Ehe

Ehe

Hubertus Brantzen

1. Eine neue Bewertung der Ehe
2. Weg zur Heiligkeit
3. Eheliche Sexualität
4. Erziehung zur Ehe
5. Ehe als Träger der Seelsorge´
6. Ehe weitet sich zur Familie

1. Eine neue Bewertung der Ehe

Nach Gen 1 ist der von Gott erschaffene Mensch als Mann und Frau Ebenbild Gottes und hat als solcher den Auftrag, fruchtbar zu sein. Die synoptische Verkündigung des Neuen Testamentes betont diese positive Sicht der Ehe und führt sie auf ihre ursprüngliche Klarheit zurück (gegen Ehescheidung im mosaischen Gesetz). Paulus qualifiziert Ehe als Lebensform „im Herrn“ und weist damit die Schöpfung Ehe als Heilsweg aus (Eph 5,21-33). Ab dem 11./12. Jahrhundert spricht die Kirche von Ehe als Sakrament.

Dennoch wurde alles Geschlechtliche und infolgedessen auch die Ehe durch viele Jahrhunderte abgewertet. Erst mit dem II. Vatikanum wurde Ehe und Familie wieder ausdrücklich als Weg der Berufung zu christlicher Vollkommenheit anerkannt (LG 11.40.41). Gerade dies war das Anliegen Pater Kentenichs bereits während seiner ehepädagogischen Tagung 1933, dann besonders in der Praxis seiner Gemeindeseelsorge in Milwaukee. 1967 lautete das Ergebnis seiner Erfahrungen in der Ehepastoral und seiner Überlegungen: „Die >>Heiligkeit der Eheleute ist im wesentlichen gleich geartet und gleichgeschaltet der Heiligkeit des jungfräulichen Menschen, ist im wesentlichen dasselbe. Deswegen eine ganz starke Umorientierung des Heiligkeitsbegriffs im Zusammenhange mit dem Geschlechtlichen“ (StExMü 1967, 195.206).

2. Weg zur Heiligkeit

Ehe bleibt in dieser neuen Sicht nicht ein Zugeständnis an die Schwachheit der menschlichen Natur, sondern ist ausdrücklich – gerade auch als ein Sakrament der Kirche – ein genuiner Weg zur Heiligkeit. Religiöses Leben in der Ehe als Normalfall von Laienfrömmigkeit (>>Laie) kann darum keine Nachahmung einer Ordensspiritualität sein. Für Pater Kentenich gilt es, dass die Eheleute heilig werden, indem sie die „irdischen Dinge“ bejahen, in richtiger Weise benutzen und schätzen. >>Leiblichkeit, >>Geschlechtlichkeit, Erwerb und Besitz von Gütern zur Versorgung der Familie u. a. werden nicht als Hindernis, sondern als wichtige >>“Zweitursachen“ auf diesem Weg gesehen. „Das ist ja das Meisterstück, unser eheliches Leben so zu gestalten, dass wir dadurch heilig werden“ (MonVor 1961, 20.99). So kann in der Ehe als Lebensstand das verwirklicht werden, was Pater Kentenich als wesentliche Aufgabe schönstättischer Spiritualität begreift: die ganzheitliche Beziehung von Natur und Übernatur, von Leben in dieser Welt und gleichzeitiger Hinwendung zu Gott, das >>“organische Denken, Leben und Lieben“.

3. Eheliche Sexualität

„Die Ehe ist eine möglichst tiefe, dauernde Liebes- und Lebensgemeinschaft, vor allem eine Liebesgemeinschaft“ (MonVor 1961, 20, 29). Dieses Verständnis ehelicher Partnerschaft interpretiert auch eheliche Sexualität neu: „Das vollkommene Abbild des dreifaltigen Gottes sind an sich die Eheleute, und zwar im Augenblick des ehelichen Aktes“ (MonVor 1961, 20, 73). Pater Kentenich sieht die eheliche Vereinigung von Mann und Frau in dem Maße als Akt der Vollkommenheit, als er Ausdruck einer tiefen seelischen Verbundenheit miteinander und mit Gott ist. Das meint konkret die Zuordnung und Einheit der vier Elemente: „Sexus“ als naturhafte, leibliche Anziehungskraft, „Eros“ als natürliche Freude am anderen, „Amor“ als geistiges Wohlgefallen aneinander, „Agape“ als übernatürliches Band der Einheit. Pater Kentenich bezeichnet diese Sicht als „katholisches Eheideal“.

Aus dieser Sicht heraus ergibt sich auch, wie Sexualität in der Ehe gestaltet wird. Ehrfurcht voreinander und Einfühlung in die Bedürfnisse des anderen spielen dabei ebenso eine Rolle wie der verantwortliche Umgang mit der von Gott geschenkten Fruchtbarkeit. Die so genannte „natürliche Empfängnisregelung“ fördert partnerschaftliche Verhaltensweisen der Ehegatten und entspricht der personal-ganzheitlichen Sicht der Sexualität.

