Heiligtum

Heiligtum

Lothar Penners

1. Entstehung und Grundcharakter
2. Spiritualität
3. Reflexion

1. Entstehung und Grundcharakter

Heiligtum ist in der Spiritualität der Schönstatt-Bewegung die gängige Bezeichnung zunächst für die ursprüngliche Kongregationskapelle („Ur-Heiligtum“), später auch für die sog. „Filialheiligtümer“, die originalen Nachbildungen der Gnadenkapelle am Ort Schönstatt.

In diesem Wortgebrauch kommt die gläubige Überzeugung zum Ausdruck, dass die Gottesmutter Maria auf die Bitte des Ursprungsbündnisses eingegangen ist, in der Kongregationskapelle geistig Wohnung zu nehmen und „Wunder der Gnade“ zu wirken (>>Gründungsurkunde; >>Schönstatt, Geschichte).

Die Eigenart des Schönstatt-Heiligtums ist folglich bestimmt vor allem durch seinen Grundcharakter als Bündnisstätte und die aus dem >>“Liebesbündnis“ erwachsene geistliche Erfahrung.

Diese ist verknüpft nicht nur mit dem Heiligtum im engeren Sinne, sondern auch mit seinem Umkreis, dem „hl. Ort“ als Pilgerstätte und den dort im Laufe der Geschichte ansässig gewordenen Häusern und Zentren der einzelnen Gemeinschaften.

Analoges gilt für die Schönstattzentren und deren Heiligtümern in einzelnen Ländern und Diözesen.

Das Urheiligtum ist ein 1947 von der Kirche in dem Sinne anerkannter Wallfahrtsort, als die dorthin pilgernden Gläubigen die auch anderweitig üblichen Anlässe gewinnen können.- In der Schönstatt-Bewegung ist die Überzeugung lebendig, dass mit dem Heiligtum originelle >>Wallfahrtsgnaden verbunden sind: vor allem die Gnade der Beimatung, der seelischen Umwandlung und apostolischen Fruchtbarkeit.

2. Spiritualität

Das Heiligtum ist die geistliche Mitte der religiös-apostolischen Bestrebungen der Schönstatt-Bewegung; das „Leben im Heiligtum“ eine originelle Konkretisierung des „Wandels mit Gott“. Das „Schönstatt-Offizium“ (>>Himmelwärts) verbindet das Heiligtum mit den hl. Stätten des historischen Christus- und Marienlebens (Nazareth, Bethlehem, Tabor, Bethanien, Golgotha, Sion-Jerusalem…) und leitet an, die dort stattgefundenen Heilsereignisse im Schönstatt-Heiligtum zu vergegenwärtigen und die Gnade zu erbitten, der entsprechenden Heilserfahrungen auf dem eigenen Glaubensweg innewerden zu dürfen.

Die Spiritualität des Schönstatt-Bewegung spricht von einem Organismus der Heiligtümer und meint damit den lebensmäßigen Zusammenhang zwischen dem Urheiligtum als primärer Gnadenstätte, den Filialheiligtümern und >>Hausheiligtümern, die am Segensstrom der Urgnadenstätte partizipieren, und dem >>Herzensheiligtum, auf das jede Heiligtums-Spiritualität des neuen Bundes letztlich ausgerichtet ist: den lebendigen Menschen, der von Gott selbst geheiligt und bewohnt ist; die lebendige Kirche, das Haus – „erbaut aus lebendigen Steinen“.

Insgesamt soll die Bindung an den hl. Ort der natürlich-übernatürlichen Beheimatung der Gläubigen dienen und durch seine dichte religiöse Atmosphäre mithelfen, in einer säkularistischen Kultur „Kontaktstellen“ zum religiösen Vollzug zu finden.

3. Reflexion

Durch seine Verknüpfung mit der geschichtlichen Ursprungserfahrung der Schönstatt-Bewegung scheint es ein Heiligtum eigener Art zu sein: Es ist auf der einen Seite herausgehoben aus der profanen Wirklichkeit; das verbindet es mit dem „sakralen“ Phänomen heiliger Orte überhaupt. Auf der anderen Seite verdankt es seinen Ursprung einer Gnadenerfahrung in der gewöhnlichen Ordnung, zu deren Nachvollzug ausdrücklich eingeladen wird, ein „Liebesbündnis“ mit Maria zu schließen – als (Neu-)Einstieg in eine religiöse Vertiefung. Dieser sein Charakter als Bündnisstätte grenzt es wiederum ab von Orten außergewöhnlicher religiöser Phänomene, die ihre „Sakralität“ herleiten von geschehenen Wundern, ergangenen Weissagungen oder Erscheinungen. Es ist insgesamt nicht unter die sakralen Phänomene „direkter“ epiphanischer Widerfahrnisse zu rechnen.

Infolgedessen kennt die Schönstatt-Bewegung in ihrer Gesamtspiritualität auch keinen Gegensatz zwischen der Bindung an einen solcherart „heiligen“ Ort und einer Frömmigkeit der „Zweitursachen“ und der gläubigen Weltdurchdringung. Eine exaktere religionsphänomenologische Typologie des Schönstatt-Heiligtums ist eine im Ganzen wohl noch zu leistende Aufgabe. Die Reflexion Pater Kentenichs über die Bedeutung des Heiligtums samt des heiligen Ortes zielt – über unmittelbar theologische Kontexte hinaus – vor allem in eine doppelte Richtung:

3.1. Er zieht immer wieder religionsgeschichtliche und religionssoziologische Daten heran, die Bedeutung religiöser Zentren und deren Prägekraft zu beleuchten („Gesetz der ausgezeichneten lokalen und personalen Fälle“): Mekka, Athos, Marienheiligtümer überhaupt, Ortsgebundenheit des Benediktinertums.

3.2. Die Gebundenheit an den heiligen Ort ist für ihn Teilmoment im Gesamtkonzept dessen, was er die Entsprechung von sog. natürlichem und übernatürlichem >>Bindungsorganismus nennt und seiner Bedeutung inmitten umfassender Umbrüche von Religion und Kultur.


Literatur:

  • J. Kentenich, Erste Gründungsurkunde vom 18.10.1914, in: Schönstatt Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, 21-27
  • J. Kentenich, Worte zur Stunde. Zweite Gründungsurkunde (geschrieben zum 18. Oktober 1939), in: Schönstatt Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, 29-63
  • J. Kentenich, Texte zum Verständnis Schönstatts. Herausgegeben von Günther M. Boll, Vallendar-Schönstatt 1974, 46 ff. 79 ff.
  • J. Kentenich, Brasilienterziat. Terziat in Santa Maria / Brasilien (16.2.-5.3.1952), verv. A 5, 244+240+258 S. II, 119 ff.
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S.
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. II. Teil: Bündnisfrömmigkeit (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 278 S.
  • E. Monnerjahn, Die ikonologische Botschaft des Schönstattheiligtums. Versuch einer Zusammenschau und Deutung, Regnum 11 (1976) 60-70
  • B. Pereira, Der heilige Ort, Regnum 2 (1967) 166-172
  • 3 (1968) 10-16. 60-68.
  • O. F. Bollnow, Mensch und Raum, Berlin-Köln-Mainz 31976
  • F. Heiler, Erscheinungsformen und Wesen der Religion, Stuttgart 1961, 128 ff.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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