Liebe

Liebe

Herbert King

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1. Liebe als „Weltgrundgesetz“
Von Gott her gesehen
Vom Menschen her gesehen
2. Eigen- und endgesetzliches Motiv
3. Ganzheitliche Liebe
4. Einheit von Gottes- und Menschenliebe
5. Einheit von Selbst- und Du-Liebe
6. Primitive, abgeklärte und heroische Liebe
7. Formen der Liebe
8. Wachstum der Liebe
9. Liebe ist eine „vereinigende Kraft“
10. Bindung
11. Liebespädagogik
12. Liebesdenken

1. Liebe als „Weltgrundgesetz“

Das von der Schönstattspiritualität ins Zentrum gerückte >>Liebesbündnis ist eine „wirksame, tief greifende Auswirkung des Weltgrundgesetzes der Liebe“ (MME 1954, 337). So ist die Lehre Pater Kentenichs über die Liebe zunächst gekennzeichnet von der durchgehenden Aussage, dass sie „das Weltgrundgesetz“ ist. Hier orientiert er sich am Denken und an der Praxis des heiligen Franz von Sales (vgl. PhErz 1961, 60), letztlich am Denken der Johannesbriefe des Neuen Testaments. Das Weltgrundgesetz der Liebe ist „Lebens- und Erziehungsgrundgesetz“ (vgl. LS 1952 II, 32 36). Damit ist sehr deutlich Stellung genommen gegen das in der christlichen Tradition vielfach vorherrschende Furcht- und Angstmotiv. An dieser Stelle müsse eine „kopernikanische Wende“ (Chile-Terziat 1951, 18 f.) vollzogen werden.

Von Gott her gesehen: Gott ist die Liebe. Die Liebe ist in Gott „der Hauptbeweggrund“ (LS 1952 II, 33), „der Grund aller Gründe oder der letzte, der alles überragende Grund und Beweggrund für alles göttliche Wirken“ (PhErz 1961, 61). Gott tut alles primär aus Liebe. Nicht die Gerechtigkeit ist das Weltgrundgesetz, auch nicht seine unbegreifliche Freiheit, Souveränität, Allmacht, Kreativität oder seine Allwissenheit und Allweisheit. Die Liebe in Gott ist so stark und umfassend, „dass sie alle anderen göttlichen Eigenschaften in Bewegung setzt und in ihren Dienst nimmt“ (LS 1952 II, 33). Gott tut alles primär durch Liebe. Das heißt, er wirkt im natürlichen wie im übernatürlichen Bereich überall „durch anschauliche, mit Händen greifbare Liebestaten“. Gott tut alles primär für Liebe. Das letzte und einzige Ziel ist: „möglichst vollkommene Liebesvereinigung“ mit dem Menschen schon hier auf Erden und letztlich in der Ewigkeit. Liebe ist der Sinn des Weltgeschehens.

Vom Menschen her gesehen können wir etwas Ähnliches sagen. Weil der Mensch Abbild Gottes ist, ist er „Abbild also auch in Stellung und Bewertung der Liebe“ (PhErz 1961, 61). Damit ist ein Menschenbild formuliert, wonach die eigentliche Grundtriebkraft des Menschen die Liebe ist. Diese ist der „wesentliche Urtrieb“, der „alle anderen Urtriebe im Menschen, vornehmlich den Furcht- und schöpferischen Gestaltungs- und Entfaltungstrieb, beherrscht und leitet“ (PhErz 1961, 67). Wenn der Mensch die Liebesfähigkeit entfaltet, ist alles andere mitgegeben und gesichert. So soll das Weltgrundgesetz der Liebe auch beim Menschen zum „Lebens- und Erziehungsgrundgesetz“ werden. Auch bei ihm soll alles primär „aus Liebe, durch Liebe und für Liebe“ geschehen. Liebe ist „sein Hauptberuf“. Das erklärt, dass alle Sinnkrisen letztlich Liebeskrisen sind.

Pater Kentenich sieht das ganze Weltgeschehen als Kreislauf eines großen Liebesstroms, der von Gott ausgeht und wieder zu ihm zurückkehrt (vgl. HW 1945, 19 ff.: Gloria).

