Wallfahrt

Wallfahrt

Heinrich M. Hug

1. Wallfahren oder pilgern gehört neben fasten, meditieren und beten zu den urtümlichsten Handlungen aller natur- und gemeinschaftsbezogenen Weltreligionen. Wallfahrten unterscheiden sich nur im konkreten Wallfahrtsziel (als Ort, lebende oder verstorbene heilige Menschen, Sachen) und in der konkreten privaten oder gemeinschaftlichen Durchführung, in Vorbereitung, Hinweg, Betätigungen am Wallfahrtsort, Rückweg und Weiterwirken der Wallfahrt und im Charakter der Freiwilligkeit oder Verpflichtung durch eine religiöse Autorität.

Wenn auch im Laufe der christlichen Geschichte die theologische Reflexion nicht immer dem Wallfahrtswesen wegen dessen vielschichtigen und manches mal fragwürdigen Formen wohl gesonnen war, ist es dennoch nicht erstaunlich, dass im Gefolge der christlichen (und nichtchristlichen) Fülle der Wallfahrtsgeschichte vergangener Jahrtausende ein urtümlich-religiöses und pastoral-pädagogisches Genie wie Pater Josef Kentenich zum Begründer eines Wallfahrtsortes wurde. Es ist zu erwarten und tatsächlich so geworden, dass er Grundlegung und Ausgestaltung einer Schönstätter Wallfahrt – bei allen Gemeinsamkeiten mit dem weltweiten Phänomen eines Wallfahrtswesens – in origineller Weise vollbrachte.

2. Die Entstehung des Wallfahrtsortes Schönstatt ist dokumentiert in der >>Gründungsurkunde vom 18. 10. 1914. Die zentralen Sätze aus dem Vortrag von Pater Kentenich: „… Sie ahnen, worauf ich hinziele: Ich möchte diesen Ort gerne zu einem Wallfahrts-, zu einem Gnadenort machen für unser Haus und für die ganze deutsche Provinz, vielleicht noch darüber hinaus. Alle, die hierher kommen, um zu beten, sollen die Herrlichkeit Mariens erfahren und bekennen: Hier ist wohl sein. Hier wollen wir Hütten bauen, hier unser Lieblingsplätzchen. Ein kühner Gedanke, fast zu kühn für die Öffentlichkeit, aber nicht zu kühn für Sie. Wie oft war in der Weltgeschichte das Kleine und Unansehnliche die Quelle des Großen und Größten. Warum sollte das bei uns nicht auch der Fall sein können?“ (1GU 1914)

Zwei Merkmale kennzeichnen den Wallfahrtsort und die Beziehung der Menschen zu diesem von Anfang an: Das eine Merkmal ist der Glaube an die Tatsächlichkeit dieses Ortes als heiliger Ort mit der gnadenhaften Wirksamkeit Mariens, die theologisch und pastoral-pädagogisch reflektiert und beschrieben wurde; der Ort wurde im Laufe der Geschichte vervielfältigt, was im Nachbauen der Gnadenkapelle (Filialheiligtümer als originalgetreue und andere, nicht-originalgetreue Nachahmungen, >>Heiligtum) an vielen Orten der Welt sichtbar wurde. Das andere Merkmal ist die Beziehung des hl. Ortes zu konkreten Häusern und Gemeinschaften. Schönstatt ist zu einem Wallfahrtsort mit einer lokal-personalen Gestalt geworden.

