Heimat

Heimat

Martin Faatz

1. Kultureller Hintergrund
2. Dimensionen von Heimat
2.1. Das physische Moment
2.2. Das psychisch gemüthafte Moment
2.3. Das geistige Teilelement
2.4. Das übernatürliche Element
3. Schönstatt als Heimat

Heimat bezeichnet im Sprachgebrauch P. Kentenichs jene Orte und Personenkreise sowie jene Gedankenwelt, in denen ein Mensch sich geborgen fühlt und über die er Geborgenheit bei Gott erfahren kann. Heimat ist nach Kentenich somit der Grundbegriff für die lokale, personale und geistige >>Bindung eines Menschen.

1. Kultureller Hintergrund

Diesen Heimatbegriff hat P. Josef Kentenich in den dreißiger Jahren in Anlehnung an Linus Bopp entwickelt. Hintergrund ist die Beobachtung, dass im Zuge der Industrialisierung überkommene soziale Bezugssysteme wie beispielsweise die Dorfgemeinschaft an Bedeutung verloren haben. Diese Bezugssysteme trugen auch die Religiosität wesentlich mit. Dadurch wurden viele Menschen auch in der zuvor selbstverständlichen Ausrichtung an einer Wertordnung und ihrer Beziehung zu Gott verunsichert. Diesen Heimatverlust hat P. Kentenich in seinen Kulturanalysen immer wieder thematisiert: „Das Heimatproblem dürfte in der Weite, wie wir es verstanden wissen wollen und darstellen dürfen, letzten Endes das Kulturproblem der heutigen Zeit sein. Deswegen ist Heimatlosigkeit das Kernstück der heutigen Kulturkrise.“ (PT 1951, 165). Die Lösung dieses Problems sah Kentenich allerdings nicht in einer Restauration der früheren sozialen Bezugssysteme, sondern im Ansatz des Bindungsorganismus: Je mehr ein Mensch sich aus eigener Entscheidung an Orte, Personenkreise, Gedankenwelten und über sie letztlich an Gott selbst bindet, desto mehr erfährt er seine eigentliche, unverlierbare Heimat.

2. Dimensionen von Heimat

Josef Kentenich unterscheidet bei der Heimat ein physisches, psychisches, geistiges und übernatürliches Element. Besondere Bedeutung misst er dabei dem >>Erlebnis zu.

2.1. Das physische Moment

Das physische Moment bezeichnet reale innerweltliche Gegebenheiten, die ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln; z.B. ein bestimmter Ort, bestimmte Gegenstände, eine vertraute Umgebung, aber auch Personen.

2.2. Das psychisch gemüthafte Moment

Unter dem psychisch gemüthaften Moment versteht er die eigene emotionale Bindung an diese innerweltlichen Gegebenheiten. Sie entsteht insbesondere durch die bewusste Vergegenwärtigung des z.B. an einem konkreten Ort oder mit bestimmten Personen Erlebten.

2.3. Das geistige Teilelement

Als geistiges Teilelement fasst Kentenich jenen Kreis von Ideen, Gedanken, Idealen, Werten usw., in dem der Einzelne seine geistige Heimat findet. Bestimmte Orte, Gegenstände oder Personen können daran besonders erinnern.

2.4. Das übernatürliche Element

Das übernatürliche Element der Heimat bezeichnet bei Pater Kentenich die letzte Geborgenheit des Menschen im dreifaltigen Gott. Diese Geborgenheit nennt er auch „Urheimat“ oder „vollkommene Heimat“.

Innerhalb dieser Teilmomente der Heimat sieht Pater Josef Kentenich eine klare Zuordnung: Die realen Gegebenheiten, welche das physische Element der Heimat ausmachen, sollen die psychische und letztlich die religiöse Heimat ausdrücken, vermitteln und sichern (>>Weltgesetze). Der konkrete Ort oder Gegenstand ist Symbol des Gedankenkreises und der Ideale der geistigen Heimat und erinnert an sie. Orte und Personenkreise verweisen auf die hier in besonderer Weise erfahrene Gegenwart und Liebe Gottes und lassen die Beheimatung bei ihm immer wieder erfahrbar werden.

Hinter dieser Zuordnung steht die >>Zweitursachenlehre: Es ist im Grunde ausschließlich Gott selbst als Erstursache, der dem Menschen Heimat im Sinne tiefster Geborgenheit schenken kann. Diese Urheimat wird aber vermittelt durch innerweltliche Zweitursachen, eben jene Orte, Gegenstände, Personen usw., durch die Beheimatung konkret erlebt wird. Umgekehrt ist dem Menschen damit der Weg gewiesen, Heimat zu finden: in dem er sich an solche Orte, Gegenstände oder Personenkreise bindet, kann er sich durch sie zur geistigen Beheimatung und schließlich zur Urheimat bei Gott hinführen lassen.

3. Schönstatt als Heimat

Die überkommenen sozialen Bezugssysteme früherer Jahrhunderte sind mittlerweile weitgehend aufgelöst, und mit ihnen ist die traditionelle Bindung an die Religion und an Werte geschwunden. So scheint vielen Menschen eine geistige und seelische Heimat als jener Bezugspunkt zu fehlen, von dem aus persönliche Erfahrungen und allgemeine Entwicklungen denkerisch wie gefühlsmäßig eingeordnet und fruchtbar gemacht werden können (>>Wurzellosigkeit).So bemühen sich die Gemeinschaften der Schönstattbewegung, selbst im Sinne der drei genannten Elemente eine Heimat zu sein. Namentlich der Ort Schönstatt, die Heiligtümer mit ihrer vertrauten Einrichtung, bestimmten Symbolen usw. wollen Heimat werden. Auch Menschen sollen innerhalb der Schönstatt-Bewegung zum Heimaterlebnis beitragen. Dazu wird bewusst angeleitet. Eine geistige Heimat soll jene Gedanken und Wertwelt bieten, die sich unter dem Leitgedanken des „neuen Menschen in der neuen Gemeinschaft“ innerhalb der Bewegung entwickelt hat. Die Pflege der Bindung an Orte, Personen und Ideale ist grundsätzlich auch als Mittel zur Gewährleistung der Bindung an Gott verstanden, wie sie im >>Liebesbündnis zum Ausdruck gebracht wird. „Beheimatung“ wird entsprechend zu den drei in Schönstatt erfahrbaren >>Wallfahrtsgnaden gezählt.

Entsprechend sehen sich die Gemeinschaften der Bewegung heute in besonderer Weise herausgefordert, Heimat im Sinne der drei genannten Elemente zu vermitteln. Insgesamt spielt die Überwindung der Heimatlosigkeit durch bewusste Pflege der personalen, lokalen und ideellen Bindungen und letztlich die Bindung an Gott im Leben der Schönstattbewegung eine große Rolle.


Literatur:

  • J. Kentenich, Daß neue Menschen werden. Eine pädagogische Religionspsychologie. Vorträge der Pädagogische Tagung 1951. Bearbeitete Nachschrift, Vallendar-Schönstatt 1971, 264 S.
  • J. Kentenich, Vortrag für Theologen vom 24.8.1934 „Schönstatt ist meine Heimat“, in: J. Kentenich, Kirche im Aufbruch ans neue Ufer. Texte aus Kursen und Tagungen von P. Joseph Kentenich. Festgabe der Schweizer Schönstatt-Familie zum 50. Jahrestag der Gründung Schönstatts, 1964, 142-148.
  • H. Brantzen, Gemeinde als Heimat, Freiburg/Schw. 1993.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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