Geist und Form

Geist und Form

Lothar Penners

1. Zwischen Formversklavung und Formlosigkeit.
2. Zeit- und lebensgeschichtlicher Zusammenhang
3. Grundsätzliches Verhältnis von Geist und Form – Ausdruck, Mittel, Schutz
4. „Rechtspsychologische“ Komponente
5. Geschichtsphilosophische Überlegungen
6. Große Spannweite in den Aussagen P. Kentenichs

Geist und Form gehört zu den zentralen Unterscheidungen und Grundmomenten in der Geis-tigkeit J. Kentenichs.

„Verbinde so Form und Geist miteinander, dass Geist und Leben die alles beherrschende Großmacht bleiben“, heißt es in einer grundlegenden Maxime zum Verhältnis von „Geist“ und organisatorisch-rechtlichen Formen (vgl. LS 1952 I, 79).

Der Primat von „Geist“, gegenüber dem „Formen“ eine nur relative Bedeutung haben, gehört für J. Kentenich zum Grundanliegen und Grundverständnis des „neuen Menschen in der neu-en Gemeinschaft“ als „geistbeseelten und idealgebundenen Menschen“.

Wie in der Zielsetzung des „neuen Menschen“ eine Verbindung von theologischen und anth-ropologisch-pädagogischen Gesichtspunkten eine Rolle spielt, so auch im Aufgreifen der ur-christlichen Unterscheidung von Buchstabe und Geist (vgl. 2 Kor 3), welche J. Kentenich gleichsam neu entdeckt und in umfassender Weise in Anschlag bringt.

Im Einzelnen lassen sich vor allem folgende Differenzierungen im Schrifttum J. Kentenichs ausfindig machen:

1. Unter einem klar herausgestellten Primat von Geist und Leben geht es J. Kentenich auch um die Form. Insgesamt strebt er nach einem Mittelweg zwischen Formversklavung und Formlosigkeit.

2. So sehr J. Kentenich die Überzeitlichkeit der Problemstellung in der Spannung zwischen Geist und Form betont, ist der zeit- und lebensgeschichtliche Zusammenhang nicht zu über-sehen: J. Kentenich kommt aus einer Zeit, in der ein gewisser Formalismus sowohl im kirchli-chen Bereich wie im Erziehungswesen vorherrschend war. Die gleichzeitig aufbrechende Ju-gendbewegung strebte nach einer umfassenden Erneuerung der Lebensformen in Absetzung von der spätbürgerlichen Gesellschaft.

3. J. Kentenich kreist um das grundsätzliche Verhältnis von Geist und Form in der Trias von Ausdruck, Mittel und Schutz: Sinn und Berechtigung einer äußeren Form liegt fundamental in ihrem Ausdruckscharakter; eine seelische Regung oder Haltung tut sich kund in einer körper-lichen Gebärde. Auf diese Weise artikuliert sich die Ganzheit des Menschen von Geist und Leib. Ähnlich im sozialen Bereich: soziale Verbundenheit schafft sich Ausdrucksformen in Festlegungen, Bräuchen, Rechtsverbindlichkeiten etc. Geist und Form stehen folglich in ei-nem hierarchischen Verhältnis zueinander. Der von J. Kentenich geforderte Primat des Geis-tes vor der Form ist keine willkürliche Option, sondern ontologisch begründet: die höhere Ord-nung des Geistig-Seelischen ist die Sinngebung der niederen. Das Verhältnis von Geist und Form nimmt teil am generellen Zueinander der verschiedenen Seinsstufen, die J. Kentenich im Weltordnungsgesetz beleuchtet (>>Weltgesetze). In diesem stellt er aber auch die Bedeu-tung von niedrigeren Ordnungen, in diesem Falle folglich: von „Formen“ heraus: sie „schüt-zen“ die eher unanschauliche Ordnung des „Geistigen“ und Zeitbedingtheit im „Seelischen“ (etwa im eher punktuellen Erlebnis) vor der gegebenen Gefahr der Verflüchtigung. Endlich bilden Ausdrucksformen auch ein „Mittel“ zur Bildung und Verinnerlichung geistig-seelischer Wertgehalte: ihre beseelte Praktizierung verhilft zur Aneignung und Verlebendigung, wenn im Menschen ein entsprechender Ansatzpunkt dafür gegeben ist. In der Trias von Ausdruck, Mit-tel und Schutz betont J. Kentenich vor allem die pädagogische Dimension: er will namentlich helfen, dass die geistig-seelische Mitte des Menschen sich bildet – etwa im Persönlichen Ideal und Gemeinschaftsideal – und zu ihren genuinen Lebensformen findet. Gleichwohl kennt und reflektiert er Zusammenhänge darüber hinaus, die er mit den Begriffen „Geschichtsphiloso-phie“ und „Rechtspsychologie“ fasst.

