Frau

Frau

Herta Schlosser

1. Historische Etappen
2. Zum Grundsätzlichen
3. Die Frau in der Sicht Pater Kentenichs
3.1 Deutung der geschichtlichen Entwicklung
3.2 Zueinander von Mann und Frau
3.3 Die Frau in der Schöpfungsordnung
3.4 Die Frau in der Erlösungsordnung

Seit dem 19. Jahrhundert wird die Frage nach dem Zueinander der Geschlechter in einem bisher nicht bekannten Maße diskutiert. Die ungleichgewichtige Bewertung der Geschlechter wird als ungerecht begriffen und hat eine gesellschaftliche Umwälzung zur Folge (Emanzipa-tion). Die Frauenbewegung wird als eine der stärksten kulturellen Strömungen unserer Zeit gekennzeichnet und ist einzuordnen in einen allgemeinen „Paradigmenwechsel“ (Capra).

1. Historische Etappen

In groben Umrissen können etwa drei Etappen der Frauenbewegung unterschieden werden: Die erste Welle wird bezeichnet mit dem Stichwort „Frauenrechtsbe-wegung“; es geht um Gleichberechtigung. Die zweite Welle ist gekennzeichnet durch das Streben der Frau, aus der Herrschaft des Mannes herauszukommen durch „Emanzipation“ in dem Sinne, dass die Frau möglichst anstelle des Mannes tritt. Die dritte Welle zeigt eine be-ginnende Neubesinnung. Es werden große und wesentliche Unterschiede zwischen Mann und Frau festgestellt. Angestrebt wird ein neuer „Feminismus“, die Absetzung vom Mann: Frausein ist das eigentliche Menschsein.

Daraus ergibt sich eine neue Problemstellung in Bezug auf das Zueinander der Geschlechter. Versuche von Gerl und Lehmann, dieses Problemfeld zu strukturieren, greifen folgende Grundmodelle auf. Gerl stellt unter historischem Aspekt eine archaische, eine magische, eine mythische, eine mentale und eine integrale Struktur einer Zuordnung der Geschlechter vor. Lehmann nennt unter systematischem Gesichtspunkt fünf Modelle: 1. das Modell der Unter-ordnung und Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Mann (Subordinations Hypothese); 2. das Modell der Vorordnung der Frau gegenüber dem Mann; 3. das Modell der Polarität von Mann und Frau (Polaritätsmodell, das vom Wissensstand der verschiedenen Wissenschaften her gestützt ist); 4. das Modell der Androgynie; 5. das Modell einer abstrakten Gleichheit der Geschlechter.

2. Zum Grundsätzlichen

Die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau dürfen nicht unterschätzt werden, sind aber auch nicht allein ausschlaggebend. Es gibt keine „Natur“ ohne geschichtlich gewachsene Kultur. Das heißt, bestimmte genetische Dispositionen erfahren eine gesellschaftliche Prägung. Ohne diese beiden Elemente ist keine Erfassung des Menschseins möglich.

Von Bedeutung ist ferner die wechselseitige Verwiesenheit von Gottes und Menschenbild. Die klassische Theologie folgte, bedingt durch die mächtige Wirkungsgeschichte des Aristote-les, oft im Ansatz dem Grundschema der Subordination der Frau. Allerdings wurde in der konkreten theologischen Argumentation diese Vorstellung zumindest theoretisch fundamental ergänzt durch die These der geistig geistlichen Gleichwertigkeit von Mann und Frau (vgl. Gal 3,28). Dieser anthropologische Ansatz Subordination in der Schöpfungsordnung und Gleichwertigkeit in der Heilsordnung hat im Laufe der Geschichte zu erheblichen Konflikten geführt. Gegenwärtig ist eine Umakzentuierung in der Argumentation zu beobachten. So för-derte beispielsweise auch die Aussage von Johannes Paul I. Gott sei noch mehr Mutter als Vater (1978) vertiefende Reflexionen. Eine ähnliche Sicht formuliert auch Johannes Paul II. in seiner Enzyklika vom 15. August 1988 über die Würde und Berufung der Frau.

