Gebet

Gebet

Vinzenz Henkes

1. Ansatzpunkt
2. Bedeutung
3. Wesen
4. Arten
5. Stufen
6. Besondere Akzente bei P. Kentenich

1. Ansatzpunkt

Größe und Würde des Menschen liegt für P. Kentenich in seiner Freiheit und Liebesfähigkeit. Er ist ein dialogisches Wesen, „das zu sich ‚Ich‘ und zu Gott und Mensch ‚Du‘ sagen kann und darf“ und darin zu einem gesunden Selbstbewusstsein und einer fruchtbaren schöpferischen Selbstentfaltung gelangt. Gebet ist die Artikulation dieser dialogischen Anlage des Menschen Gott gegenüber (>>Gottesbild). Das seelsorglich-pädagogische Grundanliegen P. Kentenichs war es, dem modernen Menschen zu helfen, seine natürliche und gnadenhafte Liebesfähigkeit zu wecken und ihn unlöslich, mit allen Fasern seines Herzens mit Gott zu ver-binden.

2. Bedeutung

Gebet wird zum Maßstab für echtes christliches Leben. Die betende Verbun-denheit mit Gott schenkt dem Glaubenden innere Harmonie und erschließt ihm den Sinn sei-nes Lebens. Im wachsenden inneren Gespräch mit Gott erfährt er ein vorbehaltloses Ange-nommen und Geliebt sein von seinem Schöpfer und lernt er, Schuld und Schwäche positiv zu verarbeiten. Gerade durch das Gebet reift er zu einer schöpferischen Persönlichkeit im Zu-sammenwirken mit Gott: „Gott hat den Menschen frei geschaffen. Er macht sich und sein Wir-ken… von der geschöpflichen, freien Mitwirkung abhängig. So wird das kleine, hilflose Ge-schöpflein zum Mitarbeiter, zum Mitregenten des Allmächtigen…, und das in vorzüglichster Weise durch das Bittgebet“ So kann Gebet als „die größte Erziehungsmacht im Himmel und auf Erden“ bezeichnet werden. Eine tiefere Gotteserfahrung im Gebet ist notwendig, um in einer säkularisierten Welt aus dem Glauben leben zu können: „Wer Weltseligkeit überwinden will, vermag das am leichtesten und sichersten durch Gottseligkeit.“ In der Beanspruchung des modernen Lebens schenkt es eine tiefe seelische Verwurzelung in Gott und einen einheit-lich geschlossenen Lebensrhythmus alles ist hingeordnet auf Gott. „Omnia uni alles dem Einen!“

3. Wesen

In unserem Gebetsleben und unserer Gebetserziehung spiegelt sich für P. Kente-nich die katholische Grundauffassung vom Menschen und seiner Beziehung zu Gott. Als frei-es Geschöpf artikuliert der Mensch seine Herkunft von Gott (abalietas) und seine Ausrichtung auf ihn (adalietas). Das Gebet entspringt dem ehrfürchtigen Staunen vor Gott und seiner un-endlichen Größe und Herrlichkeit (summa majestas) und gleichzeitig einem Angezogen sein von seiner Liebenswürdigkeit (summa bonitas) es ist ein „Erschaudern und Erglühen“. Gilt das schon für den Menschen als Geschöpf, so erst recht für ihn als Christen, der in der Taufe gnadenhaft Anteil erhalten hat am Leben Christi und des Dreifaltigen Gottes. Und es ist der Heilige Geist, der ihn beten lehrt und sein Beten zur Ausreifung führt.

Beten wird auf diese Weise zum Lieben, findet seinen Ausdruck im persönlichen Sprechen mit Gott, das ein Herzensdialog zwischen Schöpfer und Geschöpf ist. Es soll zu einem „stän-digen Kreisen um den Gott des Lebens, den Gott der Altäre und den Gott des Herzens“ wer-den. Es äußert sich in den Grundakten „Anbetung Sühne Dank und Bitte“ (vgl. HW 1945, 34).

Die Anbetungshaltung ist zutiefst „ein ehrfürchtiges Wertgeöffnetsein, d.h. ein Geöffnetsein vor jeder Wirklichkeit.“ Im engeren Sinn wird sie zur Anerkennung der unendlichen Majestät Gottes und unserer totalen Auslieferung an Gott. Sie äußert sich in der Anbetung der göttli-chen Personen und der Anerkennung des göttlichen Willens (Gott des Lebens). Sie geht so auf das Ziel der Verherrlichung Gottes im himmlischen Jerusalem, wo Engel und Heilige vor dem Thron Gottes stehen und aus dem „dauernden Akt und Affekt der Anbetung“ leben (vgl. Offb 4 und 5).

