Demut

Demut

Herbert King

1. Selbstwertgefühl
2. Zusammenhang der Tugenden

Demut spielt in der spirituellen Tradition der Kirche eine wichtige Rolle. Sie ist die Antwort auf die Erfahrung der Geschöpflichkeit, der Grenzen, der Schuld, der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen. „Die Demut ist die sittliche Tugend, durch die der Mensch – aufgrund einer über-aus wahren Selbsterkenntnis – sich selbst gering schätzt“, sagt der hl. Bernhard (zit. in: PT 1950, 172). In den verschiedenen spirituellen Schulen wird das Wachstum der Heiligkeit auch am Wachstum der Demut gemessen. Man vergleiche die verschiedenen Grade der Demut in der benediktinischen und der ignatianischen Spiritualität. Pater Kentenich steht in dieser Tra-dition.

Er macht aber auch selbst Beobachtungen. Diese veranlassen ihn, mit dem Wort Demut be-sonders behutsam umzugehen und den theologisch-aszetischen Gesichtspunkt durch den psychologischen zu ergänzen, den „Lebensvorgang“ Demut möglichst umfassend herauszu-arbeiten.

1. Selbstwertgefühl

Besonders ausdrücklich grenzt Pater Kentenich Demut ab gegen Min-derwertigkeitsgefühl, fehlendes Selbstwertgefühl, „proletarisches Lebensgefühl“, wie er es nennt. Nicht nur muss „Selbstherrlichkeitspädagogik“ vermieden werden, sondern auch „Min-derwertigkeitspädagogik“ (PT 1950, 156). Letztere ist das „Gegenteil“ von Demutspädagogik (PT 1950, 156). Demut und Selbstwertgefühl gehören zusammen. „Worum dreht es sich also bei der Demut? Um die rechte Selbstbewertung“ (PT 1950, 172). Dabei besteht ein Wechsel-verhältnis. Nicht nur ist Demut Voraussetzung für Selbstwertgefühl. Letzteres ist auch Folge von echter Demut. Mit Würde demütig sein ist das Ziel, mit der gleichen Freiheit sich groß und klein erfahren können.

Insgesamt ist gerade bei der Demut der Zusammenhang mit dem Ganzen wichtig. „Damit nicht Minderwertigkeitsgefühle in uns wach werden, müssen wir (…) die Demut hineinstellen in den Organismus des ganzen Tugendgebäudes“. Das bedeutet zunächst einmal, den Zusam-menhang mit der Gottesliebe richtig zu sehen. „Wir müssen also gleich beifügen: Demut ist die Tugend, die uns fähig und geneigt macht, aufgrund einer überaus klaren und wahren Selbst- und Gotteserkenntnis uns – getrennt von Gott – gering, in Verbundenheit mit Gott ü-beraus groß und hoch zu schätzen“ (PT 1950, 172). Damit korrigiert Pater Kentenich aus-drücklich die oben angeführte Definition des hl. Bernhard und der Tradition. Beides gehört zusammen: „Kühnheit des Heiligen“ und die „Kühnheit des Sünders“ (PT 1950, 140).

2. Zusammenhang der Tugenden

Aber auch der Zusammenhang mit den anderen Tugen-den will bewusst gesehen werden. Besonders hebt Pater Kentenich die Liebe hervor. „Demut kann nicht ohne Liebe bestehen“ (PT 1950, 172). Immer wieder hält er Kurse über das Wort-paar „Demut und Hingabe“. „Der Heroismus der Demut will aber sodann ergänzt werden durch Heroismus der Hingabe“ (PT 1950, 90). Oder er hebt hervor, dass „die Grundlagen der echten Demut Wahrheit und Gerechtigkeit“ sind (PT 1950, 172). Wichtig ist ihm sodann der Zusammenhang von Ideal und Demut. Demutserziehung soll nicht dadurch geschehen, dass der Mensch „gedeckelt“ wird, sondern dadurch, dass er große Ziele sieht. Demutspädagogik ist ein Aspekt der „Idealpädagik“ (PT 1950, 156). So hat Pater Kentenich Demut neu formu-liert, ihren Stellenwert im Gesamtorganismus der christlichen Haltungen und Werte neu be-schrieben.

