Werkzeugsfrömmigkeit

Werkzeugsfrömmigkeit

Peter Wolf

1. Theologische Grundlegung
2. Wesen und Eigenschaften der Werkzeugsfrömmigkeit nach P. Josef Kentenich
2.1. Ganzheitliche Lösung
2.2. Ganzheitliche Bindung
2.3. Hochgradige Einsatzbereitschaft
2.4. Ausgesprochener Parusie- und Apparitiocharakter
2.5. Innere Freiheit und vielgestaltige Gesichertheit
2.6. Reiche Fruchtbarkeit
3. Die marianische Gestalt der Werkzeugsfrömmigkeit
3.1. Werkzeug nach dem Vorbild der Gottesmutter
3.2. Werkzeug in der Hand Marias
4. Himmelwärts als Schule der Werkzeugsfrömmigkeit

Werkzeugsfrömmigkeit ist für P. Josef Kentenich zusammen mit der >>Werktagsheiligkeit und der >>Bündnisfrömmigkeit eine der drei Grunddimensionen der >> Spiritualität Schönstatts. In der Dachauzeit hat er dazu eine ausführliche Studie diktiert unter dem Titel „Marianische Werkzeugsfrömmigkeit“ (MWF 1944). Was sich in der Schönstattgeschichte unter diesem Stichwort entwickelt hat, ist eine originelle Spiritualität des apostolischen Lebens. Im Sinne der Neuzeit nimmt diese Spiritualität den Menschen als Mitarbeiter und Partner Gottes in seiner Schöpfung ernst. Werkzeugsfrömmigkeit zielt auf partnerschaftliche Mitwirkung und Mitgestaltung der Schöpfung. Darin zeigt sich der innere Kontext mit den beiden anderen Dimensionen schönstättischer Spiritualität.

1. Theologische Grundlegung

Grundlegender Ausgangspunkt ist die Theologie der Schöpfung. Die theologischen Wurzeln des Werkzeugsgedankens liegen in der biblischen Sicht aller Dinge und allen Lebens als Schöpfung Gottes. Im biblischen Schöpfungsglauben ist der Mensch freigesetzt und wird doch in Beziehung zu Gott als seinem Schöpfer erfahren. Gott will den Menschen als sein Ebenbild, als Bündnispartner im Bund der Liebe. Gott ist nicht der „Uhrmacher-Gott“ des Deismus, sondern der Gott, in dem wir leben, uns bewegen und sind (vgl. Apg 17,28). Gottes schöpferisches Wirken betrifft nicht lediglich den Anfang, sondern setzt sich fort durch alle Zeiten (creatio continua). Gott bleibt in allem, was uns als seine Schöpfung entgegentritt, die >>Erstursache, wie Thomas von Aquin es nennt. Alle geschöpfliche Wirklichkeit ist als >>Zweitursache zutiefst auf Gott bezogen. Werkzeugsfrömmigkeit macht sich die Sicht der Zweitursachenlehre zueigen und setzt sie voraus (vgl. Causa Secunda). P. Josef Kentenich hat diese Gedanken des Thomas von Aquin aufgegriffen und dabei die Freiheit des Menschen hervorgehoben in dem Axiom: Deus operatur per causas secundas liberas (Gott wirkt durch freie Zweitursachen).

Eine werkzeugliche Spiritualität kann sodann mit Recht im biblischen Sendungsgedanken (>>Apostolat) ihre theologische Begründung sehen. In der Erfahrung und Botschaft der Propheten stoßen wir immer wieder auf das Phänomen der Sendung: Gott sendet Menschen mit einer Botschaft für andere. Sie sind autorisiert, in seinem Namen zu sprechen und zu handeln. Jesus selber weiß sich gesandt und ist der Gesandte schlechthin, der seinen Jüngern Anteil an seiner Sendung gibt (vgl. Joh 17). Paulus versteht sich als Gesandter des Herrn und wendet sich in vollem Einsatz den Heiden zu (vgl. Röm 1,5). Lukas deutet in der Apostelgeschichte den Einsatz des Völkerapostels mit dem Wort: „Dieser Mann ist mein ausgewähltes Werkzeug“ (Apg 9,15). Von hier hat die Werkzeugsfrömmigkeit ihren Namen. In den Paulusbriefen selber findet sich dieses Wort nicht, aber Paulus benutzt wiederholt das Wort von den Mitarbeitern Gottes (1 Kor 3,9 und 2 Kor 6,1) und bezeichnet damit sich und andere, die mit ihm das Evangelium verkünden.

