Kindlichkeit

Kindlichkeit

Peter Locher

1. Begriff
2. Aktualität
3. Systematische Entfaltung
3.1. Anthropologische Bedeutung
3.2. Theologische Bedeutung
3.3. Psychologische und pädagogische Bedeutung
4. Stadien und Wachstum

Lesen Sie als Ergänzung zu diesem Artikel die preisgekrönte Diplomarbeit von Jörg Schuh: Victoria Patris

1. Begriff

Mit dem Begriff Kindlichkeit ist ein zentraler Wert in der biblischen Botschaft und in der Spiritualität Schönstatts angesprochen. In der Verkündigung Jesu erscheint geistige Kindschaft geradezu als Bedingung, um in das Himmelreich einzugehen (vgl. Mt 18,2 f. par). Kinder, deren Engel „das Angesicht des Vaters schauen“ (Mt 18,10), werden den Aposteln als Leitbild vorgestellt: „Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes“ (Mk 10,14).

2. Aktualität

Aufbauend auf der Botschaft Jesu und anknüpfend an kirchliche Traditionen kündet Pater Kentenich den Wert der Kindlichkeit als Antwort auf heutige für den Glauben und das wahre Menschsein gefährliche Strömungen. Kindlichkeit antwortet auf eine einseitige Betonung der Autonomie des Menschen. Sie korrigiert den extremen „Virilismus“ (MPr 1941, 61) und die „übersteigerte rationalisierende Geistigkeit“ (St 1949, 262) unserer westlichen Gesellschaften. Mit Pestalozzi beklagt P. Kentenich, dass „der verlorene Kindessinn das größte Unheil für die moderne Menschheit ist, weil er die Vatertätigkeit Gottes unmöglich macht“ (PhErz 1961, 78). Für Pater Kentenich ist deshalb Kindlichkeit „schlechthin das Heilmittel aus der heutigen Katastrophe“ (St 1949, 85). Er schließt sich dem Wort des indischen Philosophen Tagore an, der meint: „Gott möchte, dass wir in heiliger Weisheit unsere Kinderart zurückerobern“ (PhErz 1961, 78).

Das Heilmittel Kindlichkeit sieht Pater Kentenich darin begründet, dass es sich hier um einen besonderen Schnittpunkt von „Naturtrieb“ und „Gottestrieb“ – wie er die Gaben des Heiligen Geistes bezeichnet – handelt (vgl. KvG 1937, 79.92).

3. Systematische Entfaltung

Die Wertfülle der Kindlichkeit kann dementsprechend unter drei Gesichtspunkten dargestellt werden:

3.1. Anthropologische Bedeutung

Im Blick auf den Geschöpflichkeitscharakter des Menschen spricht Pater Kentenich von der Kindlichkeit als „Urphänomen“, als „ewiges Urbedürfnis in der menschlichen Natur“. Der Mensch ist „das ewige Kind. Je reifer er wird, desto verwurzelter wird die Kindlichkeit“ (RomV 1965 I, 190). Weil Kindlichkeit die „totale Grundbeziehung zu Vater und Mutter“ meint, ist sie nicht nur ein Wachstumsstadium des Menschen, sondern eine sich durchtragende und ausreifende Grundhaltung, die „das totale Hineingezogensein in den Vatergott oder damit auch in den ‚Muttergott'“ (1933) bedeutet. Insofern entspricht dem Geschöpflichkeitscharakter des Menschen die Haltung eines inneren Gehorsams, eines lebendig vollzogenen Glaubens (>>Gehorsam, >>Vorsehungsglaube). „Vollkommener Gehorsam und vollkommene Kindlichkeit sind … nahe verwandt, wenn nicht gar identisch“ (St 1949, 256).

Entsprechend dem Geschöpflichkeitscharakter des Menschen ist Kindlichkeit Wurzel- und Wesensbestandteil von Mann- und Frausein (>>Mann, >>Frau). „Kindliche Aufgeschlossenheit und kindliche Hingabe bleiben allezeit ein konstitutives Element männlicher und weiblicher Vollendung“ (NM, 309 f.). Kindlichkeit ist daher nicht mangelndes Erwachsensein und mangelnde menschliche Reife, sondern korrespondiert echter Mündigkeit und vollendetem Selbstbesitz.

3.2. Theologische Bedeutung

Auf dem Geschöpflichkeitscharakter des Menschen baut sein Hineingenommensein in den Lebens- und Gnadenstrom Gottes, seine Eingliederung in den Leib Christi, auf, die Pater Kentenich „Kindschafts- und Gliedschaftswirklichkeit“ nennt. Das ewige Wort des Vaters ist nicht nur Mensch, es ist Kind geworden. Diese Kindwerdung hat der ewige Sohn des Vaters in seiner menschlichen Natur vollendet, indem er „durch Leiden den Gehorsam gelernt hat“ (Hebr 5,8) und in kindlicher Hingabe den Todessprung wagte: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,46). Aus dieser existentiell vollzogenen Kindwerdung folgert schon Augustinus, dass der Weg, auf dem Gott zu den Menschen kam, auch der Weg sei, auf dem der Mensch zu Gott komme. Deshalb ist die „Aneignung“ an Christus als das Haupt gleichzeitig ein Hineingenommensein in seine Kindschaft dem Vater gegenüber (Eph 1,5). In neuer Weise, gleichsam adoptiert „als Erben vorherbestimmt und eingesetzt“ (Eph 1,11; vgl. Röm 8,17), kann der Mensch in und mit Christus sagen: „Abba, Vater!“ (Röm 8,15), kann er ausreifen zur „Freiheit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21), „dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden“ (Röm 8,23), kann in kindlicher Gehorsamshaltung lernen zu sagen: Vater, „nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen“ (Lk 22,42; Mt 26,39).

Das Vorbild für die Eingliederung in Jesu „Heimkehr zum Vater“ (vgl. Joh 13,3) ist Maria. Sie erfährt sich in ihrer „Niedrigkeit“ von Gott erhoben (Lk 1,48) und antwortet mit ihrem „Fiat“ in kindlicher Ganzhingabe (Lk 1,38). „Kein Mensch hat so schön und so einfältig das Kindsein vor dem Vatergott gelebt, wie die Gottesmutter“ (1964).

3.3. Psychologische und pädagogische Bedeutung

Die moderne Psychologie ist dabei, ihr eigenes Kapitel zu der Forderung Jesu von der „Wiedergeburt“ im Gespräch mit Nikodemus (Joh 3,3) zu schreiben. In verschiedenen Therapieformen spielen Erfahrungen der Kindheit und Nacherleben kindlicher Erlebnisse eine wichtige Rolle. Praktisch alle neurotischen Erkrankungen haben in der Kindheit ihre Wurzel. Sollen sie geheilt werden, muss der „Patient“ nicht nur lernen, die früh geschlagenen Verwundungen anzunehmen, sondern im schmerzhaften Prozess einer solchen Annahme sich erneut anzuvertrauen, sich loszulassen, auf neue Weise Kind zu werden.

Geht man der Frage nach, warum Kindsein verwundbar macht und auch zu heilen vermag, wird man in der Kindlichkeit jene Integrität und Harmonie wahrnehmen, die zum Idealverständnis des Menschen gehört und seiner tiefsten Sehnsucht entspricht. Pater Kentenich spricht von der „Sehnsucht nach dem Kleinsein“ (Br 10.3.49), von der „Genialität der Naivität“ (PT 1950, 138), die nicht nur heilt, sondern den Menschen auch – selbst bei größten Belastungen, wie z.B. in einem Konzentrationslager – gesund erhält. Kindlichkeit ist „gebändigte Kraft in krampflos ruhigem … fast spielendem Selbstbesitz“ (St 1949, 264).

