Kirche

Kirche

Rudolf Weigand / Peter Wolf

1. Kirche als „neue Gemeinschaft“
1.1. Kirche als neues Miteinander
1.2. Kirche als Coenaculum
1.3. Kirche als Leib Christi
1.4. Kirche im Spannungsfeld zwischen Amt und Charisma
2. Kirche am neuen Ufer
2.1. Gestaltwandel der Kirche
2.2. Kirche als Volk und Familie Gottes
2.3. Kirche als marianische Kirche
2.4. Dilexit ecclesiam

Die Kirche ist für J. Kentenich und die werdende Schönstatt-Bewegung von Anfang an selbstverständliche Heimat, in die es hineinzuwachsen und die es erneuernd mitzugestalten gilt. Es handelt sich nicht zuerst um einen dogmatisch theologischen Beitrag, sondern um bewusstes Aufgreifen und Umsetzen dessen, worum es in der Kirche geht und was sie ist. Er setzt die Kirche als die Gemeinschaft der von Gott durch Christus im Heiligen Geist zum Heil berufenen Menschen voraus und ermutigt und befähigt Menschen, diese Berufung zu ergreifen und dafür zu leben.

1. Kirche als „neue Gemeinschaft“

1.1. Kirche als neues Miteinander

In der ersten Gründungszeit ist die Frage nach der Kirche und dem Kirchenbild in eher impliziter Weise gegenwärtig. Der Gründer lebt mit den ihm anvertrauten Jugendlichen ein neues Miteinander. Seine Art mit >>Autorität umzugehen, weckt Freiheit und Eigentätigkeit. Er zielt auf die Entfaltung der Persönlichkeit und Entstehung der Gemeinschaft. In der ersten Zielgestalt der Schönstattbewegung steht das Streben nach der >>“neuen Gemeinschaft“ in innerer Beziehung zum Thema des Kirchenbildes. Kirche lebt von der Eigeninitiative und Hochherzigkeit des „neuen Menschen in der neuen Gemeinschaft“. In seiner Erziehungsweise will P. Kentenich Orientierung geben für einen wachsenden Umbruch, der die Kirche erfassen und zu einer neuen Gestalt führen wird. Früh sucht er nach neuen Gemeinschaftsformen und zielt auf die „neue gelübdelose Gemeinschaft“.

1.2. Kirche als Coenaculum

Dem Erleben der werdenden Bewegung erschließt sich früh die innere Nähe und Verwandtschaft zur biblischen Szene der jungen Kirche, die sich um Maria im Coenaculum sammelt und dem Pfingstgeist öffnet. Wie bereits Pallotti in diesem Bild die Kirche kündete und Menschen zum apostolischen Einsatz für Kirche und Welt um die Königin der Apostel und die große Missionarin sammelte, tut es Pater Kentenich in und um das Heiligtum in Schönstatt. In ihm und in der Bewegung wächst die gläubige Gewissheit, dass hier auf die Fürbitte Mariens ein Einbruch göttlicher Kräfte in Gang gekommen ist. Nur aus dieser Überzeugung ist das prophetische Wort zu verstehen: „Im Schatten des Heiligtums werden sich in den nächsten Jahrhunderten in Deutschland, ja darüber hinaus die Schicksale der Kirche wesentlich mitentscheiden“ (1929).

Nicht eigenes Organisationstalent oder neue Strukturen werden die Zukunft der Kirche sichern, sondern „göttliche Kräfte“, aus denen Kirche einst geboren wurde. Diese gilt es in marianischer Offenheit zu empfangen und in apostolischem Geist weiterzugeben. Hier lebt, was in der Zeit des Konzils von Papst Johannes XXIII in das Wort vom „Neuen Pfingsten für die Kirche“ gekleidet wurde.