Theologische Wurzeln und Grundlagen für die Spiritualität der Werkzeugsfrömmigkeit finden sich in allen biblischen Aussagen, die das Miteinander von Gott und Mensch betonen. In den Paulusbriefen ist es das Miteinander des Leibes und seiner Glieder (vgl. Eph 4,16; 5,30). Im Johannesevangelium beschreibt das Weinstockgleichnis die innige Verbundenheit zwischen den Jüngern und ihrem Herrn (Joh 15).

2. Wesen und Eigenschaften der Werkzeugsfrömmigkeit nach P. Josef Kentenich

Es handelt sich um eine Spiritualität der Übereignung und Verfügbarkeit, die sich ganz in Dienst nehmen lässt durch den, der das Werkzeug benutzt. Es ist hilfreich, bei Werkzeug nicht von den Vorstellungen eines Hammers oder Instrumentes auszugehen, sondern von der Hand als einem ganz dem Menschen verbundenen Werkzeug (instrumentum coniunctum). Einer der für die Entstehung der Werkzeugsfrömmigkeit entscheidenden Schönstatt-Kreise im Konzentrationslager Dachau hatte für sich den Namen „Handkreis“ gewählt. Der apostolisch engagierte Mensch, der im Sinne des Werkzeug Gedankens wirken möchte, muss sich um folgende Eigenschaften der Werkzeugsfrömmigkeit mühen und diese sich gnadenhaft schenken lassen:

2.1. Ganzheitliche Lösung

Um für Gott ein brauchbares Werkzeug zu sein, geht es zuerst um eine „ganzheitliche Lösung von sich selber“ (MWF 1944, 5 8). Es gilt, sich von allem Eigensinn und kranker Eigenwilligkeit zu lösen. Im Bemühen um >>Blankovollmacht und >>Inscriptio (vgl. z.B. J. Kentenich, Himmelwärts. Gebete für den Gebrauch in der Schönstattfamilie, Vallendar-Schönstatt 1973, 109 116) will ein Höchstmaß der Loslösung von egoistischen Strebungen und Ängsten angezielt werden. Ziel ist es, ganz frei zu werden für Gott und Göttliches.

2.2. Ganzheitliche Bindung

Die so angestrebte Loslösung ist darauf ausgerichtet, „uns ganz Gott und seinen Wünschen hinzugeben“ (MWF 1944, 8). In uns soll eine innere Willigkeit und Geneigtheit großgezogen werden, die gern Gottes Willen und Wunsch annimmt. Die Bindung soll so tief gehen und ganzheitlich sein, dass ein vollkommenes Abhängigkeitsbewusstsein von Gottes Gnade und Kraft entsteht.

2.3. Hochgradige Einsatzbereitschaft

Die dritte Eigenschaft der Werkzeugsfrömmigkeit ist „hochgradige Einsatzbereitschaft oder nimmermüder Eroberungsdrang“ (MWF 1944, 30). Solche Einsatzbereitschaft kann aber nur durchgehalten werden, wenn das Werkzeug „sich um praktische Kreuzesliebe bemüht“. Nur wirklicher Inscriptiogeist bewahrt den apostolisch Engagierten vor den „gefährlichen Klippen“ bei Erfolgen und Misserfolgen im Apostolat (MWF 1944, 32).

2.4. Ausgesprochener Parusie und Apparitiocharakter

Mit diesen Worten versucht J. Kentenich den Gedanken auszudrücken, dass im werkzeuglichen Einsatz „Sichtbarmachung, Erscheinung im Sinne von Widerspiegelung, Offenbarmachung des Göttlichen“ geschieht (MWF 1944, 4 Anm. 8). Es geht um das Geheimnis des Herrn selber, der von sich sagen durfte: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh 14,9). Dieses Geheimnis wiederholt sich im Leben der Gottesmutter und der Heiligen (vgl. MWF 1944, 35). Hier liegt die Fruchtbarkeit von deren Leben und die Wirksamkeit des Apostolates des Seins.

2.5. Innere Freiheit und vielgestaltige Gesichertheit

Es geht um eine letzte Freiheit von sich selber und tiefste Geborgenheit in Gott mitten in allem Einsatz und in aller Auseinandersetzung. Die zuversichtliche Gewissheit, mitten in jeder Not geborgen zu sein, geht noch weiter und gipfelt in einer „beglückenden Heilsgewissheit, soweit man dies auf Erden überhaupt erhalten kann“ (MWF 1944, 137 f.).

