Autorität

Autorität

Herta Schlosser

Hinweis:
Schönstatt-Lexikon ONLINE ist noch im Aufbau. Deswegen sind in diesem Artikel die Verweise noch nicht verlinkt. Wir danken für Ihr Verständnis.

1. Zum Begriff Autorität
2. Autorität nach Pater Kentenich
Innere Autorität
Äußere Autorität

1. Zum Begriff Autorität.

Der Begriff Autorität wird seit der Antike in unterschiedlichem Sinn gebraucht, so beispielsweise in der Auseinandersetzung um die Vorherrschaft von auctoritas oder ratio (erkenntnistheoretisch) oder in der Abgrenzung zwischen auctoritas und potestas (juristischer und politischer Begriff). Etymologisch gesehen kommt Autorität von „auctoritas“. Autorität ist Urheberschaft und bedeutet die Fähigkeit, schöpferisch etwas hervorzubringen oder zu fördern. Autorität kann sich auf alle Bereiche des Menschseins erstrecken, in denen schöpferisch etwas hervor oder zur Entfaltung gebracht wird. Der Begriff Autorität ist demnach positiv im Wortsinn und abzugrenzen von Begriffen, die damit in Zusammenhang gebracht werden: (missbrauchte) Macht, Zwang und Gewalt. Zwischen Autorität und >>Freiheit kann es zur Spannung kommen, denn menschliche Freiheit stößt in vielfältiger Weise an Autorität, sowohl innermenschlich (>>Gewissen) als auch zwischenmenschlich. Zur Durchsetzung des Gemeinwohls benötigt jede Gemeinschaft oder >>Gruppe Autorität. Zu allen Zeiten und in allen Formen menschlichen Zusammenlebens hat es daher Leitungsautorität und Führung gegeben, die sich in unterschiedlichen Systemen ausgeprägt haben. Die Autoritätsansprüche der Vergangenheit führten in der Gegenwart zu einer Autoritätskrise. Zwei einander entgegenlaufende Strömungen sind zu beobachten: Mit dem Gewinn an Freiheit nimmt die Anerkennung der Autorität ab. Das immer profiliertere Hervortreten der autonomen Persönlichkeit in der Neuzeit einerseits und die Auswüchse des Autoritätsgebrauchs beispielsweise in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts andererseits, sind gegenläufig.

2. Autorität nach Pater Kentenich.

Pater Kentenich entwickelt ein zeitgemäßes Autoritätsverständnis auf der Grundlage des Evangeliums. Jesus selbst weist darauf hin, „dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein …“ (Mt 20,25 f.; vgl. Mk 9,35). Und Jesus selbst fasst sich als Vorbild auf. Der Autoritätsträger darf nicht „unterdrücken“, sondern verweist dienend auf Gott mit der Bereitschaft, in Grenzfällen wie Jesus „sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28). An diesem Maßstab wird der Autoritätsträger gemessen: Gott ist der Bezugspunkt, der Autoritätsträger ist Repräsentant Gottes und Vermittler zu Gott. Das ist der eigentliche Unterschied zwischen christlicher und innerweltlich verstandener Autorität.

Pater Kentenich unterscheidet zwischen innerer (auctoritas) und äußerer (potestas) Autorität sowie zwischen Erziehungs und Leitungsautorität (>>Erziehung). Generalisierend kann gesagt werden: Innere Autorität (auctoritas) soll immer vorhanden sein, während zur Leitungsautorität in der Regel zusätzlich Amtsbefugnis erforderlich ist (potestas). Innere und äußere Autorität „stehen zueinander in Verbindung wie Ursache und Wirkung. Beide wollen immer in organischer Ganzheit gesehen werden. Wer die Wirkung will, muss sich um die Ursache bemühen. Und die Ursache drängt naturgemäß von selbst zur Wirkung. Damit haben wir den Schlüssel in der Hand, der uns den Zugang zu bedeutsamen modernen Fragestellungen öffnet“ (AutFr 1961, 73). Leitungs und Erziehungsautorität sind vielfältig verbunden.

