Neuer Mensch

Neuer Mensch

Herta Schlosser

1. Zeitgeschichtlicher Kontext.
2. Das Neue am Neuen Menschen.
2.1. Idealgebunden
2.2. Ganzheitlich integriert
2.3. Geistbeseelt
2.4. Liebebeseelt
2.5. Welt verbunden
2.6. Geschichte gestaltend
2.7. Gott verbunden

1. Zeitgeschichtlicher Kontext.

Die Leitidee des Neuen Menschen gewann Pater Kentenich in der Auseinandersetzung mit Zeitströmungen. Er berührte damit das „Grundproblem der heutigen Zeit“ (AmBer 1948, 129). Dass der Neue Mensch ein Hauptanliegen der heutigen Menschheit ist, werde „mehr und mehr von allen geistigen Richtungen innerhalb und außerhalb der Kirche gesehen“ (OB 1948, 311). Eine besondere Gefahr sieht Pater Kentenich im Kollektivismus (vgl. LS 1952 I, 38) und spricht gelegentlich von der „Massenfabrikation des Einheitsmenschen“ (Br 20.5.1948, 397). Die Persönlichkeit ist der „Suggestion der Umgebung und Masse ausgeliefert“ (Br 20.5.1948, 367). Angesichts der Orientierungslosigkeit im Gewirr der Weltanschauungen und der vielfach erlebten Sinnlosigkeit im gegenwärtigen zeitgeschichtlichen Kontext ist unter anderem auf die Identitätsproblematik hinzuweisen.

Pater Kentenich sieht schon Anfang der 60er Jahre die Kirche in einer Diasporasituation (vgl. AutFr 1961, 31). Daher versteht er die Idee des Neuen Menschen gleichbedeutend mit Rettung und Neuformulierung des katholischen Menschenbildes (vgl. LS 1952 II, 209). Die Deutung und Bewältigung des Lebens aus dem Glauben bildet daher „einen wesentlichen Bestandteil des Neuen Menschen“ (Br 20.5.1948, 301).

2. Das Neue am Neuen Menschen.

Das Ideal des Neuen Menschen ist biblisch begründet (vgl. Eph 4,24; Kol 3,10). „Neu“ ist immer zu verstehen aus der Gegenüberstellung zu „alt“. Paulus verstand den Christen als neue Schöpfung im Gegensatz zum Nicht Christen (vgl. Gal 6,15). Das Ringen um den Neuen Menschen bleibt für die Christen Aufgabe durch die Jahrhunderte. Das Neue in diesem überzeitlichen Ideal des christlichen Humanismus ist eine vielgestaltige „Geistbeseeltheit und Idealgebundenheit“ (Schl 1951, 150).

2.1. Idealgebunden.

Pater Kentenich orientiert sich an diesem Idealbild. Das Ideal des Neuen Menschen war nach ihm wirksam von Anfang an (1912) „vornehmlich unter dem Titel wahrer Freiheit“ (Schl 1951, 186). Die Idee von der wahren >>Freiheit „wurde zur Kernfrage unserer Geistigkeit“ (Schl 1951, 187). Der Neue Mensch ist „die eigenständige, die beseelte, die entscheidungsfreudige und willige, die selbstverantwortliche und innerlich freie Persönlichkeit, die sich gleicherweise fernhält von starker Formversklavung und bindungsloser Willkür“ (PhErz 1961, 47). Der Neue Mensch nimmt sich in freier Entscheidung selbst an und setzt in einem Prozess der Freiheitsverwirklichung die Grundentscheidung durch. Er ist sich in Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung aufgegeben und gewinnt im Lebensvollzug seine ureigene konkrete Gestalt, das >>Persönliche Ideal. Das ist nach Pater Kentenich der idealgebundene Mensch.

2.2. Ganzheitlich integriert.

Der Neue Mensch ist der ganzheitliche Mensch, der aus der eigenen Mitte lebt und sein Leben gestaltet, die in sich stehende, integrierte Person. Unter Integration versteht Pater Kentenich im Hinblick auf das Subjekt (vgl. NM, 54 f.) die Entfaltung aller in der Menschennatur grundgelegten Fähigkeiten und Kräfte. Denn mit Recht wird der Mensch ein „Mikrokosmos“ genannt, in dem „alle Seins und Lebensstufen … eine Zusammenfassung finden“ (LS 1952 II, 211). Es ist ein Prozess, das spannungsreiche Verhältnis zwischen den Kräften und Funktionen der personalen Menschennatur zur Spannungseinheit zu verbinden. Dabei geht es nicht nur um Bewusstseinsgegebenheiten; auch die Frage nach dem Un und Unterbewusstsein ist eingeschlossen.

Da aber die menschliche Person zugleich in sich stehend und weltoffen, zuständlich und gegenständlich, (relativ) autonom und heteronom ist, meint Integrität nicht nur die in sich geschlossene Person, sondern im Hinblick auf das Objekt die im lebendigen Bezug mit der Welt verbundene Person. Die Entfaltung sozialer Beziehungen gehört wesentlich zum Neuen Menschen (>>neue Gemeinschaft) wie auch die Gestaltung der Natur (Problem der Ökologie) und die Mitgestaltung der Geschichte. Der Neue Mensch ist der Bundespartner Gottes, wobei die Dimension des Transzendenten als Ermöglichungsgrund der angestrebten Integrität der Person verstanden wird.

2.3. Geistbeseelt.

Geistbeseelt bedeutet, dass eine geistige Einstellung, eine „Vorentscheidung“ zu einer Grundhaltung wird, die alle zeitlich gestreuten Einzelhandlungen prägt. Es bedeutet ferner ein Zusammenwirken der naturgemäß oft divergierenden physisch psychisch geistigen Fähigkeiten (>>Seele).

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Gemüt, das Pater Kentenich als „Gleichklang des höheren und niederen Strebevermögens“ (LS 1952 II, 211) umschreibt. Umfassenderes versteht er unter dem Symbol des Herzens. Das Herz weist nach ihm „auf eine doppelte Tiefe hin: es ist für uns das Symbol des Gemütes“ (3GU 1944, 76) und umfasst das Un und Unterbewusstsein mit. Zum anderen darf das Herz „auch aufgefasst werden als Inbegriff und Kern der ganzen Persönlichkeit“ (3 GU 1944, 77). Als Personmitte beeinflusst das Herz Verstand und Wille und wird andererseits von diesen beeinflusst. Da das Herz nicht nur das Bewusstsein, sondern auch das Un und Unterbewusste mit umgreift, ist über das Herz die personale Tiefenseele zu erfassen, zu läutern, zu durchgeistigen und zu versittlichen. Bei diesem Integrationsprozess, in dem auch die personalen Tiefenschichten der Seele erfasst werden, kommt vor allem dem >>Erlebnis integrierende Funktion zu.

2.4. Liebebeseelt.

Der Neue Mensch ist auch der liebebeseelte Mensch. Der Lebensvollzug als Prozess der Selbstverwirklichung des Neuen Menschen ist nicht möglich ohne die Erfahrung der >>Liebe. Freiheit und Liebe bedingen einander; innerlich frei werden kann der Mensch nur in der Hinordnung auf ein menschliches, vor allem auf das göttliche Du. Nur in der liebenden Verbundenheit mit einem Du kommt der Mensch zu sich selbst. Indem er sich schenkt, erhält er sich bereichert zurück. Personale Liebe ist frei und bewirkt Freiheit.

Die so verstandene personale Liebe als Grundhaltung gewinnt wie die Freiheit und eng mit ihr verbunden Gestalt in einem Entwicklungsprozess, der sich von Ichhaftigkeit auf ichgelöste Du Bezogenheit verlagert. Denn erst das Erlebnis seines einmaligen Eigenseins und Eigenwertes in einer personalen gegenseitigen Liebe macht den Menschen fähig zur Hingabe an das Du.

2.5. Welt verbunden.

Der Neue Mensch hat ein ihm eigenes Verhältnis zur >>Welt, das sich abhebt sowohl von „Weltflucht“ als auch von „Weltsucht“. Der Mensch findet sich in der Welt vor, zeitlich und räumlich fixiert. Er gehört einer bestimmten historischen Epoche mit ihren politischen, wirtschaftlichen und soziologischen Gegebenheiten, kurz, einem bestimmten Kulturkreis an. Der Neue Mensch berücksichtigt den Eigenwert und die Selbstgesetzlichkeit der irdischen Wirklichkeiten. Er ist aufgerufen und verantwortlich, die Welt schöpferisch mitzugestalten, wie im einzelnen die „schöpferische und sich verschenkende Tätigkeit“ (WH 1937, 106) auch aussehen mag. Sein Tun ist der individuelle Beitrag zur Vollendung des Schöpfungswerkes. Nach Pater Kentenich hat jeder Mensch einen nur ihm zukommenden Auftrag innerhalb des Ganzen der Welt (Persönliches Ideal).

2.6. Geschichte gestaltend.

Der Neue Mensch versteht sich als Mitgestalter der >>Geschichte. Der Mensch ist nicht nur Naturwesen, sondern auch Geschichtswesen; auch in die jeweiligen historischen Gegebenheiten ist er hineingebunden und überragt sie zugleich prägend und gestaltend. Das Verhalten zur Geschichte ist zu verstehen als ein Handeln aus eigener freier Entscheidung im Brennpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft und von beiden bestimmt. So prägt der Neue Mensch als Glied einer Sozietät die Gegenwart und gestaltet den Lauf des Geschehens mit, das heißt, er ist geschichtsschöpferisch. Auf diese Weise ist der in der Tradition verwurzelte, im gegenwärtigen Geschehen handelnde Neue Mensch zukunftsoffen und daher im echten Sinn progressiv.

