Gottesbild

Gottesbild

Günther M. Boll

1. Der Gott des Lebens und der Geschichte
2. Gott als der barmherzige Vater.

Gottesglaube und Gotteserkenntnis sind für den Menschen immer auch mit einem Bild von Gott verbunden. Das gilt bereits im Seelenleben des Individuums, lässt sich aber auch an den verschiedenen Kulturen und Religionen ablesen, die unterschiedliche Vorstellungen von Gott ausgeprägt haben. Auch im Raum der biblischen Gottesoffenbarung haben einzelne Epochen jeweils unterschiedliche Aspekte im Gottesbild betont.

Pater Kentenich hat das biblische Gottesbild in seiner Ganzheit gläubig angenommen und gekündet, aber er war überzeugt, dass die geistige Situation unserer Zeit wesentliche Akzentverschiebungen gegenüber vergangenen Jahrhunderten verlangt. Seine Spiritualität hat vor allem zwei Aspekte im Gottesbild hervorgehoben: Gott als „Gott des Lebens und der Geschichte“ und Gott als „barmherzig liebenden Vater“.

1. Der Gott des Lebens und der Geschichte

Er zeigt sich und lässt sich erfahren als der Handelnde, Wirkende, der in das Leben der Menschen und den Lauf der Geschichte Eingreifende. Die religiöse Tragödie der Neuzeit hat für Pater Kentenich ihre letzte Wurzel darin, dass Gott im Raum der Geschichte nicht mehr vorkommt. Dadurch ist er zur Idee geworden und für das Erleben weiter Schichten „tot“. Demgegenüber möchte Pater Kentenich das urbiblische Gottesbild wieder zurückerobern. „Die alles bestimmende und durchdringende theologische und religiöse Grundüberzeugung des Alten Testamentes ist: Gott lebt, Gott wirkt“ (G. von Rad). Als Gott seinen geheimnisvollen Namen vor Mose enthüllt, sagt er: „Ich werde da sein, der ich da sein werde“ (Ex 3,14). Pater Kentenich interpretiert: „Ich bin der, der da ist, der die Weltgeschichte lenkt und regiert. Das ist das Gottesbild des Alten Testamentes, das ist der Gott der Geschichte“ (DD 1963, IX, 175). Diesem Gottesbild entspricht die Erziehung zum praktischen Vorsehungsglauben: „Das Eingreifen Gottes in unser Leben ist eigentlich die große, urgewaltige Funktion, die heute unsere religiöse Erziehung nachvollziehen muss. Der Gott des Lebens will heute wieder neu kennen gelernt und gelehrt werden“ (PatEx 1967).

Damit setzt Pater Kentenich neue Akzente in der Verkündigung. Diese richten sich gegen drei Verfälschungen dieses biblischen Gottesbildes. Da ist einmal der theologische Rationalismus, für den Gott und Göttliches einseitig zur religiösen Idee zu werden droht. Im europäischen Raum macht Pater Kentenich für die Verbreitung dieser Einstellung vor allem den deutschen philosophischen Idealismus verantwortlich. Dadurch wird das Gottesbild entpersönlicht, Religion wird vom Leben getrennt und verliert ihren existentiellen Charakter.

Dazu kommt die einseitige Betonung der Transzendenz Gottes, vor allem im protestantischen Raum und da besonders in der dialektischen Theologie, für die Gott „der ganz andere“ ist. Durch die Leugnung der analogia entis der bleibenden Ähnlichkeit zwischen Schöpfer und Schöpfung bei aller noch größeren Unähnlichkeit gibt es keine Brücke zu Gott aus unserer Lebenswelt. Sein Bild wird auf diese Weise „entmenschlicht“, er wird zum Fernen, Unnahbaren.

