Land zu Land“ (HW 1945, 147). In den wirtschaftlichen Beziehungen geht es zwar zuerst und grundlegend um die Gerechtigkeit. Doch ohne die Gesinnung der Solidarität und ihre Manifestation in der Bereitschaft zum Teilen kann der soziale Frieden nicht gesichert werden.

Die Weihe an die Gottesmutter ist nicht nur Austausch der Herzen, der Interessen und Aufgaben, sondern auch der Güter. In der Weihe übergibt sich der einzelne mit allem, was er ist und hat, und er beteiligt sich an der Sorge der Gottesmutter für die Armen.

3. Formen der evangelischen Armut

Die Formen der evangelischen Armut in der Nachfolge Jesu sind schon im NT vielfältig: Jene, die in die direkte Nachfolge gerufen werden, verlassen alles (vgl. Mt 19,27; Lk 5,18), um mit Jesus zu gehen und sich durch nichts von ihrem Auftrag ablenken zu lassen (vgl. Mt 10,9; Apg 3,6). Weil sie so erfasst sind vom Geschenk des Heiles, haben sie einfach keine Zeit, die Güter dieser Welt zu besorgen und zu genießen. Die arme Witwe legt als Ausdruck ihres Glaubens an Gottes sorgende Liebe die zwei Heller, ihren ganzen Lebensunterhalt, in den Opferkasten (vgl. Mk 12,41 ff.). Andere Jünger Jesu dienen ihm mit ihrem Vermögen (vgl. Lk 8,3), nehmen Jesus und seine Begleiter gastfreundlich auf. In der Urgemeinde hatte man ohne Zwang alles gemeinsam (vgl. Apg 5,4).

Entsprechend vielfältig sind auch die Armutsformen der Gemeinschaften innerhalb der Kirche: Die „franziskanische Armut“ wird versuchen, sich in der Nähe des Existenzminimums zu halten, wie es für den jeweiligen Lebensraum beschrieben wird. Die „benediktinische Armut“ weiß um die Wichtigkeit einer Heimat für den Menschen (vgl. stabilitas loci) und ist daher mit den Begriffen „bedürfnislos und persönlich gütig“ zu beschreiben. Nach P. Kentenich ist der letzteren Form die „marianische Armut“ eng verwandt (Priesternot, 96). Diese hat zusätzlich eine apostolische Prägung. Die „marianisch apostolische Armut“ gestaltet die Bedürfnislosigkeit so, dass der Verzicht das Apostolisch Tätigsein nicht behindert (z.B. durch vernünftige Sorge für die Gesundheit). Die technischen und finanziellen Mittel werden für die apostolische Aufgabe eingesetzt und können darin auch von anderen gebraucht und verbraucht werden. Was übrig bleibt, wird nicht angehäuft, sondern für Apostolatsaufgaben eingesetzt (BT 1952 I, 149 f.).

Nach der kirchenrechtlichen Gestaltung der Armutsformen gibt es drei Varianten: Die Mitglieder der Ordensgemeinschaften verzichten im Armutsgelübde auf das Eigentums und Verfügungsrecht. Mitglieder neuzeitlicher Kongregationen behalten das Eigentumsrecht, verzichten aber auf das Verfügungsrecht. Die notwendigen Verfügungen treffen sie in Abhängigkeit von der Zustimmung der Oberen. So sind sie in der Lebensführung persönlich arm.

4. Armutsform in den Schönstatt-Instituten

Die Mitglieder der Schönstatt-Institute leben die marianisch-apostolische Armut bei bleibendem Eigentumsrecht und nur eingeschränktem Verfügungsrecht. Sie verfügen über einen von der Satzung des jeweiligen Instituts festgelegten Teil ihres Einkommens völlig frei, geben über diese Verfügungen allerdings monatlich ihren Obern Rechenschaft. Der Obere darf in den Bereich der freien Verfügung selbst bei leichtfertiger Verwendung des Geldes nicht eingreifen. Begründet ist dieses verbleibende, eingeschränkte Verfügungsrecht innerhalb des in der Weihe versprochenen Lebens aus dem Geiste der Armut in der Tatsache, dass verfügen können über Besitz ein grundlegendes Persönlichkeitsrecht ist. Wer keinen persönlichen Besitz hat, aber von seiner Gemeinschaft das Versorgt sein erwarten darf, ist in der Gefahr, überhaupt keine verantwortungsbewussten Entscheidungen aus dem Geiste der Armut zu treffen. Wer über einen relativ kleinen Teil seines Besitzes verfügen kann bei gleichzeitiger Pflicht zur Sorge für die Kleidung und die Dinge des alltäglichen Gebrauchs, muss sich öfters entscheiden und diese Entscheidungen auch gegen sich selber durchsetzen. Er hat überdies die Möglichkeit, Geschenke zu machen und den Raum seiner Nutzung der Mittel durch Spenden und Geschenke freiwillig einzuschränken.


Literatur:

  • J. Kentenich, Texte über die Armut (Sion Patris)
  • J. Kentenich, Schöpferische Resultante (Ansprachen und Gespräche 1964 und 1965)
  • J. Kentenich, Priesternot. Spannungen und Entspannungen im Priesterleben. Disposition, erarbeitet von Burdewick, verv. A 5, 116 S.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

Back

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen