Bindungsorganismus

Bindungsorganismus

Günther M. Boll

1. Ausgangspunkt ist die Frage nach den Wachstumsbedingungen seelischer Bindungen.
1.1. Bindung wächst langsam.
1.2. Seelische Bindungen wachsen von innen heraus.
1.3. Bindungen wachsen aus einer organischen Ganzheit in eine organische Ganzheit.
1.4. Bindungen wachsen gleichzeitig, aber nicht gleichmäßig.
2. Das Weltregierungsgesetz.
2.1. Gesetz der organischen Übertragung und Weiterleitung.
2.2. Der naturhaft-natürliche Bindungsorganismus ist „Ausdruck, Mittel und Schutz“ für die übernatürliche Wirklichkeit.
3. Aus allem wird deutlich, dass die Bindungslehre Pater Kentenichs sich eigenständig von vielen anders gearteten Auffassungen abhebt.

Lesen Sie ergänzend zu diesem Artikel die preisgekrönte Arbeit von Angelika (Sr. Maria) Thiel: Die Bedeutung der Bindung im pädagogischen und seelsorgerlichen Ansatz Pater Joseph Kentenichs: http://www.josef-kentenich-institut.de/diplomarbeiten_jki-preis/diplomarbeit-thiel.html

Mit seinem Anliegen, durch eine konsequent angewandte Bindungspädagogik zur Heilung und Reifung des Menschen beizutragen, traf Pater Kentenich auf weitgehendes Unverständnis und vor allem innerkirchlich auf entschiedenen Widerstand. Viele Einwände konnte er gut verstehen, hatte er sich doch selbst aus mancherlei Auffassungen und Haltungen einer „alten“ Pädagogik und Aszese befreien müssen. Die Triebfeder seines Suchens nach neuen Wegen war die Einsicht in die veränderte Seelenlage des heutigen Menschen und in die negativen Auswirkungen bisher üblicher Erziehungsmethoden. So ist es zu verstehen, dass mit der Erarbeitung einer neuen Pädagogik und Spiritualität, speziell einer Bindungs und Bündnispädagogik, die Herausarbeitung der Grundlagen und Gesetzmäßigkeiten einer Bindungslehre Hand in Hand ging. Das Ergebnis ist die „Lehre vom Bindungsorganismus“ oder die >>“Organismuslehre“. Es geht darum, die psychologischen Gesetzmäßigkeiten der Entstehung und Entfaltung seelischer Bindungen in einem gelebten Bindungsorganismus, sowohl naturhaft natürlicher wie auch übernatürlicher Art, zu erfassen und diese im Rahmen einer philosophisch und theologisch begründeten Anthropologie dazustellen und zu rechtfertigen. Bindungsorganismus ist für ihn so etwas wie eine pädagogische und spirituelle „Summenformel“ geworden.

1. Ausgangspunkt ist die Frage nach den Wachstumsbedingungen seelischer Bindungen.

Seine Grundüberzeugung dabei lautet: Entstehung und Wachstum seelischer Bindungen im Menschen verlaufen nach den Gesetzmäßigkeiten eines psychologischen Organismus. Deshalb spricht Pater Kentenich vom „organischen Wachstum“. Im einzelnen findet er vier Gesetzmäßigkeiten:

1.1. Bindung wächst langsam

Das ist keine Banalität, sondern die Beobachtung, dass für Entstehung und Wachsen seelischer Bindungen ein Milieu affektiver Wärme notwendig ist, das die Fäden hin und rücklaufender Beziehung über lange Zeit umgeben muss, bis ein seelisches Bedürfnis vital gesättigt ist.

1.2. Seelische Bindungen wachsen von innen heraus.

Das „Innen“ des Menschen ist jene emotionale Mitte und Kernschicht, die wir „Herz“, „Gemüt“ oder auch Personkern nennen. Bindung ist nicht nur äußeres Verhalten („behavior“), auch nicht Einfügen in einen Funktionsablauf, sondern wächst aus den emotionalen Tiefenschichten und wurzelt darin. Pater Kentenich weist zum Verständnis auf die integrierende Wirkung von Erlebnissen hin: Es geht nicht allein um rationales Erfassen oder willensmäßiges Tun, sondern um gemüthaftes Aufnehmen und Verarbeiten. In diesem Sinn hat das Erlebnis eine Brückenfunktion zwischen der rationalen und irrationalen Schicht im Menschen und spielt für das Entstehen der Bindungen die eigentlich konstituierende Rolle.

1.3. Bindungen wachsen aus einer organischen Ganzheit in eine organische Ganzheit.

Nicht die logischen Gesetzmäßigkeiten eines Neben und Nacheinander herrschen hier, sondern der Organismus lebt immer ganz. Neues wird nicht angelagert, sondern in das Vorhandene eingegliedert.

1.4. Bindungen wachsen gleichzeitig, aber nicht gleichmäßig.

So kann zum Beispiel eine Person, ein Spielzeug, ein Kleid, eine Idee o. ä. eine Zeit lang ganz unproportioniert im Vordergrund stehen. Organisches Wachstum meint dann, dass nach einer gewissen Zeit ein Sättigungsgrad erreicht ist, der das Neue in das Ganze des Beziehungsgeflechtes einbezogen hat. Das wird vor allem im religiösen Bereich wichtig. Es kann durchaus für eine Zeit ein geschöpflicher Wert eine stärkere Resonanz im Gemüt finden, auch wenn die Bindung an Gott den objektiv höchsten Wert darstellt. Organisch heißt also: ansatzweise muss immer beides vorhanden sein, die Bindung an Gott und die Bindung an ein Geschöpf. Wachstum geht in beide Richtungen gleichzeitig vor sich, aber streckenweise kann ein untergeordneter Wert im Vordergrund stehen. Das wird gerade im heutigen Kontext virulent, in dem der lebendige Zusammenhang zwischen Gott und Mensch, Schöpfer und Schöpfung zerrissen ist. Wie kann die Verbindung mit Gott wieder möglich werden? Pater Kentenichs Antwort lautet: nur wenn der natürliche Bindungsorganismus gesund entfaltet ist und im Zusammenspiel mit den übernatürlichen Bindungen lebt. Wie das geschehen kann, hat er jahrzehntelang in intensivem Beobachten zu klären versucht. Die dabei entdeckten Grundlagen und Gesetzmäßigkeiten wollen die Lebensvorgänge klären und rechtfertigen.

2. Das Weltregierungsgesetz (>>Weltgesetze)

Die entscheidende Einsicht ist dabei, dass es einen seinsmäßigen Zusammenhang zwischen Schöpfer und Schöpfung gibt, der auch das Zusammenwirken bestimmt. Die neuzeitliche Geistesgeschichte ist weithin von einem Konkurrenzdenken geprägt, das mechanistisch auseinander reißt, was zusammengehört. Pater Kentenich greift auf die Theologie des hl. Thomas zurück, der die Wirksamkeit Gottes und des Menschen in ihrer jeweiligen Eigenständigkeit und doch Zusammengehörigkeit auf die Formel brachte: Deus operatur per causas secundas liberas (Gott wirkt durch freie Zweitursachen). Es ist nicht Pater Kentenichs Absicht, dieses Ineinander und Miteinander philosophisch und theologisch im heutigen Kontext neu zu begründen – wohl sah er darin eine der epochalen Herausforderungen einer wirklich heutigen Theologie. Sein Verdienst ist es, die psychologischen und pädagogischen Konsequenzen herausgearbeitet zu haben.

2.1. Die psychologische Dimension des Weltregierungsgesetzes nennt er das „Gesetz der organischen >>Übertragung und Weiterleitung“.

