Psychologie

Psychologie

M. Erika Frömbgen

1. Forschungsansatz und Forschungsbreite
1.1. Forschungsansatz
1.2. Forschungsradius
2. Vergleichsaspekte
3. Forschungsstand

Psychologie, bezogen auf Schönstatt, erklärt sich von dem her, was P. Kentenich unter der Prämisse „>>Seele als >>Erkenntnisquelle“ theoretisch und praktisch durch sein Lehren und Handeln konzeptionell entwickelt und in seine Gründung integriert hat. Der größere Teil seiner psychologischen Erkenntnisse hat Eingang gefunden in die verschiedenen aszetischen und spirituellen Themen und Handlungsanweisungen, so dass sie als solche noch der sorgfältigen Präzisierung und Präsentation im Detail bedürfen.

1. Forschungsansatz und Forschungsbreite

1.1. Forschungsansatz

Als Ausgangsbasis für sein originelles psychologisches Denken und Handeln nennt P. Kentenich selbst ein Problembewusstsein, das er durch die reflexive Verarbeitung seiner persönlichen, tief greifenden Jugendkrise gewonnen hat.

Mit Antritt seines priesterlichen Dienstes (1910), konkret: mit Beginn seiner pädagogischen Aufgaben und der dadurch geforderten Hinwendung zum Menschen, gilt diese Krise in ihrer Persönlichkeitsbedrohung als überwunden. Sie bleibt aber für das ganze weitere Leben und Wirken, insbesondere für den psychologischen Erkenntnisweg, als Basiserfahrung und Reflexionshintergrund gegenwärtig.

Bei der Übernahme der Verantwortung als Spiritual für die Jugend des Studienheimes (1912) wird bereits die für P. Kentenich kennzeichnende Einheit von psychologischem Erkennen und pädagogischem Handeln deutlich, und zwar in dem direkten Anspruch: „Der Grad unseres Fortschrittes in den Wissenschaften muss der Grad unserer inneren Vertiefung, unseres seelischen Wachstums sein. Sonst entsteht in unserem Innern eine gewaltige Leere, eine gewaltige Kluft, die uns tief unglücklich macht.“ Zudem werden Selbsterkenntnis und >>Selbsterziehung nicht nur mit Blick auf die eigene Selbstverwirklichung gesehen, sondern als „Imperativ der Religion, der Jugend und der Zeit“ verstanden. Die hier angesprochenen Aspekte bildeten die Forschungs und Handlungsschwerpunkte in der Psychologie von P. Kentenich: die Persönlichkeit in ihrer Individualität und in ihrem Verhältnis zum sozialen und kulturellen Umfeld, die Religion als transzendente personale Beziehung wie auch die subjektive Beziehung zur Zeit als Vergangenheit durch Geschichte und Tradition, als Gegenwart mit ihren aktuellen Lebensimpulsen und Herausforderungen und als Zukunft durch personale und soziale Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen.

1.2. Forschungsradius

Die Entfaltung des ersten Programms: „Wir wollen lernen, uns unter dem Schutze Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien, priesterlichen Charakteren“, geschieht sowohl in der jugendgemäßen Darbietung von Vorträgen zur „Seelenkunde“, in der nachbereitenden Gruppenarbeit mit hoher Selbstbeteiligung der Jugendlichen als auch in der >>geistlichen Begleitung des einzelnen. Diese drei didaktisch methodischen Sozialformen Wissensvermittlung durch Vortrag, Selbsttätigkeit durch Gruppenarbeit und Einzelbetreuung bestimmten zeitlebens den auf Dialog angelegten Forschungsradius bei P. Kentenich. Indem er sich denen mitteilte, die sich in sein Denken und Handeln einbeziehen ließen, dokumentierte er selbst fortgesetzt seinen psychologischen Erkenntnisprozess. Dieser erweiterte sich nach 1919 über die geschlechtsspezifischen Grenzen der männlichen Jugend in alle Alters , Berufs und Standesgruppen (vgl. die Seelenführerkurse und Pädagogischen Tagungen der 20er und 30er Jahre). Durch die Begleitung einzelner über die Distanz von Langzeitstudien und durch die wachsenden Kontakte über den deutschen Kulturraum hinaus ergaben sich zusätzlich psychologisch bedeutsame Erfahrungs und Vergleichsmöglichkeiten.