Das Lob Gottes entspringt dem ehrfürchtigen Staunen vor Gottes Größe, Macht und Herrlich-keit. Das gilt für die ganze Schöpfung, erst recht für jeden Christen und noch einmal beson-ders für den Priester: „Auch die unbeseelte Natur darf und muss teilnehmen am Lobe Gottes. Darum singt die Hl. Schrift: ‚Alles was Odem hat, lobe den Herrn!‘ Die Schöpfung aber erfüllt ihre Aufgabe nur soweit, als der Mensch durch sie sich zum Lobe Gottes anregen lässt.“

Dank ist die Reaktion und persönliche Antwort auf die empfangene Liebe Gottes. Im Maße sich der Mensch persönlich von Gott geliebt und geführt weiß und er im betrachtenden Gebet die Liebeserweise als Erbarmungen Gottes verkostet, wird diese Haltung der Dankbarkeit in ihm wachsen. So wird auch verständlich, dass unsere christliche Religion „wesentlich eine Religion der Dankbarkeit“ ist, die ihr Herzstück in der Feier der „Eucharistia“ hat.

Im Bittgebet bringt der Mensch „seine Bedürftigkeit, sein Kleinsein, sein dauerndes, allseitiges und vollkommenes Angewiesensein auf Gottes Güte zum Ausdruck.“ Aber als geliebtes Got-teskind darf er das mit großem Vertrauen tun. Mit Thomas von Aquin teilt P. Kentenich die Überzeugung, dass zum Wesen des Bittgebetes die Gleichschaltung zwischen göttlichem und menschlichem Wollen gehört. Es will nicht Gottes Willen zum Menschenwillen herabziehen, sondern umgekehrt sich die Pläne Gottes zu eigen machen. So wird das Bittgebet zu einem „sich Hineinkämpfen in die Wertwelt Gottes.“

Sühne vollzieht sich, indem der Christ alles Leid, das der himmlische Vater für ihn vorgesehen hat, vereint mit dem Sühnopfer Christi und so an seinem Leib ergänzt, was an den Leiden Christi noch fehlt (vgl. Kol 1,24).

4. Arten

P. Kentenich unterscheidet zwischen Gebetsakten und Gebetshaltungen. Als Päda-goge sucht er vor allem, Grundhaltungen im Gebet zu formen, die dem Menschen helfen, in-mitten der Welt ein Leben der dauernden Gottverbundenheit zu führen nach dem Wunsch Christi: „Betet allezeit“ (Lk 18.1).

Das mündliche Gebet ist ein urpersönliches Sprechen mit dem lebendigen Gott, ein ständig wachsender Dialog, der das ganze Leben prägt: „Der Mund spricht vor, das Herz spricht mit und das praktische Leben spricht nach.“

Das betrachtende Gebet (>>Betrachtung) will „die inneren Fähigkeiten des Menschen: Verstand, Wille und Gemüt auf Gott hinlenken.“ In der Spiritualität Schönstatts wächst es her-aus aus dem gelebten Vorsehungsglauben, der uns hilft, alle Dinge und Geschehnisse auf Gott hin durchsichtig zu machen, seine Führung und seinen Willen zu erkennen, seine Lie-besgeschenke zu verkosten und so wie Christus „allezeit zu tun, was dem Vater Freude macht“ (vgl. Joh 8,29). Methodisch ist es ein Nachprüfen und Nachkosten der Erfahrungen, um darin Gott zu finden.

Höchste Verehrung und Verherrlichung Gottes vollzieht sich im liturgischen Gebet: im Vollzug des Stundengebetes, aber zutiefst in der Feier der Eucharistie. Die eigentliche Mitfeier be-steht in der Ein und Gleichschaltung mit dem geheimnisvollen Tun Christi, vor allem mit sei-ner Opfergesinnung am Kreuz, zur Verherrlichung des Vaters und zur Heiligung der Welt.

Gemeinsames Gebet erschöpft sich jedoch nicht im liturgischen Gebet, sondern kennt eine Vielzahl kommunialer Formen. Für P. Kentenich ist das Stehen vor Gott in Gemeinschaft wichtig. Darum ist der Mensch selbst dann, wenn er allein betet, nicht einsam vor Gott, son-dern verknüpft mit der geistlichen Gemeinschaft und der Kirche, in der er lebt. Aber auch das Beten in einer Gruppe und den Austausch von Gebetserfahrungen (gemeinsame Betrach-tung) nimmt er ernst und weist ihnen einen wichtigen Stellenwert zu.

Über Jahre hin entwickelte P. Kentenich in seinen Gemeinschaften den Sinn für leibliche Ausdrucksformen des Gebetes (Gebetshaltungen). Die Praxis dieser Haltungen verwies er zu ihrem Schutz vor allem in den persönlichen Raum, kennt aber auch den symbolischen Aus-druck im gemeinsamen Gebet (>>Symbole).

