EK2004-74 – Konzilsgeist als Coenaculumgeist

EK2004-74 – Konzilsgeist als Coenaculumgeist

Aus: J. Kentenich, Exerzitien für den Verband der Schönstattpriester in Würzburg, 21.-25.11.1966.

Nun die Frage: Wie sieht der Konzilsgeist aus? Ich meine, jetzt dürfte ich den zweiten Gedanken dem ersten angliedern und sagen: Konzilsgeist ist letzten Endes Coe-naculumgeist, Coenaculumsituation, Coenaculumfruchtbarkeit. Wollen Sie sich daran erinnern, wie der Papst das in ausgesprochener Weise festgehalten: das Konzil will weiter nichts sein als eine Erneuerung dessen, was ursprünglich im Coenaculum vor sich gegangen.

Coenaculumsituation – et erant omnes unanimiter cum Maria matre Jesu perseverantes in oratione (und alle verharrten einmütig im Gebet, zusammen mit Maria, der Mutter Jesu). So soll sich die neueste Kirche auffassen: Coenaculumsituation verewigen. Was das besagt? Genau das Gegenteil, was heute Wirklichkeit geworden ist: heute Christentum durchweg bis in die äußerste Peripherie gleichsam entglitten. Dem gegenüber Coenaculumsituation: erant omnes … Was das besagt? Marianischer Geist. Die Frage: wie sieht der marianische Geist in der heutigen Kirche aus. – Was das besagt? Gebetsgeist. Wie sieht der heutige Gebetsgeist in der Kirche aus? Das heißt drittens: Familiengeist, Gemeinschaftsgeist. Das ist der dreifache Geist.

Wenn ich jetzt einen Gedankengang, den wir am Anfange unseres Exerzitienkurses hervorheben durften, noch einmal auffrischen darf, dann meine ich hervorheben zu dürfen: Was in der alten Kirche war, will sich jetzt in der neuesten Kirche sinngemäß wiederholen. Also die neueste Zeit für die neueste Kirche will in elementarster Weise getragen werden vom marianischen Geist, vom Gebetsgeist, letzten Endes auch von einem tiefen Gemeinschaftsgeiste.

Es mag uns nicht schwer fallen, den hier beschworenen Geist, die hier beschworene Situation wortwörtlich und buchstäblich auf unsere Familie anzuwenden. Wollen Sie prüfen, ob das nicht wahr ist, wollen wir dem lebendigen Gott nicht dafür dankbar sein, dass der Hl. Geist uns so befreit hat vom peripherischen Denken und zum zentralsten Denken, Lieben und Wollen hinauf und empor geführt hat.

Weiter: was verstehen wir denn unter der Coenaculumsfrucht? Eigentlich müsste ich noch einmal ein wenig stehen bleiben bei der Coenaculumsituation, vor allem, wo es sich um den marianischen Geist handelt. Vergessen Sie nicht, was wir eingangs gesagt, wo es sich um den Anfang der Kirche, also um die erste alte Zeit handelt, musste die Gottesmutter überall ihr Ja sagen. Wir sind auch, wo es sich um die neueste Kirche handelt, doppelt und dreifach darauf angewiesen, auf dieses Ja der Gottesmutter.

Am Anfang der neuesten Kirche, auf der Höhenlage der neuesten Kirche, im Coenaculum der neuesten Kirche und dorten, wo es sich um die Verteilung der Erlösungsfrüchte handelt. Wollen uns deswegen sagen: gerade das, was man vielfach bei uns bemängelt, ist an sich die schönste, reifste, reinste Frucht: marianischer Maximalismus. Wir wollen darum auch daran festhalten und den Bogen noch einmal für uns persönlich schlagen zu den anfänglichen Ausführungen.

Coenaculumsfrucht – das ist die Frucht der vollkommenen seelischen Wandlung. An sich müssten wir jetzt uns selber einen Vortrag halten über die Pfingstgnade, über das Pfingstwunder. Mir kommt es nur darauf an, die Zusammenhänge auszuweisen. Sie wollen bitte einmal unterscheiden die Apostel vor der Herabkunft des Heiligen Geistes und die Apostel nach der Herabkunft des Heiligen Geistes. Apostel vor der Herabkunft: was waren das für ich-betonte, ich-versklavte Wesen. Was haben sie gezittert wie Espenlaub, wo es darum ging, den Heiland zu verteidigen, wagemutig sich auf seine Seite zu stellen. Wie waren sie ungehalten, als sie bei Gelegenheit von ihrer Sendung zurückkommen und erklären mussten, man hätte sie nicht gehört, Blitz und Donner wollten sie herabrufen auf alle die Begegnungen, auf alle die Menschen, die ihnen nicht gefolgt. – Und nachher: Was waren sie glücklich, wenn sie misshandelt wurden! Was waren sie glücklich, wenn sie nicht gehört wurden, wenn sie von den Richterstühlen zurückgehen mussten gegeißelt und hinausgeworfen. Seelische Wandlung.

Mich dünkt, wir hätten jetzt ein Recht, in Anwendung der hier angedeuteten Gedanken auf unsere Familie zu wiederholen: die Bedeutung der drei Wallfahrtsgnaden als Wirkung des Heiligen Geistes. Die Gnade der seelischen Wandlung, die Gnade der seelischen Beheimatung und die Gnade der seelischen Fruchtbarkeit. All das will deswegen erneut in Erinnerung gerufen werden, damit wir uns wieder stärker bewusst werden, dass alles, was an sich nachkonziliar erstrebt wird, uns vorkonziliar bereits geschenkt worden ist. Das alles will uns darauf aufmerksam machen, von welcher Bedeutung es ist, in der Schule unserer Familiengeschichte zu bleiben.

Damit habe ich bereits den Übergang gefunden. Was also sollen und wollen wir? Erstlich haben wir gesagt: wir müssen uns den Konzilsgeist aneignen. Konzilsgeist ist Coenaculumgeist. Und in welcher Schule wollen wir nun diesen Coenaculumgeist vertiefen? Ich meine, der dritte Gedanke hätte uns nun die Linie gegeben: in der Schule unserer Familiengeschichte. Denn der Geist unserer Familiengeschichte ist in ausgeprägter Weise ja der Coenaculumgeist.

Aus:
Peter Wolf (Hrsg.)
Erneuerte Kirche in der Sicht Josef Kentenichs
Ausgewählte Texte
Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt
www.patris-verlag.de

 

Back