Psychologie der Zweitursachen

Psychologie der Zweitursachen

Paul Vautier

1. Positives Verhältnis zur Welt
2. Gesamtheit der geschaffenen Welt
3. Aspekte des pädagogischen Anliegens
3.1. Psychologisch fundierte Pädagogik
3.2. Vollendung der Urkräfte
3.3. Bezeichnung der Bindungslehre
3.4. Integration des Religiösen
4. Neudefinition der Stellung zur Welt

Psychologie der Zweitursachen“ (>>Zweitursachenlehre) ist eine zentrale Formulierung P. Kentenichs, um Ansatz und Spezifikum der schönstättischen >>Spiritualität und >>Pädagogik zu umschreiben.

1. Positives Verhältnis zur Welt

In Absetzung vom asketischen Weg der Weltabkehr und Weltverneinung betont P. Kentenich das positive Verhältnis zur >>Welt und die Wertschätzung irdischer Bindungen, nach dem Grundmodell: durch die Bindung zu den Geschöpfen zur Bindung an Gott. Die „Welt“, die „Zweitursachen“ werden also nicht primär als defizient, als böse oder als Versuchung, sondern als Weg, und die Bindung an sie als Vorstufe, Vorerlebnis und Einübung der Gottesliebe gesehen. Bindung an die Zweitursachen ist für ihn auch nicht etwas Vorläufiges oder ein bloßes Durchgangsstadium, sondern die eschatologische Vollendung wird als Integration von Bindung an die Zweitursachen und an Gott gesehen. Der >>“Bindungsorganismus“ ist mehr als ein pädagogisches Hilfsmittel, er wird zum Zielbild: im Himmel, in Gott wird dieser Bindungsorganismus vollendet.

Ein neues Verhältnis zur Welt zu definieren hat P. Kentenich als besonderes Anliegen des >>Zweiten Vatikanischen Konzils gesehen, besonders in der Konstitution „Gaudium et spes“. Darum liegt für ihn der pädagogische und spirituelle Ansatz Schönstatts ganz in der Linie, die das Konzil eingeschlagen hat.

2. Gesamtheit der geschaffenen Welt

„Zweitursachen“ meint in diesem Ausdruck die Gesamtheit der geschaffenen Welt, und zwar unter dem Aspekt, dass wir uns an sie binden. Jeder Mensch wächst auf seine Art und Weise in einen Bindungsorganismus hinein, d.h. Personen, Orte, Ideen (Weltanschauung, Werte), Arbeit (Beruf), Dinge usw. werden die „seinen“, es entstehen affektive Beziehungen, die wir dann im personalen Bereich mit Liebe im eigentlichen Sinn bezeichnen. Die Grundthese P. Kentenich ist es, dass wir durch eine richtige Bindung an alles Geschöpfliche zur Bindung zu Gott gelangen, und dass dies auch der normale Weg ist. Ganz besonders gemeint sind mit dem Ausdruck „Zweitursachen“ natürlich die Personen, denen nach der mittelalterlichen Philosophie die freie Zweitursächlichkeit in besonderer Weise zukommt. Sachlich sind wir damit beim Grundthema der >>Liebe, die P. Kentenich als „Weltgrundgesetz“ fasst, und in der Praxis bei den wichtigen Grundformen der Liebe und Liebeserfahrung: väterliche, mütterliche, kindliche Liebe bzw. Bindungen.

Auf der andern Seite fällt auf, dass P. Kentenich in den Bindungsorganismus auch bewusst nicht personale >>Bindungen integriert: Bindung an Ideen, Bindung an Orte, Bindung an die Arbeit, an die Güter. Ohne den Ausdruck „Zweitursachen“ zu nennen und ausgiebig psychologisch zu diskutieren, ist die >>“Werktagsheiligkeit“ (1937) mit ihren Grundthemen der >>“Gott-, >>Welt- (=>>Arbeits-, >>Ding-, >>Leid-) und Menschengebundenheit“ ein klassisches praktisches Lehrbuch der Psychologie der Zweitursachen.

3. Aspekte des pädagogischen Anliegens

Der Grundcharakter der Schönstattbewegung wird von P. Kentenich sonst pädagogisch angegeben (>>“Erzieher und Erziehungsbewegung“). Der Ausdruck „Psychologie“ der Zweitursachen will dem nicht widersprechen, sondern betont einige wichtige Aspekte dieses pädagogischen Anliegens:

3.1. Psychologisch fundierte Pädagogik

Seine Pädagogik ist eine psychologisch fundierte, d.h. es geht nicht um Rezepte, sondern um eine Pädagogik, die vom Wesen des Menschen, von seinen Grundkräften her bestimmt ist. Umgekehrt ist seine Psychologie keine bloß analytisch-feststellende, sondern will zur Bindung bzw. zur Heilung der Bindungen hinführen.

3.2. Vollendung der Urkräfte

In der Bindungslehre P. Kentenichs geht es betont darum, die Triebe und Urkräfte im Menschen aufzufangen und zur Vollendung zu führen. Das geschieht z.B. in der Lehre vom >>Persönlichen Ideal, in dem das Ziel erscheint, alles, was Gott im Individuum als „Grundzüge“ angelegt hat, ausreifen zu lassen, bzw. die „Hauptleidenschaften“ zu veredeln also eine positive Grundeinstellung zu den Grundkräften in Menschen. Zu den Urtrieben zählt P. Kentenich neben Freude und >>Liebe (die im Denken P. Kentenichs einen ähnlichen Stellenwert einnehmen wie „Libido“ im Entwurf Freuds) auch den Gottestrieb der Mensch hat nach P. Kentenich einen urtümlichen Trieb nach einer Beziehung zu Gott. Daher muss eine dem Menschen in seiner Ganzheit entsprechende Psychologie P. Kentenichs immer auch eine religiöse und theologische sein.

