Mann

Mann

Erwin Hinder

1. Deutungsansätze und Erfahrungshintergrund
2. Phänomenologische Typisierungen von Männereigenschaften
3. Der Grundzug männlichen Charakters
4. „Puer et pater“, Kurzformel für Seinsstruktur und Ideal des Mannes
5. Maria als Erzieherin des Mannes

1. Deutungsansätze und Erfahrungshintergrund

Die anthropologisch und schöpfungstheologisch begründete Sicht P. Kentenichs vom Mann geht aus von einer polaren, sich gegenseitig ergänzenden Verschiedenartigkeit von Mann und Frau bei gleichzeitig voll gewahrter Gleichwertigkeit (Bipolaritätsmodell, Geschlechterdifferenz, >>Geschlechtlichkeit).

In der Umsetzung seiner primär pädagogischen Zielsetzung (>>neuer Mensch) suchte er in großer Umsicht den je konkreten Menschen auch in ihrer Eigenart als Mann und Frau gerecht zu werden. Als Gründer der Schönstatt-Bewegung hat er sich deshalb eingehend mit der Geschlechterdifferenz befasst und um spezifische Leitbilder für Mann und Frau gerungen.

Zu Beginn mit männlicher Jugend und bald auch mit Jugenderziehern arbeitend, orientierte er sich zunächst an der Jugendpsychologie (vgl. UdSchM, SF 1926). Im Dienste der von Schönstatt aus ansetzenden Erzieher und Männerbewegung deutete er die Art des Mannes und konzipierte das ihm entsprechende Leitbild („priesterliche Väterlichkeit“ seit 1925). Sein aus Beobachtung und Reflexion gewonnenes Bild des Mannes brachte er dann zeit seines Lebens in zahlreichen pädagogischen Tagungen, Priesterexerzitien und Terziaten (so 1963 für Theologiestudenten) sowie in Gelegenheitsvorträgen zur Sprache.

Mit der frühen Hervorhebung der im weiten Sinn verstandenen „Väterlichkeit“ des reifen Mannes kritisierte er zugleich das herrschende Idol „unartikulierter Männlichkeit“ und setzte sich auch mit emanzipatorischen Zeitströmungen auseinander, die den Mann verunsichern.

2. Phänomenologische Typisierungen von Männereigenschaften

Hierzu schöpft P. Kentenich vornehmlich aus seinen eigenen vergleichenden Beobachtungen im erzieherischen Umgang mit vielen Menschen. Eine Erkenntnisquelle ist für ihn auch die Leibsymbolik der Geschlechter (Pfeil /Kreis Form, vgl. DD 1963 X).

Die Kennzeichnung menschlicher Eigenschaften als „männlich“ bzw. „fraulich“ versteht er dabei durchweg im Sinne einer Typisierung, die nur sagt, woraufhin die jeweilige Eigenart ihrem „Richtungssinn“ nach tendiert. Bei den konkreten Individuen rechnet er daher mit einer großen Bandbreite der Ausprägung des Geschlechtscharakters in unterschiedlicher Mischung der so genannten typisch männlichen und weiblichen Anteile (bis hin zu einem stark fraulich geprägten Mann und umgekehrt; vgl. JPT 1931, 147; ME 1934, 212; DD 1963 VIII, 202).

P. Kentenich vermeidet es auch, diese Eigenarten mit bestimmten gesellschaftlichen Rollen zu verbinden. Jeder soll seine Art in jeder möglichen Stellung und Aufgabe einbringen.

Die so verstandenen Mann Frau Polaritäten ermittelt Kentenich von verschiedenen Gesichtspunkten her, wovon wir hier nur die wichtigsten Momente nennen, die in der Regel mehr beim Mann zu finden sind. Die Hauptpolarität sieht er in der verschiedenen Art des Denkens, Wollens und Fühlens. Dem Mann ordnet er dabei eine stärker diskursive, reflexive, rationallogische Denkform zu. Auch sei der Mann willensbetonter, auf zielorientiertes Handeln gerichtet, dränge mehr auf Entscheidung und Durchsetzung, sei eher bereit zu offener und kämpferischer Auseinandersetzung sowie zu Wagemut in der Eroberung von Neuland. Dagegen falle es dem Mann meist schwer, seine Gefühle wahrzunehmen, zuzulassen und zu äußern.

Unter einem andern Aspekt typisiert P. Kentenich die männliche Eigenart durch eine starke „Bewegtheit“, die sich näherhin als Ideen oder „Geistbewegtheit“ zeige. Dem entspringt auch ein ins Zukünftige vorwärts drängender „zeitbewegter“ Zug (JPT 1931, 147 f.). Sie wurzelt in einer stärkeren, oft unausgeglichenen Bipolarität von Leben und Idee in der Mannesnatur (PT 1951, 223).

In diesem Zusammenhang lässt sich auch eine stärkere Extrovertiertheit des Mannes konstatieren. In Bezug auf den Geschlechtstrieb hat der Mann die Tendenz, den „Körpertrieb“ (Sexualtrieb im engen Sinn) vom „Seelentrieb“ (Eros) zu trennen (vgl. ME 1934, 215 f.). Zu seiner harmonischen Ganzheit bedarf er in besonderem Maße auch der Entfaltung seines „Gestaltungstriebs“, den P. Kentenich als dritte Gabelung des Geschlechtstriebs im weiteren Sinn nennt (vgl. DD 1963 X, 46-61).

Ein weiterer Aspekt des Geschlechtervergleichs ist ihr bevorzugter Interessen-Gegenstand: Für den Mann ist es prävalent das Sachliche, das Ideelle, das Zweckhafte, Praktisch-Nützliche (vgl. ME 1934, 210 217). So sucht der Mann in der Beziehung zu Mitmenschen, in Partnerschaft und Gemeinschaft, mehr die Gelegenheit, auf ein gemeinsames Ziel hin zusammenzuarbeiten (und weniger die personale Beziehung um ihrer selbst willen). Daher ist er stärker auf Arbeitsgemeinschaft eingestellt. Das seelisch-personale Element kann demgegenüber zu kurz kommen.

3. Der Grundzug männlichen Charakters

Die aufgezählten Typisierungen der Mannesart beschreiben deren naturhafte Tendenzen. Sie haben in unserer nicht mehr heilen Natur (und mitprägenden Kultur) je auch ihre negativen Schlag Seiten. Daher kommt den genannten Eigenschaften des Mannes als solche keine normative Bedeutung zu. Erst in ihrer durch Selbsterziehung (und Gnade) geläuterten, die Selbstsucht übersteigenden Gestalt können sie als Züge in ein Männer-Leitbild eingehen. Auf dieser vorerst ethischen Ebene hebt P. Kentenich gewisse Charakterstärken heraus, die für ihn zur idealtypisch gesehenen echten Männlichkeit gehören: Ein charaktervoller Mann ringt um klare Prinzipien, Grundsätze und hohe Ziele, hat den Mut, sich im Gebrauch der Freiheit ihnen gemäß zu entscheiden, und bringt die Kraft auf, sie auch gegenüber eigenen Gefühlen und Stimmungswechseln durchzusetzen (womit keineswegs die Unterdrückung oder Missachtung von Gefühlen gemeint ist, sondern dass vieles getan werden muss, obwohl es weh tut). In diesem Zusammenhang gebrauchte er häufig das Diktum: „Der Mann weiß, was er will, und will, was er weiß“ (vgl. PT 1950, 215; DD 1963 IV, 247-251; DD 1963 IX 187 f.).

Der ausgeprägte Mannescharakter zeichnet sich damit aus durch eine gewisse Kraft und Herbheit, Sicherheit und Festigkeit. Bei der Durchsicht der Aussagen Kentenichs zu solchen „Mannestugenden“ tritt ein Grundzug hervor, in dem sich die von ihm positiv verstandene „kraftvolle Männlichkeit“ zentriert. Begrifflich könnte er etwa so bestimmt werden: Die Fähigkeit und Geneigtheit zu einem von klaren Ideen geleiteten Wollen und einem entsprechend zielstrebigen und durchsetzungsfähigen Handeln (vgl. z.B. VLf 1934, 408 f.).

Dieser Charakterzug der Männlichkeit entspricht zugleich einer der Vorausetzungen, die P. Kentenich für eine Führerpersönlichkeit als notwendig erachtet: Die mitreißende Hingabe an eine Zielidee, ein Ideal (vgl. Menningen, Erziehungslehre, 75 ff.; DD 1963 III, 12 ff.). Eine gewisse Führungskraft sollte tatsächlich den Mann und Vater auszeichnen. Was ihm nach dem Gesagten eine gewisse Fähigkeit dafür gibt, signalisiert aber zugleich sein Manko: Die andere, mehr bei der Frau zu findende Voraussetzung einer beseelten Hingabe an die anvertrauten Personen. So übersah P. Kentenich nicht die tendenzielle Gefährdung einer im beschriebenen Sinn ausgeprägten Männlichkeit, Personen einer Ideologie, einem verkappten Machttrieb, zu opfern. Die Überwindung dieser Schlagseiten sieht er in der Erziehung und Reifung des Mannes zu echt „priesterlicher Väterlichkeit“, die Brüderlichkeit und Mütterlichkeit einschließt.

Der bis dahin umschriebene Mannescharakter bewegt sich im natürlich ethischen Bereich, wobei z.B. Zielstrebigkeit für sich genommen erst eine auch kriminell einsetzbare „Sekundärtugend“ darstellt. P. Kentenich betrachtet diese Fähigkeiten jedoch nie isoliert für sich, sondern hingeordnet auf den christo und theozentrischen Zusammenhang und in diesen integriert. Erst im folgenden, von einem anderen Ansatz her entfalteten Mannesideal erfolgt diese Integration in das christliche Vollkommenheitsziel.

4. „Puer et pater“, Kurzformel für Seinsstruktur und Ideal des Mannes

Diesen Ausdruck gebraucht P. Kentenich fast sterotyp zur Wesensbestimmung des Mannes: Er ist von seiner innersten Struktur her darauf angelegt, „puer“ Kind (Knabe) und zugleich „pater“ Vater zu sein und immer mehr zu werden. Ohne Zweifel erfasst diese Aussage eine auch beobachtbare Polarität zwischen dem „Kind im Mann“ und seinem väterliche Verantwortung tragenden „Erwachsenen-Ich“. Für Kentenich bedeutet die Formel jedoch mehr, als ihr Wortlaut verrät. Es geht ihm um eine fundamentale, schöpfungs- und gnadentheologisch begründete Wirklichkeit: Geschöpflichkeit, die eine totale Abhängigkeit von Gott besagt, und die Christusgliedschaft (Taufgnade), durch die wir Kinder des Vatergottes werden, begründen unser natürlich-übernatürliches „Kindsein vor Gott“. Andererseits sind wir zugleich kreatürliches Abbild des herrschenden, schöpferisch gestaltenden und sich verschenkenden Gottes und werden in Christus auch auf der übernatürlichen Ebene zu Repräsentanten und am Erlösungswerk beteiligten Mitarbeitern des ewigen Vaters. Das begründet unsere Berufung zur natürlich-übernatürlichen „Elternschaft“ anderen Menschen und der Welt gegenüber (vgl. z.B. RomV 1965 IV, 194 f.; II, 226 f.; MWF 1944, 206).

Diese Begründung zeigt, dass die genannte Seinsstruktur im Prinzip für den Menschen überhaupt gilt. Real gegeben ist sie jedoch immer schon geschlechtsspezifisch modifiziert, wobei besonders im zweiten Pol ihre je verschiedene Gestalt deutlich wird: als Vaterschaft beim Mann, Mutterschaft bei der Frau, je im weiten Sinn verstanden als unterschiedlich modifizierte Befähigung zur zweitursächlichen Vermittlung und Mitgestaltung von natürlichem und übernatürlichem Leben. Jedenfalls zielt P. Kentenich mit der konkreten Formulierung „puer et pater“ ganz auf die Erfassung des Mannes (vgl. damit die für die >>Frau durch Einbeziehung noch anderer Wertkomplexe abgewandelten Bestimmungen etwa als „virgo, sponsa, mater“). Sie stellt ihn in charakteristischer Weise in eine kindliche Grundbeziehung zu Gott und in eine väterliche Grundbeziehung den Mitmenschen und der Welt gegenüber, beide – der zweifachen Richtung des Hauptgebots entsprechend – getragen von der Grundkraft der Liebe.

Dabei bezeichnet „puer et pater“ sowohl die vorgegebene Disposition für diese Beziehungen, als auch das aufgegebene Zielbild ihrer vollen Verwirklichung. Der „Indikativ des Seins“ in der Mannesstruktur wird zum „Imperativ des Sollens“ im Mannesideal. P. Kentenich deutet dieses radikal christlich als Heiligkeitsideal. Es erstreben heißt wesentlich, sich die ihm entsprechenden Grundgesinnungen und Verhaltensweisen aneignen: dem Vatergott gegenüber vertrauende und folgsame Kindlichkeit, in der Verantwortung gegenüber Mitmenschen dem Leben dienende Väterlichkeit (vgl. KvG 1937, PT 1950). Dabei betrachtet P. Kentenich die Kindlichkeit des Mannes als notwendige Voraussetzung, um wahre Väterlichkeit zu erlangen. Als radikales Gottvertrauen bewahrt sie ihn davor, in Kontingenzerfahrungen zu verhärten: „Kindlichkeit ist die Wurzel eines kraftvollen Mannestums nach außen. Vor Gott ein Kind, vor den Menschen ein Mann“ (PT 1950, 91).

Die Verbindung mit den positiven Seiten der oben typisierten Manneseigenschaften verleiht diesen Grundhaltungen den ausgeprägt männlichen Charakter (z.B. gegenüber einem von P. Kentenich karikierten großväterlichen und kindischen Benehmen). Zum ganzheitlichem Vaterideal des Mannes gehört außer dem personalerzieherischen Wirken auch eine ausgeprägte Weise der Meisterschaft im Beruf, der Wille zu schöpferischer Weltgestaltung und zum Einsatz für das Reich Gottes (vgl. Unsere Hoffnung, 117-141).

Die konkretere Füllung des mit der Kurzformel metaphysisch abstrakt gefassten Ideals gewinnt P. Kentenich aus der Heiligen Schrift, vorab im Blick auf seine höchste Verwirklichung im Manne Jesus Christus. Vorbildliche Männergestalten der Bibel (Abraham, Moses, Paulus), der Kirche, in Schönstatt, weisen auf originelle Realisierungsmöglichkeiten.

Aus solchen Quellen wurden in der Spiritualität Schönstatts >>“Kindlichkeit“ und „Väterlichkeit“ in viele Einzelzüge ausgefaltet. Sie sind hier nicht weiter auszuführen. Abzusehen ist hier auch von der Darstellung der sozialen Rolle und der Autorität des Vaters in Familie und Gesellschaft aus der Sicht Schönstatts (>>Vater, >>Familie, >>Autorität).

5. Maria als Erzieherin des Mannes

Sehr oft zitiert P. Kentenich das Wort des hl. Bernhard von Clairvaux: „Non erigitur vir, nisi per feminam“ (Der Mann wird nicht wiederhergestellt, nicht erlöst, außer durch die Frau). Er deutet dies in dreifacher Anwendung: Durch die Frau als Partnerin, durch die Ausbildung des Fraulichen im Manne selber und in heilsgeschichtlichem Sinn durch Maria.

Maria verhilft dem Mann zur kreatürlichen und übernatürlichen Empfänglichkeit Gott gegenüber, die in ihr ganz unverschlossen gegeben ist. Sie führt ihn auch zu ihrem Sohn als Abbild und als Kind des Vaters. Die Liebe des Mannes zu ihr als seiner Mutter weckt seine Kindlichkeit, deren Entfaltung ihm schwerer fällt als der Frau. Die Marienverehrung hilft dem Mann ebenso, in sich die fraulich-mütterlichen Züge auszubilden, deren er zu seiner Reifung bedarf. Nach der erfahrungsgestützten Überzeugung des Gründers und vieler Männer wirkt die Gottesmutter Maria insgesamt als vorzügliche Erzieherin des „neuen Mannes“ (Vgl. Vautier, Maria – die Erzieherin, 153 ff.).

>Marienbrüder, >>Männerbund, >>Jungmännerbund, >>Männerliga, >>Schönstatt-Mannesjugend.


Literatur:

  • J. Kentenich, Ethos und Ideal in der Erziehung. Vorträge der Jugendpädagogischen Tagung (28.-31. Mai 1931), Vallendar 1972, 379 S.
  • J. Kentenich, Marianische Erziehung. Pädagogische Tagung (22.-26. Mai 1934), Vallendar-Schönstatt 1971, 286 S.
  • J. Kentenich, Kindsein vor Gott. Priesterexerzitien 1937, Vallendar-Schönstatt 1979
  • J. Kentenich, Grundriß einer neuzeitlichen Pädagogik für den katholischen Erzieher. Vorträge der Pädagogischen Tagung 1950, Vallendar-Schönstatt 1971
  • J. Kentenich, Daß neue Menschen werden. Eine pädagogische Religionspsychologie. Vorträge der Pädagogische Tagung 1951. Bearbeitete Nachschrift, Vallendar-Schönstatt 1971, 264 S.
  • J. Kentenich, Desiderio desideravi. Milwaukee-Terziat (1962-1963), verv., A 5, elf Bände
  • J. Kentenich, Rom-Vorträge. Vorträge für die Leitungen der Schönstätter Verbände in Rom (17. November 1965 – 2. Februar 1966), verv., A 5, vier Bände, 237+321+283+308 S. 1965 I und II
  • Unsere Hoffnung sind die Väter. Vorträge und ein Brief, Vallendar 1974.
  • P. Vautier, Maria – die Erzieherin, Vallendar-Schönstatt 1981, 151 153.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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