Selbsterziehung

Selbsterziehung

Erika Frömbgen

Seine erste Gründungsinitiative verbindet P. Kentenich mit dem Imperativ zur Selbsterziehung und will diesen fortgesetzt als substanziellen und existentiellen Gründungsanteil verstanden wissen. Der in der „Vorgründungsurkunde“ formulierte Appell – „Wir wollen lernen, uns unter dem Schutze Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien, priesterlichen Charakteren“ – behielt in Anpassung an jeden Lebensstand und jede neue Generation seine Gültigkeit und prägt seither das Selbstverständnis Schönstatts im Sinn einer >>Erzieher- und Erziehungsbewegung. Die mündige Mitverantwortung für die eigene Charakterbildung, die P. Kentenich bereits 1912 als „Imperativ der Religion“, „Imperativ der Jugend“ und als „Imperativ der Zeit“ erklärte, ist in dieser dreifachen Herausforderung für Schönstatt aktuell geblieben. Personales Entscheiden und Handeln soll sich an den Idealen der christlichen Persönlichkeitsbildung so ausrichten, dass der Impuls zur Selbsterziehung in jeder Lebensphase fortschreitend erhalten bleibt (>>Persönliches Ideal, >>Idealpädagogik).

P. Kentenich stellt diesen Anspruch in Vergleich zu einem Wissen und Können, das vor allem auf „Naturbeherrschung“ ausgerichtet ist. Dieser „Außenkultur“ stellt er programmatisch die „Innenkultur“ im Dienste der Selbsterkenntnis und Selbsterziehung gegenüber: „Der Grad unseres Fortschritts in den Wissenschaften muss der Grad unserer inneren Vertiefung, unseres seelischen Wachstums sein. Sonst entsteht auch in unserem Innern eine gewaltige Leere, eine gewaltige Kluft, die uns tief unglücklich macht. Darum Selbsterziehung!“ (VGU 1912, 16 f.). Das korrespondierende Verhältnis zwischen Selbsterkenntnis und Selbsterziehung erschloss P. Kentenich den Zugang zu einer originellen und vieldimensionalen >>Psychologie, die er als Erbe seiner Gründung im Dienste der Selbsterziehung überantwortet hat. Diesem Dienst ist auch jede Art von Seelenführung und >>geistlicher Begleitung verpflichtet, da Selbsterziehung im Sinn Schönstatts immer auf selbst und mitverantwortliche Persönlichkeitsentfaltung ausgerichtet ist.

Die auf dieser Grundlage erkennbare „Selbsterfahrung“ hilft, den organischen >>Wachstumsgesetzen und damit dem eigenen Lebensrhythmus zu folgen; Erkenntnisse, die heute unter dem entwicklungspsychologischen Anspruch der „Identitätsarbeit“ (Faltermaier u. a. 1992) mit dem Ziel einer stabilen Ich Integrität (Erikson 1988) zur Sprache kommen. Welche Bedeutung hierbei der gesunden Entfaltung des personalen Selbstwertgefühls bis hin zu einem Krisen überdauernden Selbstwertbewusstsein zukommt, wird heute in den Schulen der Humanistischen Psychologie für Erziehung und Therapie thematisiert.

P. Kentenich folgerte und forderte sie generell als Ziel der Selbsterziehung mit Blick auf die persönlichkeitszersetzenden Einflüsse der modernen „Massengesellschaft“ und ganz ausdrücklich nach seinen diesbezüglichen KZ Erfahrungen in Dachau.


Literatur:

  • J. Kentenich, Vorgründungsurkunde vom 27.10.1912, in: Schönstatt Die Gründungsurkunden, Vallendar-Schönstatt 1967, 9-20
  • Kastner, Ferdinand, Unter dem Schutze Mariens. Untersuchungen und Dokumente aus der Frühzeit Schönstatts 1912-1914, Limburg 1939 (1952)
  • J. Kentenich, Zur sozialen Frage. Industriepädagogische Tagung. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1990, S. 21-317, 37-45
  • J. Kentenich, Brasilienterziat. Terziat in Santa Maria / Brasilien (16.2.-5.3.1952), verv. A 5, 244+240+258 S. III, 47 ff.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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