4. Erziehung zur Ehe

Damit diese Vorstellungen keine gut gemeinte Ideologie sind, bedarf es einer Erziehung zur Ehe. Leben in der Ehe bedeutet ein lebenslanger Prozess der Selbsterziehung und der gegenseitigen Unterstützung auf dieses Ideal der Ehe hin.

Für Pater Kentenich finden darum schönstättische Spiritualität und >>Pädagogik im Leben von Ehe und Familie ihre spezifische Anwendung. Durch das >>Liebesbündnis mit Maria erhält die Erziehung eine marianische Prägung. Die Ehe als Sakrament begründet „Hauskirche“ und findet ihren Ausdruck im >>Hausheiligtum, so dass die einzelne Ehe gleichsam zum Filialheiligtum im Netz der Heiligtümer wird. Darum entsteht das Ideal für Ehe und Familie, „lebendiges Heiligtum“ zu sein, das in der heiligen Familie von Nazareth ihren theologischen Ort hat.

5. Ehe als Träger der Seelsorge

Pater Kentenich zielte mit einem organisierten Zusammenschluss von Ehen und Familien in einem „Familienwerk“ einerseits die Erziehung christlicher Ehen und Familien an. Andererseits sah er darin ein Angebot für die zukünftige Kirche. Die Bildung von „heiligen Eheinseln“ hat eine apostolische Ausrichtung. Da sich in einer säkularisierten und pluralistischen Gesellschaft Kirche immer weniger auf politische und gesellschaftliche Stützen verlassen kann, gewinnt Ehe und Familie zunehmend als erster Ort religiöser und kirchlicher Sozialisation an Bedeutung. Die Vorstellung von einer Vernetzung christlicher Ehen und Hauskirchen lässt ein neues Bild von Kirche und Gemeinden entstehen.

6. Ehe weitet sich zur Familie

Ohne den Eigenwert der Ehe als Lebens- und Liebesgemeinschaft von Mann und Frau zu schmälern, besitzt Ehe eine innere Hinordnung auf Familie. Die Gemeinschaft zu zweit will fruchtbar werden. Sie will die erfahrene Liebe weitergeben. Das bedeutet zuerst Weitergabe des Lebens und des Glaubens in den Kindern, wenngleich diese Art, als Paar fruchtbar zu werden, nicht die einzige ist. Die Selbstverwirklichung als Mann und Frau bekommt eine neue Dimension durch das Vater- und Muttersein. Dadurch dass in der Familie das Kind „Hauptgegenstand der Sorge“ ist, wird der Egoismus zu zweit gesprengt. Das Leben Jesu als Leben „für andere“ kann konkrete Gestalt annehmen.

Die Aufgaben in der Ehe erfordern eine entsprechende Vorbereitung und Erziehung von Frau und Mann als Mutter und Vater. Hier geht es um Themen wie: positive Voreinstellung für das Kind; Einübung in ein mütterliches und väterliches Verhalten; Formung einer auf Gott hin transparenten elterlichen Autorität; Fähigkeit, Werte wie besonders Ehrfurcht und Liebe im Lebensprozess weiterzugeben; Pflege eines Brauchtums, das die ganzheitliche, menschliche und religiöse Entwicklung der Kinder und Eltern fördert.

Für P. Kentenich ist das Liebesbündnis mit Maria und über sie mit dem Dreifaltigen Gott die entscheidende Quelle der Kraft und Formung in Ehe und Familie. Gerade in der Familie wird ganzmenschlich erfahrbar, was dieses Liebesbündnis bedeutet. Das Hausheiligtum als geistiges Zentrum der Familie erweist sich als wirksames Mittel der Erziehung und der religiösen Formung.

>Familie, >>Familienwerk


Literatur:

  • Das katholische Eheideal. Eine Textsammlung, hrsg. von Heinrich M. Hug, Vallendar 1989
  • Marianische Ehepädagogik (29. August – 1. September 1933), 119 S., 74-98
  • J. Kentenich, Familie, Dienst am Leben. Einkehrtage für Familien USA 1953, Vallendar-Schönstatt 1994, 288 S.
  • Am Montagabend… Mit Familien im Gespräch, Vallendar-Schönstatt 1994 (ca. 30 Bände geplant)
  • Ehenot und Eheideal. Gestalt und Gestaltung der katholischen Ehe heute, in: Regnum 3 (1968) 166-174
  • Eheliche Liebe als Weg zur Heiligkeit, in: Regnum 28 (1994), 145 151.
  • T. Beller, Wir gehören zusammen, Vallendar-Schönstatt 1981 (verschiedene Neuauflagen)
  • E. Braunbeck, Die Familie – eine Hauskirche, Vallendar-Schönstatt 1985
  • L.Lipp, Aus der Mitte leben – Licht-Blicke für Ehe und Familie, OW 1992, 133-150
  • R. und M. Martin, Brennpunkt Ehe und Familie, OW 1981, 43-74.
  • H. Brantzen, Familienspiritualität. Am Beispiel einer christlichen Wochenzeitung, Mainz 1984.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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