Zeitenstimmen

Zeitenstimmen

Angel Strada

1. Geschichtliche Entfaltung
2. Systematische Reflexion
2.1. Der objektive Geist der Zeit
2.2. Zeitgeist und Geist der Zeit
2.3. Der richtige Umgang mit Zeitenstimmen
– Zeitnähe
– Zeitüberwindung
– Zeitgestaltung

1. Geschichtliche Entfaltung

Die Deutung der Zeitenstimmen hat zentrale Bedeutung in der Geistigkeit P. Kentenichs. Die Praxis der Arbeit mit Zeitenstimmen findet sich seit Beginn seiner Tätigkeit und wird gegen Ende seines Lebens zu einer ausgebauten Theorie entfaltet. Schon im Jahr 1911 drückte er seine gläubige Überzeugung dahingehend aus, dass Gott durch „alle Schicksalsschläge, die uns treffen, alle Verhältnisse, alle Lebenslagen, in denen wir uns befinden“, zu uns spricht (Pr 1910-1913, 87). Der wissenschaftlich-technische Fortschritt sowie der Erste Weltkrieg beeinflussen wesentlich die Vorgründungs- und >>Gründungsurkunde. Sowohl innerkirchliche >>Strömungen (z.B. die liturgische und Jugendbewegung) wie vor allem außerkirchliche (wie Nationalsozialismus und Kollektivismus) prägen in den folgenden Jahrzehnten die Entwicklung Schönstatts. Den Wahlspruch von Kardinal Faulhaber (1869-1952) „Vox temporis vox Dei“ macht P. Kentenich zu seinem eigenen Motto, und so wird er „ein stehender Ausdruck mit gefülltem Inhalt, der allen Ereignissen im eigenen Leben, in der Familien- und Weltgeschichte eine ganz persönliche Note, den Charakter eines warmen, weckenden göttlichen Anrufes gab.“ (Schl 1951, 185). P. Kentenich formuliert, dass für ihn drei Quellen, nämlich „Zeit, Sein, Seele“ für die Erkenntnis des Willens Gottes maßgebend sind. Er gibt den Zeitenstimmen eine Vorrangstellung. „Gläubiges Zeitverständnis und gläubige Zeitdeutung ist ein Geschenk, das der Familie von Anfang an in erhöhtem Maße eigen ist. Es gehört – fast möchte ich sagen – zu ihrer geistigen Lebensstruktur. Es ist für sie eine Art Charisma… Sein [Schönstatts] Gesicht ist ganz aus der Zeit und für die Zeit geprägt. Es wird von der Zeit getragen und hat die Aufgabe, die Zeit zu tragen und zu formen. Gott ist es letzten Endes, der durch die Zeit zu uns gesprochen und Schönstatt ins Leben gerufen hat.“ (St 1954, 226.228, in: Unkel, Vorsehungsglauben 2, 265). Die Wahrnehmung des Anrufes Gottes durch die Zeit geschieht im Hell-Dunkel des Glaubens. Nicht selten bedeutet das einen „Todessprung für Verstand, Wille und Herz“ und verlangt eine hochherzige, wagemutige Hingabe an die göttliche Führung und das erleuchtende Wirken des Heiligen Geistes. „Anfangs war es schwer, die Fäden, die Gott uns in die Hand gab, richtig zu sehen und zu deuten und daraus auf das Gewebe einer göttlichen Gesamtplanung zu schließen. Es war aber immer unser wichtigstes Anliegen.“ (Schl 1951, 174). Dieses Anliegen fasst P. Kentenich auch in das oft wiederkehrende geflügelte Wort: „Die Hand am Puls der Zeit und das Ohr am Herzen Gottes“.

Damit folgt P. Kentenich dem Ruf Jesu, die Zeichen der Zeit zu deuten (Mt 16, 2-3; Lk 12, 54-56) und leistet einen wichtigen Beitrag für die Kirche in der heutigen Zeit. Im Zweiten Vatikanum hat die Kirche betont, dass der in ihr anwesende Geist Gottes auch in der Welt wirksam ist. Sie soll deswegen die Erwartungen, Bestrebungen und Bedürfnisse der Menschen teilen, auf sie hören, sich von ihnen beeinflussen und bereichern lassen (GS 4.11.22 u. a.). Denn durch die prophetische Deutung der Zeitenstimmen tauchen neue „Implikationen des Wortes“ (H.U. von Balthasar) auf und erschließen den Sinn der Offenbarung Christi neu für Erkennen und Handeln.

2. Systematische Reflexion

Man findet bei P. Kentenich zwar keine umfassende wissenschaftliche Definition der Zeitenstimmen, wohl aber eine große Breite von Beschreibungen: „Atem der Zeit“, „Zeitlage“, „Zeitströmungen“, „Zeitenwende“, „Zeitsendnung“, „Zeitbedürfnisse“, „Verknotung und Aufknotung öffentlicher und privater Verhältnisse“, „heutiges Seelenleben der Menschheit“, „moderne seelische Struktur“, „Volksseele“ usw. (vgl. Unkel, Vorsehungsglauben 2, 264).

