Glaube

Glaube

Otto Amberger

Kentenich war von Jugend an mit einer intensiven katholischen Glaubenstradition vertraut (vgl. E. Monnerjahn, Ein Leben für die Kirche, 28). In der Zeit seiner Ausbildung geriet er in eine durch Skeptizismus geprägte Glaubenskrise, die ihn zu einem neuen Glaubensverständnis führte: Glaube als existentielle, erlebnismäßige Erfahrung, die den Menschen ganzheitlich betrifft und in die persönliche Lebensgeschichte eingebunden ist. Dieses Glaubensverständnis wurde für die von ihm gegründete Schönstatt-Bewegung bestimmend, fand ihren spezifischen Ausdruck in der spirituellen Verbindung von >>Liebesbündnis und >>praktischem Vorsehungsglauben. Bewusst wurde auf die Suche nach außergewöhnlichen Manifestationen göttlichen Wirkens wie Wunder verzichtet (vgl. TxtSchö 102 f.), die konkrete Glaubenserfahrung mit dem „Gott des Lebens und der Geschichte“ (TxtVG, 62) reflektiert und als eine biblischer Glaubenserfahrung entsprechende Bundesgeschichte aufgefasst.

Bei Kentenich findet sich eine lebenslange Reflexion über die persönliche Glaubenserfahrung in der Gründungsgeschichte Schönstatts (>>Meilensteine; vgl. MBr 1948, in: TxtVG, 171-186). In seinen zahlreichen Exerzitienkursen und Vorträgen behandelt er in einer organischen Zusammenschau alle Bereiche der katholischen Glaubenslehre, insbesondere >>Christusgliedschaft, >>Gotteskindschaft, Wirksamkeit des >>Heiligen Geistes, >>Gnade, >>Maria. Kentenich hat dabei in reichem Maße aus der Theologie seiner Zeit rezipiert.

Kentenich hebt auf den „praktischen Vollzug“ des Glaubens ab (vgl. TxtVG, 13 f.). Die Glaubensinhalte (fides quae) werden nicht vernachlässigt, , die theologischen Topoi werden aber aus der theoretischen Abstraktheit gelöst und durch ihre pädagogisch wirksame Einschmelzung in die konkrete Glaubenspraxis des Glaubens (fides qua) in ihrem wechselseitigen Verbund gesehen und in eine originäre Synthese gebracht. In seiner Erlebnisstruktur ist der Glaube angepasst an die bio-physische Eigenart des Menschen. Philosophische und psychologische Gesichtspunkte finden Berücksichtigung (vgl. organische >>Wachstumsgesetze, Stadiengesetz). Der Dunkelheits- und Wagnischarakter des Glaubens wird aber nicht entfernt, insofern der praktische Glaubensvollzug in der ganzheitlichen, liebenden Hingabe an den transzendenten Gott sein Ziel findet („Heroismus des Glaubens“). Die Glaubensverantwortung des Christen im Sinne einer geschichtsschöpferischen Weltgestaltung aus dem Glauben wird von Kentenich deutlich hervorgehoben (vgl. CS, 180).

So sehr sich Kentenich in seinem Glaubensverständnis auf die dogmatisch abgesicherte Glaubenstradition der katholischen Kirche beruft (vgl. TxtSchö, 54 f.), so kann dennoch behauptet werden, dass er eine spezifische Form von Glaubensverständnis entwickelt hat, die in der Rede vom praktischen Vorsehungsglauben (vgl. TxtSchö, 96) ihren festen begrifflichen Ausdruck fand. Sie ist geprägt durch die pädagogisch wirksame Verbindung von großen zentralen Aussagen christlichen Glaubens und modernen Zeitbedürfnissen (vgl. TxtSchö, 55).

>Erkenntnisquellen, >>Geschichte, >>Gottesbild, >>Praktischer Vorsehungsglaube


Literatur:

  • O. Amberger, Modelle subjektiver Glaubenserkenntnis bei John Henry Newman und Joseph Kentenich. Darstellung und vergleichende Diskussion, Vallendar-Schönstatt 1994
  • L. Penners, Eine Pädagogik des Katholischen. Studien zur Denkform P. Joseph Kentenichs, Vallendar-Schönstatt 1983, 294-345
  • H.W. Unkel, Theorie und Praxis des Vorsehungsglaubens nach Pater Joseph Kentenich. Teil 2: Leben aus dem praktischen Vorsehungsglauben, Vallendar-Schönstatt 1981, 71-77.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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