Bündnispädagogik

Bündnispädagogik

M. Erika Frömbgen

1. Inhaltliche Aspekte
1.1. Der marianische Aspekt
1.2. Der Weiheaspekt
1.3. Der Bundesaspekt
2. Methodische Eigenheiten
2.1. Strukturmodell
2.2. Erfahrungsmodell
2.3. Stufenmodell
3. Problemanzeige

Der Ausdruck gibt ein Spezifikum im Pädagogikverständnis Schönstatts wieder, das besonders wichtig wird bei der Einführung in die arteigene Spiritualität und die daraus entwickelten Lebensformen und Werthaltungen wie auch die davon bestimmten Stilelemente. Konkret: Die „marianische Bundesspiritualität“ (Vgl. King 1994), die nach der Intention des Gründers „Grundsinn, Grundform, Grundkraft und Grundnorm“ Schönstatts ist, postuliert ein darauf bezogenes Erziehungskonzept, das unter dem Begriff Bündnispädagogik zusammengefasst und zugleich durch die übrigen pädagogischen Leitlinien ergänzt wird (>>Bindungspädagogik, >>Idealpädagogik, >>Liebespädagogik, >>Vertrauenspädagogik).

1. Inhaltliche Aspekte

1.1. Der marianische Aspekt (>>Maria)

ist zugleich der personale Beziehungsaspekt der Bündnispädagogik, d.h. die Mutter Christi wird nach einem von P. Kentenich viel zitierten Wort „als der schnellste, sicherste und kürzeste Weg“ zu einem personalen Gottesbezug verstanden. „Marienlehre“ und „Marienverehrung“ nehmen mit Rückgriff auf das allgemeine Traditionsgut und die Mariologie der Kirche einen breiten Raum ein. Zugleich wird eine vom Gründer Schönstatts ausdrücklich gewollte Distanz zu solchen marianischen Bewegungen gewahrt, die auf mystische Erfahrungen angelegt sind oder zurückgeführt werden, um den eigenen, als originell erkannten Bezug eindeutig leben und bewahren zu können. „Halt in einem klaren mariologische Wissen“ gilt als Basis für eine solide Marienverehrung und zugleich als Erweiterung und Sicherung des gesamten christlichen Glaubensorganismus. Das „Marienbild“ Schönstatts will nach P. Kentenich nicht exklusiv, sondern affirmativ verstanden sein, exponiert in dem Ausdruck „Dauergefährtin und Dauergehilfin Christi beim gesamten Erlösungswerk“, dem Menschen zugewandt als „Erzieherin“ (Vgl. Vautier 1981).

1.2. Der Weiheaspekt

ist ein zentrales pädagogisches Anliegen Schönstatts, konkret: die Einführung in das >>Liebesbündnis mit Maria und die damit verbundene Hinführung zu einem Leben aus diesem Bündnis. Letzteres schließt die didaktische Erschließung einer originellen Bündnisfrömmigkeit und eine davon inspirierte >>Aszese ein. Nach P. Kentenich ist die marianische Gebundenheit das „Kernstück der marianischen Erziehung“, die sich als eine „vereinigende und verähnlichende, schöpferische Kraft der Lebensmitteilung“ äußert. Sie ist der leichteste Weg zur „marianischen Haltung“, die als Erziehungsziel angestrebt wird und einen originellen Lebens und Arbeitsstil einschließt (Frömbgen 1973). In der Marienweihe kommt traditionsgemäß ein spezifischer Beziehungsaspekt zum Ausdruck: in der Verehrung der Mutter die kindliche Gebundenheit, der Königin die ritterliche Gebundenheit und der Fürsprecherin das Vertrauen in die „Bündnispartnerin“.

