Leid

Leid

Wolfgang Fischer

1. Grundsätzliche Erwägungen
2. Stadien im Leidensprozess
3. Leiden und Inscriptio-Haltung
4. Das seelsorgliche Gespräch

Josef Kentenich ist an der pastoral-psychologischen Seite, am Wie des Leidens interessiert und hat dort einen originellen Beitrag in die christliche Pastoral eingebracht. Es liegt keine geschlossene Abhandlung Pater Kentenichs zum Thema vor, doch in Hunderten von Predigten, Vorträgen, Schriftstücken gibt es pastorale Bemerkungen zum Leidensprozess des Menschen.

1. Grundsätzliche Erwägungen

Leid ist nicht Ausnahmefall, sondern Regelfall des Lebens. In der „Werktagsheiligkeit“ (WH 1937) wird die Frage des Leids dem naturnahen Bereich, der Dinggebundenheit, zugeordnet. Das benediktinische „ora et labora“ ergänzt J. Kentenich mit „Bete und arbeite und leide“ (AGl 5, 90); ebenfalls zeigt die Erfahrung, dass „die Menschen ein derartig unterschiedliches Maß an Leid zu tragen haben“ (AGl 1, 43). Gerade der leidende Mensch erfährt die Dunkelheit und den Wagnischarakter des (praktischen >>Vorsehungs-) Glaubens. Der Leidende ist konfrontiert mit den Unbegreiflichkeiten Gottes in seiner Weltregierung. Im Blick auf seine Zeit im KZ Dachau benennt J. Kentenich zwei mögliche, grundsätzlich verschiedene Reaktionen: einmal das vertiefte „Kindsein“ vor Gott und das Empfindsam-Bleiben der Seele oder gegenteilig die Verbitterung, oft verbunden mit dem Trotz.

2. Stadien im Leidensprozess

In Absetzung von manchen aszetischen Traditionen warnt P. Kentenich vor einer falschen und überzogenen Kreuzesliebe. Der direkte Widerstand gegen das Leid ist die erste und bleibende Reaktion des Menschen. „Wir wollen nicht absolut Leid“, sagt J. Kentenich in einem Vortrag in Rom (RomV 1965 II, 99). Es gilt, das zu verändern, was (noch) zu verändern ist. Schon in einer frühen Tagung über Gotteskindschaft von 1922 deutet J. Kentenich die Ölbergstunde des Herrn in pastoraler Weise. Im Garten Getsemani gibt es eine doppelte Reaktion Jesu: Das Wort „Vater, nimm diesen Kelch von mir“ ist ein gemüthafter, kindlicher, ganz menschlicher Aufschrei, und das Wort „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“, hat majestätischen Charakter. Dabei kann der menschliche Aufschrei zur Rebellion gegen den Vatergott führen, was Dostojewski meisterhaft dargestellt und selbst durchlitten hat (vgl. TzVorsgl, 74 ff.). Da das majestätische Wort nur begrenzt das Gemüt erfasst, kennt der Leidende eine doppelte Reaktion: „das menschliche Weinen“ und „das göttliche Lächeln“ (vgl. u. a. Anspr 31.8.1966, 254). Nur wenn das Leid als „Liebkosung, Umarmung, Heimsuchung des Vatergottes“ aufgefasst werden kann, hat der leidende Mensch die Möglichkeit, die „Verklärungszüge göttlichen Lächelns nicht aus seinem Bild auszustreichen“ (Predigt 5.9.1965 in Milwaukee). Es gibt auch „Leidensseligkeit“ (RomV 1965 I, 112; II, 120) als Gabe des Heiligen Geistes; doch ist „Leidensseligkeit“ keine „natürliche Tugend“, die aszetisch anzustreben wäre.

Kentenich unterscheidet Stadien oder Phasen des Leids, die aufeinander aufbauen und nicht übersprungen werden dürfen: erstens den Widerstand, zweitens den gemüthaften Aufschrei, drittens das majestätische Ja-Wort Gott gegenüber, viertens die Doppelreaktion von menschlichem Weinen und göttlichem Lächeln und fünftens die Leidensseligkeit als Geschenk des Heiligen Geistes.

3. Leiden und Inscriptio-Haltung

Seit 1912 lassen sich in den Texten J. Kentenichs tiefenpsychologisch bedeutsame Aussagen finden. Das „unterbewusste Seelenleben“ hat eine negative Voreingenommenheit dem Leid gegenüber. Der Mensch, der meint, er würde sich in den Willen Gottes einfügen und Gott gegenüber „Blankovollmacht“ ausstellen, übersieht, dass seine Ganzhingabe zwar den Willen erreicht, aber nicht Gemüt und Tiefenseele mit einschließt. Es gibt Vorbehalte oder gar etwas ganz Konkretes, ein „Nur das nicht“, das Gott mir nicht schicken soll. In der Inscriptio tätigt der Mensch einen Akt höchster Liebe und höchster Freiheit, indem er genau dieses „Nur das nicht“ intendiert und so die negative Voreingestelltheit des unterbewussten Seelenlebens dem Leid gegenüber ausgleicht. Pater Kentenich konnte auch psychotherapeuthische Auswirkungen der Inscriptio beobachten. Kentenichs Inscriptio entspricht dem, was Viktor Frankl in seiner Logotherapie mit „paradoxer Intention“ beschreibt. Es geht Frankl darum, dem Leidenden die vom Therapeuten angezeigte, Angst machende Erwartungsangst zu nehmen.

4. Das seelsorgliche Gespräch

In der Jugendpädagogischen Tagung von 1931 beschreibt P. Kentenich die Kunst des Aufschließens, des Hörens und Heraushörens sowie des Führens (JPT 1931, 231). Dem Leidenden muss Ehrfurcht und Liebe, positive Wertschätzung und emotionale Wärme (Empathie) entgegengebracht werden. Beim langsamen, oft notvollen Sich-Öffnen ist das Schweigen eine schwierige Tugend. Zu frühe religiöse und psychologische Deutungen verhindern, dass der Seelsorger mit auf die Reise der Gefühle des Ratsuchenden geht. Wird etwa Trost artikuliert, so verschließt sich möglicherweise das aufbrechende Gemüt des Leidenden wieder. Im Leid findet oft eine Anklage Gottes statt. Hier muss sich der Seelsorger vor zu glatten und klaren Antworten hüten. Es geht nicht um die Antwort des Seelsorgers, sondern darum, dass sich der Beratende selbst aus der Kraft seines eigenen Glaubens der schwierigen Lebenssituation des zu Beratenden stellt und eine Antwort zu entdecken sucht. Ohne Führung des Seelsorgers gelingt der Weg zur Inscriptio-Haltung schwieriger.


Literatur:

  • W. Fischer, Dem Leiden Sinn geben. Eine Orientierung mit Pater Kentenich, Graz 1996.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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