2.7. Gott verbunden.

Der Neue Mensch hat ein das ganze Leben prägendes Verhältnis zu Gott. Die Erfahrung des Endlichseins und des Ausgeliefertseins einerseits und das Suchen nach Sinn andererseits ist Grunderfahrung des Menschen. Der Mensch erlebt seine Ohnmacht und Ungeborgenheit vielgestaltig und in deren Folge Angst, die wie die Liebe als Urgegebenheit zum Menschen gehört. Pater Kentenich umschreibt den Menschen in „wenigen Strichen“ als ein „Grenzwesen“, als ein „Pendel oder ein Schwebewesen“, als ein „Sucherwesen“ und als ein „erhabenes Wesen“ (vgl. KvG 1937, 101; PhErz 1961, 61-65). Die Bewältigung dieser Extreme umfassenden Erfahrung in einer entsprechenden Dauerhaltung Gott gegenüber bezeichnet er als „dauernde Kindschaft“ (filiatio perpetua). Diese aber setzt Erfahrungen in der natürlichen Ordnung voraus (>>Praeambula fidei irrationabilia). In diesem Kontext ist die These Pater Kentenichs zu verstehen, dass die „Verlebendigung eines neuen Vaterbildes“ eine hervorragende Aufgabe der Zeit ist, nicht zuletzt für die Kirche der Zukunft. Er versteht die Grundhaltung der menschlichen Person Gott gegenüber als „empfangendes Hingegebensein“, das Demut und Liebe umschließt. Demut besagt ehrfürchtige Anerkennung der geschöpflichen Abhängigkeit, des alles Empfangenhabens, des Verursacht und Gesetzt seins in Sein und Wirken. Liebe ist die aus der bejahten Abhängigkeit resultierende Anhänglichkeit und vertrauende Selbsthingabe, die Geborgenheit zwar nicht zum Ziel, aber zur Folge hat und darüber hinaus die Erfahrung der eigenen Würde und Größe.

So erlebt sich der Mensch paradoxerweise zugleich klein und groß dem Absoluten gegenüber. Klein in seiner Abhängigkeit, groß in seiner Möglichkeit der freien Selbsthingabe. Diese Beziehung zwischen absoluter und menschlicher Person bezeichnet Pater Kentenich als ein Spiel, und zwar als ein „spannungsreiches Liebesspiel“ (Patrozentrische Frömmigkeit, 150). Pater Kentenich meint mit dieser Existenzweise nicht die Fixierung eines infantilen Habitus, sondern vielmehr die unerlässliche Voraussetzung ganzheitlicher Lebensbewältigung. In diesem Spiel erhalten nicht nur alle Ereignisse und Bezüge ihren Sinn, sondern sie nehmen den Menschen ständig aktiv und passiv mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten in Anspruch. Der Mensch wird immer mehr „spielfähig“ und ist in dieser so verstandenen Kindhaftigkeit (>>Kindlichkeit) in einem höheren Sinne „naiv“. Pater Kentenich spricht von der Genialität menschlicher Naivität.


Literatur:

  • M. A. Nailis, Werktagsheiligkeit. Ein Beitrag zur religiösen Formung des Alltags, Limburg 1937 (1964) – Vallendar-Schönstatt 1974
  • J. Kentenich, Kindsein vor Gott. Priesterexerzitien 1937, Vallendar-Schönstatt 1979
  • J. Kentenich, Dritte Gründungsurkunde, gehalten am 24.9., 18.10. und 8.12. 1944 in Dachau, in: Schönstatt Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, 65-87
  • J. Kentenich, Brief zum 20. Mai 1948, Auszüge in: Schlosser, Herta, Der neue Mensch – die neue Gesellschaftsordnung. Mit Originaltexten von Pater Josef Kentenich im zweiten Teil, Vallendar-Schönstatt 1971
  • J. Kentenich, Auf Dein Wort hin werfe ich die Netze aus. Amerikabericht (September 1948), in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen- und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1991, 91-158, 127 ff.
  • J. Kentenich, Brief zum 18. Oktober 1948. Oktoberbrief 1948, Auszüge in: Schlosser, Herta, Der neue Mensch – die neue Gesellschaftsordnung. Mit Originaltexten von Pater Josef Kentenich im zweiten Teil, Vallendar-Schönstatt 1971
  • J. Kentenich, Schlüssel zum Verständnis Schönstatts (September 1951), in: J. Kentenich, Texte zum Verständnis Schönstatts. Herausgegeben von Günther M. Boll, Vallendar-Schönstatt 1974, 148-228
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S. und II
  • J. Kentenich, What is my philosophy of education?, in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1991, 39-89
  • J. Kentenich, Autorität und Freiheit in schöpferischer Spannung (September 1961). Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1993, 7-142
  • Patrozentrische Frömmigkeit, Regnum 2 (1967) 150
  • Schlosser, Herta, Der neue Mensch – die neue Gesellschaftsordnung. Mit Originaltexten von Pater Josef Kentenich im zweiten Teil, Vallendar-Schönstatt 1971.
  • E. Frömbgen, Neuer Mensch in neuer Gemeinschaft, Vallendar Schönstatt 1973
  • H. Schlosser, Geistbeseelt – in Freiheit gebunden – liebebeseelt. Zur Konzeption des „neuen Menschen“, in: Regnum 5 (1970) 20-27
  • dies., Zeitgeist – Geist der Zeit. 30 Jahre Marxismusforschung. Problemzugänge – Problemerhellung. Antworten aus der Spiritualität Schönstatts, Vallendar 1995.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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