Maria

Maria

Paul Vautier

1. Maria im Leben P. Kentenichs
2. Schönstatt als marianische Bewegung
3. Pädagogische und pastorale Dimension
– Die „lokale Gebundenheit“
– Die Gegenseitigkeit
4. Marienbild

1. Maria im Leben P. Kentenichs

P. Kentenich hatte von seiner Kindheit an eine tiefe Beziehung zu Maria. Er selbst weist öfters auf ein Schlüsselereignis hin: seine Mutter weihte ihn als Neunjährigen Maria, als sie ihn im Waisenhaus in Oberhausen lassen musste. Für P. Kentenich ist in dieser Weihe die Wurzel seines späteren Werkes grundgelegt. Er schreibt Maria zu, dass er seine schwere Krise in der Studienzeit überstehen konnte. P. Kentenich charakterisiert seine Jugendzeit als sehr einsam, Maria sei eigentlich seine einzige nahe Beziehungsperson gewesen. Wenn er also später von Maria als der Erzieherin spricht, gründet das in seiner eigenen Erfahrung. Seine Identifikation mit Maria und ihrer Sendung war so groß, dass er sich nicht scheut zu schreiben, er habe fast sein „Eigenbewusstsein“ verloren und sich ganz als „Werkzeug“ Marias empfunden. Wir halten aber in seinem Leben vergeblich Ausschau nach außerordentlichen Ereignissen wie Visionen, Erscheinungen oder physischen Wundern, die auf Maria zurückgeführt würden. Wohl schreibt er ihr unzählige „moralische Wunder“ und Gebetserhörungen zu wie z.B. Wunder der inneren Wandlung, die Entstehung und Fruchtbarkeit des Schönstattwerkes sowie die Hilfe in Notsituationen, besonders während der Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus. Das Verhältnis P. Kentenichs zu Maria ist die konsequente Durchführung eines intensiven Lebens aus der Weihe an die Gottesmutter (>>Liebesbündnis). Seine Lebensaufgabe sah er selbst in einer ausgesprochen marianischen Sendung. Er nennt sich selbst ohne Zögern einen „marianischen Maximalisten“. Seine Frömmigkeit orientiert sich an der Glaubenslehre der Kirche und macht keine Rückgriffe auf Sondermeinungen oder Privatoffenbarungen.

2. Schönstatt als marianische Bewegung

Der Ursprung Schönstatts ist die Bitte an Maria, die alte Friedhofskapelle in Schönstatt zu einem Wallfahrtsort zu machen, und zwar sollte Maria diese Bitte erfüllen als Antwort auf die Beiträge der Sodalen der dortigen Marianischen Kongregation. Die Idee der Weihe an Maria, inspiriert von der >>Marianischen Kongregation und von Grignion von Montfort, ist in Schönstatt zum Fundament einer ganzen Bundesspiritualität geworden. In der Beziehung zu Maria, die durch die Weihe begründet wird, hat P. Kentenich besonders das Element der Gegenseitigkeit und der Verbindung mit dem Ort Schönstatt betont. 1944 prägt er den Ausdruck „Liebesbündnis“ für die so verstandene Weihe. Schließt jemand das „Liebesbündnis“, gehört er der Schönstatt-Bewegung an.

3. Pädagogische und pastorale Dimension

Die Originalität Schönstatts im Marianischen besteht zunächst nicht in der Darstellung und Auslegung des biblischen und dogmatischen Marienbildes, sondern in seiner pädagogischen und pastoralen Dimension. P. Kentenich wollte die Menschen zu einer tiefen Beziehung zu Maria führen. Daher die ausgebaute Lehre über das Liebesbündnis, die Weihe an die Gottesmutter. Diese wird nicht so sehr als Patronatsverhältnis beschrieben, sondern in den Kategorien einer persönlichen Beziehung. Hier ist auch die Brücke zum psychologischen Ansatz vom >>Bindungsorganismus, hier besonders die Bindung an Personen und Orte. Das Liebesbündnis hat in Schönstatt zwei besondere Charakteristika:

  • Die „lokale Gebundenheit“. In der Gnadenkapelle in Schönstatt geht es nicht primär um ein Bild, sondern um den Ort (Heiligtum); jeder Gläubige soll auch in seinem Wohn und Arbeitsraum einen heiligen Ort („Herrgottswinkel“) haben und Maria dorthin einladen („Hausheiligtum“).
  • Die Gegenseitigkeit: Die Beziehung zu Maria soll eine konkrete und gegenseitige sein. Der Gegenwart, Hilfe und Erziehungstätigkeit Marias soll die alltägliche Hingabe der gläubigen Person entsprechen. Sie wird nicht in außerordentlichen Akten und Gebeten, sondern in der besonders guten Erfüllung der alltäglichen Aufgaben gesehen (Beiträge zum >>Gnadenkapital).