1.3. Kirche als Leib Christi

Die deutlich vom Glauben geprägte Sicht der Kirche als eines >>Organismus , der von göttlichen Kräften belebt und durchdrungen ist, bringt in Schönstatt eine große Offenheit für das Kirchenbild der Enzyklika Pius‘ XII., Mystici Corporis, die der Gründer als Bestätigung seines Kirchenbildes erfährt. Ihm war lange zuvor daran gelegen, eine tiefe Verbundenheit und Solidarität untereinander zu wecken, die ganz aus den paulinischen Gedanken der >>Christusgliedschaft gewachsen war, die über Jahre viele Vorträge und Exerzitien des Gründers bestimmte. Diese Gedankenwelt findet eine starke Aktualisierung und lebensmäßige Vertiefung in der Zeit der Gefangenschaft und des KZ. So zeigt das Gebetbuch >>Himmelwärts ein Kirchenbild, das ganz von dieser Theologie und einem tiefen Bewusstsein von Solidarität und Verantwortung geprägt ist. Gleichzeitig entwickelt darin P. Kentenich stark die eschatologische Ausrichtung der Kirche, indem er die Kirchenvision der Apokalypse aus der Einsicht aufnimmt: „Visionen (wie z.B. die des Bolschewismus) können nur durch eine Vision überwunden werden“.

1.4. Kirche im Spannungsfeld zwischen Amt und Charisma

Die Geschichte der Kirche sieht P. Kentenich immer in der Leben weckenden Spannung zwischen Amt und Charisma. Beides gehört zum Wesen der Kirche und ist von Anfang an als Lebensprinzip in der Kirche präsent: Apostel und Propheten, Petrus und Paulus, Recht und Liebe, Struktur und Leben. J. Kentenich sieht Schönstatt als einen charismatischen Aufbruch in der Kirche und stellt sich dem Urteil des kirchlichen Amtes, dessen Recht er mitten in seiner Verbannung verteidigt, von dem er allerdings auch Gerechtigkeit und faires Verfahren mit großem Freimut einfordert.

2. Kirche am neuen Ufer

2.1. Gestaltwandel der Kirche

J. Kentenich spricht oft von einem tief greifenden „Gestaltwandel der Kirche“, der durch die angebrochene Zeitenwende notwendig geworden ist. In diesem Umbruch signalisiert er eine Entmaterialisierung, Entpolitisierung, Entterritorialisierung und Enteuropäisierung der Kirche. Er fordert eine „stärkere Personalisierung und Familiarisierung der Kirche“ (TurBr 1952). Er erwartet einen notwendigen Wandel und eine deutliche Akzentverlagerung von einem Nachwuchschristentum hin zu einem Wahlchristentum, von einem Rechtschristentum zu einem Liebeschristentum, von einem Rückzug ins Ghetto zu einem Erobererchristentum, von einem Klerikerchristentum zu einem Laienchristentum. Mit solchen Gegenüberstellungen versucht er in der Zeit seiner Verbannung den notwendigen Gestaltwandel der Kirche zu charakterisieren.

2.2. Kirche als Volk und Familie Gottes

Die Kirche am neuen Zeitenufer, wie er sie anstrebt und in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils ausgesprochen sieht, hat folgende Züge: Sie ist eine
– brüderliche (familienhaft geschwisterliche) Kirche,
– arme Kirche,
– vom Heiligen Geist regierte Kirche,
– demütige Kirche,
– dynamische Kirche,
Welt durchdringende Kirche (Vortr 10.2.1968).

Die geschwisterliche Kirche der Zukunft braucht in seinen Augen einen neuen Leitungsstil im Sinne einer väterlichen >>Autorität und ein neues Miteinander im Geiste eines familienhaften >>Gehorsams. Die Armut der Kirche muss sich zeigen in einem bewussten Abschied von allem Pomp und einer Vorliebe für die Armen. Eine Kirche, die sich dem Wirken des Geistes öffnet, wird ihre Sicherung nicht mehr wie seit der Konstantinischen Wende im Staat suchen und in eigenen Gesetzen und Vorschriften, sondern viel stärker auf den Einbruch göttlicher Mächte setzen. Die künftige Kirche als eine demütige Kirche muss ehrlich zu ihrem Versagen und ihrer Sünde stehen und eingestehen, dass sie Reform und Umkehr nötig hat! Um mehr und mehr eine dynamische Kirche zu werden, muss die Kirche ihre starke Sesshaftigkeit hinter sich lassen und eine „pilgernde Kirche“ werden, ein Volk Gottes unterwegs mit einer starken Orientierung am Gott des Lebens (>>Vorsehungsglaube) und mit einer starken Ausrichtung auf eine Vision, wie sie bereits der jungen Kirche in der Apokalypse vor Augen stand. Schließlich muss die Kirche weg von den Tendenzen einer „Weltflucht“ hin zu einer bewussten „Weltdurchdringung“, bei der den Laien eine ganz große Aufgabe zukommt. Die Kirche von morgen soll die „Seele der heutigen gesamten Weltkultur“ (Vortr 8.12.1965, 106) werden.

