EK2004-35 – Das Band der Brüderlichkeit

EK2004-35 – Das Band der Brüderlichkeit

Aus: J. Kentenich, Vortrag zur symbolischen Grundsteinlegung, 8.12.1965.

Als zweite Eigenschaft durfte ich sagen: diese Kirche will geeint sein in einer überaus zarten, tiefen, innigen Brüderlichkeit. Eine Brüderlichkeit, und zwar in einer Form geeint, die auch gleichzeitig eine hierarchische Regierung, eine hierarchische Führung kennt.

Wenn wir das wiederum vergleichen, diese zweite Eigenschaft vergleichen mit dem Bilde der Kirche von gestern und ehegestern, dann wissen wir, wie die Kirche früher ausgesehen, wissen, wie wir sie zum großen Teile selber erlebt haben. Da war es nicht Brüderlichkeit, die das Volk untereinander geeint, geeint auch mit den Führern der Kirche, da war es auf der einen Seite ein starres Herrentum, auf der einen Seite eine Hierarchie, die eine Verantwortungsfülle, eine Herrschaftsfülle in den Händen trug, und auf der andern Seite ein Volk, das – ja fast möchten wir sagen – schwindsüchtig war, lebte vom Mangel an Verantwortung, vom Mangel an Mitverantwortung. So diese starke Gegensätzlichkeit.

Diese Art, diese Art Antlitz ist der Kirche aufgeprägt worden im Frühchristentum durch den damals im römischen Volke herrschenden Patriarchalismus und später seit Konstantin dem Großen durch – ja, wie soll ich das sagen? – durch die staatsrechtliche Formung und Formulierung. Seit der Zeit in der Kirche diese starke Gegensätzlichkeit zwischen Oben und Unten. Und demgegenüber weiß nun die Kirche sich selber zu sehen unter einem einheitlichen Standpunkte, sie sieht sich schlechthin als das Volk Gottes. Ein Volk Gottes, das eine einzige Linie kennt. Und alle ohne Ausnahme treffen sich auf dieser einen, einzigen Linie: ob es sich um die Hierarchie handelt, ob es sich um den Papst handelt. Was alle miteinander eint, was ist das? Eine gemeinsame Brüderlichkeit, die die Seelen ineinander wachsen lässt.

Deswegen noch einmal: Das neue Bild der Kirche, so wie sie sich selber sieht, die Züge, die sie selber an sich wahrnimmt, das ist die ausgesprochene Brüderlichkeit unter dem Gesichtspunkte des Gemeinsamen des Volkes Gottes. Aber dieses Volk Gottes ist miteinander verbunden, verbunden auch mit der Hierarchie, durch eine umfassende, tiefgreifende Verantwortung. Nicht Verantwortungslosigkeit. Verantwortung jeder an seinem Platz, jeder an seinem Platze aber auch für das Gesamtbild der Kirche. So sieht das neue Bild der Kirche aus.

Und die Hierarchie? Ja, was hat das Führertum in der Kirche heute für eine Bedeutung? Zunächst hinab, hinein in die eine Gemeinschaft. Was uns gemeinsam bindet: auch die Hierarchie ist Volk Gottes. Deswegen, die Verantwortung, die die Hierarchie hat, das ist die Verantwortung nicht für nichtswürdige Untertanen, sondern für das Volk Gottes. Was das bedeutet? Wieder eine viel stärkere Nähe zwischen oben und unten. Was das bedeutet? Hierarchische Orientierung, hierarchische Regierung, das ist die Regierung, die ausgeht – wie wir das in den Tagen so häufig besprochen haben – von einer ausgesprochenen, übernatürlich verankerten Väterlichkeit. Alles in allem also: die zweite Eigenschaft des neuen Kirchenbildes.

Aus:
Peter Wolf (Hrsg.)
Erneuerte Kirche in der Sicht Josef Kentenichs
Ausgewählte Texte
Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

 

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