P. Kentenich weist häufig darauf hin, dass uns Maria weiterführt zu Christus und zum Vater und dass sich gesunde, tiefe Bindung an Maria zu einer entsprechenden marianischen Haltung entfaltet: Die Darlegung und Erfahrung der Dynamik des Liebesbündnisses gehört zu den wichtigen pädagogischen Dimensionen seiner marianischen Pastoral.

Das breite Spektrum in der marianischen Verkündigung P. Kentenichs reicht von eher allgemeinen Darstellungen des biblischen und dogmatischen Marienbildes, der Herausstellung der Größe, Liebe und Macht der „Mutter und Erzieherin“ über die z.T. sehr feine psychologisch aszetische Darstellung des Liebesbündnisses bis hin zu Texten, in denen er versucht, für ganz bestimmte Personenkreise und ihre Perspektiven das Marianische zu konkretisieren. Dabei wird das Marianische meist sehr stark mit den spezifischen spirituellen und pädagogischen Konzepten Schönstatts verbunden. Das erklärt, warum es wenig allgemein zugängliche marianische Texte P. Kentenichs gibt.

Die besondere Berücksichtigung und Aufwertung des Fraulichen in der Tätigkeit P. Kentenichs zeigt sich im Marianischen dadurch, dass er Maria als die vollkommene Verkörperung des Weiblichen darstellt; seine Aussagen über die Geschlechterpolarität sind mit den marianischen Aussagen fast unlösbar verwoben. Dabei geht es nicht nur um eine anthropologische Perspektive von unten her; die Aussagen stehen im Horizont einer Überlegung über das Weibliche in Gott und dessen Spiegelung in der >>Frau.

4. Marienbild

Das von P. Kentenich dargelegte Marienbild ist dem Inhalt und der Intention nach biblisch und katholisch und verzichtet auf Elemente, die auf Privatoffenbarungen (Botschaften, Erscheinungen etc.) zurückgehen. Er hat sich intensiv mit den zeitgenössischen Strömungen der Mariologie auseinandergesetzt. P. Kentenich hat sich theologisch in der Mariologie besonders M.J. Scheeben angeschlossen. Er hat sich ausgiebig mit der Diskussion über den „Personalcharakter Mariens“ beschäftigt, die von Scheeben ausging und die Mariologen bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil beschäftigte. P. Kentenich ist in der Frage nach dem marianischen Fundamentalprinzip der Richtung zuzurechnen, die den Ansatz der amtlichen Gefährtenschaft Christus gegenüber (sponsa, socia, consors) wählen – statt der Gottesmutterschaft: „amtliche Dauergefährtin und Dauerhelferin Christi beim gesamten Erlösungswerk“. Er hat aber seine Bewegung nicht auf theologische Spezialfragen festlegen wollen; seine Kurzfomulierung des Personalcharakters „Zweieinheit von Christus und Maria“ stellt das Hauptanliegen in den Vordergrund, Maria immer in Einheit mit Christus zu sehen.

Die Interpretation der marianischen Dogmen geschieht ganz besonders von seiner pädagogischen Perspektive her und erhält so eine anthropologische Prägung; Maria ist die Erzieherin, die selbst Vorbild des neuen Menschen ist.

Es fällt auf, dass die Auslegung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Marias einen großen Raum einnimmt. Dieses Dogma ist besonders geeignet für die anthropologische Deutung, denn dies ist eng verbunden mit der Frage, wie Gott den Menschen urspünglich gedacht hat (Paradies, Urstand, Erbsünde). Bei P. Kentenich steht nicht die negative Abgrenzung (Bewahrung vor der Erbsünde) im Vordergrund, sondern der positive Aspekt: die „natürliche und übernatürliche Lebensfülle“. Der Brautcharakter Marias wird ähnlich wie bei Scheeben besonders mit der Unbefleckten Empfängnis verbunden.

Die Auslegung der biblischen Szenen zeichnet einen beschwerlichen Glaubensweg Marias nach, den P. Kentenich als Erziehung Marias durch Jesus charakterisiert und an biblischen Stellen verdeutlicht sieht. Damit nimmt die Interpretation Abschied von den übermenschlichen Vorstellungen der früheren „Privilegienmariologie“. P. Kentenich betont die Beteiligung Marias beim Erlösungswerk und ihre gegenwärtige Wirksamkeit; Maria ist die Gefährtin Christi nicht nur bis zum Kreuz, sondern auch in der jetzigen Phase des Erlösungswerkes. „Königin“ ist daher für ihn nicht nur ein Ehrentitel Marias, sondern soll ihre jetzige Wirksamkeit bezeichnen, die aber dem Wirken Christi unter und eingeordnet bleibt. Der Titel >>“Dreimal Wunderbare Mutter von Schönstatt“ hat keine feste dogmatische Auslegung und ist geschichtlich zu verstehen.

P. Kentenich war der Meinung, dass die Bedeutung Marias in der Kirche in der Zukunft erheblich zunehmen und die Theologie das Verhältnis Marias zu den Gläubigen mehr herausarbeiten werde. In diesem Sinne hoffte er in der marianischen Phase der katholischen Kirche in den fünfziger Jahren Anzeichen eines marianischen Frühlings erkennen zu können. Er sah allerdings die Widerstände gegen die Marienverehrung im deutschsprachigen Raum als sehr tief verwurzelt an (>>mechanistisches Denken). Die Zusammenfassung der marianischen Lehre der Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (LG VIII) deckt sich mit seinen Akzenten. Die anthropologisch-heilsgeschichtliche Ausrichtung der Mariologie P. Kentenichs entspricht somit wesentlichen Ausrichtungen des Konzils.


Literatur:

  • J. Kentenich, Marianische Erziehung. Pädagogische Tagung (22.-26. Mai 1934), Vallendar-Schönstatt 1971, 286 S.
  • J. Kentenich, Der Marianische Priester. Exerzitienkurs für Priester vom 20.-25. Juli 1941, verv., 118 S. – wichtig für die theologischen Positionen
  • J. Kentenich, Marianische Werkzeugsfrömmigkeit (geschrieben 1944 in Dachau), Vallendar-Schönstatt 1974
  • J. Kentenich, Maria – Mutter und Erzieherin. Eine angewandte Mariologie (Fastenpredigten 1954), Vallendar-Schönstatt 1973, 456 S..
  • B. Albrecht, Kleine Marienkunde, Vallendar 1985
  • R. Ammann, Marianisches Sein, Oktoberwoche 1979, 163-182
  • M. L. Badry, Maria die Immakulata. Ordnungsbild des neuen Menschen, Oktoberwoche 1977, 75-100
  • Josef-Kentenich Institut, Maria der neue Mensch in Christus, Freiburg 1970
  • H. King, Marianische Bundesspiritualität, Vallendar 1994
  • ders., Immakulata – Werteordnung unseres Gründers, Oktoberwoche 1978, 110-128
  • ders., Die Erfahrung des Marianischen. Der Beitrag Schönstatts zum Weg mit Maria, Regnum 22 (1988), 56-72
  • ders., Was sage ich, wenn ich „Maria“ sage? Prozess der Entstehung des Marienbildes, Regnum 27 (1993) 119-130
  • Oktoberwoche 1971
  • Oktoberwoche 1976
  • Oktoberwoche 1987
  • L. Penners, Maria – in einem neuen Paradigma. Eine marianische Utopie, Regnum 22 (1988) 7-17
  • A. Strada, Maria hoy, Buenos Aires …
  • H.P. Unglert, Marianisches Tun, Oktoberwoche 1979, 183-210
  • P. Vautier, Maria die Erzieherin. Darstellung und Untersuchung der marianischen Lehre P. J. Kentenichs, Vallendar 1981.
  • Johannes Paul II., Redemptoris Mater (1987)
  • F. Courth, Mariologie, Graz-Wien-Köln 1991
  • H.B. Gerl-Falkovitz, Maria und die Situation des Glaubens in Deutschland, Vallendar-Schönstatt 1990.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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