2.1. Der objektive Geist der Zeit

Im Anschluss an neuzeitliches Geschichts- und Kulturdenken (Herder, Hegel, Dilthey, Hartmann u. a.) ist P. Kentenich der Meinung, dass jede Epoche von einem „objektiven Geist“ getragen ist. Es ist „der überall vorhandene Willens- und Gefühlsausdruck einer geschichtlichen Periode, der Denken und Leben der Menschen formt“ (TxtVG, 218). Dabei geht es um länger andauernde Gestaltwerdungen (wie z.B. den Zug zur Freiheit, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Frauenemanzipation) und andere, die kurzlebiger sind. Er stellt eine der mächtigsten soziologischen Wirkgrößen einer Zeit dar. Es handelt sich um eine Art „vorwissenschaftlicher Philosophie“ einer Epoche, um ein „allgemeines Lebensgefühl“, eine „apriorische Voreinstellung“, eine „instinktive Stellungnahme zu den Fragen des Lebens“ (PrExMar 1967, 36).

Der objektive Geist hat seine realen Inhalte und äußert sich in Ansichten, Meinungen, Vorstellungen, Gefühlen, Vorurteilen usw., die die Tendenz aufweisen, sich zu objektivieren, zu gestalteten Gebilden auszuformen. Diese Gestaltwerdung kann ihre Ausformung und Verdichtung sowohl in kleinen überschaubaren Gebilden (Familie, Gruppe, Stadt, Lokalkirche) wie auch in großen soziologischen Räumen (Land, Kontinent, Weltkirche, Menschheit) finden. Dabei geht es nicht primär um die Faktizität und den Eigenwert als Summe von Phänomenen, Vorgängen und Strömungen, die die Geschichte ausmachen, sondern vor allem um deren Einwirkungen auf den Menschen und seine Betroffenheit, um die Gestaltungsmacht. Dadurch gewinnen diese Phänomene die Wertigkeit von Zeichen. Sie sind Ausdrucksformen einer neuen Mentalität, neuen Wertung und Einstellung. Gleichzeitig sind sie deren bewirkende Ursache.

Dieser Zeichencharakter kann in seiner soziologisch-kulturellen Bedeutung gesehen werden. Er ist dann das Formalobjekt der Humanwissenschaften (Soziologie, Sozialpsychologie, Geschichte, Kulturphilosophie usw). Im Lichte des Glaubens hat er zugleich eine tiefere Dimension: In der Gestaltwerdung des objektiven Geistes zeigt sich das Wirken des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist die Kraft, die jedem Getauften Anteil am prophetischen Amt Christi gibt (vgl. LG 12), damit erkannt wird, „was in den wichtigen und den alltäglichen Ereignissen von der Sache her gefordert ist“ (PO 6), damit „die Kraft des Evangeliums im alltäglichen Familien- und Gesellschaftsleben aufleuchten“ (LG 35) kann. Die Deutung der Zeitenstimmen berücksichtigt die jeweilige soziologische und kulturelle Gestaltwerdung; vor allem aber geht es um das in der Kraft des Geistes fortwirkende Christusereignis und seine ständig sich neu erschließende Offenbarung. Die theologische Grundlage dafür ist die bleibende Einheit und zugleich Verschiedenheit zwischen Welt- und Heilsgeschichte und dass der Gott des Bundes den Menschen als freien schöpferischen Mitarbeiter bei der (erlösenden) Weltgestaltung beruft.

2.2. Zeitgeist und Geist der Zeit

Bei der Vielfalt und Vieldeutigkeit der Gestaltwerdungen des objektiven Geistes unterscheidet P. Kentenich zwischen Zeitgeist und Geist der Zeit. „Unter Zeitgeist versteht man das weniger Gute, was in der Zeit lebendig ist. Unter dem Geist der Zeit versteht man das Gute, das uns der liebe Gott durch die Zeit geben will“ (BT 1952 II, 203). In der geschichtstheologischen Betrachtungsweise P. Kentenichs spielt der „Gott des Lebens“ die zentrale Rolle; er vergißt dabei aber nicht, mit den „Mächten und Gewalten“ der Finsternis zu rechnen (Eph 6,11 f. u. a.). Deswegen gehört die >>Unterscheidung der Geister zum Grundbestand der Deutung der Zeitenstimmen. Diese Unterscheidung führt dazu, „aus dem Zeitgeist den Geist der Zeit herauszudestillieren, den Zeitgeist innerlich zu überwinden und uns den Geist der Zeit anzueignen“ (WT 1967, 19 f.).

