Liebespädagogik

Liebespädagogik

M. Erika Frömbgen

1. Liebe als bestimmende Wertausrichtung
2. Liebe als Erziehungsziel
3. Liebe als Erziehungsbasis

Die >>Pädagogik Schönstatts umfasst in ihrer Zielsetzung der Intention nach alle Werte, die dazu befähigen, humanitas und religio in personaler Originalität harmonisch zu ordnen.

1. Liebe als bestimmende Wertausrichtung

Der Liebe kommt in der Pädagogik Schönstatts eine Vorrangstellung zu. Das ergibt sich nicht nur aus der allgemeinen Hinordnung auf das christliche „Doppelgebot“ der Gottes und Nächstenliebe, sondern speziell aus der >>Bindungs- und >>Bündnisspiritualität Schönstatts und dem ihm eigenen Gemeinschaftsverständnis. Erstere fasst P. Kentenich 1952 zum wiederholten Mal in die Worte: „Wir sprechen von unserem vielgestaltigen, universellen Liebesbündnis als Grundform und Zielgestalt unseres Lebens und Strebens“, mit der ausdrücklichen Intention: „Überwindung der Entpersönlichung Gottes, der Entpersönlichung des Mitmenschen und der persönlichen Entpersönlichung“ (LS 1952 I, 38).

Das anvisierte Gemeinschaftsverständnis: „Wir sprechen von einer ‚vollkommenen Gemeinschaft aufgrund vollkommener Persönlichkeiten‘ und möchten beides getragen, bestimmt und durchpulst wissen von der ‚elementaren Grundkraft der Liebe'“ (LS 1952 I, 37). Auf die Hinwendung zu diesen Hochzielen und ihre konkrete Umsetzung ins Leben ist nach P. Kentenich die Liebespädagogik ausgerichtet und inhaltlich disponiert. Die Spiritualität des >>Liebesbündnisses fordert eine bewusste Distanzierung „von allem seelenlosen Formalismus, vom mechanischen, bloß äußerlichen Nebeneinander“ und stattdessen eine „tiefe innerseelische Verbundenheit“ (Schl 1951, 149). „Solidarität im Liebesbündnis“ soll daher nicht nur als Aufgabengemeinschaft („miteinander“), sondern auch als Lebensgemeinschaft („füreinander“) und Herzensgemeinschaft („ineinander“) verstanden werden (LS 1952 I, 49 f.), und das nicht nur im intimen Binnenraum einer Gemeinschaft, sondern als eine, den gesamten Lebens und Arbeitsstil bestimmende Normgebung. Von einer Pädagogik, die sich an diesen Idealen und letztlich am „Weltgrundgesetz der >>Liebe“ orientiert, erwartet P. Kentenich eine erzieherische Wirkung, die dem personalen Denken, Lieben und Leben mit Blick auf eine „gottgefällige Harmonie zwischen affektbetonter Gott , Werk und Menschengebundenheit in allen Lagen des Lebens“ inspirierend und korrigierend die Richtung weist (vgl. WH 1937). In dieses pädagogisch aszetische Konzept sind alle jene Erkenntnisse einzubeziehen, die den Werthorizont der Liebe genauer definieren und handlungsrelevant beschreiben (vgl. J. Pieper, Über die Liebe, 1984; D. Wyss, Liebe als Lernprozess, 1988). Dieser Aufgabe hat sich P. Kentenich zeitlebens selbst gestellt, etwa in seinen Darlegungen zu den Themen „Liebe als Teilnahme an der göttlichen Liebe“, „Die Gemeinschafts und Liebesnot unserer Zeit“, „Von der Tragik der Ich und Du Verkennung“ und „Zum Verhältnis zwischen übernatürlicher Ich Liebe und natürlicher Du Liebe“ (MME 1954).

Nach P. Kentenich schließt die recht verstandene Liebespädagogik die motivations und handlungsrelevanten Aspekte der Sozialpädagogik mit ein. Das verpflichtet dahin, die aktuellen Erkenntnisangebote entsprechend zu integrieren, um das konkrete soziale Verhalten (z.B. in der Teamarbeit) wie auch die soziale Wahrnehmung und das Verständnis für Sozialverhalten in Gruppen und Gemeinschaftsprozessen erkennen und verbessern zu können. Prüfstein ist letztlich das konkrete Verhalten im jeweiligen Lebens und Berufsfeld, an dem sich die Liebespädagogik letztlich messen lassen muss.

2. Liebe als Erziehungsziel

Die Liebespädagogik trägt in sich die Intention, jede Form der korrespondierenden Liebe (Kindes und Elternliebe, Gattenliebe, geschwisterliche Liebe) so zu kultivieren, dass sie ihre volle Sinnerfüllung entfaltet und dadurch den Menschen glücklich macht. >>“Organisches Denken, Lieben und Leben“ will in jeder sich entwickelnden Beziehung neu gelernt sein. Lieben als Erziehungsziel verlangt in einer Zeit des Pansexualismus nach einer klaren Abgrenzung gegenüber den entwürdigenden Interpretationen der zwischenmenschlichen Beziehung, die heute in der aktuellen Kulturszene wuchern. Daher verlangt P. Kentenich nach einer „Durchsichtigmachung alles Geschöpflichen und Geschlechtlichen“ auf die ihr innewohnende Sinnhaftigkeit. Sexualerziehung ist gleichzusetzen mit „ganzheitlicher Liebeserziehung“. Die Einführung in den Vollzug der „personalen >>Geschlechtlichkeit“ gilt daher als ein integrierter bzw. zu integrierender Teil derselben. Wird diese Ganzheitlichkeit auf eine naturwissenschaftliche Verhaltensbiologie reduziert, muss das Humanum durch eine entsprechende Liebeserziehung zur Sprache kommen. Insofern ist die Liebespädagogik Schönstatts immer eine ergänzende und gegebenenfalls eine korrigierende, mit dem ausdrücklichen Ziel, den Liebesreichtum des religiösen Menschen seinem Lebensstand gemäß zu wecken und zu entfalten. Dem Kontrastbild, „Hungerkünstler der Liebe“, wird eine klare Absage erteilt (vgl. WT 1967).

Die Liebespädagogik Schönstatts setzt sich zudem das Ziel, das Verhältnis von religiösem Wissen und Lieben in einem kreativen Lernprozess so zu gestalten, dass der einzelne „Halt in einem klaren, zusammenhängenden Wissen“ und damit das „richtige Verhältnis zwischen dem Irrationalen, Rationalen und Superrationalen“ findet. Erkennen und Lieben müssen daher immer in einer schöpferischen Spannungseinheit gesehen, gewertet und beachtet werden (PT 1951, 127 137).

3. Liebe als Erziehungsbasis

Die Wirksamkeit der Liebespädagogik ist nach P. Kentenich weitgehend davon abhängig, ob das Erziehungsverhältnis bzw. der pädagogische Dialog von Ehrfurcht und Liebe im Sinn einer „hin und rücklaufenden Linie“ bestimmt wird. Ehrfürchtige Liebe und liebende Ehrfurcht des Erziehenden sind die kreativen Gestaltungsfaktoren für den Prozess der Liebespädagogik und regulieren das rechte Verhältnis von Nähe und Ferne. Hier wird nicht zuerst dem primär Gebenden im Erziehungsgefälle ein Anspruch auf Ehrfurcht und Liebe als Referenz des Empfangenden zugesprochen, vergleichbar dem vierten Gebot. Wer die Liebespädagogik ernst nimmt, muss den Lernprozess der Liebe beachten und dem Missverständnis wehren, das Ehrfurcht und Liebe als Tribut für die Anerkennung der Erzieherautorität fordert. In Umkehrung dessen hat der Erziehende selbst beispielgebend so zu leben, dass eine seelisch tief greifende und Krisen überdauernde Erfahrung im Sinn einer „Lebensübertragung“ und damit ein Lernergebnis im Sinn der Liebespädagogik möglich wird. Ernüchternd fügt er hinzu: „Hier versagen die meisten Erzieher“ (1951). R. Tausch kommt in seiner „Erziehungspsychologie“ zu dem gleichen Ergebnis, in der er die von Carl Rogers definierten Dialog bestimmenden Verhaltensvariablen – Wertschätzung, emotionale Wärme, Selbstkongruenz und Empathie – als die wirksamsten für eine „integrative Erziehung“ vorstellt. Nach seinen Forschungsergebnissen bestimmen z.Zt. noch weitgehend autoritär diktatorische Denk und Verhaltensmuster das erzieherische Verhältnis in unserem Kulturraum. Liebespädagogik erfordert daher ein entsprechendes Gegensatzbewusstsein und eine fortwährende Selbst und Fremdbeobachtung im Erziehungsprozess. Soll die Liebespädagogik in ihrer Zielsetzung gelingen, gilt für den Erziehenden die Aufgabe, möglichst jede infantile Einstellung zum eigenen und fremden Leben zu überwinden. P. Kentenich fasst diese Haltung in die Ausdrücke „priesterliche >>Väterlichkeit“ und „priesterliche >>Mütterlichkeit“ und weist vergleichend auf Don Bosco hin, „der seine Pädagogik eine Tochter der Liebe nennt“ (PhErz 1961, 66).

>Idealpädagogik


Literatur:

  • M.L. Badry, Pater Josef Kentenich – Pädagoge der Freiheit im Dienste einer neuen „Kultur der Liebe“, Oktoberwoche 1981, 75-96
  • M. E. Frömbgen, Unser Gründer lehrt und lebt als Bindungspädagoge, Oktoberwoche 1980, 137-156
  • M. Gerwing / H. King, Gruppe und Gemeinschaft, Vallendar-Schönstatt 1991

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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