Vater / Väterlichkeit

Vater / Väterlichkeit

Peter Locher

1. Aktualität
2. Wesen der Väterlichkeit
3. Folgerungen und Forderungen
3.1. Für das Verständnis von (väterlicher) Autorität
3.2. Für gesunde Lebensgestaltung von Individuum und Gesellschaft
3.3. Für Religion und Gottbezug

1. Aktualität

Aufgrund verschiedener Strömungen und Stimmungen im heutigen Lebensgefühl ist das Wort und der Begriff Väterlichkeit schnell negativ besetzt. Vielfältige Faktoren haben dazu beigtragen: konkrete Erfahrungen mit despotischen und unberechenbaren Vätern in den Familien; der Missbrauch des Wortes in Diktaturen („Väterchen Stalin“); die traditionelle Überbetonung männlicher Werte („extremer Virilismus“; vgl. MPr 1941, 61; LS 1952 II, 246-255), „unartikulierte Männlichkeit“ (AGl ²2, 95); der heutige Feminismus, der schnell Väterlichkeit mit Patriarchalismus gleichsetzt.

Es ist eine psychologische Einsicht, dass die konkrete Vatererfahrung des Menschen dessen Gottesvorstellung und – viel einschneidender noch – die irrational bestimmten Beziehungen zu ihm prägen (vgl. die Forschungen von Karl Frielingsdorf). Ist das Vatererlebnis positiv, schafft es anstrengungslos im Kind das Grundgefühl des Urvertrauens in einen verlässlichen, sorgenden und barmherzigen Gott (vgl. die Seelengeschichte der hl. Theresia von Lisieux). Umgekehrt führen negative Erfahrungen mit dem Vater im irdischen Bereich zu angst- und schuldbesetzten Grundgefühlen einem unzuverlässigen und strafenden Gott gegenüber, vor dem der Mensch sich auf der Flucht befindet, ohne von ihm loszukommen. Gewinnen solche Erfahrungen die Oberhand, wird verständlich, dass Strömungen entstehen, die väterliche Autorität und einen Vatergott abschaffen möchten.

Die geschichtliche Erfahrung der Schönstattbewegung ist gegenläufig zu einem derart negativ besetzten Bild von Väterlichkeit. Ausgehend vom Bund mit Maria und der damit gegebenen Entdeckung und Entfaltung der weiblichen und der mütterlichen Werte (>>Frau) ist die Bewegung in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts von einer „Vaterströmung“ getragen, die ihren Ausgangspunkt in der immer stärker ins Bewusststein tretenden Vatergestalt des Gründers hat. In P. Kentenich erfuhren die Mitglieder der Schönstatt-Bewegung konkret und überzeugend, was Väterlichkeit bedeutet. Sie fanden dadurch einen vitalen Zugang zu Gott als Vater und entdeckten zunehmend die große Bedeutung von Väterlichkeit für die soziale Ordnung, für Erziehung und Frömmigkeit. Für diesen geschichtlichen Vorgang war äußerst bedeutsam die Auseinandersetzung Pater Kentenichs mit kirchlichen Autoritäten (31. Mai 1949, >>Meilensteine). Dabei ging es ihm um die Bindung an >>“Zweitursachen“, besonders der väterlichen >>Autorität. In ihr sah P. Kentenich ein weckendes, weiterleitendes und auch läuterndes Mittel für einen vitalen Gottbezug im Rahmen eines >>“organischen Denkens, Liebens und Lebens“. Pater Kentenich deutet diesen seine vierzehnjährige Verbannung überdauernden Vorgang: Entsprechend der Rolle der Mutter in der Naturfamilie hat die Gottesmutter die Schönstatt-Bewegung „zum Vater geführt“. Der Vorgang hatte für ihn Modellcharakter, der einerseits die „Tragödie der Neuzeit“ als eine „Tragödie des Vaters“ (PhErz 1961, 70 f.) deutet, andererseits aber auch zu ihrer Korrektur und Sinnerfüllung beitragen möchte. Keineswegs kann die christliche Werteordnung mit ihrer Betonung väterlicher Autorität in der Transparenz auf den väterlichen Gott hin ersetzt, sie muss vielmehr geläutert und richtig ergänzt werden: „Die überragende Stellung des Vaters ist überzeitlich. Wiedergeburt des Vaters ist und bleibt deshalb das vordringliche Anliegen der Erneuerung der christlichen Gesellschaftsordnung“ (LS 1952 II, 255).

2. Wesen der Väterlichkeit

Was Väterlichkeit ist, lässt sich erkennen aus dem, was Gott in die menschliche Natur hineingelegt und was er durch die Menschwerdung seines Sohnes und dessen Botschaft geoffenbart hat. So erhält jede menschliche Vaterschaft ihre Orientierung und letzte Verankerung in der Vaterschaft Gottes, von der jede Vaterschaft ihren Namen hat (Eph 3,15).