In einer ersten Ausfaltung steht das Pilgern zum heiligen Ort als Ort im Vordergrund, die Berührung oder Identifikation mit dort lebenden und apostolisch wirkenden Menschen im Hintergrund. Beobachtungen und theologische Reflexionen Pater Kentenichs klärten im Laufe der Zeit Bedeutung und Wirksamkeit dieses heiligen Ortes. Einzelpilger und organisierte Pilgergruppen wallfahren zu ihm. Mannigfache Bräuche zeichnen diese Wallfahrten aus, in welchen sich traditionelle, landes- oder volksmäßige übliche Formen wie auch Neuentwicklungen mischen. Zu den originellen Neuentwicklungen zählen die Weihefeiern an die Gottesmutter als Dreimal wunderbare Mutter von Schönstatt (>>Liebesbündnis; Bündnisstunden; Bündnisbuch, in das man sich eintragen kann; geistliche Geschenke an die Gottesmutter im Sinne der Beiträge zum >>Gnadenkapital; >>Haus- und >>Herzensheiligtümer; Bitte um die drei originellen Schönstätter >>Wallfahrtsgnaden; usw.). Oftmals nennt man diese Art der Berührung mit dem heiligen Ort umgangssprachlich die >>Volks- und Wallfahrtsbewegung Schönstatts im eigentlichen Sinn, die alle Schichten des Volkes im Sinne einer möglichst breiten Volksbewegung erreichen und bewegen kann.

Bei der zweiten Ausfaltung stehen die Berührung des heiligen Ortes als solchem und die Berührung der dort lebenden oder von dort aus wirkenden Menschen gleichrangig im Vordergrund. Diese Art der Beziehung zum Gnadenort Schönstatt prägt die Schönstätter Organisationen, die von Pater Kentenich nach 1916 (ergänzender Gründungsakt mit der Übernahme der Sendung des hl. Vinzenz >>Pallotti) gegründet (>>Verbände, >>Bund, >>Liga) und mit einer originellen >>Spiritualität versehen wurden; im Mittelpunkt steht das Liebesbündnis mit der >>Dreimal Wunderbaren Mutter, Königin und Siegerin von Schönstatt und ihrem Gnadenort. Die Mitglieder dieser Gemeinschaften sind grundsätzlich und praktisch an den Schönstätter Gnadenort gebunden und deswegen bilden sie den Kern der Schönstätter Wallfahrtsbewegung. Sie unterstützen mit allen Mitteln die gläubige Hinbewegung des breiten Volkes zu den Schönstätter heiligen Orten und sehen darin eine wesentliche pastoral-pädagogische Methode. In einer >>pluralistischen Gesellschaft und Welt werden so die Schönstätter heiligen Orte zu Zentren gemacht, um die die mobilen modernen Menschen wie Planeten um die Sonne kreisen und damit Ruhepunkte in einer dynamischen Welt finden können.

Die dritte Ausfaltung stellt die Beziehung zu den Menschen in den Vordergrund; der heilige Ort tritt fast ganz in den Hintergrund. Diese fast indirekte Beziehung kennzeichnet Idee und bisherige Entwicklung des föderativen apostolischen Weltverbandes (>>Weltapostolatsverband), dessen Aufbau, Koordinierung und Beseelung seit 1916 Pater Kentenich in die Zielsetzung Schönstatts aufgenommen hat. Dieser Apostolische Weltverband ist somit die Schönstätter Wallfahrtsbewegung in einem weiteren und fast uneigentlichen Sinne, insofern sie den Glauben an den heiligen Ort nicht mehr zum Thema hat, jedoch durch die Vermittlung der Schönstätter Organisation als Hauptträger von ihm profitiert.


Literatur:

  • J. Kentenich, Marianische Erziehung. Pädagogische Tagung (22.-26. Mai 1934), Vallendar-Schönstatt 1971, 286 S., 72 f.
  • J. Kentenich, Jahrestagung der Schönstatt Frauenliga (3.-6. Januar 1951), verv.O, A 4, 118 S , 16.39
  • J. Kentenich, Daß neue Menschen werden. Eine pädagogische Religionspsychologie. Vorträge der Pädagogische Tagung 1951. Bearbeitete Nachschrift, Vallendar-Schönstatt 1971, 264 S., 213
  • J. Kentenich, Brasilienterziat. Terziat in Santa Maria / Brasilien (16.2.-5.3.1952), verv. A 5, 244+240+258 S. II, 57.130
  • J. Alliende-Luco, Die Bedeutung Mariens für eine Pastoral des Volkes und der Massen, Regnum 8 (1973) 3-13
  • ders., Wallfahrt und Volk. Ein Beitrag aus lateinamerikanischer Sicht, Regnum 19 (1984) 99-110

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen