Liebesbündnis

Liebesbündnis

Lothar Penners

1. Grundverständnis
2. Ur-Vorgang
3. Kontexte
4. Geistlicher Weg
5. Liebesbündnis und geistliche Tradition
6. Liebesbündnis als marianische Synthese

1. Grundverständnis

Unter „Liebesbündnis“ versteht die Spiritualität Schönstatts in einem engeren Sinne das Ereignis vom 18. Oktober 1914 und den Nachvollzug dieses Ereignisses in einer ausdrücklichen Weihe an die >>“Dreimal Wunderbaren Mutter, Königin und Siegerin von Schönstatt“. In einem weiteren Sinne ist das Liebesbündnis das Herzstück der schönstättischen >>Bundesspiritualität als Gestaltungsprinzip des geistlichen Lebens.

2. Ur-Vorgang

Auskunft über die inhaltlichen Momente dieses Liebesbündnisses gibt die >>Gründungsurkunde und das Zeugnis des Gründers, P.J. Kentenich, über die inneren und äußeren Vorgänge im Umkreis dieses ersten >>Meilensteins der Gründungsgeschichte. In diesem ging es um den Glaubensakt, die Mutter Gottes zu bitten, in der Kapelle der jungen Marianischen Kongregation (>>Heiligtum) geistig Wohnung zu nehmen, um „Wunder der Gnade“ zu wirken. Verknüpft war diese Bitte mit der Bereitschaft ihrer diesseitigen Partner, ihr das ernste Bemühen um Gebet, Selbsterziehung und Apostolat („Beiträge zum >>Gnadenkapital“) zu schenken, damit durch das Zusammenwirken von Diesseits und Jenseits ein Gnadenort entstehe für ihren Kreis und darüber hinaus, an dem sich die „Herrlichkeiten Mariens“ offenbaren sollten. Die Verbindung von menschlicher Mitwirkung und dem Vertrauen auf die Offenheit der Mutter Jesu, zum Heil der Menschen auch unter ganz konkreten Umständen wirken zu wollen, bilden den bündnishaften Kern für den Ur-Vorgang der schönstättischen Bundesspiritualität, für den sich erst Jahrzehnte später (d.h. während des Zweiten Weltkrieges; vgl. Vautier, Maria die Erzieherin, 273 f.) die Bezeichnung „Liebesbündnis“ einbürgerte. Bis dahin benutzte man die üblichen Begriffe der Marianischen Kongregation: Weihe, Kontrakt, Vertrag etc.

3. Kontexte

Der Glaube Schönstatts an die Realität des Liebesbündnisses wurzelt indessen im gesamten Kontext dieses Aktes, vor allem in der bereits vorher gesegneten Geschichte der Kongregation, dem Zeichen der Vorsehung von der Entstehung des Wallfahrtsortes Valle di Pompei „nur“ durch Gebet und Opfer. Später nach dem Ereignis konstatiert der Gründer im >>Vorsehungsglauben eine außergewöhnlich große >>schöpferische Resultante in einer immer größeren Zahl von Menschen, die durch ein Leben aus dem Liebesbündnis zu religiöser Reife, ja heiligmäßigem Leben geführt wurden.

4. Geistlicher Weg

Das marianische Liebesbündnis vom 18. Oktober 1914 wurde in der Folgezeit zum Ausgangspunkt und Gestaltprinzip eines geistlichen Weges, der auf originelle Weise die Gesamtheit der christlichen Glaubenswelt vermitteln wollte. Auf induktivem Weg (>>Bewegungspädagogik) führte er über einzelne Strömungen hin zum Universalismus einer umfassenden >>Bundespiritualität: d.h. einem ausdrücklichen Bündnis mit den trinitarischen Personen („Dreifaltigkeitspartner“), einem horizontalen Bündnis untereinander (>>Mariengarten), bis hin zu einem Liebesbündnis mit der Schöpfung. Auf diesem Weg ging es nicht nur um eine inhaltliche Ausweitung des Bündnisses mit Maria, sondern auch um eine Vertiefung der religiös-aszetischen Hingabe.

Die Verbindung von marianischer Bündnisfrömmigkeit und geistlichem Weg ist bei J. Kentenich nicht zufällig, sondern entspricht innerlich seinem Konzept einer der Berücksichtigung von Werdegesetzmäßigkeiten im Menschlichen wie Religiösen („Organische >>Aszese“).