4. Die für J. Kentenich gegebene „rechtspsychologische“ Komponente im Verhältnis von Geist und Form bildet das Verhältnis von positivem Recht, von Festlegungen überhaupt, und sinn-gemäßer Seins- und Lebensentfaltung: Zu viele Paragraphen können das „Leben“ einschnü-ren; wo Motivation sein sollte, macht sich der Legalismus breit. Religiös signalisiert es die Ge-fahr, dass die Beobachtung von Geboten die Hingabe an Gott ersetzt: „Sind sie (sc. die For-men) zu stark, so bringen sie die Gefahr der Formversklavung mit sich. Sie werden dann leicht Geist tötend und Leben erdrosselnd. Das Gebilde, das so entsteht, der Mensch, der der Form zum Opfer gefallen ist, ähnelt dem Pharisäer. Pharisäertum darf offenbar nicht nur als eine Zeiterscheinung zu Lebzeiten des Heilandes aufgefasst werden; es ist eine immanente Gefahr für Individuum und Gesellschaft – auch innerhalb der Kirche.“ (LS 1952 I, 40).

5. Geschichtsphilosophische Überlegungen J. Kentenichs kreisen um ein idealtypisches Ras-ter im Verhältnis von Geist und Form im Werdegang der Kulturen, im Gefälle von Geistbe-seeltheit und Formgebundenheit samt deren Auswirkung für die Erziehung. Auf Zeiten einer starken Prägung durch den lebendigen Geist folgten oftmals Zeit eines eher konventionellen Ausgleichs zwischen Geist und Form, auf die wiederum vielfach eine Epoche der Auflösung folge. In einer solchen, wie z.B. der Gegenwart, könne nur der „Prophet“ erzieherisch prägend wirken.

6. Insgesamt weisen die Ausführungen J. Kentenichs zum Problem von Geist und Form eine große Spannweite auf. Sie kreisen sowohl um unmittelbare erzieherische Fragen, reichen a-ber hinein in die Grunddimension des Menschlichen und Christlichen, stoßen näherhin vor zum Verhältnis von „Buchstabe und Geist“ samt seinen diversen Implikationen: Glaube und Gesetz, Faktum und Mysterium, von „Geist“ und geschichtlicher Konkretion – Konstanten der Heilsgeschichte und Kulturphilosophie. Es scheint, dass J. Kentenich über seine prinzipielle Art, pädagogische Fragen zu sehen und anzugehen, diese letzten Horizonte in seine schönstättische Lebens- und Ideenbewegung mit einbeziehen will.


Literatur:

  • J. Kentenich, Schlüssel zum Verständnis Schönstatts (September 1951), in: J. Kentenich, Texte zum Verständnis Schönstatts. Herausgegeben von Günther M. Boll, Vallendar-Schönstatt 1974, 148-228, 148
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. und II.
  • M. Gerwing / H. King, Gruppe und Gemeinschaft, Vallendar-Schönstatt 1991
  • L. Penners, Eine Pädagogik des Katholischen, Vallendar-Schönstatt 1983, 60 ff.
  • H. Schlosser, Schlosser, Herta, Der neue Mensch – die neue Gesellschaftsordnung. Mit Originaltexten von Pater Josef Kentenich im zweiten Teil, Vallendar-Schönstatt 1971, 89 ff.
  • Augustinus, De Spiritu et Littera, Paderborn 1968
  • H. Urs von Balthasar, Pneuma und Institution. Skizzen zur Theologie, Einsiedeln 1974
  • R. Guardini, Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten, Mainz 1955
  • N. Hartmann, Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphi-losophie und der Geisteswissenschaften, Berlin 31962
  • H. de Lubac, Geist aus der Geschichte, Einsiedeln 1968
  • E. Rothacker, Probleme der Kulturanthropologie, Bonn 31968.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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