Laie

Laie

Gertrud Pollak

1. Zum Begriff
2. Theologiegeschichtlicher Kontext
3. Vinzenz Pallotti und sein Katholisches Apostolat
4. Akzente bei J. Kentenich

1. Zum Begriff

Die Bedeutung des deutschen Wortes Laie, das mit „Nichtfachmann“ oder sogar „Dilettant“ wiedergegeben wird, ist nicht die richtige Spur, um die theologische Bedeutung des Begriffes zu verstehen. Etymologisch vom griechischen „laos“ (Volk) abgeleitet, sind sprachgeschichtlich Laien diejenigen, die „zum Volk gehören“; die theologische Verwendung übersetzt dann mit „zum Volk Gottes gehörend“.

Begriffsgeschichtlich betrachtet entwickelt sich später kirchlich ein Sprachgebrauch, mit dem Laie negativ abgrenzend als Unterscheidung zu Kleriker und Ordensleuten verwendet wird.

2. Theologiegeschichtlicher Kontext

Als erstes Konzil überhaupt befasst sich das Zweite Vatikanum spezifisch mit dem Laien. Vor allem in den Aussagen der 1964 verabschiedeten Konstitution Lumen Gentium ist die damit zusammenhängende jahrzehntelange Entwicklung von Veränderungen im Kirchenbild- und Kirchenbewusstsein aufgegriffen. Die Kirche des ausgehenden 19. Jahrhunderts versucht, sich in einer immer säkularer werdenden Welt christliche Schutzräume und möglichst viel Freiheit gegenüber dem Staat zu sichern (vgl. Konkordate). Stärker als bisher aus der Position der Verteidigung kommend, schätzen kirchliche Amtsträger zunehmend die Kompetenz von Laien im Umgang mit einer immer komplizierter werdenden Welt. Neue Formen des Laienapostolates entstehen. In der Zeit des Übergangs wird dabei theologisch nicht das spezifisch Laikale bedacht und betont. Vielmehr verstehen sich diese Laien als „ausführender Arm der Hierarchie“ – ein Bild, das gerade in der „Katholischen Aktion“ (gegründet 1925) leitend ist. Mehrfach definiert Papst Pius XI. dieses Apostolat als die „Mitarbeit und die Teilhabe der Laien am hierarchischen Apostolat der Kirche“ (Pius XI. am 27.10.1933), das mit bischöflichem Mandat ausgeübt wird. „Laie“ definieren, heißt damals noch primär, ihn negativ abzugrenzen als Nicht-Priester und NichtOrdensfrau oder Ordensmann.

Gleichzeitig verändert und entfaltet sich aber doch auch das Selbstbewusstsein von Laien, die sich aufgrund ihrer Taufe und Firmung als verantwortliches Glied am Leib Christi verstehen und ihren eigenen Beitrag im Gesamt der Kirche einbringen wollen. Die Entfaltung vieler Formen des Laienapostolates und die Entwicklung konkreter Laienspiritualität wecken neue Kräfte. Die gleichzeitig angestrengten theologischen Überlegungen zum Laien fließen ein in ein eigenes Konzilsdokument über das Apostolat der Laien (AA 1965). Den Grundduktus der konziliaren Sicht bündelt LG 31 definitionsartig: „Unter der Bezeichnung Laien sind hier alle Christgläubigen verstanden mit Ausnahme der Glieder des Weihestandes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes, das heißt die Christgläubigen, die, durch die Taufe Christus einverleibt, zum Volk Gottes gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig zu ihrem Teil die Sendung des ganzen christlichen Volkes in der Kirche und in der Welt ausüben. Den Laien ist der Weltcharakter in besonderer Weise eigen…“ Diese Formulierung blieb nicht unumstritten, bündelt aber zumindest wichtige Akzente.

Das neue kirchliche Recht von 1983 enthält in seinem zweiten Buch über das „Volk Gottes“ erstmals einen eigenen Abschnitt über die „Pflichten und Rechte der Laien“ (CIC 224 231). Neben diesem Novum enthält das Rechtsbuch keine Legaldefinition des Laien, lediglich in can. 207 º 1 die bekannte Negativabgrenzung zum Kleriker. Nochmals ausführlich befasst sich 1987 eine eigene Bischofssynode mit der „Sendung der Laien in Kirche und Welt“. Die Ergebnisse beschreibt Papst Johannes Paul II. im nachsynodalen Schreiben „Christifideles laici“ (1988).