2.6. Reiche Fruchtbarkeit

Werkzeugsfrömmigkeit zielt darauf, sich von allen Eigenwilligkeiten zu lösen, um Gott freien Raum zu geben für seine Wirksamkeit und Fruchtbarkeit (vgl. MWF 1944, 38). Wo jede Eigenwilligkeit überwunden ist, wird der Weg frei für Gottes Fruchtbarkeit in einem apostolischen Leben. Dann kann er sich ganz durchsetzen und seine ganze Macht und Liebe entfalten.

3. Die marianische Gestalt der Werkzeugsfrömmigkeit

Die Werkzeugsfrömmigkeit im Sinne P. Josef Kentenichs kennt über das bisher Grundgelegte hinaus eine „originelle marianische Prägung“ (MWF 1944, 57), die einen doppelten Aspekt hat:

3.1. Werkzeug nach dem Vorbild der Gottesmutter 

Zunächst macht J. Kentenich bewusst, dass alle Eigenschaften der Werkzeugsfrömmigkeit im Leben und Wirken der Gottesmutter aufzuweisen sind (vgl. MWF 1944, 61 67). Er sieht in ihrer Lebensgeschichte die wachsende Lösung von sich selber und die ungeteilte Hingabe an Gottes Wunsch und Wille. Ihre nimmermüde Einsatzbereitschaft deutet er im Kontext ihrer Sendung als Dauergefährtin und Gehilfin des Welterlösers beim gesamten Erlösungswerk. Er zeichnet die Gottesmutter als „das hinreißend schöne Transparent des unendlichen Gottes“ (MWF 1944, 65). In den Herausforderungen ihres Lebens findet er zurecht ihre Sicherheit und Geborgenheit in Gott erwiesen. Die unfassbar große Fruchtbarkeit ihrer Werkzeugsfrömmigkeit zeigt sich in der Menschwerdung des Erlösers durch Maria und seit der Aufnahme in den Himmel in ihrer Rolle als „Mediatrix“ (Mittlerin). Die marianische Gestalt der Werkzeugsfrömmigkeit sieht und liebt die Gottesmutter in dieser Weise als ihr Vorbild. Sie orientiert sich an Maria und will Werkzeug werden und sein wie sie.

3.2. Werkzeug in der Hand Marias

In der Stellung der Gottesmutter im Heilsplan sieht P. Josef Kentenich die Begründung, dass Maria nicht nur Vorbild, sondern auch „Gegenstand der Werkzeugsfrömmigkeit“ ist (MWF 1944, 71 ff.). Maria ist gerufen, Mutter, Braut und Gehilfin des Herrn zu sein und dies nicht nur für das irdische Leben des Herrn, sondern für alle Zeiten als die „mütterlich bräutliche Dauergefährtin und Gehilfin des Herrn beim gesamten Erlösungswerk“ (vgl. MWF 1944, 72, – HS 1943, 4002 5870). Diese gläubige Sicht einer fortdauernden Wirkung in der heilsgeschichtlichen Sendung der Gottesmutter findet sich auch in der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums (vgl. LG 62 65) und in der Marienenzyklika von Papst Johannes Paul II. (vgl. RM 44 47).

4. Himmelwärts als Schule der Werkzeugsfrömmigkeit

Viele Gebete aus der Dachauer Zeit, die im Gebetbuch >>Himmelwärts gesammelt und herausgegeben wurden, sind ganz geprägt von der Spiritualität des Werkzeugsgedankens. Manche Gebete haben die Thematik sogar im Titel aufgenommen: „Werkzeugs Messe“, „Werkzeugs Kreuzweg“, „Werkzeugs Rosenkranz“ und das „Werkzeugslied“. Diese Gebete aber auch Himmelwärts insgesamt sind gebetete Zeugnisse der Werkzeugsfrömmigkeit Sie wollen und können eine gute Hilfe und Schule sein, in diese Spiritualität hineinzuwachsen.


Literatur:

  • J. Kentenich, Hirtenspiegel, in Versform geschrieben im KZ Dachau (April 1943 – Februar 1944), 5870 Strophen
  • J. Kentenich, Marianische Werkzeugsfrömmigkeit (geschrieben 1944 in Dachau), Vallendar-Schönstatt 1974
  • J. Kentenich, Himmelwärts. Gebete für den Gebrauch in der Schönstattfamilie, Vallendar-Schönstatt 1973
  • J. Kentenich, Das Lebensgeheimnis Schönstatts. I. Teil: Geist und Form (Brief an Joseph Schmitz, geschrieben in Santiago/Chile, ab dem 3. Mai 1952), Vallendar-Schönstatt 1971, 242 S.I, 36-42.
  • G. Bausenhart, Zum schönstättischen Werkzeugsgedanken, Regnum 27 (1993) 27-34.

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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