Schließlich richtet er sich gegen die Tendenz, die Autonomie der Natur und die Freiheit des Menschen absolut zu setzen und dadurch alles Geschehen rein innerweltlich zu erklären. Mit dem Aufkommen des naturwissenschaftlichen Denkens und der technischen Zivilisation ist die Eigengesetzlichkeit der Dinge so stark und ausschließlich in den Vordergrund gerückt, dass für Gott und Gottes Wirken im Denken und Empfinden vieler kein Platz mehr bleibt. Stärker als ein bewusster Atheismus hat diese deistische Denkhaltung das christliche Gottesbild verdrängt. Mit seiner Akzentverlagerung auf die Immanenz Gottes, auf sein Wirken im Zusammenspiel mit den geschöpflichen Zweitursachen, will Pater Kentenich das biblische Gottesbild für den modernen Menschen zurückgewinnen helfen.

Das wird konkret für die Biographie des glaubenden Menschen wie für die Geschichte kirchlicher Gemeinden und Gemeinschaften: wer mit einer gläubigen Voreinstellung in den Ereignissen die Fügungen Gottes zu entdecken versucht, kann darin allmählich eine Führungsgeschichte finden und so in der bleibenden Mehrdeutigkeit der Geschehnisse doch den Gott des Lebens und der Geschichte erfahren.

Dass es sich dabei um einen wesentlichen Grundzug des Gottesbildes, aber im Rahmen einer Ganzheit handelt, sagt Pater Kentenich selbst: „Es mag nicht gar zu viele Menschen geben, für die gerade der Gott des Lebens so stark im Mittelpunkt des Sinnens und Minnens, des Planens und Wirkens steht wie bei uns. Damit ist beileibe nicht gesagt, dass wir den Gott der Heiligen Schrift, den Gott unserer Altäre und den Gott im Herzen des begnadeten Menschen übersehen. Das eine betonen heißt nicht, das andere übersehen“ (CN 1955, 590).

2. Gott als der barmherzige Vater

Die zweite Umakzentuierung in der Verkündigung des christlichen Gottesbildes sieht Gott vornehmlich als den barmherzigen Vater. Dabei geht es immer um den „Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“, um das trinitarische Gottesbild des Neuen Testamentes. In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Exegese und teilweise in der Verkündigung so etwas wie eine Neuentdeckung und Neubewertung der „Abba“ Erfahrung Jesu ereignet Pater Kentenich steht ganz in dieser Linie. Er hat den Ur Rhythmus christlichen Betens und Lebens grundsätzlich und praktisch in seiner Spiritualität angewandt: „durch Christus im Heiligen Geist zum Vater“. „In der objektiven Seinsordnung … ist der Vatergott der letzte Ausgangs , der letzte Ruhe und der letzte Zielpunkt“.

Gegen eine solche Auffassung vom Vatergott erheben sich in unserer geistigen Umwelt zwei mächtige Widerstände. Der eine richtet sich gegen den Vater angesichts der unbegreiflichen Grausamkeiten der Welt, der andere erhebt sich gegen den Patriarchalismus in der Gesellschaft und deshalb auch in der Religion.

Schon Ende des letzten Jahrhunderts notierte Nietzsche: „Warum Atheismus? `Der Vater‘ in Gott ist gründlich widerlegt.“ Aber nach Auschwitz fragen auch viele gläubige Christen mit W. Dirks: „Können wir heute noch `Vater unser` beten?“ Ein Denker wie H. Jonas ist der Meinung, dass wir angesichts der unbegreiflichen Grausamkeiten unser Gottesbild korrigieren müssen entweder ist Gott gut, dann ist er nicht allmächtig. Oder er ist allmächtig, dann kann er nicht gut sein.

Eine Neubesinnung der Vaterbotschaft Jesu ist auch angesagt im Aufstand gegen eine Jahrtausende alte Machtstellung der Väter in der Gesellschaft, die ihre letzte Rechtfertigung in einem Vatergott gefunden haben. Nicht nur der Feminismus bringt es kaum mehr fertig, angesichts solcher Verkettungen das biblische Gottesbild des mächtigen Vaters beizubehalten.

