Christusgliedschaft

Christusgliedschaft

Hans-Werner Unkel

1. Kurze theologische Zusammenschau
2. Lebensgestaltung aus der Christusgliedschaft
2.1. Christusbezug
2.2. Der gemeinschaftlich-soziale Bezug
2.3. Der geschichtlich-universale Bezug
2.4. Patrozentrische Ausrichtung

Das Thema der Christusgliedschaft durchzieht als Botschaft die Zeit vom Beginn der zwanziger Jahre bis 1968. Angeregt wird die Entfaltung der Thematik durch die liturgische Bewegung; in der Veröffentlichung der Enzyklika Pius XII. «Mystici Corporis“ (1943) findet P. Kentenich seine Auffassungen bestätigt; ein neuer Reflexionsschub lässt sich 1965 im Zusammenhang mit dem Vatikanum II beobachten.

1. Kurze theologische Zusammenschau

Der Kern der Botschaft von der Christusgliedschaft ist eine Tauf- und Gnadentheologie. In ihr stellen Gotteskindschaft und Christusgliedschaft eine sakramentale Wirklichkeit dar, die die Existenz des Christen ganzheitlich prägt und von P. Kentenich jeweils in ihrer unzertrennlichen gegenseitigen Hinordnung gesehen wird.

Leitfaden der Reflexion und der spirituellen Anwendung ist dabei der Begriff des „Lebens“. Durch die Taufe werden die Christen hineingezogen in das „übernatürliche“ Leben, es wird ihnen eine „Teilnahme am göttlichen Leben“ geschenkt, sie erhalten einen „neuen Lebensgrund“ (die heilig machende Gnade) mit „neuen Lebensfähigkeiten“ (die göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe). Die Gnade des göttlichen Lebens ist zugleich Gabe und Aufgabe: ein bleibendes Gnadengeschenk, das aber zur Entfaltung, zum Wachstum und zur Reifung dieses ganzheitlichen Lebens auf die menschliche Mitwirkung angewiesen ist. Der Lebensbegriff hat seine Wurzeln in johanneischer Theologie; er wird in seinem Wert durch den Rückgriff auf die Lebensphilosophie fruchtbar gemacht. Der Begriff des Lebens verbindet eine vielschichtige Wirklichkeit zu einer Einheit: göttliches und menschliches Leben („Natur und Gnade“), originelle Individualität, Sozialbezug und Universalität (Sendungsbezug). Das Geheimnis der inneren Verbundenheit zwischen Christus und den Getauften wird am Bild des Lebensstromes verdeutlicht, der den Weinstock und die Rebzweige (Joh 15,1-8) miteinander in fruchtbarer Verbindung hält.

Die Wirklichkeit der Christusgliedschaft hat ihren Platz in paulinischer Ekklesiologie. Das Bild vom Leib Christi (Kol 1,18; 1 Kor 12,4-3O; Röm 12,5-7), in dem Haupt und Glieder und die Glieder untereinander unzertrennlich aufeinander verwiesen sind, dient dazu, die soziale Dimension der Christusgliedschaft für das Zusammenleben der Christen in Einheit und Frieden fruchtbar zu machen.

Der Gemeinschaftsbezug der Christusgliedschaft hat seine Grundlage in der sakramentalen Teilnahme am Leben Christi. Sie ist begründet in der Taufe und wird genährt und verlebendigt durch die Sakramente. Christliche Existenz ist ein „In-Christus-sein“: Paulus sieht es als seine Lebenssendung an, allen Völkern „das große Gottes- und Christusgeheimnis“ zu künden. P. Kentenich kleidet es in Anlehnung an Paulus in die Kurzformel „Christus in uns und wir in Christus“ (NC 1942, 150). Was dieses gegenseitige geheimnisvolle Verbundensein bedeutet, entfaltet P. Kentenich anhand des Taufritus (vgl. Röm 6): das Untertauchen versinnbildet ein Mit-leiden und Mit-sterben mit Christus, das Auftauchen ein Mit-Auferstehen und Mit-verklärtwerden mit Christus. Kurz, einprägsam und ohne theologisch notwendige Unterscheidungen: „Christenleben ist gleichbedeutend mit Christusleben“ (NC 1942, 158).

Johanneische und paulinische Theologie berühren sich eng in der geheimnisvollen Wirklichkeit der Gotteskindschaft: „in Christus“ werden wir in Jesu Kindschaft vor dem Vater hineingezogen: wir dürfen (im Heiligen Geist) beten und seufzen „abba, Vater“ (vgl. Röm 8,15-17). Alle, die das fleischgewordene Wort glaubend aufnehmen, erhalten die Macht, Kinder Gottes zu werden (vgl. Joh 1,12).

