Erfahrung

Erfahrung

Herta Schlosser

Sowohl im Leben wie auch in der Wissenschaft kommt dem Begriff Erfahrung große Bedeutung zu. Dennoch scheint er zu den unaufgeklärtesten Begriffen zu gehören, die wir besitzen (Gadamer). Der Vieldeutigkeit entsprechend, gibt es unterschiedliche Definitionen, die Erfahrung abgrenzen von oder in Zusammenhang bringen mit sinnlicher Wahrnehmung, Erleben, Intuition, intellektueller Anschauung, so beispielsweise Lotz. Nach ihm ist Erfahren das unmittelbare, hinnehmende Erfassen von vorgefundenen Wirklichkeiten. Damit „nähert es sich der Anschauung oder Intuition“ (Lotz, 284), ohne jedoch mit ihr zusammenzufallen. Erfahrung ist im Prozess der Wissensbildung neben Denken Quelle der Erkenntnis. Umgangssprachlich bedeutet Erfahrung eine vom Subjekt selbst im Lebensprozess gewonnene Erkenntnis (Erfahrungswissen), in den exakten Wissenschaften bedeutet Erfahrung eine durch vorbedachtes Experiment gewonnene Erkenntnis. Während Erfahrung im Sinne der exakten Wissenschaften Gegenstandserfahrung ist (messbare Außenwelt, intersubjektiv überprüfbares Wissen, zugespitzt im empiristischen Sinn), geht es bei personaler Erfahrung sowohl um Selbsterfahrung (Innenwelt) als auch um Erfahrung im zwischenmenschlichen Bereich. In Praxis und Dialog kann Erfahrung vertieft, bestätigt, aber auch korrigiert werden.

Pater Kentenich geht es vor allem um Erfassung und Deutung des menschlichen Lebens; er hat ein dem „organischen Denken“ adäquates Verständnis von Erfahrung (>>Methode). Es war ihm wichtig, „praktische Lebenserfahrungen“ (NM, 299) zu sammeln. Als Wissen wertete er die aus der Lebensbeobachtung gewonnenen Erkenntnisse erst, „wenn sie nach allen Richtungen überprüft und abgewogen waren und sich auf reichliche Bestätigung durch Erfahrungstatsachen berufen konnten“ (NM, 299). Pater Kentenich versteht Erfahrung ganzheitlich und bezieht neben der Erfahrung der Außenwelt die innere Erfahrung der menschlichen Person (>>Erlebnis) ein, aber auch zwischenmenschliche Erfahrung (>>Liebe) sowie die Erfahrung der >>Geschichte. Vor allem geht es ihm um Glaubenserfahrung. Die Schönstattgeschichte als konkrete Bündnisgeschichte (>>Liebesbündnis) ist Gotteserfahrung aus dem Glauben (>>Vorsehungsglaube). Aufgrund erlebter Geschichte formuliert Pater Kentenich Gesetzmäßigkeiten, die tradiert werden können. Sie sind als Erfahrungswissen Deutungshorizont für die je individuelle Lebensgeschichte. Der Mit und Nachvollzug der vom Gründer gemachten Erfahrung durch „Einschaltung“ und „Gleichschaltung“ ist ein origineller Weg der Gotteserfahrung.


Literatur:

  • J. Kentenich, Weihnachtstagung 1967. Vorträge vom 27. bis 30.12.1967 an die Delegierten des internationalen Schönstattwerkes, verv.O, A 5, 221 S.
  • Schlosser, Herta, Der neue Mensch – die neue Gesellschaftsordnung. Mit Originaltexten von Pater Josef Kentenich im zweiten Teil, Vallendar-Schönstatt 1971, 299.
  • J.B. Lotz, Transzendentale Erfahrung, Freiburg 1978
  • R. Schaeffler, Fähigkeit zur Erfahrung (QD 94), Freiburg 1982
  • B. Welte, Das Licht des Nichts. Von der Möglichkeit neuer religiöser Erfahrung, Düsseldorf 1980.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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