1.3. Der Bundesaspekt

erweitert den didaktischen Radius der Bündnispädagogik mit Blick auf die Heilsgeschichte als Bündnisgeschichte, wie sie das Alte und Neue Testament vermittelt. Durch die Taufe beginnt für jeden Christen sein persönliches Liebesbündnis, das es im Rahmen der Bündnispädagogik zu entfalten und zu gestalten gilt. Nach P. Kentenich geht es darum, als „Christus und Dreifaltigkeitspartner“ im eigenen Leben Bündnisfähigkeit, Bündniswilligkeit, Bündnisbewusstsein und Bündnistreue zu entwickeln und möglichst zur Ausreife zu bringen (vgl. LS 1952 II, 56 f.). Die fortwährende Korrespondenz mit den Ergebnissen der Bundestheologie und Bundesphilosophie garantiert der Bündnispädagogik bei gleichzeitiger Betonung der originell entwickelten Bündnisaspekte Schönstatts die angemessene didaktische Weite und Breite.

2. Methodische Eigenheiten

2.1. Strukturmodell

Hier geht es darum, der strukturellen Eigenart der gewachsenen religiösen Beziehungen als pädagogischem Vorfeld Rechnung zu tragen. Bündnispädagogik muss methodisch berücksichtigen, dass der heutige Mensch entweder direkt (am Ort) oder indirekt (über Medien und Tourismus) in einer multikulturellen Gesellschaft lebt, mit multireligiösem Kulturgut in Kontakt kommt und daher keine homogenen Voraussetzungen für die Bündnisspiritualität Schönstatts in den pädagogischen Dialog einbringt. Erschwerend kommen in der Regel negative Vorerfahrungen hinzu, die das persönliche Verständnis von personaler Bindung und Freiheit derart belasten, dass die erste pädagogische Aufgabe die der positiven Gegen oder Ergänzungserfahrungen ist (>Bindungspädagogik, >Liebespädagogik), ohne die dem „Liebesbündnis“ die solide Basis fehlt. Fehlt die Berücksichtigung der je arteigenen kulturellen wie individuellen Voraussetzungen, kommt es zu einer Überfremdung der Persönlichkeit oder ganzer Gruppen, die im fortschreitenden Lebensprozess nicht nur kritisch hinterfragt, sondern vielfach auch als Ballast abgeworfen wird.

Nachdem sich die Schönstattbewegung international und interkulturell ausgeweitet hat, liegt hier eine besondere pädagogische Herausforderung hinsichtlich der Einführung in die Bündnisspiritualität. Negativfolgen durch Nichtbeachtung derartiger Voraussetzungen müssen kontinuierlich reflektiert und ohne Schuldzuweisung als Korrekturerfahrung für die bündnispädagogischen Rahmenbedingungen integriert werden. Die Bezeichnung „Neu Schönstatt“ für die außerhalb Deutschlands entstandenen Schönstattzentren ist nach dem Willen des Gründers ein pädagogisches Programm in diesem Sinne.

2.2. Erfahrungsmodell

Unter methodischem Gesichtspunkt geht es darum, dass dem „Liebesbündnis“ in jedem Fall eine hilfreiche und sympathische Breitenerfahrung auf der Basis der Bündnisspiritualität vorausgeht. P. Kentenich umschrieb diese Voraussetzung gern mit dem geflügelten Wort: „Mit einem Eiszapfen zündet man kein Feuer an.“ Die konkrete pädagogische Aufgabe besteht darin, die psychologischen Grundlagen der religiösen Erziehung zu festigen bzw. aus verschütteten oder nicht entfalteten Dispositionen zu entwickeln. Als solche nennt P. Kentenich: (1) positive religiöse Erlebnisse in einer Atmosphäre des religiös Selbstverständlichen (Begegnungen, Gespräche, Gottesdienste, Workshops), (2) fester Halt in einer religiösen Gemeinschaft, (3) Halt in einem klaren religiösen Wissen, (4) Halt in einem vorgelebten Beispiel. Letzteres verlangt nach „neuen“ Kriterien für das pädagogische Selbst und Fremdverständnis, konkret (1) eine „neue Sicht“ des Menschen, (2) ein „neues Verstehen“ des anderen und auch des eigenen Lebens, (3) eine „neue Verbundenheit“ mit Blick auf das „Liebesbündnis“, (4) ein „neues Tun“ (PT 1951, 121).