Im wachen Bewusstsein dieser seelischen Situation des heutigen Menschen mit seinen Verwundungen und Widerständen sucht Pater Kentenich Zugänge zu einem neuen und vertieften Verständnis des biblischen Vaterbildes.

Da ist zunächst das gläubige Ernstnehmen der Verkündigung Jesu vom vorsorgenden Vater (Mt 6). Was wie eine Idylle klingen könnte , dass Gott wie für die Lilien des Feldes, so noch mehr für jeden Menschen und zwar bis in die kleinsten Kleinigkeiten hinein, bis zu den Härchen des Kopfes sorgt , ist für Jesus zentral mit seiner Abba Botschaft verbunden, er hat selbst daraus gelebt und seine Jünger dazu angeleitet, alle ihre Sorgen auf den Vater zu werfen. Für die Schönstattspiritualität ist das Vertrauen auf Gottes Vorsehung, das kindliche Sich Ausliefern an seine Führung charakteristisch.

Dazu hilft das Vertiefen in das, was Pater Kentenich im Anschluss an Franz von Sales das „Weltgrundgesetz der Liebe“ nennt. Ausgangspunkt ist die Kernaussage johanneischer Theologie: Gott ist die Liebe. Natürlich hat das die christliche Theologie durch alle Jahrhunderte festgehalten. Aber in Verkündigung und Frömmigkeit stand doch auf weite Strecken der gerechte Gott im Vordergrund. In den Tiefenschichten der Seele lebte die abendländische Christenheit mehr in der Furcht vor dem fordernden und strafenden Richter als in der angstlosen Freiheit der Kinder Gottes. Pater Kentenich ist der Meinung, dass hier ein epochaler Wechsel in der Akzentuierung des Gottesbildes erfolgen muss. Weltgrundgesetz der Liebe heißt für ihn: letzte Motivation für Gottes Handeln ist nicht seine Allmacht und Gerechtigkeit, sondern seine Liebe. Er tut alles aus Liebe, durch Liebe und für Liebe. Im Laufe der Jahrzehnte ist in der Art, wie Pater Kentenich die Vaterbotschaft verkündet hat, eine bedeutsame Weiterentwicklung festzustellen. Er legt den Akzent immer stärker auf die barmherzige Vaterliebe. Dabei beruft er sich auf Theresia von Lisieux, die „Opfer der Barmherzigkeit“ sein wollte. „So, wie wir unseren Gottesbegriff durchgeformt haben, war von Anfang an für uns die große Idee, die wir verfolgt haben: den Vatergott schlechthin als den Gott der Liebe kennen zu lernen und kennen zu lehren … Aber wenn wir genauer überprüfen, dann hat dabei immer mitgeklungen der Gedanke: die Vaterliebe Gottes ist eine gerechte Vaterliebe. Das ist es auch, soll es auch bleiben. Aber die neue Vateridee, das neue Vaterbild will und muss nun die Akzente stark verschieben nach der Richtung der erbarmungsreichen Vaterliebe. Gerechte Liebe was setzt das voraus? Verdienst und ernstes Ringen um Verdienst. Das bleibt bestehen … Aber, aber … Und wenn wir weiß Gott was getan: das dürfen wir nicht sonderlich werten! … Der Vater liebt sein Kind nicht so sehr, weil es sich bemüht hat, gut und edel zu sein wohl auch. Aber zur Hauptsache, weil es sich bemüht hat, das zu tun, aber es nicht fertig brachte und sich deswegen in den Abgrund der barmherzigen Liebe hinabsinken ließ. Ist das ein `neues‘ Vaterbild? Ein altes Vaterbild, aber neu gesehen, tiefer gesehen!“ (Vortr 3./4.1.1966, 48).