5. Stufen

Das Gebet kennt eine organische Entwicklung über verschiedene Stufen hinweg. In diesem Prozess gibt es eine grundsätzliche Entsprechung zwischen der Haltung liebender Hingabe im Gebet und einer wachsenden Opfergesinnung (so genannte Materialstufen der caritas und der passio). Diese Entwicklung geht von vorsätzlichen Gebetsakten bis zu den Stufen des höheren Gebetslebens. Eine entscheidende Stufe stellt das Gebet der Einfachheit und der erworbenen Beschauung dar, die jeder strebsame Christ in seinem Reifungsprozess mit Hilfe der Gnade erreichen sollte: „Wenn religiöse Gedanken verhältnismäßig schnell Wille und Herz zur Liebe entzünden ohne lange Überlegung, spricht man von Herzensgebet. Erfolgt diese ‚Entzündung‘ recht schnell und sind die Affekte lang und tief, so nennt man das Gebet der Einfachheit.“ Damit sind auch innere Loslösungs und Reinigungsprozesse verbunden, die uns von ungeordneter Ichsucht und krankhafter Triebhaftigkeit befreien. Wenn sich auf diese Weise echtes aszetisches Streben mit der Pflege des dauernden Wandels mit Gott ver-bindet, reift das Gebet zur erworbenen Beschauung. Sie wird zur mystischen, „eingegosse-nen“ Beschauung, wenn Gott als freies Gnadengeschenk durch das Wirken des Heiligen Geistes und seiner Gaben die Seele mit ihren Kräften unmittelbar erfasst und ihr seine Nähe intensiv erfahrbar macht (>>Mystik).

6. Besondere Akzente bei P. Kentenich

Im Sinn der Sendung Schönstatts, dem Menschen von heute zu helfen, inmitten einer weithin säkularisierten Welt ein Leben der Gottverbunden-heit zu führen, kann man die Art des von P. Kentenich gelehrten Gebetes mit „welthaftem Be-ten“ kennzeichnen. Es ist ein Ernstnehmen der geschöpflichen Wirklichkeiten, Gott in den Dingen und Ereignissen zu suchen und zu finden. „Durchsichtigmachung alles Geschöpfli-chen“ und „Heiligung des Alltags“ sind darum kennzeichnende Ausdrücke für diese Art des Betens bei P. Kentenich. Anders ausgedrückt trägt das Gebet für P. Kentenich den Zug des Universellen: ehrfürchtiges Staunen vor jeder Wirklichkeit soll zum Gebet werden, in allen Dingen soll der Mensch der Liebe und Führung Gottes begegnen, an allen Orten und in allen Weisen seine Hingabe an Gott ausdrücken.

Wachstum und Ausreifung des Gebetslebens geschehen nach den Gesetzen des organi-schen Wachstums. Dabei spielt die Entfaltung einer echt menschlichen Liebesfähigkeit eine besondere Rolle. Ganz einzigartig hilfreich ist das gelebte Liebesbündnis mit Maria, die im Leben P. Kentenichs seine „große Lehrmeisterin“ war und sich als solche im Leben ungezählt vieler immer neu erwiesen hat. Darum nennt P. Kentenich sie auch die „große Orante“ und leitet an, sich im ständigen Kontakt mit ihr in das Klima ihrer totalen Offenheit und Bereitschaft für Gott hinein nehmen zu lassen, um sich langsam ihre Gebetshaltung aneignen zu können: „Ihr Herz ist der sakrale Raum, in dem sich vorzüglich mit Gott verkehren lässt.“

Das kostbarste Zeugnis des eigenen Betens P. Kentenichs sind die im KZ Dachau verfassten Gebete, die später unter dem Titel >>“Himmelwärts“ veröffentlicht wurden. In ihnen findet sich die gesamte Spiritualität der Schönstatt Bewegung in gedrängter Weise zusammengefasst.

>Anbetung, >>Betrachtung, >>Himmelwärts, >>Mystik.


Literatur:

  • M. A. Nailis, Werktagsheiligkeit. Ein Beitrag zur religiösen Formung des Alltags, Limburg 1937 (1964) – Vallendar-Schönstatt 1974
  • J. Kentenich, Wachstum im höheren Gebetsleben. Priestertagung vom 20. bis 22.1. 1941 in Schön-statt, Vallendar 1977, 149 S.
  • J. Kentenich, Du und dein Gott, Vallendar-Schönstatt 1972
  • Hinführung zum Beten, Regnum 17 (1982) 147-151.
  • P. Wolf, Gebetsschule Himmelwärts, Vallendar-Schönstatt 1995.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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