Gott als Vater ist Schöpfer, Urheber neuen Seins. Der Mensch nimmt an seiner Vatertätigkeit teil. Er weckt Leben im physischen, geistigen und geistlichen Sinn, pflegt dieses Leben, teilt Leben mit, nimmt „lebendige Fühlung“. Diese Art von Väterlichkeit ist bereits wesentlich ergänzt durch mütterliche Elemente. Die Sinnerfüllung der Väterlichkeit besteht darin, „Schöpfer zu sein, … nicht Macher“ (1964). Da jedoch der Mann nicht absolut, sondern immer Geschöpf ist, ist seine Väterlichkeit immer relativ und muss in geistiger Kindschaft Gott gegenüber vollzogen werden. Zum Wesen des Mannes gehört deshalb, dass er „Puer et pater“, Kind und Vater (>>Mann, >>Kindlichkeit, vgl. KvG 1937, 75-83) ist.

3. Folgerungen und Forderungen

Nach P. Kentenich ergeben sich daraus die folgenden Anforderungen.

3.1. Für das Verständnis von (väterlicher) Autorität

Der Vater ist „Urform der Autorität“ (PT 1950, 213), weil er „auctor vitae“, Urheber des Lebens, ist und sein soll. Ein solches Autoritätsverständnis erteilt jeglicher Willkür eine klare Absage. Es bezieht väterliche Autorität auf den „Dienst am Leben“, ordnet sie der Liebe zu – „Der Vater von morgen muss … erzogener Liebeserzieher sein“ -, verlangt die Ergänzung durch mütterliche Autorität in einem „Geben und Nehmen“ (1964) und orientiert sich am Vorbild des hl. Paulus. Dieser konnte sowohl schreiben: „In Christus habe ich euch gezeugt durch das Evangelium“ (1 Kor 4,15), als auch „Ich leide Geburtswehen um euch, bis Christus in euch Gestalt gewinnt“ (Gal 4,19).

Aus dem Stellenwert der Väterlichkeit als moralische Autorität (= auctoritas) folgt, dass der väterlichen Autorität zur Sicherung von Strukturen in einer Gesellschaft auch eine rechtmäßige Autorität (= potestas) entspricht. Diese soll allerdings auf die moralische Autorität bezogen bleiben, die sowohl mütterliche als auch demokratische Ergänzung zu suchen hat und die zum Schutz vor Übergriffen rechtlich eingeschränkt werden muss.

3.2. Für gesunde Lebensgestaltung von Individuum und Gesellschaft

Als Urform der Autorität kommt der Väterlichkeit eine besondere Verantwortung für die Bildung von Grundhaltungen beim Einzelnen und im sozialen Bewusstsein zu. Während der Mutterbezug entscheidend den Selbstbezug eines Kindes prägt (>>Mutter), prägt der Vaterbezug den Fremd- und Sachbezug. Es ist der Vater, der das Kind für die Welt öffnet. An einer positiven Erfahrung von Väterlichkeit bildet sich Sicherheit und Geborgenheit. Der Vater ist Garant von Beständigkeit und Ordnung (PT 1950, 313). Väterliche Autorität bildet Ehrfurcht. Sie erzieht sowohl zum Gehorsam wie auch zum Wagemut (PT 1950, 109).

3.3. Für Religion und Gottbezug

Lapidar stellt Pater Kentenich fest, dass „unsere heutige Zeit vaterlos und deshalb sittenlos und gottlos“ ist (LS 1952 II, 247; vgl. das Schlagwort A. Mitscherlichs von der „vaterlosen Gesellschaft“). Die Tiefenpsychologie – wohlgemerkt: nicht irgendein dogmatisches Postulat – macht darauf aufmerksam, dass die Ausrichtung auf einen Vater-Gott ein Grundzug, ein Archetyp der Seele selbst ist und dass diese gar nicht gesund leben kann, ohne ihn in irgendeiner Weise zu vollziehen. Geschichtliche Studien erweisen, dass es der sich als Vater offenbarende Gott der Bibel war, der den Menschen des Abendlandes zum Bewusstsein seines individuellen Wertes, seiner unantastbaren Würde und seiner personalen Freiheit geführt hat (vgl. Gerl).

Der Mensch ist darauf angelegt, den Vater und letztlich den Vatergott zu suchen. Gott der Vater schafft und erhebt den Menschen in einem langen geschichtlichen Prozess, um ihn immer mehr an seiner eigenen Väterlichkeit teilhaben zu lassen.


Literatur:

  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S.I, 246-257
  • J. Kentenich, What is my philosophy of education?, in: Philosophie der Erziehung. Prinzipien zur Formung eines neuen Menschen und Gemeinschaftstyps. Bearbeitet von Herta Schlosser, Vallendar 1991, 39-89, 70 f.
  • Vom Geheimnis der Vaterschaft, Regnum 10 (1975) 80-87.
  • P. Gutiérrez, Priesterliche Väterlichkeit nach Pater Joseph Kentenich, Regnum 10 (1975) 99-124
  • A. Strada, Der Vater im Himmel und die Väter auf Erden, Regnum 28 (1994), 152 162
  • ders., Menschliche Väterlichkeit, Regnum 29 (1995), 8 19
  • H. Schlosser, Der neue Mensch die neue Gesellschaftsordnung, Vallendar-Schönstatt 1971, 279f.
  • H.B. Gerl, Die bekannte Unbekannte, Mainz 1988.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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