Ein weiterer bedeutsamer Zugang eröffnet sich von einem Kernsatz der Theologie des Duns Scotus her, den Pater Kentenich oft zitiert: Deus quaerit condiligentes se Gott sucht nach Menschen, die ihn lieben und mit ihm lieben. Gott ist kein selbstgenügsamer, in sich verschlossener, sondern ein „bundeswilliger“ (Deissler), ein „menschenfreundlicher Gott“ (östliche Liturgie).

Das wird noch an einem letzten Zugang deutlich, den Pater Kentenich mit seiner Geschichtstheologie anbietet. Der Sinn aller Welt und Heilsgeschichte ist, von Gott her gesehen, „die Heimholung aller Auserwählten durch Christus (mit Maria) im Heiligen Geist zum Vater“, von der menschlichen Perspektive ist es „die Heimkehr zum Vater“. In allen Etappen ist aber das letzte Ziel „möglichst vollkommene Liebesvereinigung mit dem Menschen schon hier auf Erden und schließlich eine ganze Ewigkeit hindurch“ (PhErz 1961, 63). So wird alle Geschichte „eine Geschichte des Bündnisses zwischen Gott und der Kreatur, ein bräutliches Bündnis“(KwF 1946, 37).

Erst wenn man aufgenommen hat, dass dieses stetige Umkreisen des Mysteriums der Vaterliebe Gottes eine gläubige Weltanschauung grundlegen, eine Prägung des Welt und Lebensgefühls vermitteln will, wird die Stellung des Christen zu Kreuz und Leid lebbar. In seinem Weltenplan hat Gott Leid vorgesehen, lässt er Katastrophen aller Art zu, zieht er Mensch und Menschheit in die Auseinandersetzung der hintergründigen Geschichtsmächte. Angesichts der Unbegreiflichkeiten stehen wir vor dem Mysterium des je größeren Gottes: „Gott ist und bleibt nicht nur in sich, sondern auch in der Weltregierung und Menschenführung der Unergründliche“ (CN 1955, 429). Wenn der Glaube an den Gott der Liebe und das Vertrauen auf seine väterliche Vorsehung tiefe Wurzeln geschlagen haben in der Seele, kann der Mensch beten: „Ich fahr mit Dir durch Finsternis und Nacht, weil Deine Liebe immer für mich wacht“ (HW 1945, 112). So wird die Verkündigung der Vaterbotschaft bei Pater Kentenich nicht zu einem seichten Heilsoptimismus, sondern hilft nicht zunächst auf der theoretischen Ebene der Theodizee zur existentiellen Bewältigung der quälenden Lebensrätsel in der Nachfolge Jesu, zu dessen Leben und Sendung Kreuz und Leid gehören.

Gerade weil Pater Kentenich von der zeitgemäßen und Zeit überwindenden Kraft des göttlichen Vaterbildes überzeugt war, konnte ihm der vitale Zusammenhang zwischen dem natürlichen Vatererlebnis im gesellschaftlichen und persönlichen Bereich und einem reifen Gottesbild nicht entgehen. Die moderne Psychologie hat das vielfältige Wurzelgeflecht des Gottesglaubens offen gelegt. Ausfall der Vaterfigur oder negative Vatererlebnisse verzerren das Vaterbild ebenso sehr wie die gesellschaftliche Erfahrung diktatorischer „Väter“. Gerade deshalb fordert Pater Kentenich eine „Wiedergeburt des Vaters“ zunächst auf der menschlichen Ebene, so dass leibliche und geistige Väter zu erfahrbaren Transparenten des Vatergottes werden können. Das bedeutet vor allem einen radikalen Verzicht auf „patriarchalische“ Machtansprüche und die Entfaltung der weiblich kindlichen Anteile ihres Wesens bei den „neuen Vätern“. Das ist für ihn der Weg zur Wiedergewinnung des ganzheitlichen Vaterbildes für Gott, der ja nicht „männlich“ ist, sondern übersexuell, und darum väterliche und mütterliche Züge in sich vereint: „Gott ist noch mehr Mutter als Vater, er ist schlechthin die Liebe.“


Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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