2. Lebensgestaltung aus der Christusgliedschaft

Die umrissene Tauftheologie macht P. Kentenich pädagogisch-spirituell fruchtbar für das Leben des Christen in seiner Welt und Zeit. Dabei zeigt sich, dass er die Christusgliedschaft als eine Gnade in Bindungen entfaltet. Es sind im wesentlichen vier Dimensionen, die einem umfassenden Lebensstil des getauften gläubigen Christen Gestalt und Dynamik geben können.

2.1. Christusbezug

Jeder Getaufte des pilgernden Gottesvolkes ist zu einer originellen Christusnachfolge berufen und befähigt: zu einem Leben aus der Seins-, Lebens- und Wirk- (Sendungs-)gemeinschaft mit Christus. P. Kentenich ist es daran gelegen, dass der Christusbezug zu einer persönlich erfahrenen und deshalb lebensbedeutsamen Begegnung und Beziehung wird. Christusgliedschaft wird dann zu einer personal vollzogenen Teilnahme am Leben Jesu Christi: am „leidenden, sterbenden und auferstandenen (verklärten) Heilandsleben“; am „erniedrigten und erhöhten Heilandsleben“ (MPLW 1933); die freudenreichen, schmerzensreichen und glorreichen Geheimnisse (wie wir sie im Rosenkranz mit Maria betrachten), die „beglückenden, erdrückenden und entzückenden Seiten des (historischen) Heilandslebens“ (NC 1942) werden aktuelle Wirklichkeit im individuellen und gemeinschaftlichen Christenleben. In dieser personal liebenden Christusgebundenheit wächst der Christ zur „Vollgestalt Christi“ (vgl. Eph 4,13) heran, „zur Mündigkeit und Selbständigkeit und zum Wagemut in Christus“ (Br 28.10.1941) und kann von sich sagen: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Damit werden die Konturen einer christusbezogenen („christomystischen“) Spiritualität christlicher Existenz sichtbar, die allen Lebensstadien und Lebensvorgängen aus der liebenden Bezogenheit auf Jesu Christus hin Sinn verleiht.

2.2. Der gemeinschaftlich-soziale Bezug

Aus dem Christusbezug fließt eine Hinordnung auf die Gemeinschaft der Kirche. Christliche Existenz erschöpft sich nicht im Individuellen, sie wächst, reift und gelangt zu ihrer Fülle im Corpus Christi Mysticum. Als Glied dieses Mystischen Leibes Christi trägt darin jeder Getaufte mit seinem ihm von Gott geschenkten Charisma zur Auferbauung der Gesamtheit bei. Christus ist das Haupt, wir alle sind jeweils Glieder, die ihren originellen Wert und Reichtum beitragen können und dazu aufgerufen sind. Einheit erwächst aus der Verschiedenheit und der Bereitschaft aller Glieder des priesterlichen Gottesvolkes (eingeschlossen die geweihten Amtsträger) zur gegenseitigen Ergänzung der Charismen und zur dienenden Interaktion aller Glieder zum Wohl des Ganzen.

Den Trägern des Weihepriestertums ist in besonderer Weise die Vergegenwärtigung des Hauptcharakters Christi anvertraut, und zwar als Dienstamt an der Einheit der Charismen und der Lebenskraft der Glieder des Leibes.

Aus der Gnade der Christusgliedschaft folgt die Aufforderung, sich gegenseitig wertzuschätzen („vidisti fratrem, vidisti Christum“), miteinander die Freuden zu teilen und Leiden solidarisch mit zu tragen, füreinander geschwisterliche Sorge und Verantwortung zu übernehmen. Die grundlegende Ausrichtung auf gegenseitige Verantwortungsbereitschaft und soziale Vernetzung hat in Schönstatt die konkrete Form der „Beiträge zum Gnadenkapital“ erhalten. In Gebetsform formuliert „Himmelwärts“ die Praxis dieser gnadenhaften solidarischen Gegenseitigkeit, die fähig ist, Alleingelassensein, Isolation und Überforderung aufzubrechen:

„In Christus Jesus sind wir eng verbunden,
vereinigt tief in seinen heiligen Wunden –
wir seine Glieder, er das große Haupt:
das ist die Botschaft, die uns niemand raubt.

Wenn wir in Sein und Leben Christus gleichen,
dann dürfen wir die Hand einander reichen:
die Frömmigkeit des einen kommt zu gut
den anderen allen durch des Heilands Blut.“
(HW 1945, 129)

2.3. Der geschichtlich-universale Bezug

Im Geheimnis der Christusgliedschaft liegt eine pneumatische Dynamik hin zur Universalität: die gesamte Wirklichkeit der Welt soll fortschreitend mehr von der erlösenden Heilsgnade Christi durchdrungen und erfasst werden. Der Sendungsbezug auf die Welt hin gehört (aufgrund der Taufe) konstitutiv zu jedem Christen und zur Kirche als ganzer. Alle Getauften sind aufgrund des allgemeinen Priestertums im Heiligen Geist berufen und gesandt, geschichtsschöpferisch an der Aufrichtung eines Reiches der Liebe, der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens mitzuarbeiten: an der „marianischen Christusgestaltung der Welt“ (KW 1946).