Zur seelischen Gesundheit gehört wesentlich der richtige Umgang mit Grenzen, Schuld, Schicksalsschlägen und letztlich mit dem Tod. Es ist die Haltung der geistlichen Kindlichkeit, die sich in Grenzen versteht und annimmt, die Schicksalsschläge abfedert und sich in Schuld und Tod loslässt. Kindlichkeit wird so zur „Quelle einer wundersamen Spannungseinheit zwischen menschlicher Ohnmacht und göttlicher Allmacht“ (31. Mai 1963). Sie führt zur „Kühnheit des Heiligen und Kühnheit des Sünders“ (PT 1950, 138).

Erst wenn der Mensch seine Grenzen anerkennt, selbstverständlich darin lebt und gerade darin seine Natur entsprechend seinem Wesen und seiner Spontaneität entfaltet, sich in kindlicher Abhängigkeit als Werkzeug Gottes versteht (>>Werkzeugsfrömmigkeit), wird der Mensch reif. Kindlichkeit ist „Quelle schöpferischer Väterlichkeit“, bzw. Mütterlichkeit (31. Mai 1963). Auf der Grundlage der Kindlichkeit ist der Mensch eigentlich wagemutig, ohne willkürlich zu sein, geschichtsmächtig, ohne zerstörerisch zu sein. Sie ist „Quelle schöpferischer Geschichtsgestaltung“.

4. Stadien und Wachstum

Weil die Kindlichkeit ein Wesensbestandteil des Menschseins ist, ist sie Gesetzen des Wachsens unterworfen und kennt verschiedene Stadien und Ausprägungen. Die primitive Kindlichkeit liebt die Eltern und Gott um des eigenen Vorteils willen. Sie entspricht der bedürftigen Liebe (>>Liebe). Abgeklärte Kindlichkeit liebt das Gegenüber um seinetwillen. Heroische Kindlichkeit liebt Gott „ausschließlich um seiner selbst willen und sich selbst und alles Geschaffene nur wegen Gott“ (vgl. St 1949, 144-149). Diese beiden letzteren Ausprägungen entsprechen der hochherzigen Liebe. Von ungebrochener Kindlichkeit kann gesprochen werden, wenn die entsprechende Grundhaltung nie verloren ging. Gebrochen ist die primäre Kindlichkeit bei einseitiger Entwicklung von Verstand, Wille und Gemüt, bei zu starkem Ausleben, bei Verlust der Ehrfurcht und bei schwer oder gewohnheitsmäßig sündhaftem Verhalten.

Kindlichkeit wird neu erworben – und wird dann geradezu ein Synonym für Heiligkeit – in dem Maße, in dem der Mensch wieder in die innere Harmonie von Selbstbezug, Fremdbezug und Gottbezug hineinwächst und sich darin ganz und originell zu besitzen und zu verschenken lernt, zunehmend dem „unverdorbenen Konzept“ Mariens ähnlich wird.


Literatur:

  • J. Kentenich, Kindsein vor Gott. Priesterexerzitien 1937, Vallendar-Schönstatt 1979
  • J. Kentenich, Studie aus dem Jahr 1949. Brief vom 31. Mai 1949. ‚Antwort auf den Bericht‘, verv.W, A 5, 421 S.
  • J. Kentenich, Grundriß einer neuzeitlichen Pädagogik für den katholischen Erzieher. Vorträge der Pädagogischen Tagung 1950, Vallendar-Schönstatt 1971, 88-91
  • J. Kentenich, Daß neue Menschen werden. Eine pädagogische Religionspsychologie. Vorträge der Pädagogische Tagung 1951. Bearbeitete Nachschrift, Vallendar-Schönstatt 1971, 264 S., 101-104
  • J. Kentenich, What is my philosophy of education?, in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1991, 39-89, 76 ff.
  • H. Sosa-Carbo, Das Charisma der Kindlichkeit – Überwindung von Fehlformen der Religion, Regnum 26 (1992) 157-166.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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