– Innere Autorität bezeichnet Pater Kentenich als die Fähigkeit des Schöpferischen. „Innere Autorität beruht im schöpferisch selbstlosen Dienst an fremdem Leben. Autorität haben heißt unter diesem Gesichtspunkt: autor oder auctor esse, das heißt, Urheber und Förderer fremden eigenständigen Lebens zu sein.“ (AutFr 1961, 73 f.) Im tiefsten ist innere Autorität Teilnahme an der verschwenderisch sich verschenkenden Liebe Gottes. Innere Autorität „wurzelt letzten Endes immer in Gott, sie bleibt allzeit in Verbindung mit Gott (nach den Gesetz der organischen >>Übertragung und Weiterleitung), sie dient wie Gott fremder Eigenart in überaus selbstlos schöpferischer Weise in sorgsamer Anpassung an den freien Willen des frei geschaffenen Menschen (nach den Gesetzmäßigkeiten der Taktik) und erwirbt sich so erstmalig und immer wieder aufs neue das Recht, als Repräsentant und Dolmetscher einer höheren Macht in eine objektive Ordnung hinein zu erziehen und in deren Namen kraftvolle Forderungen zu stellen und durchzusetzen“ (AutFr 1961, 74).

Innere Autorität ist demnach legitimiert durch die Bindung des Autoritätsträgers an Gott. So verstandene und praktizierte Autorität versucht, den Willen des anderen möglichst frei in Bewegung zu setzen durch das „vorgelebte Leben“, durch „empor bildendes Verstehen“, um ihn durch Selbsttätigkeit zu immer größerer Selbständigkeit zu führen.

Innere Autorität richtet sich an das Dürfen der freien Person. Das ist allerdings nur möglich in einem zwischenmenschlichen Raum des Vertrauens, der Ehrfurcht und der Liebe. Pater Kentenich bezeichnet diese Autorität in der personalen Begegnung als „priesterliche Väterlichkeit“ (PhErz 1961, 68) beziehungsweise „priesterliche Mütterlichkeit“ (PhErz 1961, 82). „Priesterlich“ ob vom philosophischen oder „vom theologischen Standpunkte aus gesehen“ nennt er sie, weil sie im Dienste eines übergeordneten Dritten und an dieses vermittelnd ist. „Väterlichkeit“ (>>Vater, Väterlichkeit) beziehungsweise „Mütterlichkeit“ (>>Mutter, Mütterlichkeit) nennt er sie, weil sie echte Lebensübertragung und Förderung dieses >>Lebens ist.

– Äußere Autorität „nennt man gerne potestas, das heißt Befehlsgewalt oder äußere Machtbefugnisse“ (AutFr 1961, 74). Die Ausübung der potestas in den >>Verbänden versteht Pater Kentenich als Modell eines zeitgemäßen Regierungsstils. Es war Pater Kentenichs Anliegen, „sich der Regierungsweise Gottes möglichst vollkommen gleich und einzuschalten“ (AutFr 1961, 114). Als Ergebnis dieses Bemühens versteht er die Erkenntnis und Ausfaltung des >>Regierungsprinzips: „Autoritär im Prinzip und demokratisch in der Anwendung“ (AutFr 1961, 75). Wenn Pater Kentenich seine Regierungsweise betont autorititav im Prinzip nennt, so denkt er „letztlich an die Autorität Gottes“, als deren Transparent er „jede echte menschliche Autorität betrachtet“ (AutFr 1961, 115). So verstandene äußere Autorität potestas ist eine Regierungsweise, die sowohl der Ausübung der Autorität im Sinne einer zielklaren, festen Führung als auch dem größtmöglichen Schutz der Freiheit aller Mitglieder eines Sozialgebildes Rechnung trägt. Regieren in diesem Sinne bedeutet in Gottes Namen regieren, „das heißt in voller Abhängigkeit von ihm“ (AutFr 1961, 115).

