Freie Gemeinschaft

Freie Gemeinschaft

Herbert King

1. Offizielle und freie Gemeinschaft
2. Die Kurse
3. Bedeutung

Typisch für die Bünde und Verbände Schönstatts ist ihre Doppelstruktur. Sie unterscheiden „Pflichtgemeinschaft“ und „freie Gemeinschaft“ oder auch „offizielle“ und „freie“ Gemein-schaft“ bzw. Kursgemeinschaften. Es geht um „den vollendeten Auf- und Ausbau unserer Kursgemeinschaften als Gegengewicht gegen und als Ergänzung zu den offiziellen Filialge-meinschaften“ (Texte, 11). Jedes Mitglied eines Verbandes oder Bundes ist also Mitglied zweier Gemeinschaften, die letztlich natürlich nur wieder eine sind. In dieser Doppelstruktur sieht Pater Kentenich einen besonders neuartigen und schöpferischen Beitrag zur >>Neuen Gemeinschaft. „Eine der wesentlichsten und fruchtbarsten neuen Formen ist bei uns die freie Gemeinschaft geworden“ (WT 1967, 59).

1. Offizielle und freie Gemeinschaft

Gemeinschaft ist auf vielfältige Weise objektiv vorgege-ben. Das bezieht sich auf Strukturen, Inhalte, Normen, Wahrheiten, Werte, Ziele, Aufgaben. Diese können nicht aus der „Seele“, dem „Leben“, den Ideen ihrer Mitglieder stets neu ent-stehen und Gestalt annehmen. Sie müssen auch übernommen und befolgt werden. Das ist mit „offizieller“ oder Pflicht-Gemeinschaft gemeint. Das heißt nicht, dass sich in den Gründun-gen Kentenichs nicht doch ein subjektives Element stärker auswirkt als in der „alten“ Gemein-schaft. Kentenich sieht die Notwendigkeit eines (eventuell langsamen) und vor allem schöpfe-rischen Nachvollzugs des Vorgegebenen auch für die offizielle Gemeinschaft. Es gelten auch für sie die Wachstumsgesetze, und nicht nur die vorliegenden Ergebnisse sollen „nachvollzo-gen“ werden, sondern auch die „Werdegesetze“, die die Gemeinschaft mit ihren Vorgaben hervorgebracht haben. Ebenso natürlich ist der einzelne bei aller Vorgegebenheit aufgerufen, an der Gemeinschaft aktiv mitzugestalten und das Seine einzubringen. Auch zur objektiv vor-gegebenen Gemeinschaft, also der offiziellen oder Pflichtgemeinschaft, gehört das schöpferi-sche Element des einzelnen und einzelner Teile. So gibt es auch hier subjektiv prozesshafte Elemente.

Dennoch soll es außerdem noch die „freie Gemeinschaft“ als eigene Größe geben. In dieser ist das mehr subjektive Element gewissermaßen institutionalisiert. Sie bildet sich als „Kurs“ am Anfang der Einführung und Hinbewegung neuer Mitglieder auf die entsprechende (Pflicht-)Gemeinschaft. Die einzelnen treten nicht nur als Individuen ein, sondern auch als (werdende) Gemeinschaft. Das in der Einführungszeit entstandene Gebilde „Kurs“ bleibt ein Leben lang bestehen, unabhängig von Entfernungen oder Tätigkeitsgebieten seiner Mitglieder. Im Kurs hat die freie Gemeinschaft ihre eigentliche Basis.

Die Kurse können dann wieder Zusammenschlüsse (Generationen) bilden. Und insgesamt bilden alle Kurse zusammen in einer Art Verdoppelung der Gesamtgemeinschaft die freie Gemeinschaft. Sie hat eine offizielle Vertretung im zentralen Leitungsteam der (offiziellen) Gemeinschaft. Diese kann allerdings nicht so ohne weiteres die einzelnen Kurse koordinieren oder gar in diese eingreifen. Es kann höchstens darum gehen, „von unten“ entstandenes Le-ben auszutauschen und zu sehen, wie solches über den Raum eines Kurses hinaus in weite-re Kreise der freien Gemeinschaft hinübergeht, und dabei eventuell behilflich zu sein.

Die „freie Gemeinschaft“ ist natürlich die freie Gemeinschaft der entsprechenden offiziellen Gemeinschaft. Letztlich ist der Einzelne Mitglied einer einzigen Gemeinschaft. Man könnte sagen, dass die beiden Gemeinschaftsformen zwei relativ autonome Seiten der einen Ge-meinschaft darstellen. Deshalb dient auch die freie Gemeinschaft dem Ziel der „offiziellen“. Allerdings dient sie diesem auf ihre Weise. Aber auch das Umgekehrte ist der Fall. Die offi-zielle Gemeinschaft schafft für die freie Gemeinschaft den Raum, in dem sie sich realisiert und ihren Sinn findet.