5. Liebesbündnis und geistliche Tradition

Der ausdrückliche und hochgradige marianische Charakter des schönstättischen Liebesbündnisses hat seine eigenen Triebkräfte; er wurzelt vor allem in der geistlichen Erfahrung Mariens als Erzieherin bei Pater Kentenich. Er ist aber auch nicht denkbar ohne Bezugnahme auf die Tradition marianischer Frömmigkeit in der Kirche.

5.1. Wie bereits die Anrufung Mariens als Dreimal Wunderbare Mutter (Königin und Siegerin) von Schönstatt deutlich macht, weiß sich die Schönstatt-Bewegung der Tradition der Marianischen Kongregationen verbunden (>>Schönstatt, Geschichte; „Parallele Ingolstadt-Schönstatt“). In diesen gehörte die Marienweihe zur Form der Aufnahme.

5.2. P. Kentenich nimmt des weiteren Bezug auf die geistliche Vermählung Vinzenz >>Pallottis mit der Mutter der Barmherzigkeit, allerdings ausdrücklich bedacht auf den Unterschied zwischen „Mystik“ (wie im Falle Pallottis) und Art und Grad marianischer Verbundenheit, die jedem Gläubigen offen steht.

5.3. Inhaltliche Verwandtschaft des schönstättischen Liebesbündnis besteht vor allem aber zum „Geheimnis Mariä“ Grignions de Montfort. In ihm konstatiert J. Kentenich vor allem zwei Momente: Er würdigt den zutreffenden Blick für die Stellung Mariens im Heilsplan (objektive Seite im Geheimnis Mariens) und die darin gründende Bedeutung der Ganzhingabe an ihre Person (subjektive Seite; vgl. LS 1952 II, 90).

5.4. Die Zukunftsträchtigkeit der Ganzhingabe an Maria sieht J. Kentenich namentlich in deren Bildungs-und Erziehungsmacht (LS 1952 II, 178 ff.). Vor allem hinsichtlich der Überwindung der modernen Massendämonie und der Schaffung neuer Gemeinschaftsfähigkeit bis hin zur Schaffung einer vom Geist des Christentums geprägten >>Gesellschaftsordnung. Schönstatts Originalität gegenüber Grignion de Montfort besteht für Kentenich vor allem in seiner konkreten Historizität (18. Oktober 1914) und lokalen Verbundenheit mit Schönstatt als Gnadenort.

6. Liebesbündnis als marianische Synthese

Insgesamt erscheint das Liebesbündnis bei J. Kentenich als umfassender Akt marianischer Spiritualität und ihrer theologischen Voraussetzungen.

6.1. Die erzieherisch-apostolische Verbindung mit Gestalt und Sendung Mariens, wie sie im schönstättischen Liebesbündnis aufscheint, setzt eine Sicht der Rolle Mariens in der Heilsgeschichte voraus, die bei Grignion zwar bereits anklingt, aber für J. Kentenich noch zu klären war. In diesem Sinne sind seine theologischen Bemühungen um die Klärung des Personalcharakters Mariens (>>Maria) zu verstehen, die Kentenich unternimmt im Dialog mit Strömungen in der Theologie des 20. Jahrhunderts, namentlich auch mit dem kirchlichen Lehramt. Ohne die Stellung Mariens an der Seite Christi als seine Dauergefährtin und -gehilfin beim gesamten Erlösungswirken, ihrer Mutterschaft im Glauben und als „Lehrerin im geistlichen Leben“ wäre das marianische Liebesbündnis Schönstatts theologisch nicht genügend grundiert, zumal es von Anfang an mehr sein wollte als eine vom katholisch Gültigen zwar mögliche, aber eher subjektiv begründete „Lieblingsandacht.“

6.2. Durch die Akzentverlagerung im Begriff von „Weihe“ oder „vollkommener Hingabe“ zu „Liebesbündnis“ wird die Bindung an die Gottesmutter Maria hinein genommen in das dynamische Gefälle einer heilsgeschichtlichen Bundes-Theologie (>>Bundesspiritualität) samt deren Beziehung zur real verlaufenden Welt- und Kulturgeschichte. Im eschatologisch-apokalyptischen Horizont der Gesamtgeschichte wird Maria zum „großen Zeichen“ göttlichen Handelns in den Krisen der Gegenwart (>>Himmelwärts). In den stellvertretenden Welt-Weihen verschiedener Pontifikate im 20. Jahrhundert darf eine gleichgerichtete Glaubenshaltung von Seiten des kirchlichen Amtes gesehen werden.

6.3. Eine im Einzelnen wohl noch zu erhebende „Theologie“ des marianischen Liebesbündnisses (Schönstatts) steht denn insgesamt auch nicht vor einem Akt privater Marienverehrung in einem exklusiven Sinn, wenngleich die Hingabe an Maria die vor allen Menschen Erwählte und Begnadete selbstverständlich auch „ehrt“. Insgesamt aber handelt es sich im „Liebes-Bündnis“ seiner gesamten Sinngebung nach eher um eine heilsbedeutsame, gnadenhafte Interaktion sowohl personalen wie sozialen Charakters mit einer dynamischen Offenheit auf die Gesamtwirklichkeit des Heils. In dieser bleiben die Momente des Vertrauens und der verehrenden Liebe selbstverständlich erhalten. Die Weihe aber gilt nicht nur und primär der seinsmäßig gegebenen Würde der Mutter Gottes – so eine vielleicht eher mittelalterliche Geistesgestimmtheit – sondern der dynamisch geladenen „Kontaktstelle“ zur Heilsdynamik Gottes auf die Welt und den Menschen hin. Das Liebesbündnis wahrt die Unterschiede in der Begnadung zwischen Maria und den gewöhnlichen Gliedern der Kirche. Auf der anderen Seite betont der Bündnischarakter gerade auch die Gleichheit in der Personalität und die gegebene Möglichkeit im gegenseitigen Schenken und Beschenkt werden. Sie betont das Moment der Freiheit in der Übereignung und eine gewisse Gemeinsamkeit im Gegenüber zu Jesus Christus und dem Dreifaltigen Gott. Im schönstättischen Liebesbündnis soll Maria auch in ihrer Macht (bei Gott) wirksam werden, vor allem aber soll sie ihre „Herrlichkeit“, ihre gnadenhafte Schönheit offenbaren, die einlädt, ihr ähnlich zu werden und ihr nachzufolgen. Es ist nicht in erster Linie ein „Schutz- und Trutzbündnis“, sondern Zur-Verfügung-Stellung in einem partnerschaftlichen Sinn für die Ziele der Gottesmutter.

6.4. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, warum das „Liebesbündnis“, d.h. der konkrete Akt des Bündnisschlusses mit seinem Entscheidungs- und Hingabecharakter in der Spiritualität Schönstatts als Erneuerung des Taufbundes angesehen wird. In ihm aktualisiert sich die christliche Grundentscheidung. Im Maße es Anteil gibt an der Offenheit Mariens dem lebendigen Gott gegenüber, wird Geisterfahrung möglich und geschenkt.

6.5. Bis in die Wortwahl des endgültigen Begriffs hinein dokumentiert eine Spiritualität des „Liebes-Bündnisses“, dass sie vor allem Liebesspiritualität sein will, d.h. das Weltgrundgesetz der >>Liebe aufschließen und realisieren will. In ihr lebt die christliche Grundüberzeugung, dass Heiligkeit und Heiligung letztlich nichts anders besagt als die Befähigung und Reifung der Person zur größeren Liebe.


Literatur:

  • J. Kentenich, Erste Gründungsurkunde vom 18.10.1914, in: Schönstatt Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, 21-27
  • J. Kentenich, Worte zur Stunde. Zweite Gründungsurkunde (geschrieben zum 18. Oktober 1939), in: Schönstatt Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, 29-63
  • J. Kentenich, Dritte Gründungsurkunde, gehalten am 24.9., 18.10. und 8.12. 1944 in Dachau, in: Schönstatt Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, 65-87
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S.
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. II. Teil: Bündnisfrömmigkeit (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 278 S.
  • J. Kentenich, Maria – Mutter und Erzieherin. Eine angewandte Mariologie (Fastenpredigten 1954), Vallendar-Schönstatt 1973, 456 S.
  • Liebesbündnis als Grundidee des Christentums, Regnum 21 (1987) 82-88
  • Universalismus des Liebesbündnisses, Regnum 22 (1988) 200-205.
  • H. King, Liebesbündnis. Impulse zum Umgang mit der Spiritualität Schönstatts, Vallendar-Schönstatt 21991
  • ders., Marianische Bundesspiritualität, Vallendar 1994
  • L. Penners, Eine Pädagogik des Katholischen, Vallendar-Schönstatt 1983
  • ders., Kairos für eine Bündnisspiritualität?, Regnum 20 (1986) 147-160
  • M. Treese, Leben aus dem Liebesbündnis, Vallendar-Schönstatt 1984
  • P. Vautier, Maria die Erzieherin. Darstellung und Untersuchung der marianischen Lehre P. J. Kentenichs, Vallendar-Schönstatt 1981.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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