3. Vinzenz Pallotti und sein Katholisches Apostolat

Vinzenz Pallotti, den Gründer vielfältiger Werke, beschreiben die neueren Päpste als „Bahnbrecher der Katholischen Aktion“ (Pius XII. 1950) und den, der „mit seinem Werk in Rom den ersten Anstoß zur eigentlichen Katholischen Aktion“ gab (Johannes XXIII. 1963). J. Kentenich, der sich nicht nur in seiner Betonung des Laien bewusst auf Pallotti bezieht, bemerkt 1951: „Was zur Zeit Pallottis nicht so stark im öffentlichen Bewusstsein der Kirche lebte, was er aber voraussah, ist heute durch die Katholische Aktion Gemeingut der kirchlichen Öffentlichkeit geworden: Idee und Sendung des Laienapostolates… Man spricht nicht mit Unrecht von der Zeit des Laien in der Kirche, sucht nach tieferer Fassung des Laienrechts und verlangt nach einer ausgesprochenen Laienaszese…“ (Schl 1951, 164 f.). Aus dem Geiste Pallottis will J. Kentenich alle apostolischen Kräfte mobilisieren und zu einem verantwortlichen Stehen in der Kirche, sowie zu spezifischem, zeitgerechtem Einsatz in der Welt und zum Dienst an den Menschen befähigen.

4. Akzente bei J. Kentenich

Nicht erst heute zeigt sich die große Bedeutung des Laien in Schönstatt, wo viele Menschen von dort Impulse für ihren Alltag als Christen beziehen. Schon in der frühen Geschichte der Bewegung wird deutlich, wie wichtig J. Kentenich eine Aufwertung des Laien nimmt und dass er unerlässlich zum Laienapostolat ermuntert. „(Das) war auch früher eine meiner Lieblingsideen: Was müssen wir formen? eine konkrete Laienaszese, ein Laienrecht, eine Laienpsychologie, eine Laiendogmatik.“ (Vortr 16.11.65, in: PLE I, 68 f.). J. Kentenich will nicht lediglich aus der traditionellen Ordens- oder Klerikerspiritualität Impulse für die Laien ableiten. Vielmehr sucht er originelle und genuine Akzente und Formen für die Laien. Für solche „strebsame Christen in der Welt“ hält er seit Anfang der dreißiger Jahre viele Vorträge zur „Werktagsheiligkeit“, die Niederschlag finden in dem gleichnamigen Buch. Dort wird die richtige Gott-, Welt- und Menschengebundenheit des Christen, der bewusst aus Taufe und Firmung lebt, beschrieben. Lange vor dem Konzil betont Kentenich einerseits „die schier vergessene Wahrheit, eine verschüttete Wahrheit… die Wahrheit vom allgemeinen Priestertum“ (ME 1934, 53), die zur Verantwortung ruft, und andererseits eine genuine Sendung der Laien, die anders und mehr ist als bloß vom Amt übertragene Teilnahme an dessen Auftrag. „Worin gründet diese Teilnahme? Bloß in einem Recht, das Papst und Bischöfe mitgaben oder haben sie ganz bestimmte Unterlagen und Quellgründe dafür, aus denen heraus sie arbeiten und ihre Programmpunkte uns gaben? So müssen wir wohl die Teilnahme an der hierarchischen Sendung, am Apostolat der Kirche durch ein anderes Wort ersetzen: nicht nur gottgewollte Teilnahme, sondern göttliche Teilnahme… nein, wir haben eine göttliche Sendung.“ (ME 1934, 49 f.). Daraus ergibt sich für die Laien das Recht und die Pflicht, Aufgaben in der Kirche und in der Weitergabe des Glaubens wahrzunehmen. Sie sind nicht einfach Spezialisten für die Arbeit in säkularen Bereichen, während die Amtsträger ausschließlich für den Glauben zuständig wären. Beide haben sowohl ihren Weltauftrag zu erfüllen als auch ihren Part im kirchlichen Bereich. Dies drückt sich nachkonziliar in einer ausgeprägten Struktur der laikalen Mitverantwortung im kirchlichen Leben und in neuen pastoralen Laienberufen aus. Alles pädagogische und spirituelle Mühen J. Kentenichs richtet sich darauf, dass die einzelnen diese ihre göttliche Sendung erkennen und fähig werden, inmitten einer nicht mehr christlich geprägten Umgebung gewissenhaft zu wirken: „Wir brauchen eine neue seelische Grundhaltung des Christentums, und diese ruht in dem großen Gedanken, in der großen Wahrheit: Wir alle sind von Gott gesandt. Nicht nur der Priester, auch der Laie hat eine Sendung für die ganze Welt, für die Verchristlichung der Welt und des Volkes.“ (ME 1934, 50). Mit seinen Gemeinschaften und der Entfaltung „der Laienaszese und der Laiensoziologie“ will J. Kentenich „der Kirche inmitten einer heidnischen Welt diasporafähige Menschen und Gemeinschaften schenken.“ (MBr 1949, 4). Was alle Glieder der Kirche eint, „ist das in der göttlichen Sendung wurzelnde tief greifende Verantwortungsbewusstsein für die Christusgestaltung der ganzen Welt“ (ME 1934, 56). Innerhalb dieses Gemeinsamen haben die Laien ihren eigengeprägten Weltauftrag zu leben. Dazu brauchen sie spezielle Lernfelder, die J. Kentenich in seinen Gemeinschaften sah. „Und wo wir die Laien formen und gestalten wollen, müssen wir sie auch laienmäßig hineinführen in ihre Laienaufgabe. Und wenn der Laie an sich die Hand der Kirche ist, die hinausreicht und hinausgreift in alle modernen Fragen – ob es sich um Politik oder was auch immer handeln mag – dann ist das für uns selbstverständlich: was die Kirche schlechthin zu tun hat, das wollen wir unseren Laien gegenüber per eminentiam tun. Damit haben wir natürlich auch einen Hinweis auf die Beantwortung der Frage, inwiefern wir politisch sind, inwiefern wir wirtschaftlich sind. Ja, zutiefst wohl in dem Sinne, dass wir uns erziehen, überall Gott zu gehören und Gottes Interesse in der Welt zu verteidigen.“ (DD 1963 XI, 11 ff.).

Auch in den >>Verbänden Schönstatts sollen die Atmosphäre und Strukturen laiengemäß sein. „Wir legen als Gemeinschaft keine Gelübde ab, begnügen uns vielmehr mit den geringsten – allerdings abgewogenen und tragfähigen – juristischen und moralisch verpflichtenden Bindungen, so wie sie im Laienleben gang und gäbe sind; mit einem bürgerlichen Kontrakt.“ (Beschränkung 14). Damit wählt J. Kentenich nicht nur eine aus mehreren möglichen Bindungsformen. Er schafft eine ganz neue, die „per eminentiam Ausdruck des weltlichen Charakters unseres Denkens und Wollens“ (ebd.) ist. Er ermuntert, all diese Bemühungen als einen Beitrag für die Kirche insgesamt zu werten: „Sie sind deswegen darauf angewiesen, ihre ganze Organisation möglichst laienmäßig aufzuziehen. Vielleicht werden sie dann auch von Gott als Werkzeug mitbenutzt, um der Kirche eine Fortentwicklung des Laienrechtes und der Laienaszese zu geben. Beides wird für die kommende Zeit von großer Bedeutung sein..“ (MBr 1949, 65 f.).

J. Kentenich betont den Weltauftrag des Laien. Gleichzeitig unterstreicht und fördert er auch das unerlässliche Mühen um einen wirklich intensiven Gottesbezug, aus dem die einzelnen die Kraft zum Welteinsatz schöpfen können. Nur so wird Profilierung und Engagement von Christen heute möglich. „Woher kommt der Mangel an katholischen Führergestalten unter den Laien? Weil der vollendete Sprung in die Übernatur nicht gewagt wird.“ (PT 1951, 154). Er unterstreicht dies im Sinne der später vom Konzil betonten Berufung aller Christen zur Heiligkeit. Dies ist auch als Gegenwicht zu sehen zu manchen nachkonziliaren Strömungen, die den gottgewollten Weltbezug missverstehen und eine unkritische Nähe zu allem Weltlichen leben, ohne die Distanz, die vom Evangelium vorgezeichnet ist. „Wir müssen Protest erheben gegen alle Oberflächenkultur, wie wir sie heute im Katholizismus innewerden. An der Oberfläche, an der Peripherie noch ein bisschen katholisch sein, aber auf der ganzen Linie, fast möchte ich sagen Weltmenschen sein, die sich immer nur von der Welt gängeln lassen. Nein, wir brauchen heiligmäßige Menschen inmitten eines Staatswesens, wie wir das heute vor uns sehen. In heiliger Freiheit!“ (Freih 1966, 19). Solche Freiheit fordert und fördert echte Mündigkeit, zu der sich Christen selbst erziehen und in Gemeinschaft formen lassen. „Wenn die Kirche von uns den mündigen Laien verlangt, dann meint sie den wahrhaft innerlich freien Laien“ (Freih 1966, 20). Solche Menschen sollten das Christentum des dritten Jahrtausends prägen, das nach J. Kentenich (1960) folgendes Gesicht tragen wird: „1. ein Wahlchristentum, 2. ein Liebeschristentum, 3. ein Erobererchristentum, 4. ein Laienchristentum.“ (Unser Liebesbündnis, 1960)


Literatur:

  • M. A. Nailis, Werktagsheiligkeit. Ein Beitrag zur religiösen Formung des Alltags, Limburg 1937 (1964) – Vallendar-Schönstatt 1974
  • Die Beschränkung auf naturgesetzliche Bindungen als Wesensmerkmal der Schönstätter Säkularinstitute, in: Regnum 2 (1967) 12-16
  • J. Kentenich, Maibrief 1949, verv., 78 S.
  • J. Kentenich, Marianische Erziehung. Pädagogische Tagung (22.-26. Mai 1934), Vallendar-Schönstatt 1971, 286 S..
  • Czarkowski, Hans, Schönstatt als Laienbewegung, Regnum 21 (1987) 99-107.
  • Johannes Paul II., Christifideles laici (1988),
  • A. Auer, Weltoffener Christ, Düsseldorf 1960
  • J. Cardijn, Laien im Apostolat, Kevelaer 1964
  • Y. Congar, Der Laie. Entwurf einer Theologie des Laientums, Stuttgart 1956 (frz. Paris 1952)
  • B. Forte, Laie sein. Beiträge zu einem ganzheitlichen Kirchenverständnis, München 1987.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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