3.3. Bezeichnung der Bindungslehre

Psychologie der Zweitursachen“ als Namen der Bindungslehre P. Kentenichs hält aber auch fest, dass im Bindungsbereich das Gemüt, die Gefühle, die Vorerlebnisse und das Unbewusste (Terminus technicus bei P. Kentenich: „das unterbewusste Seelenleben“) eine große Rolle spielen. Ohne psychologische Wachheit ist daher eine Bindungspädagogik nicht möglich. P. Kentenich hat diese Dimensionen besonders in der Lehre der Vorerlebnisse und in der Lehre von der >>“Übertragung und Weiterleitung“ dargestellt und mit der Forderung der „Reinigung des unterbewussten Seelenlebens“ klar einen tiefenpsychologischen und therapeutischen Horizont markiert.

3.4. Integration des Religiösen

Als Hauptunterschied zu den tiefenpsychologischen Schulen unserer Zeit, besonders zu Freud, hat P. Kentenich die Integration des Religiösen bezeichnet. Die „Bindungsobjekte“ sind eben nicht einfach Endstationen, sondern „Zweitursachen“, die zur >>“Erstursache“ weiterleiten. Ist für viele psychologische Richtungen die religiöse Bindung per se neurotisch als Bindung an etwas, was gar nicht existiert, so ist das bei P. Kentenich umgekehrt. Eine atheistische Psychologie berücksichtigt nach ihm weder den „Gottestrieb“ noch die Realität der Übernatur und kann deswegen nie den Menschen zur Heilung bzw. Vollendung führen.

4. Neudefinition der Stellung zur Welt

Mit der Neudefinition der Stellung zur Welt, von der Weltverneinung zur Weltbejahung, wird aber bei P. Kentenich nicht einfach eine Extremposition eingenommen, so dass die klassischen Themen der >>Aszese, der Verzicht, die Lösung von sich und der Bindung an die „Welt“ nicht mehr existierten. Eine pessimistische, extrem reformatorische totale Verderbtheit der Welt, die konsequenterweise zum Verzicht auf die Bindung an die Zweitursachen und zum Supranaturalismus führt, wird abgelehnt. Der Glaube an das Gute im Menschen und die positive Bedeutung der Welt bleibt. Nach der Erbsündenlehre ist der Mensch aber „vulneratus in naturalibus“, d.h. in seinen natürlichen Kräften verwundet, die irdischen Bindungen sind oft ambivalent, die Liebe ist oft egoistisch. Pädagogisch besteht daher die Aufgabe, zum richtigen Verhältnis zu den Zweitursachen hinzuführen, das auch das Moment der Reinigung, des Verzichtes, der Lösung vom Infantilen und Egoistischen in sich schließt (>>Blankovollmacht, >>Inscriptio). P. Kentenich hat für diesen Aspekt der Bindung, die die oft schmerzliche und schwer zu erreichende „Entbindung“ in sich schließt, den Ausdruck „heroische Bindung“ geprägt. Weil P. Kentenich aus seiner psychologischen Sicht auch die „Reinigung des Unbewussten“, der Tiefenschichten der Seele im Auge hat, und solche therapeutischen Prozesse ja meistens nicht leicht vonstatten gehen, bezeichnet dieser Ausdruck die Tiefe und den Ernst der pädagogischen und aszetischen Arbeit. Viele klassische Themen der Aszese, die sehr negativ klingen, wie Indifferenz, Ent Ichung, Verzicht, kehren bei P. Kentenich wieder. Aber sie sind bei ihm Teilaspekte einer Sicht menschlichen Lebens, das Liebe und Bindung an die „Zweitursachen“ grundsätzlich positiv und als Weg zu Gott wertet.


Literatur:

  • Causa Secunda. Textbuch zur Zweitursachenlehre bei P. Josef Kentenich, hrsg. vom Josef-Kentenich-Institut, Freiburg i.Br. 1979
  • J. Kentenich, Desiderio desideravi. Milwaukee-Terziat (1962-1963), verv., A 5, elf Bände II, 39-49
  • J. Kentenich, Rom-Vorträge. Vorträge für die Leitungen der Schönstätter Verbände in Rom (17. November 1965 – 2. Februar 1966), verv., A 5, vier Bände, 237+321+283+308 S. 1965 III, 128
  • J. Kentenich, Erster Vortrag vor Priestern in der Marienau (29. Dezember 1965), in: Propheta locutus est. Vorträge und Ansprachen von Pater J. Kentenich aus seinen drei letzten Lebensjahren II, Berg Sion o.J., 165-195, 179
  • J. Kentenich, Zweiter Vortrag vor Priestern in der Marienau (30. Dezember 1965), in: Propheta locutus est. Vorträge und Ansprachen von Pater J. Kentenich aus seinen drei letzten Lebensjahren II, Berg Sion o.J., 207-243, 216-222
  • Vortr 6./7.6.1966, 187-200. 217-242
  • H. Czarkowski, Psychologie als Organismuslehre, Vallendar-Schönstatt 1973, 179 ff.
  • H. King, Ein neues Gottesbild für eine neue Kultur. Zur Bedeutung der Zweitursachen, Regnum 25 (1991), 59-71
  • P. Vautier, Maria die Erzieherin, Vallendar-Schönstatt 1981, 191 f. 236 ff. 282 298
  • Paul Vautier

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

Back

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen