Mystik

Mystik

Clemens Hilchenbach

In den 20er Jahren beschäftigte sich P. Kentenich intensiv mit Mystik und legte in mehreren Tagungen und Exerzitienkursen (u. a. SF 1927 über Mystik) sowie in einer ausführlichen Studie (geschrieben 1944 im KZ Dachau) seine Auffassung dar. Hintergrund war die Auseinandersetzung über das „mystische Problem“ zwischen den verschiedenen spirituell-aszetischen Schulen der Jesuiten (Mystik ist Sondergeschenk Gottes) und der Dominikaner bzw. Karmeliten (Mystik ist normaler Höhepunkt des geistlichen Lebens). Die theoretische Streitfrage ließ P. Kentenich offen. Aber er orientierte die gesamte spirituelle Ausrichtung seiner geistlichen Familie darauf hin, dass durch das aszetische Streben alle innerseelischen Hindernisse beiseite geräumt werden („negative Disposition“), so dass Gott die Gnade der Beschauung schenken kann, wenn und wann er will.

Er verband bewusst die aszetischen Wachstumsstufen des >>Liebesbündnisses mit dem Wachstum des höheren Gebetslebens. Der >>Blankovollmacht entspricht im geistlichen Leben die erworbene, der >>Inscriptio die eingegossene Beschauung. Die Wirkungen der Mystik sind zunächst innerseelische: die eingegossene Beschauung schenkt ein verzehrendes Licht, das bis in die letzte Wurzel frei machen will vom Hängen am Ich, um vollkommen williges Werkzeug (>>Werkzeugsfrömmigkeit) in der Hand Gottes zu werden; sie schenkt ein beseligendes Licht, ein erlebnismäßiges Innewerden Gottes und damit eine gewisse Vorwegnahme der endgültigen Anschauung Gottes (visio beata).

Die Definition Bonaventuras „cognitio Dei experimentalis“ deutete P. Kentenich als Gotteserlebnis bis in das unterbewusste Seelenleben. In diesem Sinn ist Mystik für ihn integraler Bestandteil einer welthaften Spiritualität: „Wenn wir diese cognitio dei experimentalis eingegossen bekämen vom lieben Gott, dann hätten wir ja die Antwort auf den Erlebnishunger des heutigen Menschen.“ (1966).

In Bezug auf außerordentliche mystische Phänomene – Begleiterscheinungen des Gotteserlebnisses – war P. Kentenich sehr kritisch und zurückhaltend, weil die Täuschungsmöglichkeiten zu groß sind (>>Erkenntnisquellen). Das gilt auch für unkritisches Lesen mystischer Schriften, vor allem aber für die normierende Kraft überirdischer Erscheinungen und ihrer Botschaften.

Das Anliegen, das P. Kentenich mit Mystik verbindet, berührt sich mit dem, was Karl Rahner fordert, wenn er sagt: „Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein“, und mit dem Zusammenhang zwischen dem Wachstum menschlicher Liebe (>>Liebespädagogik), christlichem Weltengagement und der Gottesbeziehung („Mystik und Politik“).


Literatur:

  • J. Kentenich, Seelenführerkurs über Mystik, 1927, masch., A 4, 34 S.
  • J. Kentenich, Wachstum im höheren Gebetsleben. Priestertagung vom 20. bis 22. 1. 1941 in Schönstatt, Vallendar 1977, 149 S. 1941
  • J. Kentenich, Marianische Werkzeugsfrömmigkeit (geschrieben 1944 in Dachau), Vallendar-Schönstatt 1974, 29 f.
  • J. Sudbrack, Mystik (Unterscheidung), Mainz Stuttgart 1988
  • P. Gordan (Hrsg.), Der Christ der Zukunft ein Mystiker (Salzburger Hochschulwochen 1991), Graz Wien Köln 1992.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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