Bewegungspädagogik

Bewegungspädagogik

M. Erika Frömbgen

1. Beachtung elementarer Entwicklungsgesetze
2. Das Stadiengesetz
3. Bewegung als Methode

In diesem Ausdruck kommen der erzieherische Vorgang des Bewegens und Bewegtwerdens zur Sprache wie auch Aspekte des Weges und der Orientierung im Sinn der Wegsuche. Daher steht der Ausdruck Bewegungspädagogik für eine Bündelung von grundsätzlichen wie methodischen Erwägungen, die P. Kentenich mit Blick auf die pädagogische Zielperspektive >>“organisches Denken, Lieben und Leben“ beachtet wissen will. Die Einführung in den hier gemeinten Organismus wie auch die individuelle Entwicklung auf die natürlich-übernatürliche Zielperspektive hin müssen sich an objektiven wie subjektiven Voraussetzungen orientieren. Die pädagogische Akzentuierung dieses Vorganges: die „Lebensbewegung“ wird durch eine „Ideenbewegung“ im Sinn der Wertvermittlung geleitet und beide durch die „Gnadenbewegung“ ergänzt und letztlich vollendet. P. Kentenich verweist zur Erklärung auf das scholastische Grundprinzip „gratia praesupponit naturam; gratia non destruit sed perficit et elevat naturam“ (vgl. >>Natur und Gnade). In Anwendung dieses Axioms auf die >>Erziehung bringt er die theologisch philosophischen Grundsätze zur Sprache, an der sich die Schönstattpädagogik u.a. zu orientieren hat. Danach geht es um „das Ideal der harmonischen, der organischen und der rhythmischen Verbindung von Natur und Gnade“. Eine systematische Darstellung dieser Trias in Anwendung auf die Pädagogik gibt P. Kentenich selbst in seiner Studie „What is my philosophy of education“ (PhErz 1961, 49 60).

1. Beachtung elementarer Entwicklungsgesetze

Der Organismusgedanke führt zu der Frage nach Wachstumsvorgängen und deren Bedingungen, die in der Erziehung zu beachten sind, von P. Kentenich auch >>“Wachstumsgesetze der Seele“ genannt. Als solche werden folgende näher gekennzeichnet:
Das Wachstum vollzieht sich langsam.
Es entwickelt sich „von innen heraus“, also von der Personmitte her.
Es geht „um ein Wachstum von einer organischen Ganzheit in eine organische Ganzheit“.

Eine Pädagogik, die diese allgemeinen Entwicklungsgesetze beachtet, ist darauf angewiesen, im individuellen wie im gemeinschaftlichen Erziehungsprozess die „Lebensbewegung“ in ihrem jeweiligen Wachstumsstadium zu erfassen und zu berücksichtigen. Die darauf ausgerichteten pädagogischen Appelle bei P. Kentenich lauten u.a.: Lebendige Fühlung halten Das Leben beobachten Dem Leben Rechnung tragen Weg mit aller Schablone (JPT 1931). Zur Veranschaulichung verweist P. Kentenich auf Josef >>Engling: „Will man ein konkretes Beispiel von dem Gesetz der harmonischen Verbindung von Natur und Gnade sowie von dem Gesetz des organischen Wachstums beider Faktoren haben, um es genauer zu studieren, dann lese man Menningens ‚Erziehungslehre Schönstatts, dargestellt am Lebensbild Josef Englings‘, genauer nach. Schon allein das Inhaltsverzeichnis gibt schätzenswerte Aufschlüsse“ (PhErz 1961, 59).

Psychologische Forschungsergebnisse haben inzwischen zu Regeleinsichten geführt, die den genannten Wachstumsgesetzen noch konkreter entsprechen und inzwischen zum didaktisch-methodischen Allgemeingut geworden sind, z.B.: Anfangen, wo der andere oder die Gruppe steht, und sich langsam in Bewegung setzen Wachsen und reifen lassen Individualisieren Mit der Stärke des einzelnen arbeiten Aktivieren Zur Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung führen Zusammenarbeit statt Wettbewerb Konflikte haben Vorrang (M. Kelber 1971). Die Beachtung entwicklungspsychologischer Orientierungsdaten, die heute nicht nur auf die Kinder und Jugendjahre bezogen sind, sondern den gesamten Lebenslauf in seinem Bezugsrahmen zu erfassen trachten, wird aus dieser Perspektive zur bleibenden Aufgabe der Bewegungspädagogik.

2. Das Stadiengesetz

Im Rahmen von Entwicklungsprozessen religiös-humaner Art macht P. Kentenich aber auch auf eine Erfahrung aufmerksam, die er in terminologischer Anlehnung an Kierkegaard mit „Stadiengesetz“ bezeichnet. Gemeint ist der „Einbruch des Göttlichen ins Menschliche“, den er wie folgt beschreibt: Die langsame organische Entwicklung wird dadurch periodenweise durchbrochen, „dass plötzlich ein unerwarteter starker Einbruch ins Seelenleben zu konstatieren ist. Ehe man sich versieht und ehe man um ihre Zusammenhänge weiß, spürt man sich unversehens auf eine unbekannte höhere Ebene empor geführt, fühlt sich dort beheimatet in neuen unbekannten Gesetzmäßigkeiten und rhythmischen Erlebnissen… Weil der Mensch normalerweise sein Inneres verhüllt, werden solche Erlebnisse nicht so schnell bekannt, es sei denn, dass das äußere Leben davon in anschaulicher Weise Zeugnis ablegt.“ (PhErz 1961, 56 f. 59). Zum näheren Verständnis verweist P. Kentenich auf das Bekehrungserlebnis des Apostel Paulus vor Damaskus und auf die existentielle Glaubenserkenntnis von Kardinal Newman 1846 (vgl. PhErz 1961, 56 59). Eine Erziehung, die auch die religiöse Dimension des Menschen ernst nimmt, muss diesem Stadiengesetz der unmittelbaren Glaubens und Gotteserfahrung entsprechen. P. Kentenich verlangt daher von denen, die führende und erziehende Aufgaben wahrnehmen, Ehrfurcht und Diskretion. Zudem lehrte er unter der Zielsetzung der >>Bündnisfrömmigkeit, >>Werkzeugsfrömmigkeit und >>Werktagsheiligkeit eine Lebensform und einen Lebensstil, der bewusst darauf angelegt ist, sich für die Gnade zu öffnen und ihr zu folgen.

3. Bewegung als Methode

Die Bewegungspädagogik macht nicht nur auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten aufmerksam, die es in der Menschenführung zu beachten gilt. Sie korrespondiert zudem ganz ausdrücklich mit dem „Gesetz des >>ungelebten Lebens“, wobei es darum geht, in einen bestehenden sozialen Lebensraum einzuführen, um darin heimisch zu werden und den eigenen Platz zu finden. Angewandt auf die Schönstattbewegung und ihre verschiedenartigen Gliedgemeinschaften heißt das nach P. Kentenich: „Jede neue Generation soll mehr oder weniger den Weg der ersten gehen, nicht die geistigen Güter fertig übernehmen, sondern sich in ernster Selbstbetätigung und Selbstentfaltung neu erobern“ (1935).

In diesem Zusammenhang weist P. Kentenich wiederum ausdrücklich auf ein „langsames“ Einführen und ein „organisches“ Hinführen und Hineinwachsen hin. Die Beachtung solcher Lebensregeln steht selbstverständlich in deutlichem Gegensatz zu dem Anspruch, möglichst schnell eine in allen inneren und äußeren Belangen perfekt funktionierende Gemeinschaft anzustreben, in der sich die nachwachsenden Mitglieder dem Anpassungsdruck durch bereits bestehende Formen und Strukturen beugen. Eine solche Methode muss als direkt gegenläufig zur pädagogischen Zielgestalt des >>neuen Menschen und der >>neuen Gemeinschaft abgelehnt werden, weil sie der Tendenz zur Vermassung, der jeder soziale Zusammenschluss ausgesetzt ist, entgegenkommt.

In diesem Spannungsfeld ist es wichtig, bei der Bildung von Kursen oder Generationsgruppen solche Mitglieder zusammen zu bringen, die annähernd gleichzeitig die Phase der Einführung und des Hineinwachsens miteinander erleben und gestalten und zunächst nur schrittweise Anteil am Leben der Großgruppe (>>Verband, >>Bund) nehmen. Mit Blick auf die Einführung in die Spiritualität und das Gemeinschaftsleben Schönstatts ist die Bewegungspädagogik kontinuierlich gefordert, sich selbst immer neu zu aktualisieren, wenn sie dem Generationswechsel mit seinen Implikationen und dem Wissen um die Eigengesetzlichkeiten von Gruppenprozessen gerecht werden will.

>Bindungsorganismus, >>Bindungspädagogik, >>Bündnispädagogik; >>Idealpädagogik, >>Liebesbündnis, >>Liebespädagogik, >>organisches Denken, >>Pädagogik, >>Vertrauenspädagogik.


Literatur:

  • J. Kentenich, Grundriß einer neuzeitlichen Pädagogik für den katholischen Erzieher. Vorträge der Pädagogischen Tagung 1950, Vallendar-Schönstatt 1971, 154
  • J. Kentenich, Schlüssel zum Verständnis Schönstatts (September 1951), in: J. Kentenich, Texte zum Verständnis Schönstatts. Herausgegeben von Günther M. Boll, Vallendar-Schönstatt 1974, 148-228, 157
  • J. Kentenich, What is my philosophy of education?, in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur For-mung eines neuen Menschen und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1991, 39-89
  • J. Kentenich, Zu den Priestern in der Marienau (Gespräch am 28. Dezember 1965), in: Propheta locu-tus est. Vorträge und Ansprachen von Pater J. Kentenich aus seinen drei letzten Lebensjahren II, Berg Sion o.J., 5-108, 101 ff.
  • H. King / M. Gerwing, Gruppe und Gemeinschaft, Vallendar-Schönstatt 1991.
  • M. Erika Frömbgen

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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