Theologie

Theologie

Lothar Penners

1. J. Kentenich rezipiert auf selbstverständliche Weise die Theologie, die er vorfindet

2. J. Kentenich ist nicht nur Rezipient und Glaubenspädagoge vorhandener Theologie, sondern vollzieht das lebendige Wahrheitsgeschehen der Kirche mit

3. Zum „theologischen“ Profil J. Kentenichs gehört aber vor allem, dass die Spiritualität und (Glaubens-) Pädagogik Schönstatts nicht nur auf theologischem Verständnis basiert, sondern die katholische Glaubenswelt auf originelle Weise strukturiert

Josef Kentenich hat ein reflexiv geklärtes Verhältnis zur Theologie, die für ihn den Charakter einer Grundwissenschaft (>>Psychologie, Philosophie) hat für jede auf ihr aufbauende Spiritualität und Pädagogik. Er selbst weiß sich in der Funktion des „Verbindungsoffiziers“ zwischen Wissenschaft und Leben, was an seinem Verhältnis zur Theologie exemplarisch erhoben werden kann. Seine Verwiesenheit auf die Theologie als Glaubenswissenschaft erweist sich als mehrschichtig und scheint auf in unterschiedlichen Perspektiven:

1. J. Kentenich rezipiert auf selbstverständliche Weise die Theologie, die er vorfindet – Die katholische Glaubenswelt ist der Ort, an dem sich die Wahrheit der Offenbarung für ihn und sein Wirken gibt. In seiner Erziehung und Pastoral geht es ihm um die Umsetzung der kirchlich bindenden Glaubenslehre, nicht um theologische Spezialauffassungen, auch nicht mariologischer Art. Seine dezidierte Grundrichtung: (Die Bewegung)… „lehrt und verlangt (beispielsweise) nicht die allgemeine Gnadenvermittlung (Mariens).- Sie schätzt und schützt darin wie in allen ähnlichen Dingen die Freiheit ihrer Mitglieder wie die Kirche selbst. Sie kann das um so mehr tun, weil sie ihrem Wesen nach primär keine dogmatische, biblische oder liturgische Bewegung ist. Das will nicht heißen, sie wäre nicht stark dogmatisch, biblisch oder liturgisch eingestellt. Im Gegenteil. Das wird vielfach als ihre besondere Stärke angesehen. Und doch darf nicht übersehen werden, dass sie primär als Erzieher- und Erziehungsbewegung angesprochen werden will und darum vor allem dasteht als eine auf das Leben angewandte Dogmatik, Bibel und Liturgie. Aus demselben Grunde kann sie auch nicht als psychologische Bewegung betrachtet werden. Wohl ist sie wiederum in hervorragender Weise eine auf das Leben angewandte Psychologie.“ (TxtSchö, 43).

Die hier deutlich werdende Grundtendenz integriert u. a. folgende Einzelmomente:

1.1. J. Kentenich betrachtet sich auf weite Strecken nicht als theologischen Fachwissenschaftler. Er spricht sowohl von „Gottesgelehrten“ wie „Geistesmännern“, d.h. Theologen wie Meistern des geistlichen Lebens, als gehöre er nicht dazu. Sein genuines Charisma scheint anders gelagert: es ist die erzieherische Umsetzung („Anwendung“) und die apostolische Inspiration.

1.2. Für solcherart „Anwendung“ (>>Methode) betont er, es gehe um die gesamte „Dogmatik“, dies offensichtlich nicht im Sinne von materieller Vollständigkeit eines einzelnen Faches und seiner Fragestellungen, sondern der Gesamtheit der lebensmäßig wichtigen Glaubenswahrheiten, die in ihrem Zusammenhang aufleuchten müssen, um in der Vermittlung zum religiösen >>Erlebnis zu werden. Er zielt auf die organische Synthese der Glaubenswahrheiten. Diese kennt für J. Kentenich eine Strukturierung in zentrale Wahrheiten und Glaubensgeheimnisse, die sich aus diesen ergeben, sie „ausdrücken“ und „schützen“, im ganzen: vermitteln. Vgl. etwa das trinitarische Zentrum von >>Gotteskindschaft, >>Christusgliedschaft, Heilig-Geist-Erfülltheit und der „Wertwelt“ des Marianischen. Dieser Zusammenhang scheint auf vor allem im Gottes-, Christus-, Marien-, Kirchen- und Menschenbild.

1.3. Der Rekurs J. Kentenichs auf Theologie kennt des weiteren einen universalistischen Grundzug: er vermeidet die Festlegung auf bestimmte Schulen. Entscheidend ist für ihn das dynamisch sich entwickelnde Glaubensbewusstsein der Kirche, deren Quellen (Schrift, Tradition) und authentische Auslegung in den anerkannten „Lehrern“ (ratio theologica) und im ordentlichen Lehramt der Kirche (Konzilien, Papst und Bischöfe). Gleichwohl würdigt er die lehr- und lebensmäßigen Akzente unterschiedlicher Gewichtungen (etwa augustinischen oder thomasischen Denkens) oder die Fruchtbarkeit verschiedener Schwerpunktbildungen im Kraftfeld von Theologie und Spiritualität (vgl. etwa seine Bezugnahme auf die verschiedenen „Ordensphilosophien“ benediktinischen, dominikanischen, franziskanischen oder jesuitischen Denkens im Bereich der Theologie und des geistlichen Lebens), die er zur organischen Synthese bringen will.