2.3. Stufenmodell – Bei der Einführung in das „historisch gewordene Liebesbündnis Schönstatts“ sind die organischen Entwicklungsschritte zu beachten und methodisch zu berücksichtigen (>>Bewegungspädagogik). Der Weg vom Erkennen zum Lieben und die daraus vollzogene Hingabe hat in der Lehre vom geistlichen Leben zu einem Stufenmodell geführt, das auch in der Bündnispädagogik Beachtung findet: zur „Entwicklung der Gottesliebe“ die „Materialstufen der caritas“, zur „Entwicklung der Selbstliebe“ die „Materialstufen der passio“ (Schmidt 1939). Das marianische Liebesbündnis, sofern es in Gemeinschaft geschlossen wird, entspricht diesen durch die Aufbaustufen Mitarbeiter- und Mitgliedsweihe sowie durch aszetischen Stufen >>Blankovollmacht, >>Inscriptio und >>“Engling Weihe“, auf die auch die >>Gründungsurkunden Bezug nehmen. Aus pädagogischer Sicht bedarf es heute mit Blick auf die in Gemeinschaft angestrebte Stufenfolge nicht nur der unterstützenden, sondern auch der kritischen Begleitung. P. Kentenich warnt vor Gemeinschaftsakten, die im Sinn der oben genannten Vorerfahrungen nicht solide vorbereitet sind oder das Eigenleben des einzelnen nicht oder nur schwach betreffen. Sie begünstigen ein „Massenmenschentum auf religiöser Ebene“ und stehen somit in direktem Widerspruch zur angestrebten Zielgestalt vom „neuen Menschen“ und der „neuen Gemeinschaft“. Die oben genannte theologisch reflektierte Stufenfolge kann daher nur als formale Orientierung gelten.

3. Problemanzeige

Für den konkreten Lebensvollzug bleiben die im persönlichen Leben entwickelten religiösen Dispositionen (>>praeambula fidei irrationabilia) die maßgebende Entscheidungshilfe nach dem generell gültigen Erziehungsgrundsatz: „selbstlos fremder Eigenart dienen“. Bereits 1950/51 macht P. Kentenich in seinen Pädagogischen Tagungen darauf aufmerksam, mit welchen erschwerenden Bedingungen die Entfaltung der religiösen Bindungs und Bündnisfähigkeit belastet ist. Derartige Zeitdiagnosen bedürfen vor allem der kontinuierlichen Aktualisierung, wo eine geschichtlich gewordene religiöse Lebensform den gegenwärtigen Menschen normierend erreichen soll, wie das in der Bündnispädagogik der Fall ist. Ansonsten trifft auf den hier angelegten Erziehungsvorgang zu, was P. Kentenich 1931 vor Pädagogen sagte: „Das ist vielfach die Tragik unserer katholischen Pastoration, unserer katholischen Aszese und Pädagogik, dass wir vielfach jeweils Menschen zu erfassen suchen, die schon nicht mehr existieren. Die haben einmal existiert. Wir pastorieren also immer weiter, wie es vielleicht in einer früheren Generation war. Daher kommt es denn wohl auch, dass die konservative Einstellung, die dem Katholizismus im Blute liegt, mit der Zeit etwas Versteinertes und Verkalktes annimmt“ (JPT 1931, 50). Für ihn blieben „Seelen und Zeitenstimmen“ zeitlebens eine wesentliche Ergänzung zur philosophisch theologischen „Seinserkenntnis“, die auch die Bündnispädagogik berücksichtigen muss, wenn sie erfolgreich sein will.

>Bindungsorganismus, >>Bindungspädagogik, >>Idealpädagogik, >>Liebesbündnis, >>Liebespädagogik, >>Sein, >>Seele, >>Vertrauenspädagogik, >>Zeitenstimmen


Literatur:

  • J. Kentenich, Auf Dein Wort hin werfe ich die Netze aus. Amerikabericht (September 1948), in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen- und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1991, 91-158, 137
  • J. Kentenich, Grundriß einer neuzeitlichen Pädagogik für den katholischen Erzieher. Vorträge der Pädagogischen Tagung 1950, Vallendar-Schönstatt 1971, 153 f. 189 ff.
  • J. Kentenich, Autorität und Freiheit in schöpferischer Spannung (September 1961). Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1993, 7-142, 53
  • H. King, Marianische Bundesspiritualität, Vallendar-Schönstatt 1994.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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