2. Vergleichsaspekte

Im Rückblick auf das Leben und Wirken P. Kentenichs lassen sich Phasen intensiver Selbst und Fremderfahrung unterscheiden, die nach eigener Aussage in der methodischen Verknüpfung von „Beobachten, Vergleichen, Straffen, Anwenden“ zu „eigenständigen Ergebnissen“ führten (>>Methode). Auf Wahrung und Betonung dieser Eigenständigkeit hat P. Kentenich vor allem dort größtes Gewicht gelegt, wo ihm unberechtigter Weise „Psychologismus“ in seinem pastoralen Wirken vorgeworfen wurde. Das schließt nicht aus, dass er in Erweiterung seiner philosophisch-theologischen Studien um die jeweils aktuell diskutierten Erkenntnisse und Ergebnisse der seit der Jahrhundertwende sich etablierenden Schulpsychologie wusste und kongruente Erfahrungen und Erkenntnisse selektiv in seine psychologische Terminologie und den theoretischen Ausbau seiner Psychologie integrierte, ohne die eigenen Erkenntnisse auf den jeweiligen Autor zurückzuführen. So ergeben sich z.B. Vergleichsaspekte zur geisteswissenschaftlichen und verstehenden Psychologie und deren Exponenten wie Wilhelm Dilthey, Karl Jaspers und Eduard Spranger, konkret zur Jugendpsychologie und zu den Lebensformen bei Spranger, zur Psychologie der Geschlechter bei Philipp Lersch, zur Individuationstheorie bei C.G. Jung, später exponiert durch Josef Goldbrunner.

In seinem organismusbetonten Verständnis von der psychophysischen Ganzheit der Persönlichkeit und ihrer charakterlichen Strukturbedingtheit stand er der Strukturpsychologie und den sich daraus zeitgleich entwickelnden Persönlichkeitstheorien nahe, wie sie u. a. Philipp Lersch, August Vetter und Albert Wellek wissenschaftlich exponiert haben. Überdies gibt es zahlreiche Einzelerkenntnisse, die P. Kentenich im Sinne von psychologischen Gesetzmäßigkeiten im personalen und sozialen Lebensvollzug erkannte und als solche fixierte, z.B. das Gesetz der >>Übertragung und Weiterleitung, das Gesetz des >>ungelebten Lebens, das Gesetz der Lebensübertragung, das Gesetz der ausgezeichneten Fälle, das Gesetz des Gegensatzes sowie Gesetze der Gruppendynamik in der Wirkweise von Elite und Masse, von Autorität und Freiheit wie auch psychogenetische und pathologische Gesetzmäßigkeiten bezüglich des Angst und Zwangssyndroms und bei Minderwertigkeits und Kompensationskomplexen. Sofern er sich in seiner Erkenntnis zeitgleich oder später durch wissenschaftliche Diskussionsbeiträge bestätigt fand, sah er keine Veranlassung, diese auf einen Fremdautor zu übertragen. Wortprägungen, die er für einen konkreten Erfahrungsinhalt einmal gewählt oder selbst geprägt hatte, behielt er in der Regel bei, auch wenn sie sich in der allgemeinen Schulpsychologie anders entwickelten. Eigenheiten, die bei der Bearbeitung seines Nachlasses gelegentlich mit Befremden wahrgenommen werden.

Als besonders bedeutsam erkannte er neben der Entfaltung einer ausgeprägten Bewusstseinspsychologie die möglichst volle Berücksichtigung des un und unterbewussten Seelenlebens und die psychologisch bedeutsamen Voraussetzungen für den religiösen Lebens- und Glaubensvollzug (vgl. >>Seele, >>Tiefenpsychologie, >>Psychologie der Zweitursachen, >>praeambula fidei).

Bei der Beschreibung von anthropologisch bedeutsamen Vorgängen und Zusammenhänge wählte P. Kentenich in der Regel den theologischen, philosophischen und psychologischen perspektivisch orientierten Dreischritt. Je nach Veranstaltungstyp wechseln dabei die genannten Akzentsetzungen: In den Exerzitien geht es eher um die religiösen Lebensvorgänge in psychologischer Beleuchtung; bei pädagogischen Tagungen wird die psychologische Dimension entsprechend breiter angelegt und entfaltet. Insgesamt wurde im Angebot J. Kentenichs die anthropologische Gesamtschau stetig erweitert und ergänzt und zugleich die grundsätzliche theologisch philosophische Rückbindung gewahrt (vgl. APL 1928, Seelenführerkurse, Pädagogische Tagungen). Das schöpferische Angebot P. Kentenichs liegt daher primär in der Entwicklung psychologischer Erkenntnisse und Ergebnisse, wie er selbst beschreibt: „Der Psychologe in mir sog mit seinem außergewöhnlich starken und viel verzweigten Einfühlungsvermögen sorgfältigst und getreulichst alle Regungen und Wünsche im Gegenüber die bewusst gewordenen und die unbewusst gebliebenen, die guten und die schlechten in sich auf, mochte es sich dabei um die individuelle oder um die Gemeinschaftsseele handeln… Für den entgegen gesetzten Pol der seelischen Ferne sorgte der Philosoph in mir in Gestalt des Metaphysikers mit seiner von Gott geschenkten, hochgradigen und unzerreißbaren religiösen Verwurzelung und Verankerung im Jenseitigen, im Absoluten, im Ewigen, im Unendlichen: im dreifaltigen Gott. Die so erzeugte, dauernd wirksame, polare Spannung zwischen seelischer Nähe und Ferne fand eine Einigung in einer zuchtvoll warmen, alles überwindenden Gottes- und Nächstenliebe. Nahm der Psychologe in mir die Zeitideen in letzter Verankerung reinrassig in sich auf, um sie zu klären und sie zu verarbeiten, so ordnete der Metaphysiker beides: Regungen und Ideen. Er straffte beide zurück auf letzte Prinzipien…“ (1960). Über diesen Weg entwickelte sich das „aszetische und pädagogische System“ Schönstatts (vgl. 2GU 1939, WH 1937, MWF 1944, LS 1952 I-II).

Die Beschreibung der psychologischen Erkenntnisse erfolgt in der Art, wie sie vergleichsweise in der akademischen Psychologie seiner Zeit üblich war: die der Entwicklung von Individuum und Gemeinschaft in Phasen und Prozessen, die der Persönlichkeit vorzugsweise in typologischen Merkmalen, Symptome und Krisen, möglichst expliziert an Fallbeispielen. Zentrale Themen, die auch auf ihren psychologischen Gehalt hin behandelt werden, sind bei P. Kentenich u. a. Religionspsychologie, Bindungspsychologie, Psychologie der Marienverehrung, Psychologie der Kindlichkeit, psychologische Sicht des Persönlichen Ideals.

3. Forschungsstand

Da sich Forschung und Lehre bei P. Kentenich außerhalb der akademischen Psychologie vollzog, wurden seine Erkenntnisse und Ergebnisse nur vereinzelt, seit den 70er Jahren primär durch Dissertationen oder Diplomarbeiten in den aktuellen wissenschaftlichen Diskussions und Reflexionsradius einbezogen (vgl. u. a. M. Erika Frömbgen, Lothar Penners, Paul Vautier). Ein Vergleich mit der zeitgleich im deutschsprachigen Raum entwickelten Schulpsychologie liegt noch nicht vor. Als erste Positionsbeschreibung ist die von H.M. Czarkowski (1973) unter dem Titel „Psychologie als Organismuslehre“ zu nennen, in der primär die psychologischen Aspekte der pädagogischen Konzeption Schönstatts und der tiefenpsychologische Ansatz von P. Kentenich zur Sprache kommen. Ferner brachte J.W. Revers (1985) eine ergänzende Positionsbeschreibung in das interdisziplinäre Symposium 1985 ein: „Prinzipien einer neuen Psychologie bei P. Kentenich im Vergleich zu problemgeschichtlichen Tendenzen der Psychologie und Psychotherapie“. Hier wird das „Neue“ in der Psychologie von P. Kentenich zur bisherigen Schulpsychologie in Beziehung gesetzt, zudem eine weitgehende Übereinstimmung in Intention und Erkenntnis mit der an „der Wirklichkeit des menschlichen Lebens orientierten Psychologie“ festgestellt, die er „für die positivistische Laboratoriumspsychologie“ verneint. Herbert King präsentiert im Band 8 der Schönstatt Studien ein Kentenich-Lesebuch, in dem die Bündnisspiritualität Schönstatts möglichst ganzheitlich zur Darstellung kommt, nicht zuletzt ihre psychologisch bedeutsamen Aspekte. Das konsequent durchgehaltene, anthropologische Grundverständnis und Grundanliegen in der verstehenden und angewandten Psychologie von P. Kentenich muss als Pionierdienst im Rahmen des derzeit aktuellen Paradigmenwechsels vom „Apparatemodell“ zum „Organismusmodell“ gewertet werden. Insofern hat die Psychologie Schönstatts dort ihren genuinen Platz, wo „Konzepte der Humanwissenschaften“ unter dem Aspekt „Veränderungen in der Behandlung von Menschen durch Menschen“ beschrieben und begründet werden.


Literatur:


Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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