GwdK2010/11-6-02 Kirche als Mutter und Vater (Heimat). Religion als Heimat

GwdK2010/11-6-02 Kirche als Mutter und Vater (Heimat). Religion als Heimat

Dass neue Menschen werden (1951), 170 f.

Wenn der Heimattrieb ein Urtrieb der menschlichen Natur ist, wie wir das vorher angedeutet haben, dann verstehen wir, weshalb unsere katholische
Religion zutiefst die Religion der Heimat ist.
Wo Vater und Mutter und Geschwister sind, da ist Heimat, so sagten wir. Verbürgt mir nicht der katholische Glaube, dass der lebendige Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, mein Vater ist? Ob das Wort Vater einen gefüllten Klang hat? Ob es mir etwas zu sagen hat, oder ob es bloß ein Wort ist, das geht und verweht wie der Wind? Der katholische Glaube bestätigt mir, dass wir auch eine Mutter haben, eine Himmelsmutter; dass wir Geschwister haben. Solche Wahrheiten sind uns geläufig. Wir haben sie in Schule und Haus häufig weitergegeben. Weshalb sie heute neu klingen? Weil sie in einen neuen Zusammenhang hineingestellt sind. Woher mag es kommen, dass die Religion für uns zu wenig Heimat geworden ist? Müssen wir nicht sagen: Die meisten heutigen Menschen sind Vollwaisen, sind Halbwaisen? Die Vollwaisen haben keinen Himmelsvater, keine Himmelsmutter mehr. Sie kennen Gott nicht als Vater und kennen auch nicht die „Gebenedeite unter den Frauen“ als ihre Mutter. Deswegen die Ungeborgenheit, die Ungesichertheit, deswegen die Grundbefindlichkeit der sorgenden Angst. Wird der Urtrieb der Menschenseele, der Heimattrieb weder diesseits noch jenseits genügend beantwortet und befriedigt, wächst die Angst. Max Jungnickel hat einmal das schöne Wort geschrieben: Die protestantische Kirche ist kalt. Was müssen wir tun? Wir müssen die Mutter Maria wieder heimholen, damit die Kirche wieder warm wird. Müssen nicht auch viele aus unseren Kreisen sagen: Die katholische Kirche ist kalt. Wir müssen die Mutter Maria heimholen. Unsere Marienliebe ist so wenig solid fundamentiert. Ungezählt viele Katholiken kranken an der Heimatlosigkeit, weil die meisten keinen Vatergott mehr kennen und anerkennen. Wir müssen die Mutter heimholen. Wir müssen den Vater heimholen. Das ist keine leichte Aufgabe. Wenn es damit getan wäre, anhand der Heiligen Schrift, der Dogmatik ein entsprechendes Vater- und Mutterbild zu zeichnen, das wäre leichte Arbeit, wenigstens für uns.

Veröffentlicht:
Kentenich, J.
Daß neue Menschen werden
Vorträge der Pädagogischen Tagung 1951. Bearbeitet
Schönstatt-Verlag
ISBN: 978-3-920849-08-9
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