3. Die Frau in der Sicht Pater Kentenichs

Pater Kentenich geht von einem christlich gepräg-ten Menschenbild aus und in diesem Zusammenhang ist sein Verständnis des Zueinander der Geschlechter zu sehen (Polaritätsmodell). Er ist Gründer von Frauengemeinschaften und entwickelt für die damalige Zeit eine eigengeprägte Frauenseelsorge, das heißt, er geht in seiner pastoralen Praxis neue Wege. Schon 1920 kamen Frauen zum >>Apostolischen Bund. Auf der Grundlage seiner >>Methode gewann er Erkenntnisse, deren Umsetzung ihm Ausei-nandersetzungen nicht ersparte. Er vertiefte das Bewusstsein von der Eigenart der Frau und weckte die Wertschätzung für ihre Originalität.

3.1 Deutung der geschichtlichen Entwicklung

Pater Kentenich stellt zu Beginn der 30er Jahre eine tiefgehende Geschlechterkrise fest und spricht in diesem Kontext von einer „anthropolo-gischen Häresie“ (ME 1934, 238). Er erinnert an die Auffassung: „Die Frau ist wie der Proleta-rier der Gefangene der Geschichte; und es ist Aufgabe der heutigen Zeit, diese beiden Ge-fangenen zu erlösen, die Ketten zu brechen.“ (JPT 1931, 134). 1965 beschreibt Pater Kente-nich, „dass jahrhunderte , jahrtausendelang manche Auffassungen“ die Frau betreffend vor-handen waren, „die einer Korrektur bedürfen“ (Bloß Konvention?, 7). Die heutige Kultur „ist tatsächlich eine Manneskultur“ (ME 1934, 198). Die Auffassung ist verkehrt, „dass die Frau zu messen, wesenhaft zu bewerten ist an der Mannesart; dass Mannesart aufgefasst wird als die Norm“ (ME 1934, 205). Diese Auffassung ist „im Lauf der Jahrhunderte sehr häufig vertreten worden“ (ebd.), und dabei denkt Pater Kentenich „beispielsweise an Aristoteles“ (ebd.). Es gilt, zur Frauenbewegung „einen gesunden Standpunkt einzunehmen“, der weder „zu konser-vativ“ noch „zu modern“ ist (IPT 1930, 177).

Um den Menschentyp der Zukunft zu schaffen ist es erforderlich, an der Lösung der Ge-schlechterkrise mitzuhelfen. Das bedeutet zunächst: „Ich darf als Mann wie auch als Frau klar und bestimmt sagen: Ich bin ein Geschlechtswesen und brauche mich meiner Wesensart nicht zu schämen“ (1968). Ein ausgeprägtes Geschlechtsbewusstsein im Sinne eines ausge-sprochen fraulichen Sendungsbewusstseins wäre ein Segen für die ganze Kultur (vgl. ME 1934, 235). Die Frau hat eine große Aufgabe für den Aufbau der menschlichen Gesellschaft in Familie, im Beruf und im öffentlichen Leben (vgl. Bloß Konvention?, 23).

3.2 Zueinander von Mann und Frau

>>Mann und Frau sind gleichwertig, aber andersartig, „verschiedenartig“ (ME 1934, 209). „Was ist das Erstrebenswerte? Nicht die Ablösungs , son-dern die Ergänzungstheorie“ (ME 1934, 200). Die beiden Geschlechter (>>Geschlechtlichkeit) sind angewiesen auf Ergänzung, veranschaulicht am Bild der Ellipse: „Da haben Sie nicht einen Kreis, sondern eine Ellipse, und als Mittelpunkt der Ellipse nicht einen, sondern zwei Punkte: frauliches und männliches Sein. Ich spreche nicht von der polaren Wirksamkeit, son-dern von der Seinsstruktur. Männliches und weibliches Sein sind an sich absichtlich einge-stellt auf die gegenseitige Ergänzung zu einer Zweieinheit im Sein.“ (ME 1934, 200). Die bei-den Typen sind andersartig, ausgestattet mit den entsprechenden Anlagen, daher „Ergän-zungsfähigkeit und Ergänzungsbedürftigkeit“ (Chile Terziat 1951). Die Frau soll in sich das Wissen ihrer Eigenwertigkeit trotz der Andersartigkeit bewusst pflegen (vgl. Bloß Konvention, 15). Mann und Frau sind gleichwertig, denn Mann und Frau sind Person. Der Mensch ist aber als Person Leib Geistseele Wesen.

Den Unterschied zwischen Mann und Frau sieht Pater Kentenich nicht als so groß, wie das vielfach vermutet wird. In der biologisch psychischen Verfasstheit von Mann und Frau ist un-gemein viel Gemeinsames. „Es kann sich also (bei der Differenzierung) nur um ein Mehr oder Weniger handeln. Das zu wissen ist von Bedeutung…“ (RomV 1965 IV, 225; vgl. 192, 282; PhErz 1961, 86). 1965 äußert sich Pater Kentenich im Zusammenhang mit Fragen des Le-bensstils: „Soweit meine Beobachtung geht, nähern sich heute Mannes und Frauennatur viel stärker, als das früher jemals der Fall war. Das will nicht heißen, man sollte die Frau zum Mann und den Mann zur Frau machen. Man muss das nur wissen, um nicht fehlzugreifen, um auch etwas urwüchsig Eigenwüchsiges formen und gestalten zu können: den ganzen Mann und die ganze Frau, so dass sie nachher in gegenseitigem Spannungsverhältnis einander wecken und ergänzen.“ (RomV 1965 IV, 159).

Pater Kentenich betont die Qualitäten des gemeinsamen Menschseins und formuliert ein Mehr oder Plus an spezifischen Eigenschaften. Er spricht von Mehr oder Plus der Frauenart. Die Frau hat „ein Plus an Intuition“ (ME 1934, 214). Die Frau „hat auch ein Plus an seelischer Liebe, ein seelisches Element der Liebe. In der Frauennatur ist das Liebesleben primär ver-geistigt.“ (ME 1934, 215). Ferner hat die Frau nach Pater Kentenich auch „ein Plus an see-lisch-schöpferischer Kraft; … ein Plus an Mütterlichkeitstendenz“ sowie ein Plus an „Leidens-fähigkeit, -bereitschaft und freudigkeit“ (ME 1934, 216). Und die „Frau hat ein Plus in ihrer Natur an Lebensbeziehungen, schon psychologisch“ (ME 1934, 217).

3.3 Die Frau in der Schöpfungsordnung

Aus dem genannten Plus an spezifischen Eigen-schaften der Frau ist die Auffassung Pater Kentenichs von der Frau in der Schöpfungsord-nung verständlich. Die Frau ist gemäß ihrer Wesensart der ausgesprochen liebebeseelte Mensch (>>Neuer Mensch). „Ganz Hingabe Sein“ (MWF 1944, 44), Lebensbeziehungen, die ganz auf das Du und das Wir ausgerichtet sind, haben nach diesem Verständnis den freien inneren Selbstbesitz zur Voraussetzung. Das Wertvollste – so Pater Kentenich -, was der Mensch hat, ist seine Freiheit. „Es gibt nichts, was Gott so ähnlich ist wie eine edle Frau, die in edler Gelockertheit und schlichtem, gottangefülltem Selbstbesitz diesen Geist der gezähm-ten Freiheit ihr eigen nennt“ (Br 25.12.1941). Pater Kentenich verwendet zur Umschreibung des Frauseins das Bild eines Baumes: Die Wurzel ist >>Kindlichkeit, der Stamm, der daraus wächst und davon ständig genährt und gespeist wird, „schöpferische Mütterlichkeit. Zweige und Früchte symbolisieren intuitive Wahrheitsschau.“ (PhErz 1961, 84). Er versteht „frauliche Seinsstruktur vom metaphysischen Standpunkte“ (PhErz 1961, 84 f.) als Dienstbereitschaft. Diese Dienstwilligkeit bzw. -bereitschaft in der Beziehung zum Mitmenschen ergibt sich aus einer tiefen Gottesbeziehung, die die Würde der Person begründet. Das heißt, Dienst wird nicht funktional, sondern personal gesehen.

Für Pater Kentenich ist es ein Anliegen ersten Ranges, dass die kommende Generation ihr Frausein auf diese Weise ausprägt. Diese Kultur gestaltende Sendung kann die Frau sowohl als einzelne als auch in Gemeinschaft verwirklichen. Die Geschlechter haben Verantwortung füreinander. Bezüglich der Verantwortung der Frau für den Mann knüpfte Pater Kentenich gerne an das Wort Goethes aus dem Epilog des Faust an: „Das Ewig Weibliche zieht uns hinan.“ Aus der Sicht der Heilsordnung greift Pater Kentenich ein Wort von Bernhard von Clairvaux auf: „Non erigitur vir nisi per feminam“ (vgl. KW 1946, 99; MWF 1944, 75 f., 111).