Dabei sind auch neue Wortprägungen entstanden. Hier ist vor allem der Begriff „Kleinsein“ von Bedeutung. Die Erfahrung des Kleinseins ist dann ihrerseits wieder hinein genommen in die >>Kindlichkeit. Ebenso in die Formel „erbärmliches und erbarmungswürdiges Königskind“, die in den letzten Lebensjahren Pater Kentenichs bedeutend wurde. Hier spielt die spirituelle Beobachtung eine Rolle, dass „der Vatergott der erkannten und anerkannten Schwäche sei-ner Kinder nicht widerstehen kann“ (DD 1963 VI, 71). Schließlich ist das Thema Demut hinein genommen in das >>Liebesbündnis mit seinen Stufen und seiner Entfaltung der sich preisge-benden und der vereinigenden Liebe.

Die bewusste und ausdrückliche Einbindung in den Organismus der christlichen Grundhaltun-gen bringt es mit sich, dass der Mensch in seinen Fehlern und Begrenzungen locker, gelöst und frei vor sich, vor Gott und den Mitmenschen stehen kann. „Sich nicht wundern, nicht ver-wirrt werden, nicht mutlos werden, nicht heimisch werden“, vielmehr „ein Wunder der Demut, des Vertrauens, der Geduld und der Liebe“ werden (DD 1963 VI, 56 ff.). So lesen wir bei Pa-ter Kentenich immer wieder. Unbefangen fröhlich sein können, nicht die Haltung des zer-knirschten Sünders annehmen müssen, nicht auf die eigenen Verdienste schauen müssen, nicht zu große Angst und Beklemmung vor Gott haben müssen. Die Erfahrung des Kleinseins ist ein Sprungbrett in die Arme Gottes.

Auf diese Weise wird verhindert, dass Demut zum Krampf wird. Vielmehr kann ein gesundes Wachstum der Demut stattfinden. Dieses sieht Pater Kentenich in drei Stufen, die sich an der Beschreibung des hl. Ignatius orientieren: Sich gefallen in seinen Schwächen. Gefallen daran finden, von anderen darin erkannt zu sein. Sich gefallen und sich rühmen, von anderen auch so behandelt zu werden“ (DD 1963 VI, 64 ff. 73 ff).

Demut, Kleinsein ist etwas, was der Mensch zutiefst will, weil es seinem Sein entspricht. Pater Kentenich redet vom Kleinsein „Dürfen“. Doch ist es nur dann ein Dürfen, wenn der Gesamt-zusammenhang richtig gesehen ist, wenn die Demut gesund ist. Kleinsein ist nicht der Höchstwert.

Eine solche Auffassung von Demut ist heilend, hat therapeutische Bedeutung. „Unverstande-ne und uneingestandene Schuld und Schwäche ist heute eine der wesentlichsten geheimen Ursachen für so viele seelische Zusammenbrüche in der ganzen Welt. (…) Die Tugend, die hier Heilung schafft, auf die es hier ankommt, haben die Alten humilitas – Demut – genannt“ (PT 1950, 156. 171). Damit ist eine wichtige Lebenseinsicht Pater Kentenichs formuliert.

>Aszese, >>Kindlichkeit.


Literatur:

  • J. Kentenich, Grundriss einer neuzeitlichen Pädagogik für den katholischen Erzieher. Vorträge der Pädagogischen Tagung 1950, Vallendar-Schönstatt 1971, 90. 156-172
  • J. Kentenich, Desiderio desideravi. Milwaukee-Terziat (1962-1963), verv., A 5, elf Bände, Bd VI, 62-78.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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