Gott hat als Schöpfer etwas von seiner Vollkommenheit auf die Geschöpfe übertragen. Er lässt den Menschen teilhaben an seiner Macht, seiner Autorität usw. So werden zum Beispiel die Eltern zu Teilhabern an seiner Schöpfertätigkeit, nehmen auch teil an seiner Autorität. Für das Kind heißt das: Was eigentlich letztlich Gott gehört Achtung, Ehrfurcht, Liebe darf es auch auf die Eltern als Stellvertreter Gottes übertragen. In der Bindung an geschöpfliche Zweitursachen bindet es sich immer auch schon an Gott. Im Prozess der Weiterleitung reift in der bleibenden Bindung an die Geschöpfe langsam auch die Intensität der Bindung an Gott. „Das Kind kennt nicht die wissenschaftlichen Gesetze, aber deswegen hängt es doch an den Eltern. Es hat das Empfinden: wenn ich an den Eltern hänge, hänge ich auch an Gott. Das ist die Analyse dessen, was im gesunden Menschen liegt, aber abhanden gekommen ist. Wir müssen den Gesetzen nachspüren, damit wir sie sinngemäß auf das praktische Leben anwenden können“ (ME 1934, 157). Was hier vom Verhältnis Eltern Kinder ausgeführt ist, gilt für alle Bindungsvorgänge, in denen Gott und geschöpfliche Welt gleichzeitig einbezogen sind.

Die innere Dynamik so verstandener und praktizierter Bindung hat Pater Kentenich in zwei Aussagereihen konkretisiert, die seine Auffassung von „prophetischer Dinggebundenheit“ spiegeln. Zum einen spricht er von der „Reiz , Enttäuschungs und Weiterleitungsfunktion“ der Geschöpfe (>>Werktagsheiligkeit, >>Dinggebundenheit): „Es gibt eine Reizfunktion der Dinge. In der Hauptsache soll die Liebesfähigkeit in uns geweckt werden. Ich muss irgendwie an einem Geschöpf lieben lernen. Das Zweite ist dann die Enttäuschungsfunktion. Sie kommt dann, wenn die Liebe zu einseitig, zu verkrampft ist, wenn ich vergesse, dass der letzte Gegenstand meiner Liebe immer die unendliche Liebe ist.“ (RomV 1965 II, 95). Die Aktualität solcher Bindungslehre wird deutlich, wenn er fortfährt: „Gleichzeitig tritt auch die Erfüllungsfunktion ein. Durch die Liebeskraft, die sich an die Geschöpfe hängt, soll gleichzeitig auch der gesunde Trieb, die Sehnsucht erfüllt werden… Mich dünkt sogar, dass wir das besonders betonen müssen, um auch hier den großen Zusammenhang zwischen Erst und Zweitursache in der Schöpfung hervorzuheben und ihm Rechnung zu tragen … Ich bin sogar überzeugt, dass wir das heute bedeutend mehr betonen müssen, als wir das je in der Heilsgeschichte getan haben“ (a.a.O.). Aus diesem Zusammenhang wird deutlich, dass lebendig verstandene Bindung eine innere Dynamik hat, die vor allem in der Auswertung der Enttäuschungsfunktion der Dinge im Sinne der Weiterleitung zu Gott hin ihre Beschleunigung erfährt.

2.2. Die zweite Aussagereihe hält fest, dass der naturhaft-natürliche Bindungsorganismus „Ausdruck, Mittel und Schutz“ für die übernatürliche Wirklichkeit ist.

Für gläubiges organisches Denken stellen Natur und Übernatur bei aller Unterschiedenheit doch einen Gesamtorganismus dar. Deshalb ist Bindung an die Geschöpfe immer schon Ausdruck einer Bindung an Gott, wird damit auch zu einem wirksamen Mittel, die Liebe zum unsichtbaren Gott zu verlebendigen. Und schließlich ist gerade für unsere bindungs und gottesflüchtige Zeit solche Bindung auch ein Schutz gegen Verflüchtigung unserer Gottesbeziehung. Pater Kentenich zeigt es am Beispiel der Kindesliebe zum irdischen Vater auf: „Ist sie vorhanden, greift sie tief bis ins vor , un und unterbewusste Seelenleben, so ist es nach dem Gesetz der organischen Übertragung leicht, sie lebensmäßig auf den Himmelsvater zu übertragen. Wie die Erfahrung zeigt, kommen ungezählt viele Katholiken zu keinem tiefen Kindesverhältnis zum Vatergott, weil ihnen die Grundlage in der niederen Ordnung fehlt. Aus demselben Grund wird für ungezählt viele mit der Zeit der Vater im Himmel entwirklicht. Er verflüchtigt sich zu einer bloßen Idee“ (LS 1952 II, 134).