2. Eigen- und endgesetzliches Motiv

„Liebe ist ein Kompendium, eine kurze Zusammenfassung, die Erfüllung aller Gebote und Räte des Christentums“ (WH 1937, 237). Das bedeutet, dass die Liebe in allem den Ton angibt, alles entsprechend färbt. In der Sprache Pater Kentenichs heißt das, dass alle eigengesetzliche Motivation in der Liebe ihre endgesetzliche Motivation hat.

Dadurch wird die eigengesetzliche Motivation aber nicht ausgelöscht. Der Mensch soll nicht nur aus Liebe handeln, sondern z.B. auch aus Verantwortung, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit, Freude an der Leistung, Interesse an einer Sache, Ehrgefühl, Demut. Selbst das Furchtmotiv soll Bedeutung behalten. Die endgesetzliche Motivation, die Liebe verliert sonst „leicht Richtung, Maß und Grenze…Sie wird im Gegenteil leicht muffig und weichlich und macht muffig und weichlich“ (LS 1952 II. 36).

Doch handelt es sich nur um eine „relative“ (d.h. bezogene und damit relativierte) Autonomie oder Eigengesetzlichkeit der verschiedenen Motivationen. Diese muss der endgesetzlichen einen Teil ihrer Autonomie gleichsam opfern. So wird z.B. der Gerechtigkeit unter dem „Zepter der Liebe“ manches an Unerbittlichkeit genommen. Leistungsdenken wird menschenbezogen, das Eintreten für die Wahrheit geht nicht auf Kosten der personalen Beziehung. Die Zentrierung auf Liebe tritt bei Pater Kentenich besonders in Erscheinung bei den Themen >>Autorität, >>Gehorsam, Gesetz und >>Freiheit, >>Demut.

In der Art der Zuordnung von endgesetzlichem und eigengesetzlichem Motiv sieht er einen Unterschied zwischen Ignatius von Loyola und Franz von Sales bzw. sich selbst. Im Kräftespiel der beiden Faktoren ist bei letzteren der Akzent stärker zum endgesetzlichen Motiv hin verschoben.

Die Liebe bleibt das Hauptmotiv, „der Grund der Gründe“, das Motiv der Motive. Die anderen Motive werden von ihr aber erlöst und gleichsam „getauft“.

Hierher gehören auch Überlegungen Pater Kentenich betreffs der Liebe als dem Moralprinzip (Vortr 10.2.1968, II, 28-30).

3. Ganzheitliche Liebe

Pater Kentenich beschreibt die Liebe als Dreiklang von affektiv-sinnenhafter, geistiger und übernatürlicher oder göttlicher Liebe (vgl. PhErz 1961, 64). Es ist jedoch eine einzige Liebe in jeweils unterschiedlichen Akzentuierungen. Die Kurzformel für diese Ganzheitlichkeit ist „organisches Lieben“ oder „ganzheitliches Lieben“.

Besonders gefährdet schien Pater Kentenich immer wieder der affektiv-sinnenhafte Aspekt der Liebe („naturhafte“ Liebe). Deshalb betont er diesen in seinen zentralen Formeln besonders. „Affektbetonte“ Menschengebundenheit (St 1949, 309; WH 1937, passim) ist einer der Pfeiler seiner Spiritualität des Alltags. Nicht nur „affektbetonte Werkgebundenheit“, die möglicherweise Flucht in die Arbeit ist, ebenso nicht nur „affektbetonte Gottgebundenheit“. Eine betont affektive Liebe steht oft am Anfang der Liebesbewegung im Vordergrund, aber auch immer wieder an bestimmten Stellen ihrer Entfaltung. Auch gibt es oft gerade bei der affektiven Liebe einen Nachholbedarf.

Zunächst konnte Pater Kentenich viele Beobachtungen im Bereich des gottgeweihten, ehelosen Lebens machen, bei sich selbst, bei Priestern, bei Ordenschristen und ordensähnlich lebenden Menschen. Ebenso hat er die entsprechende kirchliche Tradition aufgenommen. Von daher die große Sorge, dass Liebe zu einseitig geistig-übernatürlich aufgefasst und realisiert wird, zu blutleer, leidenschaftslos, kalt und uninteressiert. So betont er speziell für die Zölibatserziehung, dass Sexualerziehung immer ganzheitliche Liebeserziehung sein muss.

Doch ist affektive Liebe allein noch keine ganzheitliche Liebe. Auch die geistige Liebe will berücksichtigt sein. Es geht um das „Auffangen des Gefühls und seine unzerreißbare Bindung an die Liebe, an Gott“ (St 1949, 312). Um „weise und kraftvolle Zucht“ des Trieblebens durch die Liebe (PhErz 1961, 75). Und durchaus realistisch sieht er, dass die Triebe und das Irrationale insgesamt sich nicht ohne weiteres von echter Liebe ergreifen und verwandeln lassen (vgl. PhErz 1961, 74).

Das heißt auch, dass die affektive Liebe immer auch darauf achten muss, effektive Liebe zu sein. Beide ergänzen sich und bedingen sich gegenseitig.

Das gleiche gilt für die „übernatürliche“ Liebe. Die rein affektive und geistige Liebe ist vielfachen Gefährdungen ausgesetzt, die die übernatürliche Liebe mildern oder ihr nehmen kann. Der Mensch kann durch die übernatürliche Liebe zu ungewöhnlichen Leistungen für den Mitmenschen befähigt werden, wie gerade auch die Geschichte des Ordenslebens zeigt. Die „instinkt- und naturgemäße Liebe“ muss in Gott „geklärt“ und „verklärt“ werden (WH 1937, 196).

Alle drei Aspekte der Liebe wollen in das rechte Verhältnis zueinander gebracht werden, zu einem „gottgewollten Ordnungskosmos“ der Liebe verflochten werden, entsprechend dem Hauptgebot der Liebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, deinem ganzen Gemüte, mit allen deinen Kräften“ (Lk 10,27).

Das eben Ausgeführte gilt auch und vor allem für die Ehe. „Das darf nicht nur eine übernatürliche Liebe sein; es muss eine Zusammenfassung, Harmonie zwischen sexueller, erotischer, natürlicher und übernatürlicher Liebe sein. Also keine Art der Liebe darf ausgeschlossen sein. Sehen Sie, darum gibt es an sich keine menschliche Liebe, die so vollkommen sein kann wie die eheliche Liebe“ (MonVor 1961 XX, 170). Und für die Ehe speziell gilt, dass Sexualerziehung ganzheitliche Liebeserziehung ist.

Ganzheitliche Liebe ist personale Liebe. Unpersönliche Es-Liebe will immer mehr zu wirklicher Person-Liebe werden (St 1949, 216). Ebenso muss einseitige Ideen- und/oder Aufgabenliebe, die in Gefahr ist, Personen zu instrumentalisieren, sich vom Ziel ganzheitlich entfalteter Personliebe immer wieder hinterfragen lassen.

Der von Pater Kentenich gesehene „neue Mensch“ ist vor allem ein „liebebeseelter Mensch“. Wie die Seele den ganzen Menschen prägt, so soll Liebe ihn durchseelen.

Letztlich ist die ganzheitlich-personale Liebe eine existentielle Liebe, die den Menschen als Ganzen ausdrückt und an einen bestimmten Platz seiner Liebe stellt. Alle Schichten der Liebe sind „seine“ Liebe, im Maße sie dem Gesamtvorgang seiner konkret-geschichtlich situierten Liebe eingeformt sind.

4. Einheit von Gottes- und Menschenliebe

Besonders bedeutend für die kentenichsche Auffassung von Liebe ist seine Zusammensicht von Gottes- und Menschenliebe. Der Ganzheit der Liebe im Liebenden entspricht auch die Ganzheit der geliebten Personen. Pater Kentenich hat das Wort des Ersten Johannesbriefes sehr ernst genommen, wonach man Gott, den man nicht sieht, nicht lieben kann, wenn man seinen Bruder und seine Schwester, die man sieht, nicht liebt. Er hat diese Aussage allerdings nicht nur ethisch-aszetisch verstanden, sondern auch und in erster Linie psychologisch-theologisch. Auch ist er nicht über die Exegese zu seiner Auffassung gekommen, sondern durch das Leben. Immer wieder geht es um die Einsicht, dass die Gottesliebe „nicht frei in der Luft“ schwebt. Auch die religiöse Liebe setzt beim Menschen an. So entsteht eine „heilige Dreieinheit“ oder „Dreisamkeit“ von Liebendem, geliebtem Menschen und geliebtem Gott. Jeder der drei Aspekte kann je nachdem bewusst oder unbewusst, keimhaft oder entfaltet, virtuell, habituell, einschlussweise oder ausdrücklich erlebt und hervorgehoben sein. Hier ist eine Spiritualität grundgelegt, die von der Erfahrung menschlicher Liebe und Gebundenheit zur Gottesliebe aufsteigt und von der Gottesliebe immer wieder zum Menschen kommt. Der Mensch ist nicht „heilig“, im Maße er die Welt und die Menschen verlässt und gering achtet, sondern im Maße er liebt, ganzheitlich liebt.