Während innere Autorität unabhängig ist von einem Amt, kommt bei äußerer Autorität die Legitimation durch verfassungsmäßige Einsetzung in das betreffende Amt hinzu. Das heißt, äußere Autorität (potestas), Amtsgewalt, ist als übertragene Macht von einem Amt mit befristeter Amtszeit abhängig; sie begründet Befehlsgewalt. Im Sinne dieses Autoritätsverständnisses versucht der Autoritätsträger, von seiner Befehlsgewalt so selten wie möglich Gebrauch zu machen, das heißt, >>Gehorsam aufgrund innerer Autorität zu ermöglichen, so dass ausgesprochene Befehle die Ausnahme bilden. Er ist aber verpflichtet, dort autoritär einzugreifen, wo es der Bestand und die Entwicklung des Ganzen oder das Wohl des einzelnen erfordern (vgl. AutFr 1961, 111 f.). Autorität, wie sie Pater Kentenich in den Verbänden lehrte, praktizierte und unterstützte, dient sowohl der Entfaltung der Person als auch der Stärkung der Gemeinschaft. In Gott verankerte auctoritas ist Garant für Freiheit und bewirkt Mitmenschlichkeit. Dagegen kann sich die Ausübung nur äußerer Autorität ohne entsprechende innere Autorität als Machtmissbrauch auswirken, der entweder Revolutionen oder Stumpfheit und Desinteressiertheit zur Folge hat.

Pater Kentenich greift bewusst den Wandel in der modernen Gesellschaft auf und interpretiert ihn vor allem im Hinblick auf Mündigkeit in religiösen Gemeinschaften. Generalisierend gesagt: Das Individuum übernimmt mehr Eigenverantwortung im Gegensatz zu dem, „was früher durch Willigkeit des Gehorsams geleistet worden ist. Es gibt heute allenthalben einen Funktionsschwund der Autorität, allerdings dann auch eine Funktionsverlagerung der Autorität, letzten Endes eine Funktionsüberforderung der Autorität“ (Anspr 24.3.1968, 8). Das heißt: Die Mitglieder religiöser Gemeinschaften müssen viel mehr eigenständige Mitverantwortung tragen als früher. Mit „Funktionsschwund der Autorität“ (Anspr 24.3.1968, 9) meint Pater Kentenich die Berücksichtigung der Eigengesetzlichkeit der Berufswelt. Das heißt, die Aufgaben in den einzelnen Sach und Berufsgebieten fallen in den Bereich der Fachkompetenz und sind von den Fachleuten selbst zu verantworten. Daraus ergibt sich „Funktionsverlagerung“ der eigentlichen Tätigkeit auf den einzelnen. Und schließlich nennt er „Funktionsüberforderung der Autorität“ (Anspr 24.3.1968, 8) wegen der Komplexität des heutigen Lebens. Daher fordert er intensive Erziehung „zur mitverantwortlichen Selbständigkeit, zu mitverantwortlichem Gebrauch der inneren und der äußeren Freiheit“ (Anspr 24.3.1968, 12). Dies gilt für Leitungs- und Führungsautorität sowie in modifizierter Weise für Erziehungsautorität.

Was Pater Kentenich zunächst exemplarisch auf religiöse Gemeinschaften angewandt hat, ist ein allgemein gültiges Prinzip, das in allen Bereichen gilt. So verstandene Autorität fördert sowohl die einzelne Person als auch die Gemeinschaft als Ganzes.


Literatur:

  • J. Kentenich, What is my philosophy of education?, in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1991, 39-89, 71 88
  • J. Kentenich, Autorität und Freiheit in schöpferischer Spannung (September 1961). Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1993, 7-142, 73 ff., 111 115
  • Maria und die nachkonziliare Kirche, Regnum 1 (1966) 146 f.
  • J. Kentenich, Ansprache in der Aula der Marienschule an die Schönstattfamilie (24. März 1968), verv.W, A 5, 20 S..
  • H. Schlosser, Menschliches Zusammenleben in Frieden und Freiheit, Vallendar 1993.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

Back