2.3. Der richtige Umgang mit Zeitenstimmen schließt drei Momente ein: Zeitnähe, Zeitüberwindung, Zeitgestaltung.

  • Zeitnähe: Solche Nähe bedeutet eine ständige Fühlungnahme mit der Zeit und eine positive Verwurzelung in Zeit und Welt. Sie verlangt die Fähigkeit, den Pulsschlag und den Atem der Zeit vital zu spüren und so die Hoffnungen und Fortschritte der Menschen solidarisch zu teilen und mit ihren Sorgen und Problemen mit zu leiden. Nicht Weltflucht, sondern Weltgebundenheit ist Bedingung für den Umgang mit Zeitenstimmen.
  • Zeitüberwindung: Die kritische Ablehnung des Zeitgeistes hat eine Zeit überwindende Funktion, die weder eine Schwarzweißmalerei der Zeitsituation noch eine bloße Antihaltung oder Abriegelung ihr gegenüber zulässt, sondern sie ist ein Dienst an der Befreiung von unechten Ideen und Tendenzen. Die „Ungleichzeitigkeit“ (Kierkegaard) mit der Welt gehört auch zur prophetischen Dimension des Glaubens. P. Kentenich spricht in diesem Zusammenhang vom Gesetz des Gegensatzes (OB 1949, 64; WT 1967, 18-34 u. a.).
  • Zeitgestaltung: Die Bejahung und Assimilierung des Geistes der Zeit ist entscheidend für eine gottgewollte „Gleichzeitigkeit“ der Botschaft des Evangeliums mit den Bedürfnissen, der Sprache und den Lebensformen der Menschen und Kulturen. Somit zielt die Deutung der Zeitenstimmen nicht auf eine bloße Interpretation, sondern auf Weltgestaltung und Veränderung (vgl. OW 1967, 134-136). Entscheidend ist es, dass „Gestalten der Gnade“ (Paul Tillich) inmitten der Welt und für die Welt aufgerichtet werden.

Glaube, der sich von Zeitenstimmen leiten lässt, wirkt sich bei der christlichen Existenz in einem Streben nach einer zeitgemäßen, berufsbezogenen und Welt gestaltenden Heiligkeit aus. Für das Schönstattwerk gilt das Wort des Gründers: „Gemeinschaften, die aus dem Gesichte der Zeit herausgeschnitten sind und ihren Lebenskräften den Ursprung zu verdanken haben, sind doppelt und dreifach darauf angewiesen, den Atem der Zeit in sich aufzunehmen und darauf die gottgewollte Antwort zu geben“ (AutFr 1961, 129). Für eine Kirche, die sich konsequent auf die Zukunft ausrichtet, gilt: Das neue Ufer wird „wesentlich durch Zeitenströmungen mitbestimmt. Die Kirche lebt und wirkt nicht im luftleeren Raum, sie wird von lebendigen Menschen getragen und trägt sie. Und diese werden von der Zeit mitgeformt und haben die Sendung, sie zu formen. Die kommende Zeit hat ein anderes Gesicht als die alte“ (LS 1952 I, 35 f.).

>Methode


Literatur:

  • J. Kentenich, Oktoberbrief 1949 an die Schönstattfamilie, Vallendar 1970, 196 S.
  • J. Kentenich, Schlüssel zum Verständnis Schönstatts (September 1951), in: J. Kentenich, Texte zum Verständnis Schönstatts. Herausgegeben von Günther M. Boll, Vallendar-Schönstatt 1974, 148-228, 171 186
  • J. Kentenich, Rom-Vorträge. Vorträge für die Leitungen der Schönstätter Verbände in Rom (17. November 1965 – 2. Februar 1966), verv., A 5, vier Bände, 237+321+283+308 S. 1965 III, 124 f.
  • J. Kentenich, Oktoberwoche 1967. Vorträge vom 14. bis 18.10.1967 an die Delegierten der internationalen Schönstattfamilie, verv.O, A 5, 223 S., 206 209
  • J. Kentenich, Texte zum Vorsehungsglauben. Herausgegeben von P. August Ziegler, Vallendar-Schönstatt 1974 218 f.
  • O. Amberger, Glaubenserkenntnis, Vallendar-Schönstatt 1994, 222 226
  • Oktoberwoche 1979
  • Oktoberwoche 1986
  • H. King, Neues Bewusstsein. Spuren des Gottesgeistes in unserer Zeit, Vallendar-Schönstatt 1995, 9-91
  • L. Penners, Eine Pädagogik des Katholischen, Vallendar-Schönstatt 1983, 311 f.
  • H.W. Unkel, Leben aus dem praktischen Vorsehungsglauben, Vallendar-Schönstatt 1980, bes. II, 107 119
  • A. Strada, Zum Begriff der „Zeichen der Zeit“, Regnum 6 (1971) 126-134: ders., Zum theologischen Verständnis der „Zeichen der Zeit“, Regnum 6 (1971) 154-166

Schönstatt-Lexikon:

Herausgeber: Internationales Josef-Kentenich-Institut für Forschung und Lehre e.V. (IKF)

Verlag: Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt – All rights by Patris-Verlag – www.patris-verlag.de

Online-Präsentation: Josef-Kentenich-Institut e.V. (JKI) – www.j-k-i.de

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