3. Aus allem wird deutlich, dass die Bindungslehre Pater Kentenichs sich eigenständig von vielen anders gearteten Auffassungen abhebt.

Naturalistische Tendenzen bleiben bei der Eigengesetzlichkeit der Welt hängen, finden keinen Weg aus der andrängenden Vielfalt der Dinge zu Gott. Protestantisches Denken hat demgegenüber von Anfang an das Prinzip der Gott unmittelbarkeit vertreten. Jede Bindung an Zweitursachen, das heißt jede Form von Gott mittelbarkeit, wird als Bedrohung der Bindung an Gott angesehen. Damit verwandt ist eine supranaturalistische Tendenz im katholischen Raum, die in den vergangenen Jahrhunderten sehr stark die aszetischen Schulen und ihre Praxis des Frömmigkeitslebens bestimmt hat. Sie ging von einer gesunden Natur im Menschen aus und sprach von „Selbstvernichtung“ und vom „Nichts“ der geschaffenen, vergänglichen Welt, um den Weg zum Unvergänglichen, zu Gott zu öffnen. Pater Kentenich hat am eigenen Leib die katastrophalen Folgen einer solchen Spiritualität erfahren. Aus seiner Einsicht in die veränderte psychologische Lage des heutigen Menschen setzte er sich gerade im Interesse vitaler Gottesbeziehung für die Rettung und Heilung gesunder natürlicher Bindungen ein. So steht seine pädagogische und spirituelle Neuausrichtung im Zusammenhang mit dem Ringen um eine neue Schöpfungstheologie und eine welthafte Frömmigkeit.

Bindungspädagogik; >>Organismuslehre


Literatur:

  • J. Kentenich, Marianische Werkzeugsfrömmigkeit (geschrieben 1944 in Dachau), Vallendar-Schönstatt 1974, 41 f.
  • J. Kentenich, Kampf um die wahre Freiheit. Priesterexerzitien (7.-10. Januar 1946), verv., A 5, 267 + 5 S., 240-243
  • J. Kentenich, Kampf um die wahre Freiheit. Priesterexerzitien (7.-10. Januar 1946), verv., A 5, 267 + 5 S., 165-171
  • J. Kentenich, Studie aus dem Jahr 1949. Brief vom 31. Mai 1949. ‚Antwort auf den Bericht‘, verv.W, A 5, 421 S., 285-290
  • J. Kentenich, Daß neue Menschen werden. Eine pädagogische Religionspsychologie. Vorträge der Pädagogische Tagung 1951. Bearbeitete Nachschrift, Vallendar-Schönstatt 1971, 264 S., 185-193
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S., 201-207
  • J. Kentenich, Maria – Mutter und Erzieherin. Eine angewandte Mariologie (Fastenpredigten 1954), Vallendar-Schönstatt 1973, 456 S., 405-408
  • J. Kentenich, Rom-Vorträge. Vorträge für die Leitungen der Schönstätter Verbände in Rom (17. November 1965 – 2. Februar 1966), verv., A 5, vier Bände, 237+321+283+308 S. II, 295-298
  • J. Kentenich, Rom-Vorträge. Vorträge für die Leitungen der Schönstätter Verbände in Rom (17. November 1965 – 2. Februar 1966), verv., A 5, vier Bände, 237+321+283+308 S. III, 85 ff.
  • M.L. Badry, Ihr Geschenk – die Gnade der Beheimatung, OW 1983, 83-98
  • H.M. Hug, Bindung im Licht der Modelle Maschine oder Organismus, Regnum 25 (1991) 72-84
    Oktoberwoche 1980

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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