Spannungsprinzip

Spannungsprinzip

Herta Schlosser

Das Spannungsprinzip sieht Pater Kentenich überwiegend als soziologisches Prinzip an. Im Dialog mit der modernen Konflikttheorie sind Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen Konfliktprinzip und Spannungsprinzip, wie es Pater Kentenich versteht, von einer weiterführenden Forschung herauszuarbeiten. Soziale Konflikte – so Dahrendorf – sind „eine hervorragende schöpferische Kraft von Gesellschaften“ (Dahrendorf, 272). Ein Teil dieser Thesen steht „methodologisch an der Grenze zwischen soziologischer Theorie und philosophischer Theorie der Gesellschaft“ (Dahrendorf, 275). Bei Pater Kentenich kommt die theologische Perspektive hinzu. Danach sind Spannungen in zwischenmenschlichen Beziehungen selbstverständlich. Um die Mitarbeit der freien menschlichen Person als Teilhabe an der schöpferischen Tätigkeit Gottes zu wecken und zu erleichtern, hat Gott das Spannungsprinzip, das nach Pater Kentenich gleichbedeutend ist mit Polaritätsprinzip, „in Individuum und Gemeinschaft unverlierbar hinein geschaffen“ (AutFr 1961, 9). Darum versucht Kentenich, zwischenmenschliche Spannungen nicht zu vermeiden, sondern sie pädagogisch und soziologisch fruchtbar zu machen. Beispiele dafür sind Spannungen zwischen den Geschlechtern und Generationen, zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Elite und Masse. So sieht und fördert er Spannungen zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Form und Geist, zwischen Struktur und Strömung.

>>Geistpflege und Spannungsgesetz halten nach Pater Kentenich die ganze Schönstattbewegung „organisatorisch und lebensmäßig tragfähig“ (LS 1952 I, 44). Der richtige Umgang mit Spannungen mit dem Ziel, Spannungseinheit zu erreichen, ist ein „Strukturprinzip der ganzen Bewegung“ (RGl 1957, in: NM, 314; vgl. KLK, 82). Spannungen dürfen zwar „ein bestimmtes Maß nicht überschreiten, sonst werden sie zu verheerenden und zerstörenden Großmächten, denen niemand widerstehen kann“ (RGl 1957, in: NM, 314). Aber schöpferisch ausgewertete Spannungen bewirken Dynamik. Das Spannungsverhältnis „entspricht der Struktur der Gesamtfamilie, ist überall bewusst als Regulativ und immanente Triebkraft eingebaut“ (OW 1967, 174), es bewahrt vor Selbstgenügsamkeit „und ist fähig, einen edlen Wettstreit zu entfalten und in der Schwebe zu halten“ (OW 1967, 175).

>Gesellschaftsordnung.


Literatur:

  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S., 44
  • J. Kentenich, Randglossen zu den neuesten Vorgängen fürs Archiv (25. Februar – September 1957), masch., A 4, 624 S.
  • J. Kentenich, Autorität und Freiheit in schöpferischer Spannung (September 1961). Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1993, 7-142
  • J. Kentenich, Ansprache an Bundespriester in Haus Regina (12. April 1966), in: Propheta locutus est. Vorträge und Ansprachen von Pater J. Kentenich aus seinen drei letzten Lebensjahren VII, Berg Sion 1990, S. 5-38, 15 ff.
  • J. Kentenich, Oktoberwoche 1967. Vorträge vom 14. bis 18.10.1967 an die Delegierten der internationalen Schönstattfamilie, verv.O, A 5, 223 S..
  • R. Dahrendorf, Pfade aus Utopia, München 31974.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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