3.4 Die Frau in der Erlösungsordnung

Pater Kentenich geht nicht nur auf die Naturordnung (Schöpfungsordnung) ein, sondern auch auf die Erlösungsordnung. In Bezug auf letztere macht er darauf aufmerksam, wie sehr es Jesus „auf die höhere Wertung und Sicherstellung des Adels und der Würde der Frau ankam“ (ME 1934, 224). Auf Jesu Handlungsweise basie-ren die Prinzipien des Christentums in Bezug auf die Frau: „das Persönlichkeitsprinzip, das Heiligkeitsprinzip, das Jungfräulichkeitsprinzip“ (ME 1934, 207). Das bedeutet: Die Frau ist Person, sie ist in geschlechtsspezifischer Weise zur personalen Vollendung berufen, sie hat die Möglichkeit sinnvoller Lebensgestaltung, ohne eine eigene Familie zu gründen.

Maria ist Leitbild für den Christen, Männer und Frauen sollen sich an ihr orientieren. „Die Got-tesmutter will die Retterin aus der Geschlechterkrise dadurch sein, dass sie das Frauenideal in klassischer Weise veranschaulicht, das Frauenideal gestaltet und formt.“ (ME 1934, 219). Pater Kentenich zeichnete 1934 das „Frauenideal im Lichte der Kulturphilosophie“ (ME 1934, 239) und dabei war für ihn das Kernstück seiner Ausführungen das Marienideal. „Das Marien-ideal veranschaulicht, formt und gestaltet das Frauenideal.“ (ME 1934, 239).


Literatur:

  • J. Kentenich, Zur sozialen Frage. Industriepädagogische Tagung. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1990, S. 21-317
  • J. Kentenich, Ethos und Ideal in der Erziehung. Vorträge der Jugendpädagogischen Tagung (28.-31. Mai 1931), Vallendar 1972, 379 S.
  • J. Kentenich, Marianische Erziehung. Pädagogische Tagung (22.-26. Mai 1934), Vallendar-Schönstatt 1971, 286 S.
  • J. Kentenich, Marianische Werkzeugsfrömmigkeit (geschrieben 1944 in Dachau), Vallendar-Schönstatt 1974
  • J. Kentenich, Krönung Mariens Rettung der christlichen Gesellschaftsordnung (Krönungswoche 1946), Vallendar 1977
  • Chile-Terziat 1951
  • J. Kentenich, What is my philosophy of education?, in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Val-lendar 1991, 39-89
  • J. Kentenich, Rom-Vorträge. Vorträge für die Leitungen der Schönstätter Verbände in Rom (17. November 1965 – 2. Februar 1966), verv., A 5, vier Bände, 237+321+283+308 S. 1965 IV
  • bloß Konvention? Pater Kentenich über das Ideal der Frau. Zusammengestellt von M.A. Klaiber, Vallendar 1981.
  • Johannes Paul II., Mulieris dignitatem (1988).
  • E. Badinter, Ich bin Du. Die neue Beziehung zwischen Mann und Frau oder Die androgyne Revolu-tion, München 1987
  • N. Baumert, Frau und Mann bei Paulus. Überwindung eines Missverständnisses, Würzburg 1992
  • B.M. Erhard, Frau-Gott-Mann. Die zweigeschlechtliche Welt-Abbildung des dreipersönlichen Got-tes, Vallendar-Schönstatt 1988
  • R. Garaudy, „Der letzte Ausweg“ – Feminisierung der Gesellschaft, Olten 1982
  • H.-B. Gerl, Die bekannte Unbekannte. Frauen-Bilder in der Kultur- und Geistesgeschichte, Mainz 1988
  • J.W. v. Goethe, Faust. Eine Tragödie (Hamburger Ausgabe, Goethes Werke, Band III)
  • M. Hauke, Gott oder Göttin? Feministische Theologie auf dem Prüfstand, Aachen 1993
  • K. Lehmann, Der Mensch als Mann und Frau: Bild Gottes. Festrede bei den Salzburger Hoch-schulwochen 1988, in: P. Gordan (Hrsg.), Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, Graz-Wien-Köln 1989.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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