In Christus ereignet sich Heilsgeschichte auf der ganzen Bandbreite der Weltgeschichte. Allerdings ist die Dichte jeweils verschieden. Die vielfältigen Werte, die sich in den anderen Religionen (als „Samen des Wortes“), auch bei den nicht an Gott Glaubenden, finden, dürfen als eine „incohative“ (anfängliche) Christusgliedschaft gesehen werden (RomV 1965 II, 211). Damit ist ein Weg gewiesen, einen ehrfürchtigen, vorurteilsfreien Dialog mit nicht-christlichen Lebensentwürfen aufzunehmen und in ihnen das (anfanghafte) Wirken des Geistes Christi zu entdecken.

Die gesamte Weltgeschichte weist (trotz aller Grausamkeiten und Unbegreiflichkeiten letztlich doch) von Christus her Sinnstrukturen auf. Durch den in ihr wirkenden Gottesgeist beschließt die Geschichte in sich die Dynamik einer „Vorbereitung, Fortsetzung, Abrundung und Vollendung der Lebensgeschichte Christi zwecks vollkommener Liebesvereinigung mit dem Vater“ (OB 1949, 49), so dass alles in Christus erneuert wird (entsprechend dem Motto Pius X. „Omnia instaurare in Christo“; vgl. Eph 1,10).

2.4. Patrozentrische Ausrichtung

Christusgliedschaft ist hinorientiert auf die „Liebesvereinigung mit dem Vater“. Die Teilnahme am Kindsein Jesu dem Vater gegenüber, in der Taufe sakramental grundgelegt, richtet das Leben des Glaubenden ganzheitlich („Beten, Arbeiten und Leiden“ als wichtigste Lebensbereiche) auf die Aktualisierung des Hineingezogenseins in die Kindschaft Jesu aus. Es ist der Geist, der die urmenschliche Sehnsucht nach der beglückenden Erfahrung des (kindlichen) Angenommen- und Bejahtwerdens (den „natürlichen Kindestrieb“) weckt und gnadenhaft auf den Vater im Himmel hinlenkt (vgl. Röm 8). Das durch die Schöpfungswirklichkeit gegebene Bedürfnis nach kindlicher Geborgenheit wird vom Geist Gottes aufgegriffen („übernatürlicher Kindestrieb“), eschatologisch ausgerichtet und dadurch erlöst, befreit und vollendet. Gelebte Frömmigkeit der Christusgliedschaft ist christomystisch und patrozentrisch. In dieser dynamischen Hinorientierung auf Gott als den Vater wird für P. Kentenich lebensmäßig die innere Einheit des Paschamysteriums als unzertrennbare Bezogenheit von Karfreitag und Ostern gesichert. Das Mitleiden mit dem Gekreuzigten darf nicht der Gefahr erliegen, zu einer angstbesetzten, anklagenden Ablehnung des als grausam erlebten Vaters zu werden. Der Weg des Christen in der Welt ist ein Nachgehen des Weges Christi: „Vom Vater bin ich ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater“ (Joh 16,28). Das In-der-Welt-sein bekommt dadurch seinen Sinn als Reifung der Kindschaftsgnade, als Gesandt sein, den Auftrag des Vaters zu erfüllen und als eine umfassende Bewegung der „Heimkehr und Heimholung der Auserwählten durch Christus im Heiligen Geist zum Vater“. Eschatologie ist die universale Bewegung, dass der Sohn dem Vater alles unterwirft, damit der Vater über alles und in allem herrscht (vgl. 1 Kor 15,28).

>Jesus Christus, >>Gotteskindschaft


Literatur:

  • J. Kentenich, Der heilige Geist und das Reich des Friedens. Exerzitien für Bundes- und Marienschwestern vom 24.-30. August 1930, Schönstatt 1979, 377 S., 1O4-112
  • M. A. Nailis, Werktagsheiligkeit. Ein Beitrag zur religiösen Formung des Alltags, Limburg 1937 (1964) – Vallendar-Schönstatt 1974, 31.45-50.106-107.152.202.224
  • J. Kentenich, Nova creatura in Jesu et Maria (Sponsa-Gedanken). Geschrieben vom 5.-10.1.1942, Schönstatt 1991, 179 S.
  • J. Kentenich, Himmelwärts. Gebete für den Gebrauch in der Schönstattfamilie, Vallendar-Schönstatt 1973, 122-129
  • J. Kentenich, Krönung Mariens Rettung der christlichen Gesellschaftsordnung (Krönungswoche 1946), Vallendar 1977
  • Rom-Vorträge. Vorträge für die Leitungen der Schönstätter Verbände in Rom (17. November 1965 – 2. Februar 1966), verv., A 5, vier Bände, Bd II, 194-228
  • J. Kentenich, Texte zum Verständnis Schönstatts. Herausgegeben von Günther M. Boll, Vallendar-Schönstatt 1974 84-86.115-118.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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