Methode

Methode

Hubertus Brantzen

1. Schritt: Beobachten
2. Schritt: Vergleichen
3. Schritt: Straffen
4. Schritt: Anwenden

Bei der Suche nach Erkenntnissen verwendet P. Kentenich eine bestimmte Methode und Vorgehensweise. Er versucht, Phänomene unverstellt wahrzunehmen und zu analysieren, dahinter liegende Gesetzmäßigkeiten zu erspüren und daraus Handlungshilfen zu entwickeln. Er realisiert seine Methode in den Schritten von Beobachten, Vergleichen, Straffen und Anwenden.

1. Schritt: Beobachten

Gegenstand der Weltbeobachtung ist „alles ohne Ausnahme“, ohne Einschränkung der Zeiten, Orte, Gesellschaften, Kulturen oder Personen. In der Haltung des Einfühlens und der Offenheit nimmt der Beobachtende die wichtigen Zeitereignisse der Welt- und Kirchengeschichte (Zeitenstimmen) ebenso wahr wie die subjektiven Erfahrungen im eigenen Leben und in seiner Umgebung (Seelenstimmen). Alltagserfahrungen, Gespräche, öffentliches Leben, Medien, Literatur, Kunst, Politik u. a. liefern das Material zur Beobachtung.

Wichtig für diesen ersten Schritt ist eine grundsätzliche Offenheit und die Vermeidung vorschneller Wertungen und Urteile. Dennoch ist das Beobachten nicht ohne Perspektiven. Phänomene, Lebensäußerungen und Zeitströmungen sollen aufgenommen werden: Welche Gottes-, Menschen-, Gesellschafts- oder Kirchenbilder werden deutlich? Wo zeigt sich Typisches, wo Akzente? Welche Lebenswerte werden betont? Was sind treibende Kräfte? Welche Entwicklungslinien zeichnen sich ab? Strömungen in der jüngeren Generation als Seismographen einer Gesellschaft, Bewegungen außerhalb des christlichen Lebens- und Einflussbereichs „im gegnerischen Lager“ sowie die seelische Betroffenheit der Menschen auf Entwicklungen sind von besonderer Bedeutung.

2. Schritt: Vergleichen

Ziel des zweiten Schrittes ist die Erweiterung des Beobachtungsmaterials. Damit bei der folgenden Deutung und Entscheidung zum Handeln größere Sicherheit entsteht, ist es sinnvoll, den Erfahrungs- und Verstehenshorizont zu vergrößern. Schwierig, aber notwendig ist dabei, eine einseitige Auswahl der Vergleichspunkte und eine voreilige Beurteilung von anderen Lebensvorgängen aufgrund der eigenen Wertvorstellungen zu vermeiden.

Verglichen werden ähnliche Ereignisse der Gegenwart (synchroner Vergleich) und der Vergangenheit (diachroner Vergleich). Aktuelle Ereignisse und Entwicklungen werden ebenso beachtet wie Ereignisse und Entwicklungen der Welt- und Kirchengeschichte. Der Vergleich mit biblischen Geschichten und die Erfahrungen der Schönstatt-Geschichte zeigen eigene Akzente (>>Geschichte).

3. Schritt: Straffen

Der Schritt des Straffens zielt darauf, eine „Zeit-Diagnose“ zu erstellen, den „Geist der Zeit“ (in Abhebung vom „Zeitgeist“) zu erkennen. Die Zeitereignisse und Strömungen sollen im Sinne des Praktischen Vorsehungsglaubens durchdrungen und gedeutet werden.

In diesem Schritt werden die beobachteten und verglichenen Ereignisse und Erfahrungen konfrontiert mit den „Seinsstimmen“, mit der natürlichen und übernatürlichen „Seinsordnung“. Bewährte Ergebnisse der Philosophie, Metaphysik, Anthropologie und der Humanwissenschaften liefern dabei Aspekte für die natürliche Seinsordnung, die der Hl. Schrift, der Tradition, des Lehramtes, der Theologie für die übernatürliche Seinsordnung.

Mit diesem Schritt erweist sich das Denken und Forschen Pater Kentenichs als perspektivisch, zugleich essentialistisch und existentialistisch, deduktiv und induktiv, metaphysisch spekulierend und empirisch.

4. Schritt: Anwenden

In einem letzten Schritt werden Ziele formuliert, große, letzte Ziele und Zwischenziele. Pater Kentenich unterscheidet bei jeder Zielsetzung Erkenntnis-, Erziehungs- und Apostolatsziele, zu denen langfristige und globale „Strategien“ und kurz- oder mittelfristige „Taktiken“ entwickelt werden. In Modell-Lösungen für Probleme („Gesetz der ausgezeichneten Fälle“) werden dann sowohl Reformen in der Gesinnung der Menschen wie den Strukturen menschlichen Zusammenlebens angestrebt. Zu beachten sind dabei bestimmte Werde- und >>Wachstumsgesetze (Stadiengesetz).

Bei Josef Kentenich steht seine Methode immer im Kontext des praktischen Vorsehungsglaubens: Alle Ereignisse im Leben des einzelnen, der Gesellschaft und Kirche besitzen nicht nur einen Eigenwert und eine Eigengesetzlichkeit, sondern auch einen Zeichen- und Anrufcharakter. Die Methode soll letztlich zu Antworten auf die Fragen führen: Wie offenbart sich der lebendige „Gott der Geschichte“? Was ist der Wille Gottes für den einzelnen und die Gemeinschaft?

Voraussetzung dafür ist, dass der Mensch die Ereignisse um sich herum mit einem „übernatürlichen Witterungssinn“ kindlich glaubend aufnimmt und in einem „prophetischen Glaubenssinn“ wagemutig und schöpferisch durch sein Handeln reagiert.

Interessant erweist sich der Vergleich der Methode Josef Kentenichs beispielsweise mit der Methode Sehen-Urteilen-Handeln (Christliche Arbeiterjugend CAJ), handlungstheoretischen Ansätzen der Pastoraltheologie (R. Zerfass) und dem Pastoral-Circle in der afrikanischen Theologie. Unterscheidend oder deutlich differenzierter ist dabei besonders der methodische Schritt des Straffens bei Kentenich.


Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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