5. Einheit von Selbst- und Du-Liebe

Die eben genannte „heilige Dreieinheit“ der Liebe kennt ausdrücklich auch die Selbstliebe. Von Anfang an hat Pater Kentenich das Erziehungsziel einer geordneten, einer „geläuterten“ Selbstliebe gekannt. Sein aszetisches Ideal ist nicht Selbstverleugnung und Selbstverzicht. Zu sehr sieht er im heutigen Menschen die Gefahr des fehlenden Selbstwertgefühls. Aber auch seine hohe Bewertung der „Zweitursachen“, der Schöpfung, des Menschen lassen eine Abwertung des „Selbst“ und des „Ich“ nicht zu. Liebe setzt Selbstbesitz, Selbstliebe und Selbstand voraus und soll diese fördern. Alles, was einseitig auf Hingabe und Du-Bezogenheit aufbaut, steht sonst auf tönernen Füßen.

Hier leuchtet auch die Bedeutung auf, die Pater Kentenich der Ehrfurcht gibt. Sie ist als „rücklaufende Linie“ zusammen mit der „hinlaufenden Linie“ konstitutiv für jede echte Liebe. Sie bedeutet Achtung des Selbst der geliebten Person, Furcht, dass man ihrer Ehre zu nahe treten könnte.

Und doch kennt Pater Kentenich auch gleichzeitig die „Ichpreisgabe“. Ohne „Tod des Ich und der Ichsucht“, der „Ichverliebtheit“ und „Ichverstrickung“ ist wahre Liebe für ihn nicht möglich. Es gibt für ihn keine Liebe ohne Opfer, ohne Verzicht. Doch müssen diese negativen Aspekte der positiven Entfaltung der Selbstliebe zu- und untergeordnet werden. Sie sind nicht Selbstzweck. Liebe ist nie selbst-los. Auch die Selbstliebe gehört in den Kreis der „heiligen“ Dreieinheit der Liebe.

6. Primitive, abgeklärte und heroische Liebe

Die drei genannten Aspekte der Liebe und ihre Einheit können in unterschiedlichen Stufen Besitz eines Menschen sein. An dieser Stelle finden wir bei Pater Kentenich die Trias „primitiv, abgeklärt und heroisch“.

„Primitive“ Liebe meint dann mehr die spontan-triebhaft-unreflektierte Liebe, die noch nicht genügend personalisiert und deswegen ein Stück weit blind ist. Die „abgeklärte“ oder erleuchtete Liebe bezeichnet die Liebe, die zwar triebhaft-affektiv, aber auch geistig-bewusst und personalisiert ist, sehend ist. Die „heroische“ Liebe bezeichnet die triebhaft-bewusst sich opfernde Liebe.

Das bedeutet auch, dass die „primitive Liebe“ Gott und Mensch hauptsächlich des eigenen Vorteils wegen liebt“. In der Tradition steht dafür das Wort „amor concupiscentiae“ (St 1960, 152). Die „geläuterte Liebe“ dagegen, ist die Liebe, „die stärker vom Ich absieht und um das Du kreist“ (ebd.). Der Ausdruck der Tradition ist „amor benevolentiae“ (ebd.). Entsprechendes gilt von der heroischen Liebe: Als Ausdruck eines besonderen Wirkens Gottes und eines entsprechenden Wachstums wird die sich hingebende Liebe immer belastbarer.

Aber auch hier ist die Bedeutung hervorzuheben, die Pater Kentenich der primitiven Liebe als einem wichtigen „Bestandteil“ der Liebe beimisst. Er hebt ebenso die zeitweilige Notwendigkeit von Nachholprozessen hervor.

Fortsetzung: http://www.j-k-i.de/liste2-f_action=show&f_entry_id=4873&f_back_action=.html


Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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