2.3. Kirche als marianische Kirche

J. Kentenich hat immer eine besondere Aufgabe darin gesehen, die marianische Orientierung und Bindung der Kirche zu künden. Ganz im Sinne von Lumen Gentium sieht er Maria als Muster und Mutter der Kirche. Was die Berufung der Kirche ist, finden wir in Maria bereits verwirklicht und in letzter Vollkommenheit gelebt. In diesem Sinne gilt: Die Kirche muss Maria werden. Dies geschieht am sichersten auf dem Wege, dass die Kirche auch die „Mutterschaft Mariens in der Gnadenoekonomie“ (LG VIII) anerkannt und Maria als „Mutter der Kirche“ gelten lässt (Paul VI, 21.11.1964). Das Ideal einer marianischen Kirche lebt ganz stark in der Schönstattfamilie in der Strömung des >>“Mariengartens“. Wie die Gottesmutter möchte die Schönstattbewegung „Herz der Kirche“ und so die von innen bewegende Liebesmacht sein, wobei das Herz in seiner dem Leben dienenden Weise und in seiner Verborgenheit gemeint ist. An diese Sendung für die Kirche erinnert das Cor-Ecclesiae-Heiligtum der Marienschwestern in Rom. Das internationale Schönstattheiligtum und -zentrum in Rom wird den Namen „Matri Ecclesiae“ tragen, was in seiner doppelten Bedeutung eine Widmung an Maria als Mutter der Kirche und an die Kirche als Mutter zum Ausdruck bringt.

2.4. Dilexit ecclesiam

J. Kentenich hat seine gesamte Gründung verstanden als eine Initiative für die Kirche und als Ausdruck seiner Liebe zur Kirche, wie die von ihm gewählte Grabinschrift bezeugen will. Er hat seine geistliche Familie immer angehalten zu einer großen Liebe zur Kirche im Großen und im Kleinen. „Alles für Schönstatt. Schönstatt für die Kirche und die Kirche für den Dreifaltigen Gott“. Er wollte der Kirche im Umbruch unserer Zeit ein „Modell“ anbieten. Er hinterließ nicht zuerst eine neue Ekklesiologie oder Thesen für die Reform der Kirche, sondern eine weit verzweigte, internationale geistliche Familie. In ihr wollte er viele Probleme und Fragestellungen der neuesten Zeit im Sinne „exemplarischer Fälle“ lösen und diese Lösungen der Kirche anbieten und in sie einbringen.


Literatur:

  • J. Kentenich, Kirche im Aufbruch ans neue Ufer. Texte aus Kursen und Tagungen von P. Joseph Kentenich. Festgabe der Schweizer Schönstatt-Familie zum 50. Jahrestag der Gründung Schönstatts, 1964
  • Familie Gottes. Vorträge in Münster. Bearbeitet und eingeleitet von Herbert King, Münster 1984
  • J. Kentenich, Vortrag zur symbolischen Grundsteinlegung des Rom Heiligtums, in: Propheta locutus est. Vorträge und Ansprachen von Pater J. Kentenich aus seinen drei letzten Lebensjahren I, Berg Sion 1985, 93-128
  • J. Kentenich, Exerzitien für Schönstattpriester in Würzburg (21.-25.11.1966), verv., A 4, 185 S.
  • J. Kentenich, Vorträge bei der Standesleitertagung in Haus Mariengart, verv.W, A 5, 26+34 S.
  • Zum Gestaltwandel der Kirche, Regnum 4 (1969) 98-101
  • Schönstatt und das neue Kirchenbild, Regnum 12 (1977) 3-13. 51-59
  • Fliegende Inseln inmitten der Welt, Regnum 24 (1990) 145-149
  • ***, Das stärkere Leben. Aktuelle Bemerkungen zum Kirchenbild Pater Kentenichs, Regnum 24 (1990) 97-106
  • G.M. Boll (Hrsg.), Ein Charisma für die Kirche, Vallendar-Schönstatt 1985
  • ders. (Hrsg.), Geistliche Bewegungen und die neue Kirche, Regnum 28 (1994) 1. Heft
  • H. King, Kirche wohin? Vallendar-Schönstatt 1991
  • ders., Gestaltwandel der Kirche, Vallendar 1994
  • E. Monnerjahn, Ein Leben für die Kirche, Vallendar-Schönstatt 41990.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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