1.4. Die Mitte des existentiellen wie essentiellen theologischen Interesses bei J. Kentenich ist der Vorgang der Offenbarung selbst als Lebens- und Wahrheitsmitteilung des lebendigen Gottes, dem der Mensch nur in ehrfürchtigem Vernehmen, hochgradigem Glaubensgeist und willigem Gehorsam nahekommen kann (potentia oboedientialis; Maria). Nur in einer letztlich geistgewirkten Konnaturalität mit dem Göttlichen (namentlich auf Grund der Gaben des Heiligen Geistes) kommt für ihn Theologie zur vollen Verwirklichung ihrer Bestimmung: Gott und seinem Wirken nachzutasten – in der Verbindung von Wissenschaft und Weisheit. Es ist für ihn selbstverständlich, dass die Glaubenserkenntnis als solche nicht an die wissenschaftliche Reflexion gebunden ist: sie findet sich gerade auch im Glaubenssinn des so genannten einfachen Gläubigen.

1.5. Das theologische Interesse J. Kentenichs ist nicht zu trennen von seinem originellen Sendungsauftrag, insbesondere seiner marianischen Sendung. Die theologischen Implikationen seiner Sendung hat er deutlich wahrgenommen. Dies führt in eine weitere „Schicht“ theologischer Fundamentierung seiner Bestrebungen:

2. J. Kentenich ist nicht nur Rezipient und Glaubenspädagoge vorhandener Theologie, sondern vollzieht das lebendige Wahrheitsgeschehen der Kirche mit – Die Sendungsstruktur J. Kentenichs hat einen ausgeprägt zukunftsgerichteten Charakter. Dies schärfte seinen Blick für Entwicklungstendenzen sowohl im kulturellen wie kirchlich-theologischen Bereich. Für sein Selbstverständnis wurzelt „Schönstatt“ in „tieferen Schichten des Corpus Christi mysticum“ (als dem seiner Entstehungszeit), weswegen er auch seine grundlegende Sicht etwa im Marien-, Kirchen- und Menschenbild nicht ohne weiteres für kompatibel hält mit dem jeweiligen zeitgenössischen Verständnis. Wie sein Beitrag etwa in den genannten Bereichen ausweist, war es ihm in einem hohen Maße gegeben, das kirchliche Glaubensbewusstsein in seinen aktuellen Entwicklungstendenzen zu fassen und ihm – vor allem in seiner Gründung – zu einer originellen Gestaltwerdung zu verhelfen. Das Mitdenken J. Kentenichs in offenen Fragen sowohl religiöser Lebensaufbrüche wie theologischer Orientierung gehört zu seinem unverwechselbaren Profil, gründend vor allem in seinem geschichtlichen Witterungssinn und metaphysischen Durchblick.

3. Zum „theologischen“ Profil J. Kentenichs gehört aber vor allem, dass die Spiritualität und (Glaubens-) Pädagogik Schönstatts nicht nur auf theologischem Verständnis basiert, sondern die katholische Glaubenswelt auf originelle Weise strukturiert – Die Spiritualität J. Kentenichs gehört zu denjenigen, welche die Theologie „nicht neben sich, sondern in sich haben“ (v. Balthasar). Diese, der Geistigkeit Schönstatts innewohnende Theologie ist im Vollsinn von seiner geistlichen Familie noch zu erarbeiten und wird ihre Kräfte und Zeit brauchen.- Einige Konturen und deren Berührungspunkte mit dem Um- und Neubau der Theologie in diesem Jahrhundert liegen so deutlich zutage, dass sie bereits genannt werden können. Sie ergeben sich aus inhaltlichen Schwerpunkten, mitunter sogar ausdrücklichen Direktiven J. Kentenichs oder aus seiner theologischen Grundmentalität.

3.1. Eine „schönstättische Theologie“ wird keine „Richtung“ im einengenden Sinne sein dürfen und wollen. In aller Eigenprofilierung wird sie so weit sein müssen, dass sie dem Universalimus Schönstatts als kirchlicher Lebensbewegung und einer Typenvielfalt dienen kann. Sie wird sich, analog der von J. Kentenich skizzierten „Ordensphilosophien“, um eine Modalität des Christlichen bemühen.

3.2. Sie wird – bezogen auf ihre je gegebene Gegenwart – die Aufgabe haben, die gültige Tradition, wozu der Denkform Kentenichs entsprechend gerade auch eine recht verstandene Seinstheologie und damit die Metaphysik in der Theologie gehört, zu verbinden mit geschichtlichem Denken und der humanwissenschaftlichen Forschung (Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Kulturtheorie); im ganzen: mit zukunftsweisenden Fragestellungen.

3.3. Schönstättische Theologie wird thematische Zentrierungen kennen, die sich aus seiner originellen Geistigkeit ergeben. Etwa im Zueinander von heilsgeschichtlicher Führung und Bund („Vorsehungsglaube“ und „Liebesbündnis“) als Bezugspunkte in der historischen und systematischen Theologie in gegenseitigem Geben und Nehmen. Dafür zeichnet sich bereits ab, das z.B. Exegese und biblische Theologie die Bündnisspiritualität bereichern wird (vgl. etwa „Bund“ als Selbstverpflichtung, als Eid, als religiöse und soziale Lebensform etc.), wohingegen „Bund“ als „Systemgedanke“ (H.M. Köster) oder Strukturprinzip für die systematische Theologie und eine neue Zusammenschau ihrer Fragestellungen ein Gewinn sein dürfte.

3.4. Zu den Struktur prägenden Elementen im Rahmen etwa einer solchen Bundestheologie sind auch Schwerpunktbildungen zu rechnen, denen J. Kentenich Bedeutung beimisst sowohl für die Frömmigkeit wie die Theologie, die teilweise der grundlegenden Reflexion noch bedürfen, z.B. der Spannung zwischen eschatologischer Ausrichtung (im „apokalyptischen Gottvater-, Christus-, Marien- und Kirchenbild“, >>“Himmelwärts“) ohne Abschwächung einer inkarnatorischen Gestaltungskraft in Erziehung und Apostolat; der Zuordnung von Patrozentrik und Christomystik in der neutestamentlichen Heilsordnung; der Bedeutung von zentralen Haltungen wie „Kindlichkeit“ oder Akzentsetzungen in der Glaubenstheologie und -psychologie wie der Lehre von den „praeambula fidei irrationabilia“ etc. Nicht zuletzt: Verständnis und Positionsbildung in der Mariologie.

3.5. Desgleichen ergeben sich aus Spiritualität, Menschenbild, Erziehungsverständnis und Sozial-„philosophie“ J. Kentenichs Implikationen für die praktische Theologie, den Vollzug kirchlichen Lebens, den gesellschaftlichen und kulturellen Auftrag. Eine Reihe von Einzelmomenten bilden geradezu so etwas wie operationale Größen für zentrale Anliegen heutiger praktischer Theologie (wie z.B. Vorsehungsglaube und pastorale Situationsanalyse; Persönliches Ideal und Entfaltung von Charismen etc.). Im Ganzen wäre angesichts eines fruchtbaren Dialogs mit anderen Positionen und Richtungen vor allem auf Beibehaltung und weitere Ausprägung des grundgelegten originellen pastoralen Stils zu achten.

3.6. Fragt man im Sinne J. Kentenichs nach der Grundvoraussetzung für Entfaltung und Fruchtbarkeit schönstättisch geprägter Theologie, dürfte er darauf abheben, dass sich diese wohl nur bilde wie alles andere: im „Liebesbündnis“ mit Maria. Eine geistgewirkte, sowohl heilsgeschichtlich-anthropologisch wie glaubenspraktisch orientierte Mariologie sei für ihn Mutterboden einer auch theologischen Komponente seines Charismas, sofern ihm das zugefallen sei, wenn nicht gar: die „Seele“ christlicher Theologie überhaupt.


Literatur:

  • J. Kentenich, Marianische Erziehung. Pädagogische Tagung (22.-26. Mai 1934), Vallendar-Schönstatt 1971, 286 S.
  • J. Kentenich, Texte zum Verständnis Schönstatts. Herausgegeben von Günther M. Boll, Vallendar-Schönstatt 1974
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S.
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. II. Teil: Bündnisfrömmigkeit (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 278 S.
  • O. Amberger, Modelle subjektiver Glaubenserkenntnis bei John Henry Newman und Josef Kentenich. Darstellung und vergleichende Diskussion, Vallendar-Schönstatt 1994
  • G.M. Boll / L. Penners (Hrsg.), Integration, Vallendar-Schönstatt 1986
  • H.M. Köster (Hrsg.), Neue Schöpfung, Limburg 1948
  • L. Penners, Eine Pädagogik des Katholischen, Vallendar-Schönstatt 1983
  • P. Vautier, Maria die Erzieherin. Darstellung und Untersuchung der marianischen Lehre P. J. Kentenichs, Vallendar-Schönstatt 1981.
  • B. Forte, Gedächtnis, Prophetie, Begleitung. Eine Einführung in die Theologie, Einsiedeln 1989
  • E. Przywara, Logos, Abendland, Reich, Kommerzium, Düsseldorf 1994
  • G. Söhngen, Der Weg der abendländischen Theologie, 1993
  • ders., Philosophische Einübung in die Theologie.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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