Ungelebtes Leben

Ungelebtes Leben

M. Erika Frömbgen

(Gesetz des ungelebten Lebens)

Das Gesetz des ungelebten Lebens wird im Sprachgebrauch Schönstatts mit unterschiedlichem Bedeutungsinhalt verwendet.

1. Primär entwicklungsbezogen

Danach wirkt sich das Gesetz des ungelebten Lebens vorzugsweise in der Jugend als „seelischer Schichtwechsel“ aus, den P. Kentenich in den dreißiger Jahren wie folgt beschreibt: „Instinktiv streckt die Seele sich in diesem Alter aus nach dem Neuen, nach Lebensformen und Zielen, die der alten Generation fremd und wenig geläufig sind“ (1931). Aufgrund dieses Gesetz des ungelebten Lebens erklären sich die seelischen Dispositionen, die vorzugsweise dem Jugendalter zugesprochen werden: „Idealismus“ und „Radikalismus“ in Bezug auf neue Lebenskonzepte, „Gefolgschaftsgeist“ als Identifikation mit einer Leitfigur und der Gruppe. Die gleichen seelischen Dispositionen wie auch das Handeln nach dem Gesetz des ungelebten Lebens sind bleibende Voraussetzung für die Mitglieder jeder ernsthaften Reformbewegung.

2. Zeitkritisch

Das Gesetz des ungelebten Lebens will im Sinn geistiger Wachheit für die „Zeichen der Zeit“ ernst genommen werden, wie sie dem „praktischen“ >>Vorsehungsglauben eigen ist. Nichtbeachtung bedingt durch ein zu großes Generationsgefälle, mangelnden Führungswechsel oder autoritär diktatorischen Führungsstil hat auf sozialer, kultureller und religiöser Ebene den Verlust von Vitalität im Lebensvollzug und dadurch Stagnation mit Vergreisungstendenzen zur Folge. „Die nachwachsende Generation mag vorübergehend viel von der alten Tradition übernehmen und soll das auch. Aber für gewöhnlich dauert es nicht lange, dann drängt die kommende Generation hin zu dem Leben, das die vorhergehende Generation nicht gelebt hat“ (Vortr 12.9.67). „Wo Leben sich entfaltet, wird anderes Leben in den Hintergrund gedrückt. Das Gesetz des ungelebten Lebens verlangt nach Möglichkeit eine neue Regierung, damit diejenigen, die vorher nicht zum Zuge kamen, jetzt dazu kommen“ (Vortr 28.12.67). Das Gesetz des ungelebten Lebens fand 1989 seinen klassischen Ausdruck in dem Wort von Gorbatschow an Honecker zum 40jährigen Jubiläum der ehemaligen DDR, unmittelbar vor der deutschen Wende: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

3. Individualpsychologisch

Werden die von der je eigenen Natur ausgehenden Lebensimpulse dauernd und grob missachtet, macht sich das Gesetz des ungelebten Lebens als „Rache der Natur“ bemerkbar: in Form von unkontrollierten Triebdurchbrüchen in Richtung der verweigerten Naturansprüche oder durch Entwicklung von Fehlverhalten im Sozialkontakt wie Aggression und Depression, Dialogverweigerung und Entwertungstendenzen als Ausdruck der Resignation oder in Form von Alarmzeichen der bedrängten Natur durch Ausprägung psychosomatischer Symptome.

>Bewegungspädagogik, >>Regierungsform, >>Spannungsprinzip


Literatur:

  • J. Kentenich, Ethos und Ideal in der Erziehung. Vorträge der Jugendpädagogischen Tagung (28.-31. Mai 1931), Vallendar 1972, 379 S., 44
  • J. Kentenich, Auf Dein Wort hin werfe ich die Netze aus. Amerikabericht (September 1948), in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen- und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1991, 91-158, 128
  • J. Kentenich, Victoria Patris. Vorträge von Pater Josef Kentenich anläßlich seines Besuches in Oberkirch vom 3.-4. September 1967, zwei Bände, 70+131 S. II, 60 ff.
  • J. Kentenich, Weihnachtstagung 1967. Vorträge vom 27. bis 30.12.1967 an die Delegierten des internationalen Schönstattwerkes, verv.O, A 5, 221 S., 71
  • H. King, Leitungsstil nach P. J. Kentenich, in: M. Gerwing / ders., Gruppe und Gemeinschaft, Vallendar-Schönstatt 1991, 253 f.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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