So wollen beide Elemente (das subjektive und das objektive) beachtet und in Zusammenhang gebracht werden. Dieser Vorgang braucht nicht konfliktfrei zu sein. Doch zieht J. Kentenich ein Mehr an Spannung entschieden einer spannungslosen Harmonie vor. Auch gibt es in der konkreten Entwicklung der beiden Aspekte unterschiedliche Phasen. In der einen steht das objektiv vorgegebene Element im Vordergrund, in der andern das subjektiv zu erarbeitende und zu gestaltende. Die Angst, dass die Kurse revolutionäre Zellen werden, hat Pater Kente-nich weniger gefürchtet. Vielmehr hat er die Chance gesehen, dass sie dynamisierende Initia-tiv- und Lebensgemeinschaften sind. Die subjektive Gemeinschaft steht im Dienst der objekti-ven, allerdings nicht als zu verwaltende Unterabteilung, sondern als selbständige und eigen-dynamische Größe, als ein echter Pol.

2. Die Kurse

Die freie Gemeinschaft, vor allem ihre Zellen, die „Kurse“, ist in erster Linie eine Lebensgemeinschaft und betont die Eigendynamik der Prozesse in ihrem Innern. Sie ist der Ort der Prozesshaftigkeit. Sie hat als solche wenig von vorneherein auferlegte Form und In-haltlichkeit, steht nicht unter dem Druck, zu einem bestimmten Termin bestimmte Ergebnisse vorweisen zu müssen oder bestimmte Aufgaben anzugehen. Das leistet ja die „offizielle“ Ge-meinschaft. Bei der freien Gemeinschaft steht der induktiv-lebensmäßig-wachsende Aspekt im Vordergrund. Sie kann und soll es sich leisten, einfach („neue“) Gemeinschaft zu sein und diese in Freiheit und ohne Leistungsdruck zu artikulieren.

Die Kurse entfalten und pflegen in möglichst großer Eigendynamik einen originellen, eigenge-setzlichen Lebensrhythmus. Sie entwickeln ein eigenes Brauchtum, Symbole, Lieder und der-gleichen. Zentral ist das Kursideal und die damit verbundene Kursweihe. Es entsteht ein ei-gengeprägtes Lebensgebilde mit eigener Geschichte, Mentalität und Tradition. Obwohl sie Geist vom Geist der offiziellen Gemeinschaft sind, kennen sie – ähnlich wie die individuelle Persönlichkeit – die „Geschlossenheit“ als Ausdruck und Schutz ihrer gemeinschaftlichen Per-sönlichkeit und Eigenart.

Die freie Gemeinschaft ist so ein privilegierter Raum, in dem originär neue Intuitionen und Im-pulse für das Ganze entstehen, wachsen und reifen können. Nach Aussage Pater Kentenichs kam das meiste, was z.B. bei den Marienschwestern erarbeitet worden ist, aus den Kursen.

Die Kurse sind ein Ort der „Hochherzigkeit“, wo in Freiheit und ohne Muss Entschlüsse und Taten reifen können, die die offizielle Gemeinschaft nicht verpflichtend machen könnte. Deren Aufgabe ist es, für ein normales Maß Sorge zu tragen, hebt Kentenich hervor.

Die Kurse sind der Ort, an dem in erster Linie Wachstumsprozesse stattfinden, wo der spezifi-sche Geist der Gesamtgemeinschaft unter immer wieder neuen Gesichtspunkten neu ent-deckt, verarbeitet und vertieft wird.

Sie sind wegen ihrer lebenslänglichen Dauer ein besonderer Ort der Beheimatung.

Sie sind Ort der Freiheit. Hier hat das demokratische Basiselement einen wichtigen Platz.

Ebenso sind sie Ort der Lebensbegleitung der einzelnen, der Ort, wo man am ehesten sich persönlich gibt und öffnet. Gerade in Krisenzeiten einzelner bewährt sich der Kurs immer wie-der.

3. Bedeutung

Was in den „Bünden“ und „Verbänden“ Schönstatts stattfindet, kann letztlich als Paradigma für das Verständnis von Gemeinschaftsstrukturen überhaupt dienen. Der Mensch lebt – unter stets neuen Gesichtspunkten – immer in einer doppelten Gemeinschafts-struktur. So ist es auch bei der „Liga“ (>>Schönstatt, Struktur), nur dass dort das der freien Gemeinschaft vergleichbare Element ganz stark ausgeprägt ist, während das „offizielle“ Ele-ment deutlich zurücktritt. Umso mehr können gerade dort die prozesshaft-subjektiven Elemen-te eine Rolle spielen. Aber auch Schönstatt als Ganzes ist innerhalb und gegenüber der „offi-ziellen Gemeinschaft“ Kirche eine „freie Gemeinschaft“. Ähnliches gibt es im Staat und in der Gesellschaft überhaupt. Je mehr der Bürger und der Christ Subjekt werden und sind und je mehr sie sich aktiv und eigen bestimmt zu Gemeinschaften verschiedenster Art zusammen-schließen, entsteht ein neues soziologisches Netz. Von daher die Notwendigkeit, das Verhält-nis von gemeinschaftlicher Subjektivität und gemeinschaftlicher Objektivität zu beschreiben und zu gestalten.


Literatur:

  • Texte zur freien Gemeinschaft, Berg Sion 1996

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen